Rarotonga – die grösste der Cook Islands
Der schwere Riesenvogel schwingt sich in die dunkle Nacht hinaus. Flink lassen wir die Grossstadtlichter von Perth sowie das letzte halbe Jahr Australien hinter uns. Schon beinahe um die halbe Welt gereist, auf der südlichen Erdhalbkugel weilend, liegt die Südsee zum Greifen nah. Dachten wir. Doch vor uns liegen zehn Stunden in der Luft. Nahezu die Hälfte frisst die Überquerung des roten Kontinents, von West nach Ost. Sechs Stunden verflogen, landen wir zum Umsteigen in Neuseeland. Sonntagmorgen. Ein kurzer Blick in die Zukunft, bevor wir erneut abheben und über die Datumsgrenze schwirren. Sozusagen eine Reise zurück in die Vergangenheit. Es ist – ein zweites Mal – Samstagmittag, als unter uns die Cook Islands im weiten Blau des Pazifiks auftauchen. Früher als wir in Australien abgereist sind, setzt der Pilot die Maschine behutsam auf der Landepiste von Rarotonga auf…
Erstmals auf unserer Reise geraten wir zeitlich in Verzug, ticken der Heimat nicht mehr voraus, sondern zwölf Stunden hinterher. Mit einem geschenkten Tag in den Knochen schlurfen wir müde über das Rollfeld, dem kleinen Flughafengebäude entgegen. Die füllige Einreisebeamtin studiert in Gemütsruhe unser Ausreiseticket, ein Lächeln umspielt derweil ihr Gesicht. „How long are you staying?“, fragt die freundliche Dame nach einer Weile erstaunlicherweise dennoch – Rechnen ist wohl nicht ihre grösste Stärke. Bereits in Perth wurde beim Check-in unser Weiterflugticket verlangt – der Inselstaat will offensichtlich sichergehen, dass wir nicht für immer bleiben. Stimmengewirr und Südsee-Klänge erfüllen die überschaubare Ankunftshalle. Beim Gepäckband hockt ein älterer Mann, zupft seine Ukulele und singt mit Herzblut. Währenddessen Koffer und Rucksäcke um seine Füsse kreisen, heisst er uns in der polynesischen Inselwelt willkommen – Kia Orana.
Zwischen Samoa und Tahiti, knapp 3000 Kilometer nordöstlich von Neuseeland, verteilen sich die Cook Islands im Südpazifik. Die 15 kleinen Inseln entsprechen insgesamt der Grösse des Kantons Appenzell Ausserrhoden, verteilen sich im Pazifischen Ozean jedoch über eine Fläche, die sechsmal jener Deutschlands entspricht. Manche der Inseln sind nur mit einem
Versorgungsschiff oder mit einer privaten Yacht erreichbar. Touristisch erschlossen ist lediglich der südliche Archipel, wo 90 Prozent der Einwohner leben, und zu dem auch die Hauptinsel Rarotonga gehört. Bei den Eilanden der Nordgruppe handelt es sich überwiegend um Atolle, die durch Korallenriffe schwer zugänglich sind. Die übrigen Inseln sind vulkanischen Ursprungs und mit üppiger Vegetation bedeckt.
Die Rucksäcke gebuckelt, treten wir blinzelnd in die kräftige Nachmittagssonne hinaus und halten nach dem versprochenen Abholservice Ausschau. Bereits im voraus haben wir für die erste Woche ein Privatquartier gebucht, wo wir langsam in den fremden Gefilden ankommen können. Nur unweit des Flughafens gelegen, schmiegt sich unser neues Daheim an einen Berghang. Saftiges Grün umarmt uns, hohe Bäume und Palmen bestechen die ländliche Gegend. Das Studio bietet nebst einer Küchenzeile auch eine grosszügige Veranda. Entzückt gleitet unser Blick über das tiefblaue Meer in der Ferne. Von der langen Anreise erschöpft, möchten wir am liebsten gleich ins breite Bett fallen, widerstehen jedoch der
kuscheligen Versuchung. Stattdessen lauschen wir dem tosenden Ozean und lassen den Nachmittag auf der luftigen Veranda an uns vorbei rauschen. Hühner stiefeln durch das Gelände, hin und wieder unterbricht ein Krächzen der Hähne oder Insektenzirpen die idyllische Ruhe. Die Gastgeber wohnen gleich nebenan, sind heute aber ausgeflogen. Stattdessen begrüssen uns ein hechelnder Hund und eine anhängliche Katze.
