Pinnacles – skurrile Wüstenszenerie
Leise trommeln Regentropfen auf unser Camperdach, holen uns im Morgengrauen sanft aus unserer Traumwelt. Währenddessen wir auf dem Indian Ocean Drive weiter südwärts rollen, ballen sich bedrohlich fette Wolken über uns. Optimistisch steuern wir einem blauen Himmelsloch entgegen, scheinen die dunklen Schwaden jedoch richtiggehend hinter uns herzuziehen. Nach einer Stunde Fahrt ist unser Ziel schon erreicht, abgesehen vom Endziel Perth, das letzte auf unserer Reise durch Down Under…
Den Nambung Nationalpark machen drei Dünensysteme aus, welche nahezu parallel zueinander verlaufen und einstige Küstenlinien des Indischen Ozeans markieren. Die Hauptattraktion ist die spektakuläre Pinnacle Desert, die sich im Laufe der Jahrtausende im mittleren Dünenstreifen bildete, allerdings aber nur einen winzigen Teil des unter Naturschutz stehenden Gebietes ausmacht. Mit kaum verblassten Erinnerungen fiebern wir dem Parkeingang entgegen. Viele Jahre sind seit unseren letzten Besuchen verstrichen – Roland ist nun das zweite und ich bereits das dritte Mal hier.
Voller Hoffnung auf Wetterbesserung nehmen wir die vier Kilometer lange Rundpiste unter die Räder. Aus dem honiggelben Wüstenboden erheben sich säulenartige Kalksteine verschiedener Grössen und Formen, eine Art felsige Stalagmiten. Erneut sind wir hin und weg, auch bei wiederholtem Anblick beeindrucken die bizarren Pinnacles tief. Mittlerweile ein paar Luken am Himmel, geben zerzauste Wolken ein dramatisches Stimmungsbild ab. Wie zu Stein gewordene Termitenhügel lugen die Pinnacles neckisch aus dem kargen Landstrich. Beinahe im Schritttempo auf Achse, steigen wir oftmals aus und erforschen auf leisen Sohlen die aussergewöhnliche Szenerie.
Ein erhöht liegender Aussichtspunkt ermöglicht uns einen Weitblick über die reizende Wüste aus grobem Quarzsand, bis hin zum blauen Ozean in der Ferne. Abertausende Pinnacles, ein Meer aus geheimnisvollen Felsnadeln. Bis zu vier Meter hoch verteilen sie sich in den Dünen, mit gezackten Spitzen oder abgerundeten Kuppen. Gross oder klein, dick oder dünn, manchmal sind die Steinsäulen sogar ausgehöhlt. Kein Pinnacle ist gleich wie der andere, jeder hat seinen eigenen Charakter sowie seine eigene Geschichte. Wir nehmen uns Zeit, staunen und warten. Bis Wolkenfetzen gutmütig der Sonne weichen und die skurrilen Kalksteintürme strahlen, genauso wie wir.
Wie sind diese eigentümlichen Felsformationen entstanden? Aus geologischer Sicht sind die Pinnacles sehr jung und halten Wissenschaftler noch immer auf Trab, deren Geheimnisse zu enthüllen. Die Geologen sind sich jedoch nicht einig und rätseln über die genaue Entstehung. Man glaubt, die Pinnacles wurden unter der Erde gebildet, möglicherweise vor bis zu 500’000 Jahren. Es gibt Beweise, dass sie schon vor rund 6000 Jahren das Licht der Erde erblickten, dann aber erneut mit Sand zugedeckt wurden, bis vor wenigen hundert Jahren. Auch heute sind noch viele unter dem gelben Wüstensand verborgen…
Eine favorisierte Theorie geht davon aus, dass die Geschichte der Pinnacles vor der Küste beginnt. Die Brandung zerrieb Muschelschalen zu feinem Kalksand, der durch starken Wind zu Sanddünen zusammengeweht wurde. In einer feuchteren Periode verfestigte Vegetation mit tief eindringenden Wurzeln diese Dünen. Regenwasser durchdrang den Sand und löste im Zusammenspiel mit Pflanzensäuren den Kalk und lagerte ihn in einer Schicht unterhalb der Oberfläche ab. Diese Kalkschicht zementierte und erodierte anschliessend im Laufe der Zeit. Nach der Freilegung durch wandernden Sand, wurden die Kalksteingebilde von Wind und Regen weiter geschaffen. Zurück blieben verwitterte Strukturen, die heutzutage als Pinnacles entzücken.
