Qualmender Bromo
Java ist nebst gigantischen Millionenstädten stark von der Natur geprägt, insbesondere von Vulkanen – mehr als 40 verteilen sich über die gesamte Insel. Der 2329 Meter hohe Gunung Bromo sei der landschaftlich spektakulärste Feuerberg ganz Indonesiens und deshalb ein beliebtes Touristenziel für Ausländer, wie auch für Einheimische. Der Bromo, benannt nach dem Hindugott Brahma, ist einer der aktivsten Vulkane auf Java
und rumort momentan auf Hochtouren. Wegen der erhöhten Aktivität darf ihm niemand zu nahe treten – der Zugang zum Krater ist leider auf unbestimmte Zeit gesperrt. Doch mit einem Sicherheitsabstand darf die wundervolle Aussicht auf den schlotenden Bromo und die umliegenden Vulkankegel trotzdem gewürdigt werden, sofern der Wettergott so will. Und ob er uns gut gesinnt ist, wird sich zeigen…
In einer zweistündigen angenehmen Zugfahrt von Surabaya gelangen wir ostwärts nach Probolinggo, im Osten Javas. Der Bahnhof liegt am einen Ende der Stadt, das Busterminal am anderen. Dazwischen verkehren sogenannte Angkots, winzige Busse, die im städtischen Nahverkehr eingesetzt werden. Nach kurzem Verhandeln bezahlen wir den offiziellen Preis von 5000, was nur knapp 40 Rappen entspricht. Indonesien ist ein weiteres Land, das uns kurzerhand zu Millionären ernennt – doch eine Million Rupiahs ist noch kein Vermögen, sondern nur 75 Franken wert…
Bereits mehrere Touristen warten geduldig auf die Abfahrt des Minibusses zum Bromo, unserem Ziel. Doch bis genügend Fahrgäste aufkreuzen, könnte es noch lange dauern. Die meisten Touristen geraten vor dem Eintreffen am Abfahrtsort der öffentlichen Minibusse in die aggressiven Fänge der Reiseagenten, die ihre Kundschaft in teureren privaten Vehikeln zum Vulkan transportieren und ihnen eine ihrer geführten Touren schmackhaft machen, wenn nicht sogar regelrecht aufschwatzen…
Der Fahrer unseres Minibusses schlägt uns vor, pro Person einen kleinen Aufpreis zu zahlen, damit wir sofort loslegen können. Erleichtert stimmen wir zu, denn somit reisen wir auch nicht wie Sardinen in der Büchse. In engen Kehren windet sich die Strasse durch eine hügelige Landschaft. Wolken hängen schlaff über den Bergrücken, die durch das Fenster strömende Luft wird mit zunehmender Höhe spürbar kühler.
Nach einer kurvenreichen Stunde lädt uns der Fahrer im staubigen Cemoro Lawang ab, einem entspannten Bergort auf knapp 2300 Metern. Sonnenstrahlen wärmen, die steile Strasse hoch zu unserer gewählten Unterkunft bringt uns kurzerhand ins Schwitzen. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig ins Zimmer, schon überrascht uns ein heftiger Wolkenbruch. Das nass verhangene Bild verändert sich auch im
Verlaufe des Nachmittags nicht. Unter dem Regenschirm wagen wir frühabends den Schritt nach draussen. Cemoro Lawang thront in spektakulärer Lage am Rande des Tengger Kraters, dem sogenannten äusseren Krater. Der flache Kegel des Bromo ragt zusammen mit Vulkannachbarn aus diesem mehr als zehn Kilometer weiten Kessel empor, einem vor Millionen Jahren durch eine gewaltige Explosion entstandenen Riesen-Krater. Zögernd werfen wir einen ersten Blick in die düstere Vulkanlandschaft – immerhin ist der qualmende Bromo überhaupt auszumachen…
Schlotternd retten wir uns in eines der Restaurants, wo es sich immerhin etwas behaglicher anfühlt wie draussen. Lauter bekannte Gesichter blicken uns entgegen, seien es Mitreisende aus dem Bus oder Nachbarn aus unserem Hotel – ein sozialer Tag, selten kamen wir mit so vielen Reisenden ins Gespräch. Schlussendlich entlarven uns noch Landesgenossen, wohl dem unverkennbaren Schriftzug “Globetrotter” auf meiner Regenjacke wegen. Zusammen mit dem sympathischen Schweizerpaar Regula und Patrick lassen wir den Abend gemütlich, aber leider frühzeitig ausklingen. Unsere Wecker sind bereits für halb drei in der Nacht programmiert. Denn besonders fotogen seien die Vulkankegel bei Sonnenaufgang, und um zu den höher gelegenen Aussichtspunkten zu gelangen, ist man eins bis zwei Stunden unterwegs. Flink verkriechen wir uns im ungemütlich kalten Zimmer unter die Bettdecke und bitten Petrus um Vernunft…