Der Vormittag ist schon weit fortgeschritten, als wir endlich aus unserem langen Dornröschenschlaf erwachen. Nach einem gemütlichen Frühstück an der frischen Luft, raffen wir uns zu einem ersten Inselbummel auf. Die beschauliche Nachbarschaft wirkt ausgestorben, wir begegnen mehr gackerndem Federvieh wie Menschen. An der Küstenstrasse angelangt, umgibt uns
etwas mehr Leben, gelegentlich saust ein Auto oder Motorrad vorbei. Aroranga im Westen der Insel ist eine zusammengewürfelte Siedlung ohne jegliche Dorfstruktur in unserem Sinne, wartet aber mit ein paar stattlichen Bauten und weissen Kirchen auf. Niedliche Häuschen mit blumengeschmückten Gärten wechseln sich mit schlichten Hütten mit schäbigen Wellblechdächern ab.
Rarotonga ist die grösste und am dichtesten besiedelte Cookinsel. Flächenmässig nur knapp so gross wie die Stadt Zürich, mit einem Durchmesser von elf Kilometern an ihrer breitesten Stelle, beherbergt sie rund 10’000 Inselbewohner, was etwa zwei Drittel der Gesamtbevölkerung entspricht. Eine Ringstrasse führt in 32 Kilometern rund um die ovale Insel. Geduldig warten wir im Schatten auf den verspäteten Bus, der im Uhr- sowie im
Gegenuhrzeigersinn stündlich um die Insel gondelt. Praktischerweise kann der öffentliche Bus überall angehalten werden. Der gutgelaunte Fahrer erklärt uns geduldig das Tarifsystem – da viel günstiger, erwerben wir kurzentschlossen eine Mehrfahrtenkarte. Absichtlich wählen wir die viel längere Anfahrtsroute, um aus dem Busfenster einen ersten Eindruck des Inselreichs zu gewinnen. Die Strasse verläuft in der schmalen Küstenebene, wo
sich sämtliche Ansiedlungen befinden. Die Fahrt gestaltet sich malerisch, und mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern gemütlich. Während wir auf der einen Seite immer wieder türkisblaues Wasser zu Gesicht bekommen, trumpft die andere mit dicht bewachsenen Bergzacken auf. Rarotonga ist eine typische pazifische Vulkaninsel, mit einer zentralen Gebirgskette, deren steilen Gipfel bis über 600 Meter aufragen. Das gebirgige Inland kann nur zu Fuss überquert werden.
Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Hauptstadt Avarua im Norden, den einzigen richtigen Ort der Insel. Einen städtischen Charakter sucht man allerdings vergebens, die Atmosphäre ist entspannt und die höchsten Gebäude nur so gross wie eine Kokospalme. Von der ursprünglichen Kolonialarchitektur sind nur wenige Gebäude übrig geblieben. Eine mächtige weisse Kirche, von den ersten Missionaren im 19. Jahrhundert erbaut, wird von einem hübschen Friedhof eingefasst. Im Hintergrund erheben sich majestätisch die bewachsenen Spitzen der grünen Bergwelt. Nach einem Rundgang lechzen wir nach Kalorien und studieren in einem einladenden Restaurant die Speisekarte. Auf Anraten der molligen Bedienung teilen wir uns eine Pizza – fein, aber klein. Den einheimischen Figuren nach zu urteilen, verdrücken gewisse Mäuler bestimmt nicht nur eine halbe, sondern eher zwei Pizzas. Warum wohl setzen sie uns Schlanke auf Diät?