Oder sind die Felsnadeln ein versteinerter Wald? Ein weiterer Erklärungsversuch besagt, dass der heutige Nambung Nationalpark zu früheren Zeiten von mächtigen Bäumen bedeckt war. Deren Wurzeln saugten in dieser trockenen Gegend gierig alles Regenwasser auf, absorbierten aber nur einen kleinen Säureanteil. Übrig blieb eine erhöhte saure Basis um die Wurzeln, die bei jedem Regen noch mehr Kalk aus dem Sand löste. Nach und nach umgab eine kalkhaltige Zementschicht den im Sand steckenden Stamm und die Wurzeln, die irgendwann kein Wasser mehr aufnehmen
konnten. Die Bäume starben ab und Sand füllte die übrig gebliebenen harten Kalksteinmäntel. In Jahrtausenden wurden die „versteinerten Baumstämme“ durch Winderosion freigelegt und stellen sich nun unverblümt als Pinnacles zur Schau.
Mächtig die Kolosse oder zierlich die Silhouetten, wie aus einer ausserirdisch anmutenden Ebene ragend. Die kuriosen Formationen von grauweisser bis gelblicher Farbe, erinnern uns häufig an überdimensionale Zähne. Manchmal aber auch an Grabsteine, etwas verloren auf einem riesigen Wüstenfriedhof. Im Laufe der Stunden lockert das bewölkte Himmelsdach auf. Lachender Sonnenschein zaubert grenzenlosen Glanz auf die uns zu Füssen liegende Dünenlandschaft. Der Anblick ist insbesondere morgens und abends in der Dämmerung faszinierend, wenn die Felsen in der tief stehenden Sonne lange Schatten auf den goldgelben Sand werfen.
Eine Augenweide sind auch die rosaroten Papageie, die oftmals seelenruhig auf den Spitzen der Pinnacles hocken. Der Rosakakadu, in Australien Galah genannt, ist im ganzen Land weit verbreitet. Mit ihrem auffällig rosa-grau gefärbtem Gefieder und ihrer nach hinten gerichteten kurzen Haube geben sie einen wundervollen Kontrast zur seltsamen Wüstenszenerie ab. Stämmig gebaut und rund dreissig Zentimeter gross, bilden sie auf den hohen Felssäulen ein buntes
Pünktchen auf dem i. Rosakakadus haben eine soziale Ader und verbringen ihr Leben zu zweit, gehen in der Regel eine monogame, lebenslängliche Verbindung ein. Die verspielten Papageie sind aber nur ausnahmsweise paarweise unterwegs, meistens treten sie in Schwärmen aus benachbarten Paaren auf. Die hübschen Galahs zeigen sich kaum menschenscheu, sondern neugierig wie wir – gebannt beobachten wir einander gegenseitig.
Nach dem Mittag hat der graue Wolkenvorhang zu unserem Leid wieder vollständig zugezogen. In der Hoffnung auf späteres Wetterglück, fahren wir erstmals ins zwanzig Kilometer entfernte Cervantes zurück. Der Caravanpark der kleinen Krebsfischerstadt stellt die einzige Möglichkeit dar, in der Region zu übernachten. Eigentlich nicht unser Ding und obendrein noch verhältnismässig teuer. Auch mitten im Ort und eng angelegt, in einem Land, wo es doch Platz zum Verschwenden gibt. Aber es ist bei weitem kein Einzelfall, und auch wenn die raumknappen Gegebenheiten uns jeweils ein Kopfschütteln entlocken, wird es Gründe dafür geben…
Mit einer grossen Tasse Cappuccino und einer Schleckerei setzen wir uns auf die windgeschützte Terrasse des zugehörigen Cafés und schauen gedankenverloren auf den aufgebrachten Ozean. Unsere Bitte um weiteren Sonnenschein ertrinkt wohl in den Fluten, denn es bleibt hartnäckig bewölkt. Anstelle der Pinnacles genehmigen wir uns am Strand einen letzten Tropfen Wein. Wenige Strahlen durchdringen die schwarze Wolkenwand, aber erst kurz bevor der heisse Ball ins Wasser plumpst und daraufhin einen orange glühenden Streifen an den Horizont pinselt.
