Pulsierendes Bangkok
Pünktlich heben wir nachts in Almaty ab – 4004 Flugkilometer in Richtung Südosten liegen vor uns. Nach sieben Stunden und einer kleinen Mütze Schlaf landen wir frühmorgens in Bangkok. Nur wenige Minuten stehen wir in der Schlange vor den Einreiseschaltern, das Prozedere geht schleunig voran. Der Beamte trägt einen weissen Mundschutz und stellt uns weder eine Frage, noch legt er Wert auf ein Rück- oder Weiterreiseticket – das haben wir uns doch gedacht. Husch drückt er seinen
Stempel in unseren Pass, gewährt uns einen visumsfreien Monat in Thailand. Unsere Rucksäcke drehen auf dem Gepäckband bereits ihre Runden – so rasch konnten wir eine Ankunftshalle noch selten verlassen. Mit dem Flughafenzug brausen wir in einer halben Stunde ins Stadtzentrum. Dies ist kostengünstiger wie ein Taxi und wir laufen nicht Gefahr, in Bangkoks ewig verstopften Strassen festzuhängen. Von der Endstation ist es nur noch einen Katzensprung…
Ein schickes Design, warme Farbtöne und künstlerische Details erwarten uns im gebuchten Hotel. Von unserem Zimmer mit gemütlicher Sitzecke und grosser Fensterfront blicken wir vom 20. Stock herab auf die Millionenstadt. Glücklich werfen wir uns aufs breite Bett, freuen uns auf unsere Zeit in
Südostasien. Nach den spartanischen Unterkünften in Kirgistan und dem überaus günstigen Flug nach Bangkok, gönnen wir uns etwas Luxus… Morgens schlafen wir aus, schlemmen am verführerischen
Frühstücksbuffet im stylischen Restaurant. Von der luftigen Bar auf der Dachterrasse schweift unser Blick über die unzähligen, rund herum aufragenden Wolkenkratzer. Auch beim Schwimmen im Infinity-Pool haben wir das weite Häusermeer stets im Blickfeld. Ohne ständig etwas zu unternehmen, kosten wir oft unser bequemes Zimmer aus – sechs Tage verstreichen ruckzuck. Der einzige Wehmutstropfen ist etwas Baulärm, den das Hotel natürlich vorab verschwiegen hat…
Thailands Hauptstadt zählt über acht Millionen Einwohner, der Grossraum Bangkok sogar knapp fünfzehn Millionen. Angeblich lebt jeder achte Thai hier – Hoffnungen auf ein besseres Leben sind mit dieser Metropole verknüpft. Dicht beieinander liegen Reichtum und Armut, Glanz und Elend, Ruhe und Hektik. In den Strassen pulsiert das Leben… Kaum die Hotellobby verlassen, finden wir uns inmitten des asiatischen Treibens, stolpern in mobile Garküchen am Strassenrand. Schon lange
haben wir uns auf das Thai-Essen gefreut. Das erste Grüne Curry mundet hervorragend, doch das wohlschmeckende Gericht lässt unsere Nasen triefen – an eine solche Schärfe sind wir uns nicht mehr gewohnt. Ob an der Strasse, in kleinen Lokalen oder den Verpflegungsmeilen der Shoppingmalls, überall steigen uns aromatische Düfte in die Nase. Endlich können wir uns wieder lecker verpflegen!
