Raja Ampat – Papua Paradise
Der heitere Sonnenschein vom Vormittag ist verflogen. Allmählich verdunkelt sich der Himmel über Sorong bedrohlich und auf dem Weg zum Hafen fallen vereinzelte Tropfen. Gerade eben dort angekommen, entleeren die Wolken ihre kostbare Fracht und bescheren uns einen heftigen Tropenguss. Flink huschen wir über den nassen Steg und verdrücken uns in den geschützten Bauch des bereitstehenden Motorbootes. Wie auf der Flucht vor dem trübseligen Wolkenbruch, fegen wir voller Erwartung Raja Ampat entgegen. Je weiter wir in die grau verhangene Inselwelt von Westpapua vordringen, desto lichter der Horizont…
Als der Kapitän eineinhalb Stunden später das Tempo drosselt, dringen zaghaft erste
Musikfetzen ans Ohr. Nur noch unweit vom Ziel entfernt, werden die lebhaften Klänge mit jedem Meter lauter und lauter. Mit einem Leuchten in den Augen singt eine kleine Männertruppe beschwingt aus voller Kehle. Während die einen leidenschaftlich die Gitarre schrammen, zupft ein anderer Musikant schwungvoll die fetten Saiten des auf dem Boden liegenden Kontrabasses. Als Trommel dient ein leerer Wasserkanister, weitere Angestellte klatschen heiter im Takt. Die ergreifende Begrüssung trifft uns mitten ins Herz – mir steigen sogar Tränen in die Augen.
Warmherzig willkommen geheissen und ein fruchtiger Welcome-Drink in die Hand gedrückt, führt uns der umsorgte Manager persönlich zu einer der in Reih und Glied stehenden Stelzenhütten. „Willkommen im Paradies!“, zwinkert uns der Europäer wohlwollend zu. Kein Scherz, wir sind tatsächlich im Papua Paradise gelandet – so zumindest der verheissungsvolle Name des Tauchresorts. Ob der Name hält was er verspricht, werden wir in den kommenden zwei Wochen bestimmt herausfinden. Der erste Eindruck lässt jedenfalls kaum daran zweifeln…
Kurz vor sechs verabschiedet sich die Sonne hinter den gegenüberliegenden Hügel der Bucht, wo sie eine Viertelstunde später schliesslich untergeht. Kurz darauf verfärben sich die Wolkenschlieren in jeglichen Orangetönen, ebenso schimmert das Wasser. Es wirkt, wie wenn der Himmel in Flammen stehen würde. Das feurige Bild verändert sich in Zeitlupe und mutet an wie ein Gemälde eines Künstlers, der sich mit seinem Pinsel hingebungsvoll austobte. Allmählich verblasst die Farbpalette und die entlegene Inselwelt von Raja Ampat an der Westspitze Westpapuas versinkt in schwarzer Nacht. Das friedfertige Plätschern des pazifischen Ozeans begleitet uns bald in das Reich der Träume.