Nicht nur Hunger treibt uns in einen Supermarkt, sondern vorwiegend die leeren Vorratsschränke daheim. Produkte lachen zahlreich von den Regalen, doch Preisschilder – oder Angestellte – zeigen sich zu unserem Frust selten. Das Preisniveau ist generell hoch, aber da die Cooks in einem abgelegen Teil der Erde liegen, auch verständlich. Die meisten Lebensmittel sowie andere Güter werden aus Neuseeland importiert – die Ware ist teilweise doppelt oder dreimal so teuer wie dort oder in der Schweiz. Fleisch ist eine der grossen Ausnahmen – ein Pfund Rindsteaks ist bereits für sechs Franken zu ergattern. Ein Kilogramm Joghurt hingegen kostet umgerechnet neun oder eine Packung Spaghetti vier Franken. Der Hammerpreis der Peperoni entlockt uns nur ein Kopfschütteln und wir fragen uns ernsthaft, ob jemand für ein Kilogramm Gemüse zwanzig Franken hinblättert. Geschockt packen wir stattdessen eine Zucchini ein, ausnahmsweise ohne den Preis zu kennen, was sich als absolut fahrlässig entpuppt. An der Kasse fällt uns die Kinnlade herunter, denn der Kilopreis raubt beinahe dreissig Franken! Ein Glück wiegen unsere Gourmet-Vitamine lediglich 200 Gramm…
Ungewollt verschlafen wir den halben Morgen – der Jetlag lässt noch immer grüssen. Doch wir verpassen nichts, der Ausblick aus den Federn präsentiert sich grau in grau. Draussen regnet es in Strömen, der Himmel verschmilzt mit dem Meer zu einer trüben Suppe. Das launische Wetter wäre uns egal, doch die Tropen zeigen ein kühles Gesicht, das Thermometer steigt kaum mehr über zwanzig Grad. Meistens herrschen von Mai bis Oktober während der Trockenzeit eitel Sonnenschein und durchschnittliche 24 Grad – in den restlichen Monaten ist das Klima schwülfeucht, in der Regel nässer und etwas wärmer. Auch am darauffolgenden Tag verlassen wir unsere überdachte Veranda nicht, Regenspritzer sind noch immer allgegenwärtig. Wir schliessen mit unserer australischen Vergangenheit ab, hacken in die Tasten und sortieren Fotos, um die letzten Blogberichte aus Down Under zu veröffentlichen. Im Verlaufe des Tages bläst der Wind jeweils Kälte in uns hinein, abends frieren wir an die Füsse, fast als hätten wir Australien nie verlassen…
Die Wanderschuhe geschnürt, schustern wir nach zwei arbeitsreichen Tagen voller Tatendrang los. Ganz in unsere Nähe schlängelt sich ein markierter Wanderweg steil bergan, lotst uns durch ein schier windstilles Dickicht. Im Dschungel wuchern Farne und andere Tropengewächse, über uns spendet ein dichtes Laubdach Schatten. Bevor unser Herz Purzelbäume schlägt, legen wir eine Verschnaufpause
ein. Der Puls rast, das Atmen fällt schwer. Was ist nur los? Sind wir uns die Anstrengung nicht mehr gewohnt? Bestimmt sind auch die hohe Luftfeuchtigkeit und die knallende Sonne mitschuldig. Plötzlich scheint der Pfad an einer senkrechten Felswand zu enden, doch Metallgriffe und Seile deuten auf sein Weiterführen hin. Das Plateau des Raemaru Mountain kraxelnd erlangt,
zerkratzt auf den letzten Metern Gestrüpp unsere blossen Beine. Doch der Rundumblick auf 350 Höhenmetern entschädigt für alle Strapazen, das bergige Inselinnere mit seinem verschwenderischen Grün ist eine Augenweide. Die gezackten Gebirgskämme scheinen wie mit weichem Moos überwachsen und muten märchenhaft an. Schweifen unsere Augen in Richtung Küste, versinken sie in der Ferne im Ozeanblau. Abgesehen von Wolkenfetzen, die sich am Himmel tummeln, umgibt uns einsamen Frieden.
In unserem Daheim stehen Fahrräder zur freien Verfügung. Zwar erwecken sie auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck, sind aber kaum gefedert und auf dem harten Sattel schmerzt unser Hinterteil schon nach wenigen Minuten. Zugegeben, schon seit zwei Jahren sind wir auf keinem Drahtesel mehr gesessen, und die Unebenheiten im Teer tragen sicher noch das ihre dazu bei. Der Linksverkehr bereitet uns hingegen keine Mühe, daran sind wir uns bestens gewohnt. Nebst der
mässig befahrenen Küstenstrasse verläuft parallel noch eine alte Strasse im Inland, meist am Fusse der bewachsenen Hügel entlang. Sie ist nicht durchgehend erhalten und erschliesst heute nur noch einige Häuser und Plantagen. Gemächlich pedalen wir durch die ländliche Idylle, an Kokospalmen und Bananenbäumen vorbei. Nur vereinzelt queren Motorisierte oder Fussgänger unseren Weg, hier und da trottet ein schwanzwedelnder Hund auf die Fahrbahn.