Durch die hohen, eng bebauten Häuserschluchten brummt viel Verkehr. Fast jedes zweite Auto ist ein Taxi. Wie knallbunte Bonbons stechen sie aus den Blechlawinen heraus – von pink über zitronengelb bis grasgrün. Sofort fallen uns auch die unzähligen Motorräder ins Auge, die sich bei Rotlicht alle an die Front vorkämpfen. Die knatternden Tuk Tuks – dreirädrige Motorroller mit Sitzbank – kriegen die qualmenden Abgaswolken in voller Wucht ab. Zur Rush-Hour wälzt sich der Strom an fahrbaren Untersätzen nur im Schneckentempo
voran, wenn überhaupt. Oft geht auf den vielspurigen Strassen einfach gar nichts mehr – springt die Ampel nach langem Warten endlich auf Grün, blockiert der abbiegende Gegenverkehr noch immer die Kreuzung. Doch das Gehupe hält sich erstaunlicherweise in Grenzen… Vom sogenannten Skywalk beobachten wir das Verkehrsgewimmel kopfschüttelnd von oben. Auch auf der luftigen
Überführung wird es zu Stossverkehrszeiten eng. Menschenmassen drängen aneinander vorbei, hetzen zur nächsten Haltestelle des Skytrains oder strömen in die bis spätabends geöffneten Läden. Vom Skywalk bieten sich direkte Zugänge zu den zahlreichen gläsernen und glitzernden Einkaufstempeln, die sich in den Stadtvierteln Siam und Sukhumvit eng aneinander schmiegen.



Mit dem Skytrain gleiten wir über den dichten Strassenverkehr hinweg. Ein fahrbarer Kühlschrank – die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, wie fast überall im Innern regiert eine eisige Kälte. Steigen wir aus, schlägt uns heissfeuchte Luft wie eine Wand entgegen. Weiter geht es mit dem Boot. Der Chao Phraya schlängelt sich durch die Stadt. Auf dem Fluss verkehren öffentliche Boote, Haltestellen gibt
es auf beiden Uferseiten. Es wimmelt von Menschen, fast ausschliesslich von Touristen. Alle warten auf das nächste Schiff, wir mittendrin und geschockt. Waren wir beide vor knapp zehn Jahren das letzte Mal in Bangkok und haben damals viel weniger Besucher wahrgenommen wie heute. Doch es sind Schulferien und somit ist Hochsaison, das ist uns bewusst. Es umgeben uns nicht
vorwiegend weisse Gestalten, nein, es dominieren ganz klar asiatische Gesichtszüge. Später lese ich, dass Bangkok an der Spitze der weltweit beliebtesten Städte liegt und letztes Jahr 25 Millionen Touristen hier weilten – allen voran Chinesen, deren Reisefreiheit und Einkommen gewachsen ist. Doch auch die Anzahl Asiaten anderer Länder nimmt stetig zu, die Europäer stellen nur noch eine Minderheit dar.
Mit dem ganzen Touristenstrom landen wir ungewollt auf einem Touristenboot, was wir aber erst auf dem Holzkahn realisieren. Pausenlos werden wir über Mikrofon laut mit Infos vollgetextet, die zwar akustisch kaum verständlich sind. Heute steht etwas Sightseeing auf dem Programm… Hinter hohen weissen Mauern verstecken sich der Königspalast und der Königstempel Wat Phra Kaeo. Reichlich mit glänzendem Gold und feinen Mosaiken verziert sowie bildschönen Wandmalereien geschmückt, stellt die Tempelanlage eine ungeheure märchenhafte Pracht dar. Selbstverständlich sind uns fast die ganzen Touristenhorden bis hierhin gefolgt – abartig viele Leute staunen, knipsen, oft ihre Kameras an eine ausziehbare Stange gesteckt, stets lachend bereit für ein Selfie vor den königlichen Bauten.
Einige Strassenzüge weiter nordwärts besuchen wir das Travellerviertel Banglampoo mit der
legendären Khao San Road, dem Backpacker-Ghetto schlechthin. Die Vergnügungsmeile ist gesäumt mit unzähligen Restaurants, Bars, Unterkünften, Reiseagenturen, Läden, Verkaufsständen und einem bunten Wirrwarr an Schildern jeglicher Art. Es wimmelt vorwiegend von jungen Leuten, doch auch Familien oder ältere – wie wir? – nehmen einen Augenschein. Bereits am Nachmitttag ist einiges los, doch bestimmt noch
verhältnismässig wenig. Abends wird die Strasse für den Durchgangsverkehr gesperrt und dann tobt hier das Nachtleben… Nach langer Suche werden wir fündig – die Second-Hand-Shops mit Büchern sind trotz Internet und E-Books noch nicht ganz von der Bildfläche verschwunden und wir können da unsere gebrauchten Reiseführer von Zentralasien loswerden.
