Regnerische Wildwestkulisse
„Ach, unser Berg trägt eine dicke Wolkenmütze!“, seufze ich enttäuscht, und deute mit dem Zeigefinger auf den einsam über dem Umland aufragenden Bergkegel, der sich allmählich vor unsere Windschutzscheibe schiebt. Bei verheissungsvollem Sonnenschein frühmorgens der Nordküste den Rücken gekehrt, deckte uns schon bald eine flauschige Wolkendecke zu. Über der wilden Gebirgslandschaft weiter im Inselinneren lauern pechschwarze Schwaden. Missmutig sehen wir von der geplanten Besteigung des St. Valentines Peak ab und lassen sogar den bekanntesten tasmanischen Gipfel, den Cradle Mountain, links liegen. Zumal dem Wetterbericht für die kommenden Tage nichts Erfreuliches abzugewinnen ist und ab einer Höhenlage von 1200 Metern obendrein „sommerlicher“ Schneefall prognostiziert wird, halten wir weiterhin an unserem bisherigen Kurs Richtung Süden fest…
Die Hauptverkehrsachse oft schmal, gilt es zahllose enge Kehren zu meistern, bis wir nach insgesamt zwei düsteren Fahrstunden heil im Inselwesten ankommen. Urtümlich und ungezähmt, ist es die unwirtlichste Region Tasmaniens – der wilde Westen. Nasskalt das Klima, schier unaufhörlich der Regen. Kein Wunder überwiegt hier die Farbe Grün, liegt die jährliche Niederschlagsmenge im Durchschnitt bei knapp 4000 Millimetern. Die Westküste ist zu einem grossen Teil mit dichtem, fast undurchdringlichem Regenwald bedeckt. Weite Gebiete, vorwiegend im Südwesten, stehen unter Naturschutz und gelten als echte, kaum erforschte Wildnis.
Der Westen ist spärlich besiedelt und beherbergt nur wenige Orte und Weiler. Erst ein Verbannungsort für Sträflinge. In Fronarbeit liess man die Gauner aus dem begehrten, widerstandsfähigen Holz der Huon Pines Schiffe bauen. Die uralten Bäume, die nur auf Tasmanien und in sehr feuchtem Klima wachsen, wurden in den letzten 200 Jahren stark abgeholzt. Zwar werden neue Bäume gepflanzt, doch allerdings ziehen mindestens 500 Jahre ins Land, bis sie eine nutzbare Grösse erreichen. Später brach das Goldfieber aus, bevor im Laufe der Zeit weitere Bodenschätze entdeckt wurden. Heute sind fast alle Bewohner im Bergbau und in der Holzverarbeitung tätig, oder im Tourismus.
Zeehan, ein verschlafenes Nest. Eine Häuserzeile mit einem Dutzend kolonialen Fassaden – rasch sind wir von einem ans andere Ende geschlendert. Die einstige Blütezeit verdankte
der Ort den ergiebigen Blei- und Silberminen. Anfangs des 20. Jahrhunderts zählte die Stadt 8000 Einwohner und es gab beinahe 30 Kneipen, von denen lediglich zwei übrig geblieben sind. Im Jahre 1909 waren die Minen erschöpft und der belebte Ort fiel in einen Dornröschenschlaf. Die Wiedereröffnung einer Zinnmine in der Region bewahrte Zeehan davor, als Geisterstadt zu enden. Mit den grossen Gebäuden aus früheren Zeiten und den verstaubten Läden wirkt das ausgestorbene 600-Seelen-Dorf wie die Kulisse eines Wildweststreifens.
Pünktlich zur Mittagsstunde knurrt der Magen. Unterdessen wieder auf Achse, halten wir an einem ausgeschilderten Rastplatz bei den Henty Dunes. Anstelle sittsam am Picknicktisch zu speisen, kraxeln wir auf die dahinter aufragende Sanddüne. Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Oben angelangt pocht unser Herz doppelt so schnell. Zwischenzeitlich blinzeln zaghaft Sonnenstrahlen aus Wolkenlücken und der helle Sand blendet
richtiggehend. Stimmungsvoll die wüstenhafte Szenerie, die sich bis an den fernen Horizont und zum tiefblauen Meer hin entfaltet. Die breiten Henty Dunes türmen sich bis gegen 40 Meter hinter dem Strand auf. Hungrig plumpse ich in den weichen, feinen Sandkasten und schnabuliere, während Roland wohlweislich nicht auf Petrus vertraut und sich erst der Fotografie widmet.