Die letzte Nacht, bei Meeresrauschen tief und fest geschlummert. Mit einen eigenartigen Gefühl in der Magengegend, sortieren wir frühmorgens unsere Siebensachen und packen endgültig zusammen. Der in den letzten Tagen eher launische Petrus macht es einfacher, uns vom Camperleben der letzten fünf Monate zu verabschieden… Wider Erwarten überspannt uns eine blaue Himmelskuppel und wir stechen nochmals in den Nambung Nationalpark ab. Heute kurven wir nicht mit dem Vehikel um die mysteriösen Pinnacles, sondern unternehmen den ausgeschilderten Spaziergang, der uns in andere Wüstenwinkel schleust und uns neue, hinreissende Blickwinkel gewährt. Zu lange dürfen wir nicht verweilen, steht heute die Fahrzeugabgabe bevor und sind bis Perth noch 200 Kilometer zu tilgen.
Weisse Sanddünen, windgepeitschte Büsche und gelbe Wildblumen ziehen am Autofenster vorbei, der tiefblaue Ozean begleitet treu unsere Fahrt. Eine letzte Etappe wilder Küstenlandschaft, bevor die Strecke allmählich städtischer wird. Die Fahrspuren vermehren sich und Ampeln regeln den Verkehr. Zurück in der Millionenmetropole Perth, die sich über eine riesige Fläche erstreckt. Doch es fühlt sich vertraut, fast wie Heimkommen an. Die Rückgabe des Campers geht geschwind. „All good?“, fragt Shawn, obwohl es ihn eigentlich nicht sonderlich zu interessieren scheint. Freitagnachmittag, er wirkt gestresst, den Autoschlüssel in den Händen, ist er auch schon wieder weg. Und wir stehen von einem Moment auf den anderen ohne fahrbaren Untersatz da, warten mit Sack und Pack auf das bestellte Taxi, das uns ins Herzen der Grossstadt chauffiert.
Abrupt nimmt unser rollendes Abenteuer durch Australien ein Ende. Etwas Wehmut schwingt mit, aber es gibt auch Dinge, auf die wir uns wahnsinnig freuen. Am meisten auf ein richtiges Bett. Bequem und breit, eine Wohltat, hatten wir im Camper sehr bescheidene und harte Schlafverhältnisse. Auch eine Dusche und ein Klo nennen wir unser eigen. Endlich wieder nackt vom Schlafzimmer ins Bad zu rennen, das ist himmlisch. Unser kleines Apartment verlassen wir lediglich, um einzukaufen und ein paar Dinge zu erledigen. Aber auch ohne etwas zu unternehmen, verstreicht die Zeit im Eilzugtempo. Daheim sind wir mit unserem Kram mehr als beschäftigt – Waschen, Putzen, Ausmisten, Buchhalten sowie die fernen Kontakte pflegen, und nicht zuletzt auch unseren ausgehungerten Blog füttern. Unverhofft treffen wir nochmals Conny und Roger. Da sie das Schicksal leider viel früher als geplant nach Perth geführt hat, können wir mit unseren Schweizerfreunden weitere gemeinsame Stunden geniessen. Rundum zufrieden, liesse es sich noch länger in unserem Daheim verweilen. Aber nach einer Woche ist es soweit. Unser Visum zwingt uns, Australien nach sechs facettenreichen Monaten zu verlassen. Ein Szenenwechsel steht bevor – wir tauschen die australische Wüste mit den Palmen der Südsee…
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