Zwei Tage zuvor. Nach einer wundervollen Zeit auf den Nordmolukken diente uns Manado auf Sulawesi erneut als Zwischenstopp. Denn leider gab es von Ternate keinen direkten Flug nach
Sorong in Westpapua. Um in den fernen Osten Indonesiens zu gelangen, mussten wir einen Umweg in Kauf nehmen und erst westwärts zurück nach Manado jetten, um dann erneut über die Inseln der Molukken ostwärts zu fliegen. Eine weitere Möglichkeit wäre, Westpapua auf dem Wasserweg zu erlangen. Doch die Fährpassage dauert rund zwanzig Stunden und der zweiwöchentliche Fahrplan ist höchst ungewiss…
Mittlerweile misst die Zeitverschiebung zur Schweiz acht Stunden und wir befinden uns geographisch gesehen über Australiens Mitte, auf der riesigen Insel Neuguinea. Die Inselmasse ist zweigeteilt. Die östliche Hälfte stellt mit Papua Neuguinea ein eigenes Land dar, die westliche Hälfte nennt sich West-Guinea und gehört zu Indonesien. Westpapua wiederum ist eine der zwei Provinzen von West-Guinea – die viel grössere der beiden heisst kurz und bündig Papua. Ganz schön verwirrend diese ähnlichen Begriffe…
Ausschlafen im Paradies. Den ersten Tag gehen wir gelassen an und schlemmen genüsslich
am Frühstücksbuffet, wo man sogar in der Abgeschiedenheit alles findet, was der Gaumen begehrt. Im Restaurant rundum von Wasser umgeben, lassen wir auch unsere Seele behutsam am neuen Ort ankommen. Das gesamte Tauchresort ist auf Stelzen über dem Meer erbaut. Zwei Dutzend Bungalows reihen sich wie Perlen in einer Kette auf, dahinter wacht dichter Dschungel. Abgesehen vom sandigen Pfad, der hinter der Anlage
durchführt, ist alles nur über Holzplanken zu erreichen, die Tauchbasis befindet sich am Ende des Anlegestegs. Von aussen erwecken die Stelzenhütten aus Palmblätter einen etwas armseligen Eindruck. Doch das Innenleben ist schmuck und es mangelt an nichts, fast alles ist liebevoll aus Naturmaterialen gefertigt. Das hohe Dach ist offen und das breite Bett durch einen weiten moskitosicheren Vorhang vor herabfallendem Ungeziefer geschützt.
Kurz nach sechs holt uns der Wecker am nächsten Morgen aus dem Schlummer. Die ersten Tauchgänge stehen an und wie immer sind wir etwas aufgeregt, wissen wir nicht, was uns genau erwartet. Im Westpazifik mitten im sogenannten Korallendreieck gelegen, beherbergt Raja Ampat ein ausgedehntes Meeresschutzgebiet, dessen Riffe zu den artenreichsten der Welt zählen. Es ist das Zuhause von 75 Prozent aller überhaupt bekannten Korallenarten und bis heute haben Wissenschaftler mehr als 1500 Fischarten bestimmt. Als eines der gefragtesten Tauchreviere, war es früher noch ein Geheimtipp unter erfahrenen Tauchern – und für uns ein langgehegter Traum. In den letzten Jahren hat sich der Tourismus jedoch verändert und zugenommen. Der Archipel ist heute auch als Backpacker-Ziel bekannt und nebst den gediegenen Tauchresorts inzwischen mit schlichten Homestays erschlossen.
Ein Haufen kleiner Tauchboote steht bereit, die Ausrüstungen schon vorbereitet und montiert. Während wir um acht ablegen, stellt einer der Tauchguides die gesamte Crew vor. Die Tauchgruppen sind erfreulicherweise klein gehalten und Yulens ist heute nur für uns zwei da. Klein und muskulös, kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen, stehen seine kurzen aufgehellten Rastalocken schelmisch auf alle Seiten ab. Die Frisur zwar frech, zeigt sich der junge Mann
schüchtern und versteckt seine braunen Augen hinter einer grossen Sonnenbrille. In einem der umliegenden Fischerdörfer aufgewachsen, ist seine Haut dunkler als die der meisten Tauchführer, die aus anderen Ecken Indonesiens kommen. Während wir uns in unseren isolierenden Neoprenanzug zwängen, stürzt sich der Vater eines einjährigen Sohnes bekleidet wie er ist, mit seinem königsblauen Shirt und den kurzen Hosen ins Wasser.
Zischend entweicht die Luft aus unseren Tarierwesten, bleischwer sinken wir blubbernd in die Tiefe. Unsere Erwartungen sind hoch, handelt es sich schliesslich um ein hochgelobtes Tauchrevier der Weltklasse. Sind die vorausgegangenen fantastischen Tauchgänge der Nordmolukken überhaupt zu übertreffen? Die üblichen Verdächtigen tummeln sich am Riff, unbeschwert flirten wir mit der farbenprächtigen Fischwelt. Dennoch fällt der erste Tauchtag etwas ernüchternd aus. Die Sichtweite unter Wasser ist bescheiden und an den beiden in der Nähe betauchten Plätzen sind die Korallen zu unserem Bedauern stellenweise abgestorben. In den nächsten Tagen beglücken uns an weiter entfernten Tauchspots kerngesunde Korallengärten, was uns versöhnlich stimmt.