Tropische Regenzeit. Der Himmel zeigt sich oft bewölkt, aber meist bleibt es trocken oder es fallen nur wenige Tropfen. Doch die Luftfeuchtigkeit ist hoch, es ist schwül und im Nu fühlen wir uns völlig verklebt. Gemütlich spazieren wir vom Hotel zum nicht weit entfernt gelegenen Bahnhof. Die modernen Bauten von Siam weichen schmutzigen Häuserzeilen, an manchen Ecken riecht es nach Fisch oder Abwasser, Touristen sind keine mehr auszumachen. Für unsere Weiterreise in den Süden kaufen wir vorab Tickets, um uns im gewünschten Zug Sitzplätze zu sichern. “Sawadie khaaaa”, heisst uns die Dame am Schalter freundlich willkommen und bucht uns
in Sekundenschnelle die gefragten Fahrkarten, um sich kurz darauf mit einem ebenso langgezogenen “Kap khun khaaaa” für den Kauf zu bedanken. An die quietschigen Stimmen der Thais – häufig zaghaft, vereinzelt schrill – müssen wir uns etwas gewöhnen. Meist sind die Menschen sehr höflich, manchmal fast zu höflich, pressen zur Begrüssung oder zum Dank gelegentlich ihre Hände vor der Brust zusammen und verbeugen sich leicht. Vielfach ziert ein Lächeln ihr Gesicht, ab und zu auch auf eine soeben gestellte Frage. Dann können wir davon ausgehen, dass sie uns nicht verstanden haben – zugeben würde dies kaum jemand. Meist klappt es jedoch bestens mit der Verständigung auf Englisch, was das Reisen einfach gestaltet…
Obwohl uns das thailändische Essen noch immer das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt und wir uns noch nicht durch die gesamte köstliche Speisekarte gefressen haben, suchen wir am letzten Abend ein Schweizer Restaurant auf. Gedanklich habe ich zwar bereits so manche Bratwurst verdrückt, doch nun ist die Zeit reif, um in Echt in eine saftige Wurst reinzubeissen. Roland verwöhnt sich mit einer Rösti und “Züri Gschnetzlets”, was auch nicht zu verachten ist. Wir geniessen unser kleines Stück Heimat und mit einem feinen Glas Rotwein stossen wir an auf die vergangenen zehn Monate und unser Reiseglück – und auf all jene, denen es im Moment nicht so gut geht wie uns…
Ventilatoren rotieren an der Decke und versprühen eine angenehme Brise. Zwei breite Sitze am Fenster, einander gegenüber – das Reisen in der zweiten Klasse gestaltet sich angenehm. Neben uns ein klägliches Katzengejammer, bis die eingesperrten Fellknäuel unserer Sitznachbarn später einem Schlummer verfallen. Nach über einer Stunde rollen wir nachmittags noch immer durch Bangkok, die Stadt scheint kein Ende zu nehmen. Unser “Rapid” entpuppt sich als Bummelzug, hält oft und lange, bis er sich mit einem Ruckeln wieder in Bewegung setzt. Südwärts, durch eine üppig grüne Landschaft, Bananenplantagen und Reisfelder ziehen am offenen Zugfenster vorbei. Die Dämmerung bricht früh ein, schnell wird es düster und bereits um sieben Uhr ist es stockfinster. Wie vermutet, haben wir Verspätung eingefangen. Aus fahrplanmässigen acht Stunden werden deren zehn. Erst kurz vor Mitternacht trifft der Zug endlich in Chumphon ein…
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