Regen klatscht auf unser Dach. Schlaftrunken schlüpft Roland aus den wohlig warmen Federn, wirft einen hoffnungsvollen Blick ins Freie. Ist das Wetter uns vielleicht später wohlgesinnt? Um halb fünf schrillt der Alarm erneut. Noch immer ist keine Besserung in Sicht. Wir kneifen, dösen weiter. Gegen acht kitzeln uns erste Sonnenstrahlen und wecken unsere Lebensgeister…. Wow, der
heutige Blick vom äusseren Kraterrand ist kein Vergleich zu gestern. Frohen Mutes spazieren wir über die mit grossen Pfützen übersäte Piste, vorbei an Gemüsefeldern, die sich mit Zwiebeln und Kohl bis in äusserst steile Hänge hochziehen. Auch unser Weg führt steil bergan, bringt uns rasch ins Keuchen – na ja, insbesondere mich. Sind wir mittlerweile so untrainiert? Hoffentlich ist es vorwiegend der bemerkenswerte Höhenunterschied von über 2000 Metern. Die letzten Monate hielten wir uns eigentlich nur auf Meereshöhe auf…
Es ist friedlich, fast alle Frühaufsteher, die zum vermeintlichen Sonnenaufgang da waren, sind schon verschwunden. Die meisten ziehen nach einer Nacht, frühmorgens im Rahmen ihrer gebuchten Tour, weiter… Noch bevor wir nach einer guten Stunde den ersten Aussichtspunkt erreichen, schieben sich erste Wolken wieder gemein vor die Sonne. Wir können noch letzte Blicke auf das weite Sandmeer
und die herausragenden Feuerberge erhaschen, aber dann ist die Vorstellung für heute auch schon beendet – der graue Vorhang zieht vollständig zu. Alles Warten nützt nichts. Von Nebel umarmt zotteln wir gegen Mittag enttäuscht ins Dorf zurück. Es wirkt verlassen, bestimmt einerseits dem Nieselregen, doch auch den fehlenden Touristen wegen, die entweder bereits abgereist, oder noch nicht angereist sind.
Den Nachmittag schlagen wir uns im Restaurant mit einer Kanne heissen Tee um die Ohren, widmen uns dem Reiseblog, währenddessen der Nebel weiterhin hartnäckig festhängt. Erneut verabschieden wir uns früh ins Bett, geben dem nächsten Morgen nochmals eine Chance. Halb vier – heute gilt keine Ausrede. In Nebel gehüllt stiefeln wir mit Stirnlampe bewaffnet los. Wir werden nur
noch von wenigen Fahrzeugen überholt. Absichtlich sind wir etwas später dran wie die meisten Besucher, die sich fast alle in Jeeps hochchauffieren lassen. Bald sind unsere kühlen Glieder aufgewärmt und nach einer knappen Stunde erreichen wir die zahlreich am Strassenrand geparkten Karren. Wir steigen noch etwas weiter an, aber entscheiden, beim zweituntersten Aussichtspunkt auf rund 2400 Metern zu bleiben, da hier nur wenige Leute weilen und es dementsprechend friedlich zu und her geht. Die grosse Menschenmasse hofft demzufolge weiter oben am Berge Penanjakan auf die aufgehende Sonne…
Fünf Uhr in der Früh. Der wolkenverhangene Himmel verfärbt sich leicht, die Sonne verleiht den Schwaden rötliche Streifen. Ohne Bewegung ist es empfindlich kalt, wir kramen wärmende Schichten aus dem Rucksack. Geduldiges Hoffen, dass sich der Nebel aus dem Staub macht. Heute zahlt sich die Warterei aus – später vermag der Wind die Wolken etwas verblasen. Uns offenbart sich eine
prächtige Sicht auf den aus dem Schlund rauchenden Bromo. Im Vordergrund präsentiert sich majestätisch der wohlgeformte Batok, der mit 2440 Metern etwas höher gewachsen ist wie der Bromo. Den Semeru, der mit 3676 Metern höchste Gipfel Javas und einer der aktivsten Indonesiens, liegt im Hintergrund und können wir leider nur erahnen, dichte Wolken verschlingen ihn förmlich. Doch wir sind dankbar, überhaupt etwas zu sehen,
haben wir beim Aufstehen nicht wirklich daran geglaubt. Die Nebelfetzen kommen und gehen, stets ändert sich das uns gewährte Blickfeld der im Aschensee badenden Giganten – eine einmalige Kulisse, wie von einem anderen Stern. Wir geniessen die reizende Morgenstimmung so lange, bis die meisten Besucher an uns vorbeimarschiert und mit ihren Jeeps abgezogen sind, damit wir in Frieden zurückschlendern können. Zurück im Dorf schweift unser Blick noch ein letztes Mal über die wie eine Mondlandschaft anmutende Caldera – wir können unser unverhofftes Wetterglück kaum fassen.