Nach einer geschlagenen Stunde am Ende eines Tauchgangs, entdeckt Yulens einen blaugeringelten Kraken. Noch nie haben wir diese hochgiftige Spezies zuvor gesehen. Gebannt beobachten wir den süssen Kleinen – seine vielen Arme sind gerade mal so lang wie Streichhölzer. Auch Yulens Freude ist unbändig, was sogar unter Wasser zu spüren ist – ansonsten bleibt sein häufig ernster Gesichtsausdruck unleserlich.
Nach jeweils zwei Tauchgängen am Morgen geben wir uns am Nachmittag der wohlverdienten Entspannung hin. Sonnenstrahlen tanzen über die Wasseroberfläche und bringen den glasklaren Ozean zum Funkeln. Ein leichtes Plätschern oder Wellenrauschen ist allgegenwärtig. Manchmal lullt uns die beruhigende Geräuschkulisse richtiggehend ein, und auf dem Liegestuhl oder in der Hängematte fallen uns die Augenlider zu. Zumindest bis uns die im Westen stehende Nachmittagssonne wie in einem Kochtopf schmoren lässt. Das Vordach der Veranda ist etwas knapp bemessen – dies unsere einzige Klage ans Paradies. Aber was solls, auch unser Bett gewährt Meerblick…
Ein Tagesausflug mit dreimaligem Abtauchen steht an. Ausgerechnet heute ist es bewölkt. Doch als wir die Hügelzüge der Inseln hinter uns lassen und weiter in den Westen flitzen, hellt der Himmel gutmütig auf. Nach einer guten Stunde geraten die Fam Islands in unser Blickfeld.
Kleine grün überwachsene Kalksteininselchen – auch über der Wasseroberfläche zeigt sich die Natur verschwenderisch. Bevor wir uns aber dem allseits bekannten Anblick von oben widmen, sacken wir in die geheimnisvolle Tiefe. Melissa‘s Garden, so der Name des hinreissenden Spots. Ein Korallengarten sondergleichen. Am flachen Abhang erinnern grossblättrige Gewächse an Salatbeete, Hartkorallen wie Tannenbäume schmücken das Riffdach. Immense Fischschwärme hauchen der Unterwasserwelt farbenfrohes Leben ein.
Rascher als uns lieb ist zieht uns die Strömung an der betörenden Szenerie vorbei und es fühlt sich an, wie das Vorspulen eines Films. Manchmal ändert der Zug schlagartig seine Richtung und zwingt uns, kurzerhand dagegen anzukämpfen, was uns mitunter gehörig aus der Puste bringt. Raja Ampat ist berühmt berüchtigt für starke Strömungen, was wiederum Grossfische anlockt. Somit sind Schwarzspitzenriffhaie an der Tagesordnung und gelegentlich segeln Adlerrochen graziös vorbei. Doch es bleibt stets ungewiss, was die Natur auf den Präsentierteller zaubert.
Nebst den Giganten der Meere kommt auch faszinierender Kleinkram wie bunt gemusterte Schnecken oder in den wiegenden Anemonen tänzelnde Nemos nicht zu kurz. Für das Spotten verblüffend getarnter Kreaturen, die ihr verwandelbares Aussehen ständig ihrer Umgebung anpassen, müssen dem Taucher erst die Schuppen von den Augen fallen, ansonsten übersieht man die unauffälligen Riffbewohner glatt. Meistens führt uns der ortskundige Yulens diese Tarnkünstler unmittelbar vor die Tauchermaske, doch entdecken wir selber einen blassen Krokodilfisch oder eine schillernde Sepia, ist die Freude am grössten.