In einem Lokal an der Küste gönnen wir uns, und unseren werten Hintern, eine Mittagspause. Roland verspürt einen Bärenhunger. Die Verlockung ist gross, wir bestellen Fish & Chips, gleich zweimal. Die Portionen sind riesig, es liesse sich damit beinahe eine ganze Familie sättigen. Der im Öl gebackene Fisch trieft, die Papiertüte vermag das Fett nicht aufzusaugen – der Tisch ist nach dem Essen sozusagen frisch geölt. Kein Wunder trägt der eine oder andere Insulaner zu viele Kilos auf den Rippen. Warum ernähren sie sich lieber von fetten Importprodukten, statt die eigenen Hühner zu brutzeln, die überall frei
herumlaufen? Laut WHO hat die Hälfte der Bevölkerung einen Body-Mass-Index über 30 und gilt somit als schwer übergewichtig. Die Cook Islands liegen mit ihrer hohen Verbreitung an krankhafter Fettleibigkeit weltweit an der Spitze. Diabetes ist wie in anderen Südseestaaten ein grosses Problem, darum wurde hier eine sogenannte Zuckertaxe eingeführt – je höher der Zuckergehalt, desto höher die Taxe. Deshalb kostet normales Cola doppelt so viel wie Cola Light, was bei einer 1.5-Liter-Flasche mit einem stolzen Preis von rund fünf Franken ins Gewicht fällt.
Am nächsten Tag zeigt sich das Wetter von der Sonnenseite. Kein Wölkchen klebt am stahlblauen Himmel. Barfuss schlendern wir dem Strand entlang. Der grobe, helle Sand blendet und piekt uns in die Zehen. Die Insel umgibt ein nahezu geschlossenes Korallenriff.
Das Türkis der geschützten Lagune schillert traumhaft, an der wellenbrechenden Kante weit draussen schäumt das Wasser weiss. Stellenweise wird vor dem Baden gewarnt, heimtückischen Strömungen wegen. Ab und an passieren wir ein kleines Resort oder ein Gästehaus, dazwischen leben Einheimische. Dennoch ist kein Strandabschnitt privat. Mancherorts haust niemand und es gedeihen lediglich hinreissende Palmen. Keine Liegestühle und Sonnenschirme verunstalten den naturbelassenen Sandstreifen, von Massentourismus kann nicht die Rede sein. Die wenigen Menschen – bunt durchmischt – verteilen sich am endlosen Strand, zeitweise sind wir ganz allein.
Ein letzter Abend auf unserer liebgewonnenen Veranda. Das Meer ist aufgebracht und trägt uns ein wütendes Donnern entgegen. Die Abendsonne nähert sich stetig dem Horizont, bis sie schlussendlich von den rauschenden Wellen verschluckt wird… Die Zeitverschiebung mittlerweile verdaut und uns an den tropischen Inselrhythmus gewöhnt, verlief die erste Woche auf den Cook Islands wohlig erholsam. Rarotonga versprüht zwar jede Menge Exotik, doch wir kommen uns nicht wie Exoten vor – eine Mischung, die uns sehr gefällt. Wir fühlen uns unbeobachtet und vogelfrei, man kann sich auf der Insel gut bewegen, sei es mit dem klapprigen Bus oder dem Mieten von Fahrrädern, Motorrollern oder Autos. Supermärkte machen Selbstverpflegung möglich, zur Abwechslung verwöhnt ein Schmaus in einem der Restaurants. Der Tourismus ist der Hauptwirtschaftszweig und eine entsprechende Infrastruktur ist vorhanden, aber keiner ist aufdringlich oder will uns etwas aufschwatzen. Die grösste Cookinsel lebt im 21. Jahrhundert und zeigt sich modern und weltoffen, pflegt jedoch auch traditionelle polynesische Werte. Morgen hüpfen wir auf eine der kleineren Inseln und sind gespannt, auf deren Herzschlag…
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