Der Wolkenvorhang wieder zugezogen, trudeln wir nachmittags in Strahan ein. Malerisch eingebettet zwischen Ozean und Regenwald, schmiegt sich das hübsche Hafenstädtchen ans Ufer eines riesigen Naturhafens. Uns kaum auf dem zentrumsnahen Campingplatz eingenistet, giesst es wie aus Spritzkannen. Auch am nächsten Morgen prasselt Regen auf unser Dach und holt uns frühzeitig aus unseren Träumen. Als wir später durch das winzige Ortszentrum flanieren, hat sich das Blatt unerwartet gewendet. Schaukelnde Schiffe glänzen im Sonnenlicht und spiegeln sich
im glatten Wasser. An der Esplanade zeugen eine Handvoll herrschaftlicher Kolonialbauten von vergangenen glorreichen Zeiten – wie in allen historischen Orten sticht ein schmuckes Postamt heraus. Bestimmt ist das Dorf reizend und versprüht eine Portion Charme, aber das Hochlob des Reisehandbuchs ist unserer Ansicht nach etwas überbewertet. Strahan ist in der Ferienzeit jedoch heissbegehrt und die Lage „am Ende der Welt“ hat sich längst zum kommerziellen Vorteil entwickelt. Entsprechend gut und teuer ist die grosszügig vorhandene touristische Infrastruktur.
Ein paar Kilometer ausserhalb werfen wir einen Blick auf den 33 Kilometer langen Ocean Beach. Von der Brandung kreierte Marmormuster zieren den breiten, graubraun schimmernden Sandstreifen. Schäumend weiss das Wasser, hohe Wellen krachen an den Strand. Das aufgewühlte Meer ist nicht nur der unbarmherzigen Wassertemperatur wegen nicht zum Schwimmen geeignet. Ein bissiger Wind zerrt an unseren Kleidern, bläst uns eisig um die Ohren – erreicht uns wohl geradlinig aus der Antarktis. Eine Wildwestkulisse der anderen Art…
Kurve an Kurve. 40 Kilometer später begrüsst uns Queenstown. Am Fusse eines Abhangs gelegen, inmitten einer Mondlandschaft aus staubigen, rotbraunen Hügeln. Wo einst Regenwald wuchs, ist es heute trostlos kahl. Die geologischen Wunden sind ein Zeugnis der Umweltzerstörung durch den Bergbau. 1890 wurde hier Kupfer entdeckt – die Bergwerke sind heute teilweise verlassen. Die kleine Minenstadt hat ihr authentisches, raues Pionierflair bewahrt. Prächtige restaurierte Häuserfassaden sind zwischen schmucklosen Neubauten eingeklemmt – ein regelrechter Stilbruch.
In Serpentinen steigt der weitere Strassenverlauf steil an und leitet uns im Landesinneren nach Osten, zurück in pure Natur. Entlang des Highways wuchert wildes Grün, wächst zuweilen fast bis in die Fahrbahn. Südlich der Strecke breitet sich ein grossflächiger Nationalpark aus, mit dem langen Namen: Franklin-Gordon Wild Rivers. Dichter einzigartiger Pflanzenbewuchs und Wildwasserflüsse
sind seine Markenzeichen. Ein waldiger Spazierweg führt zu den Nelson Falls – die saftige Welt der Farne beeindruckt uns mehr wie die Wasserfälle. Auf einem kurzen Wanderpfad zu einem Lookout schütteln wir uns ein weiteres Mal die ermüdenden Kurven aus den Knochen. Die Rundumsicht vom Donaghys Hill ist zwar grandios, das Bergpanorama jedoch verhangen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – urplötzlich öffnet der Himmel ausserdem seine Schleusen.
Frühabends stechen wir in den nördlich der Hauptstrasse aufwartenden Nationalpark ab, mit einem fast ebenso langem Namen: Cradle Mountain – Lake St. Clair. Der Cradle Mountain, die meistbesuchte Attraktion des grossen alpinen Schutzgebietes, blieb wegen Wetterkapriolen – zumindest vorerst – auf der Strecke. Mittlerweile sind wir am südlichen Ende des Parks angelangt, am langgezogenen Lake St. Clair. In der Cynthia Bay am Südufer finden wir Unterschlupf. Der Campingplatz des Nationalparks liegt inmitten hoher Bäume, versteckt unter deren Blätterdach. Die verhältnismässig teuren Stellplätze sind knapp bemessen und fast so beengend wie ein stinknormaler Parkplatz. Auf rund 700 Metern Höhe umgibt uns frische Bergluft – das Thermometer ist auf zwölf Grad gesunken.
Stürmisches Rauschen in den Baumwipfeln. Auf dem Gang zur Morgentoilette peitscht uns Nieselregen quer ins Gesicht. Mittags noch immer keine Besserung in Sicht, ebenfalls kaum Aussicht. Die umliegenden Berge grau verhüllt, raffen wir uns hoffnungsvoll zu einer kurzen Rundwanderung auf – das Wetter kann bekanntlich unheimlich schnell umschlagen. Der Wind treibt die Wolkenschwaden in rasantem Tempo voran, doch blaue Wolkenlöcher
schliessen sich innert Sekunden. Die klammen Hände in die Jackentaschen gesteckt, strolchen wir dem Seeufer entlang. Der Lake St. Clair wurde über Jahrmillionen von eiszeitlichen Gletschern gebildet. Mit einer Tiefe von rund 160 Metern ist es das tiefste Süssgewässer Australiens. Durch den Wald schlängelt sich der Pfad wieder zurück – zurück auf den Autositz. Betrübt entfliehen wir den höheren Gefilden und düsen tieferen Lagen entgegen – 100 Kilometer südwärts…
Kommentare
Regnerische Wildwestkulisse — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>