In einer Oberflächenpause zwischen zwei Tauchgängen ist der besagte Aussichtspunkt von Piaynemo Island eingeplant. Solide gebaute Holzstufen leiten uns steil hinauf, glücklicherweise meist im Schatten, denn mittlerweile brennt die Tropensonne ungetrübt vom Himmel. Schnaubend oben angekommen, erwarten uns verschiedene Aussichtsplattformen, und das Stimmengewirr einer Menschenmenge. Ein Plätzchen am Geländer ergattert, halten wir inne.
Überwachsene Kalksteininseln, wie grüne Gugelhupfe jeglicher Grösse und Formen, scheinen über dem türkisgrün marmorierten Wasser zu schweben. Fast senkrecht fallen deren Klippen zu
einem schmalen Korallenband ab. Zugegeben, das Naturwunder ruft nur einen Hauch an Entzückung in uns hervor. Das Panorama zwar reizvoll, tauchen in unseren Hinterköpfen unmittelbar die atemberaubenden Bilder von Palau auf, einem Inselparadies ähnlicher Art, das wir spektakulärer in Erinnerung haben. Eine Rolle spielen bestimmt auch die vielen Besucher, die dem Spot jegliche Idylle rauben. Obendrein kommen im vormittäglichen Gegenlicht die Farben nicht gut zur Geltung, was Fotos unserer Tauchkameraden bezeugen, die am Nachmittag hier waren.
Wind und Wellen läuten einen neuen Tag ein. Das ansonsten eher ruhige Wasser ist aufgebracht und trüb, Unrat wird angespült. Da kommt der eingeplante tauchfreie Tag gerade richtig. Barfuss schlendern wir zum einladenden Spa am Ende der Bungalowanlage. Eine richtige Wohlfühloase, wo man dem Körper und Geist Gutes tun kann. Bei einem kühlen Drink mit einer Note von Ingwer und Zitronengras, schrubben uns die Indonesierinnen vor der Massage gründlich die Füsse. „Wir arbeiten drei Monate am Stück, damit wir daraufhin zwei Wochen Ferien bei unseren Familien in Bali verbringen können“, erzählt die zierliche Made, ihre langen schwarzen Haare glänzen. „Jeden Tag telefoniere ich mit meinem kleinen Sohn. Ich vermisse ihn sehr“, gesteht sie leicht seufzend. Bestimmt keine einfache Situation. Das gesamte Massageteam kommt aus Bali, gibt es dort entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten für ihr Handwerk. Nach dem intensiven Durchkneten unserer Muskeln mit Meeresrauschen im Hintergrund, entspannen wir in den Liegesesseln auf der zum Spa gehörigen Terrasse. Eine Tasse Gewürztee in der Hand, blicken wir gelöst auf die anrollenden Wellen und die Inseln in der Ferne.
Nach einem „Balsam-für-die-Seele-Tag“ freuen wir uns wieder auf die Unterwasserwelt. Erneut steht ein Ausflug mit drei Tauchgängen auf dem Plan. Nach einer 45-minütigen Bootsfahrt legen wir bei der Insel Mansuar an. Zusammen mit Yulens kippen wir rücklings ins 28 Grad warme Nass. Die Korallen reichen bis knapp unter die Wasseroberfläche. Schwerelos gleiten wir durch das lichtdurchflutete Element hinab in die Tiefe, wo uns Fischschwärme in frohem Gelb begrüssen. Barrakudas glänzen silbern, furchteinflössend zeigen uns die Raubfische ihre spitzen Zähne. Zutrauliche Fledermausfische kommen uns hautnah. Ihre tellerförmigen, flachen Körper stehen senkrecht im Wasser und bilden zusammen mit den Flossen ein Dreieck. In einer Schule von einem Dutzend bleiben die gelbgrauen Fische stets dicht beieinander, komme was wolle.