Hungrig stürzen wir uns auf das fast schon leer gefressene Frühstücksbuffet, stopfen uns mit gebratenem Reis und kalten Spiegeleiern. Wir sind zwischenzeitlich auf die asiatische Variante umgestiegen, da nebst Eiern das einzig Westliche meist schlaffes, bleiches
Toastbrot ohne Rinde darstellt… Mit dem öffentlichen Minibus verlassen wir nach zwei Tagen den spuckenden Bromo. Halb zehn, schon legt sich wieder ein grauer Schleier vor die Sonne. Innert einer Stunde gelangen wir von der gebirgigen Kühle in die tropische Hitze. Gegenüber vom Busbahnhof in Probolinggo belagert uns bereits beim Aussteigen ein Reiseagent. Pausenlos schwatzt er auf uns ein und versucht uns von seinen Transportmöglichkeiten zu überzeugen, rät uns eingehend von den öffentlichen Bussen ab. Auch unser Reiseführer warnt vor dem hiesigen Busterminal, dessen Ruf äusserst schlecht sei – unehrliche Schlepper,
überrissene Fahrpreise und Diebe in den Bussen. Doch viele Reisende machen auch mit den Anbietern der privaten Transporte und Touren keine guten Erfahrungen, sagen man könne hier gar niemandem trauen, sie allesamt seien Gauner und stecken unter derselben Decke…Trotz allem wagen wir den Schritt ins Terminal und machen uns selber ein Bild. Mühsame Schlepper folgen uns dicht auf den Fersen, lotsen uns zu einem Bus, der sehr eng bestuhlt und menschenleer ist, nennen uns über das Doppelte vom richtigen Preis und dass die Fahrt lange acht Stunden dauert. Alle reden durcheinander, doch keiner scheint vertrauenswürdig oder wirklich zuständig zu sein. “Was sollen wir tun?”, fragen wir einander skeptisch.
Uns geht die bequeme Fahrt mit der Eisenbahn nicht aus dem Kopf. Trotz dem Wissen, den Zug um elf Uhr knapp verpasst zu haben, lassen wir uns zum Bahnhof am anderen Stadtende chauffieren. Der freundliche Mann am Schalter spricht bestes Englisch, erläutert uns geduldig alle Optionen. Leider verkehren nur wenige Züge täglich – bis zum nächsten müssten wir den ganzen Nachmittag am kleinen Bahnhof rumhängen. Auch nachts möchten wir nicht fahren, bevorzugen wir es, einen bildlichen Eindruck der vorbeiziehenden Gegend zu kriegen. Somit fällen wir schlussendlich den Entscheid, heute hier in der Stadt zu nächtigen und erst morgen Vormittag bei Tageslicht weiterzureisen.
Unser Reisehandbuch meint, Probolinggo sei kein Ort zum Bleiben, empfiehlt daher auch kaum eine Unterkunft. Wenige Klicke in einem Buchungsportal leiten uns zu einem naheliegenden neuen Hotel – ein wahrhaftiges Schnäppchen. Unser modernes Zimmer mit grosser Fensterfront bietet im weitesten Sinne sogar Meersicht, verführt uns, den Rest des Tages daheim herumzulungern. Sehenswürdigkeiten spendiert die Stadt ja sowieso keine. Das breite Bett ist komfortabel und passt wie angegossen, was ansonsten längst nicht immer der Fall ist. Nach zwei kurzen Nächten beim Bromo freuen wir uns tierisch auf ausreichendes Schlaftanken, ja sogar Ausschlafen am kommenden Morgen…
Aber weit gefehlt. Unsanft reisst uns ein plärrender Muezzin aus der wohlverdienten Nachtruhe. Den muslimischen Allah-Singsang verachten wir nicht grundsätzlich, doch die Uhr zeigt gerade erst halb vier. Die Hoffnung, weiterschlummern zu können, stirbt. Ein Gebetsausrufer nach dem nächsten plagt uns, sie alle verteilen ihre frommen Verse in nerventötender Lautstärke über die noch stockfinstere Stadt. Die göttliche Stimmung hält – ohne zu übertreiben – eine geschlagene Stunde an. Eine schlafraubende Religion. Nun ist mir endlich klar, woher der Ausdruck “in aller Herrgottsfrühe” wohl stammen mag… Seitens der Muezzins endlich die erbetene Ruhe eingekehrt, krächzen die Hähne um die Wette!
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