Eine riesige Meeresschildkröte paddelt gemächlich auf uns zu und steuert zielstrebig einen Korallenblock an. Sachte parkt sie ihren wohlgemusterten Panzer unter einem Felsvorsprung, wo sie ganz knapp hineinpasst, und legt sich zur Ruhe. Später kreuzt erneut eine Schildkröte unseren Weg. Zu unserem Entsetzen ringt sie mit einem Plastikfetzen und versucht, diesen erfolglos zu fressen oder auszuspucken. Ruckzuck befreit Yulens das arme Tier von der vermeintlichen Mahlzeit. Unmissverständlich wird uns vor Augen geführt, was die Plastikverschmutzung unserer Ozeane für die unschuldigen Meeresbewohner bedeutet.
Die Mittagspause verbringen wir am langen Steg von Yenbuba, einem kleinen Dorf. Hier leben die Menschen ein einfaches Leben. Raja Ampat umfasst etwa 1800 Inseln, doch nur deren 35 sind bewohnt. Die meisten der insgesamt 60‘000 Einwohner sichern ihr Überleben mit Fischfang, der Perlenzucht oder dem Tourismus. Nach einer Portion Nudeln schleichen wir uns ab für einen Streifzug über Wasser. Das niedliche Dorf erweckt einen sauberen Eindruck. Alle Häuser
sind einheitlich blau gestrichen und die breite, sandige „Hauptstrasse“ von einem vielfarbigen Zaun eingerahmt. Am Ende der Sackgasse steht eine im Verhältnis zur Dorfgrösse riesige Kirche, davor ein Altar und ein Weihnachtsbaum. In der prallen Mittagshitze ist das Dorf schier ausgestorben. Wieder auf dem Boot zurück lauert eine Horde Kinder am schiefen Steg und linst kritisch, was hier abgeht.
Morgens ist das Meer oftmals glatt wie ein Spiegel. Dann ist es ein Leichtes, von unserer Veranda vorbeiziehende Riffbewohner zu spotten. Im seichten Nass dreht friedlich ein Blaupunktrochen eine Runde, gelegentlich kommen junge Haie zu Besuch. Die sich hinter der gegenüberliegenden Insel aufbäumenden Wolkentürme reflektieren sich im kristallklaren Ozean. Hin und wieder bildet sich wie aus dem Nichts eine Woge, deren Wassermasse krachend
ans Land schwappt. Heute begnügen wir uns mit Schnorcheln am Hausriff auf der hinteren Seite der Insel, wo sich die Werkstätten und Kompressoren der Tauchbasis verstecken. Auch hier ist schon von oben Leben auszumachen. Ein enormer Fischschwarm umkreist die Pfeiler des Holzstegs, ständig als Einheit in harmonischer Bewegung.
Mit gemischten Gefühlen blicke ich unserem Ausflug nach Kri Island entgegen. Die Tauchplätze um die Insel sind bekannt für besonders kraftvolle Meeresströmungen, die in der Regel bei Vollmond und Leermond am stärksten sind. Zum Glück ist jetzt Halbmond. Obwohl wir schon jahrelang tauchen, haben wir noch immer gehörigen Respekt vor bärenstarken Strömungen. Die Wünsche der
Taucher bezüglich Tauchziel werden stets berücksichtigt und so kommt es, dass wir heute auf einem der kleinsten Boote eingeteilt sind. Ausser der Bootscrew sind nur wir zwei und unser uns mittlerweile vertrauter Tauchguide Yulens an Bord. Eine Privattour sozusagen. Perfekt.
Über das glatte Wasser preschen wir frühmorgens hinaus in die Inselwelt und erreichen nach einer Dreiviertelstunde Kri, wo sich bereits eine Handvoll Tauchboote tummelt. „Blue Magic“, der Name des Tauchplatzes klingt verlockend. An den flach abfallenden Wänden des langgezogenen Korallenhügels erwartet uns eine milde Strömung – durchaus angenehm in deren leichtem Zug ohne stetiges Flossenschlagen dahin zu driften. Weiter oben auf dem Riffdach in rund zehn Metern Tiefe kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Schon das facettenreiche, intakte Korallenriff als solches ist die reinste Augenweide. Allerlei flatternde Flossen sind allgegenwärtig und ein riesiger Makrelenschwarm schwebt wie eine Wolke über uns. Aus Spalten lugen fette Muränen mit Knopfaugen, die ihr Maul regelmässig auf- und zuklappen. Nicht etwa um uns etwa zu drohen, sondern lediglich um zu atmen.
Überwältigt vom fabelhaften Geschehen, vergrössern sich unsere Augen urplötzlich. Unverhofft taucht ein Manta direkt vor unseren Tauchermasken auf. Sein breites Riesenmaul weit geöffnet, segelt der sanfte Riese frontal auf uns zu. Vom Schwanz einmal abgesehen ist der Körper eines Teufelsrochens breiter wie lang – die Spannweite zwischen den Brustflossenspitzen misst bis zu sieben Meter. Mit Eleganz schwebt der gigantische Vegetarier unmittelbar über uns hinweg, wie ein fliegender Teppich. Mit erhöhtem Pulsschlag drehen wir uns um 180 Grad und können für einen Augenblick gerade noch seine majestätische Silhouette fixieren, bevor diese gänzlich von den Fluten verschluckt wird. Sekunden, die sich in unser Gedächtnis einbrennen, wahrscheinlich unwiderruflich. Später, kaum den Kopf aus dem Salzwasser gestreckt, jauchzt Roland: „Ich meinte, den Kopf einziehen zu müssen. So nah war er – Wahnsinn!“
Beflügelt kraxeln wir zurück aufs Boot. Der Kapitän setzt uns in der Nähe am winzigen Strand
einer kleinen überwucherten Kalksteininsel aus, wo uns eine Mittagspause inmitten einer traumhaften Kulisse erwartet. Stahlblau wölbt sich der Himmel, bauschige Schäfchenwolken prangen über den Inseln. Der feine Sand ist weiss wie Mehl, das klare Wasser türkisfarben. Obendrein gehört der paradiesische Fleck uns allein. Mit einem Strahlen im Gesicht verdauen wir das Picknick – und das mächtige Unterwasser-Rendezvous.
Dritter Tauchgang am Cape Kri. Für einmal ist die Sicht unverhofft klar, wie durch ein frisch geputztes Fensterglas. Mit der Strömung nimmt auch meine Nervosität zu. Beinahe das Kap erreicht, sind wir mittlerweile rasant wie ein Expresszug unterwegs. Yulens macht uns unmissverständlich klar, jetzt unsere Strömungshaken aus der Tasche der Tarierweste zu klauben. Er hilft uns, an einer geeigneten Stelle im Riff einzuhaken. Alles klappt, wir hängen an der Leine und surfen wie die Meeresbewohner an Ort und Stelle in der Gegenströmung. Überwältigt betrachten wir das berauschende Geschehen…
Die kleinen Fische in unserem Blickfeld zappeln nervös, die grösseren Artgenossen wirken allesamt entspannt. Mit den Wassermassen, die gewaltvoll an unserem Kopf vorbeidrücken, kommen sie spielend klar. Hin und wieder zieht ein Riffhai anmutig ein paar Schleifen. Eine Viertelstunde ist im Nu vorbei – Zeit für einen Rückzieher. Inzwischen hat die Strömung noch einen Zacken zugelegt und wir kämpfen mit deren Tücken, um dem Spektakel heil zu entkommen. Doch unser Rastalockenkopf navigiert uns geschickt aus der Korallenwelt. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass er erst seit einem guten Jahr taucht und noch auf den untersten Stufen seiner Unterwasser-Karriereleiter steht. Auf die Frage nach seiner Taucherfahrung murmelt er stirnrunzelnd: „Ich bin noch ein Anfänger.“ Kaum zu glauben, denn Yulens macht seinen Job hervorragend.
Schon längst wieder daheim angekommen, tanzen unsere Taucherherzen noch immer Samba. Was für ein Tag. Gebührend stossen wir darauf an und schlürfen bei sinkender Sonne genüsslich einen Drink. Das warme Abendlicht wirft einen goldenen Glanz auf die Umgebung. Die Sonne um halb sieben untergegangen, tönen sich die Wolkenfetzen langsam von gelb bis orange über altrosa bis lila. Ein Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch. Das Glas schon längst leer und der Alkohol im Blut, können wir uns kaum sattsehen.
Inzwischen hat sich die Dunkelheit vollständig über uns gelegt und es ist Zeit für das Abendessen. Weder die Essenszeiten noch die Sitzplatzzuteilung sind fix, was uns gefällt. Die höflichen Kellner sind äusserst aufmerksam, kennen die durchmischte Gästeschar sogar beim Namen. Das Buffet ist überschaubar, dennoch findet sich eine gelungene Auswahl an internationalen Vorspeisen und warmer Gerichte asiatischer Art. Die einfallsreichen Kreationen sind sorgfältig angerichtet und munden meist himmlisch, die frischen tropischen Früchte sind ein Gaumenschmaus. „Selamat Makan, Christine und Roland“, säuselt die schlanke Indonesierin, und wünscht uns in ihrer Sprache einen guten Appetit.
Der letzte Tauchtag ist gekommen. Bei der nahegelegenen Insel Wai verbirgt sich erneut ein Tauchspot mit einem vielversprechenden Namen: Paradise. Zum Paradies über Wasser, gesellt sich ein Paradies unter Wasser. Mitten im Blauen. Der Abstieg gelingt punktgenau, wir landen an der Riffwand der kleinen länglichen Unterwasserinsel, nicht zuletzt der geringen Strömung wegen, die allmählich ganz verschwindet. Rush Hour am Korallenriff, das man vor lauter Flossen kaum mehr sieht. Vom ersten Moment an sind wir sprachlos. Na ja, zumindest im übertragenen Sinne, denn mit dem luftversorgenden Atemregler im Mund sind wir das ohnehin. Fische wohin das Auge fällt, und wir mittendrin. Es ist gar nicht möglich, allem Aufmerksamkeit zu schenken. Mit geübtem Blick entlarvt Yulens nebenbei bestens getarnte Geschöpfe, unter anderem Wobbegongs – wegen ihres abgeflachten, breiten Körpers mit fransigen Hautlappen passenderweise auch Teppichhaie genannt. Gezeichnet wie das Riff und tagsüber oftmals in Felsvorsprüngen ruhend, bleiben die nachtaktiven Gesellen meistens unentdeckt.
Ein gigantischer Schwarm kleiner blauer Fische mit zitronengelben Flossen löst ein Nervenkitzel aus. Eine Explosion an Fischen. Abertausende. Immer wieder formieren sie sich neu. Auf dem Riffdach in rund zehn Metern Tiefe könnten wir ewig verweilen. Unerwartet wendet sich Yulens mir zu und formt mit Fingern und Daumen ein Herz. Rasch realisiere ich, dass die Liebeserklärung nicht mir, sondern dem blauen Wunder gilt. „Ich bin schon oft hier getaucht, aber noch nie hatte es so viele Fische und so wenig Strömung“, sprudelt es an der Wasseroberfläche beeindruckt aus ihm heraus. „Meistens treibt es einem am Ende des Tauchgangs weit weg ins Blaue.“ Der ansonsten eher verschlossene Kerl lässt seinen Emotionen freien Lauf. Auch wir sind völlig aus dem Häuschen. Ein würdiger Abschluss für unseren zwanzigsten und letzten Tauchgang in Raja Ampat.
Obschon wir ausschlafen können, erwachen wir im Morgengrauen, erfüllt von Vogelgezwitscher. Sachte plätschert der Pazifik unter unserem Bett. Allmählich tritt die Dämmerung ein und ich tappe auf die Veranda. Kein Windhauch weht. Erst nach dem köstlichen Frühstück in der Hängematte baumelnd, streicheln erst Brisen meinen vollen Bauch. Das Wasser beginnt sich leicht zu kräuseln, bevor es im Laufe des Vormittags mit der aufkommenden Flut weiter an Unruhe gewinnt. Der Himmel bleibt heute wolkenverhangen – ganz angenehm. Trotzdem zeigt das Thermometer kuschelige 29 Grad, dies bei schwülen 85 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Bewusst geniessen wir den allerletzten Tag in Raja Ampat. Zwischendurch schleichen sich vergangene Glücksmomente in meine Gedankenwelt und ich lege mein Buch zur Seite. Mit einem Lächeln um die Lippen gleite ich gedanklich unter Wasser und erlebe die Höhepunkte mit Tiefgang noch einmal. Die Euphorie ist tonnenschwer, bei uns beiden. Und wir sind uns einig, hier ein wahres Paradies gefunden zu haben – über und unter Wasser. Die Wolken haben sich mittlerweile vermehrt und mittags öffnet der düstere Himmel seine Schleusen. Etwa Abschiedstränen?
Ein Teil der Crew steht am Steg und winkt, während wir am nächsten Tag mit dem Transferboot ablegen. Stetig der Morgensonne entgegen, verstrubbelt der Fahrtwind energisch meine Haare. Der Ozean glitzert silberblau im Sonnenlicht, wie ein wertvoller Teppich aus Diamanten. In Windeseile zieht die Inselwelt an uns vorbei, nahezu unberührt, von dichtem Dschungel märchenhaft überzogen. Tief in meine Gedankenwelt versunken und die Sonne im Gesicht, tanke ich Wärme für die winterliche Heimat. Und schon hat uns die Zivilisation wieder…
Eine vollkommen andere Welt. Städtische Hektik und Verkehrslärm. Sorong, eine Ölstadt und gleichzeitig Transportdrehkreuz. Am Strassenrand wird Benzin aus Pet-Flaschen verkauft und emsig Abfall gewischt. Während die Strassenzüge verhältnismässig sauber daher kommen, ist der Fluss hingegen eine trostlose Abfalldeponie.
Kirchen und Moscheen prägen das Stadtbild gleichermassen. Etwas erhöht über den Dächern der Stadt thront ein knallfarbiger Chinesentempel und eine buddhistische Pagode – ein Ort der göttlichen Ruhe.
Unsere Reise geht erst am nächsten Morgen in der Früh weiter und die kommende Nacht logieren wir in einem Hotel. Nachmittags tauchen wir ein in das exotische Treiben. Bei einem ausgedehnten Bummel über den Markt bleiben unsere musternden Blicke an den fremden Gesichtszügen hängen. Ein anderer Menschenschlag mit dunklerer Haut, auffallend
breiten Nasen und krausen Haaren wie Schafwolle mischt sich mit dem typischen Aussehen der restlichen Indonesier. Zwar gehört Westpapua zum Vielvölkerstaat Indonesien, doch man merkt eindeutig, dass man auf einem anderen Kontinent gelandet ist. Die Papuas erinnern an die Aborigines, die Ureinwohner von Australien.
Doch eigentlich sind wir die Exoten, die alle Blicke magisch auf uns ziehen. „Hello mister“, ruft es aus jeder Ecke. „Photo photo!“ Zahlreich reisst sich Jung und Alt um ein Bild, schmeisst sich freudig in Pose. Nicht selten sind ihre Münder blutrot verschmiert vom traditionellen Kauen der Betelnuss, deren Rauschwirkung rasch
verfliegt – die roten Zähne bleiben länger. Während Roland heissbegehrte Fotos schiesst, lachen Marktnachbarn hemmungslos oder kichern beschämt ins Fäustchen. Die Stimmung ist wohlwollend – hier ein aufgeregtes Winken, da ein kräftiges Händeschütteln, verstohlene Blicke von der Seite. Und von unserer Seite her: Ein wehmütiges Bye bye…
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