Robbenduft an der Skelettküste
Nach vier tierischen Tagen im Etosha Nationalpark und 570 zurückgelegten Safari-Kilometern verabschieden wir uns vom Wildlife. Ein Fahrtag steht bevor. Von Okaukuejo, der Mitte des Parks, brausen wir auf geteerter Strasse südwärts, biegen aber schon bald auf eine Schotterstrasse Richtung Westen ein. Unsere Reise nimmt ein gemächlicheres Tempo an, was wir lieben. Vorbei an grünem Buschwerk treffen wir nach drei eher eintönigen Fahrstunden in Kamanjab, unterhalb der südwestlichen Ecke des Etoshas ein.
Bei Pia und Felix steht der Besuch der Autowerkstatt auf dem Programm, um endlich den defekten Stossdämpfer zu ersetzen, was vorher wegen den langen Weihnachtsferien nicht möglich war. Aber das bestellte Ersatzteil ist nicht wie versprochen eingetroffen – was nun? Einen Tag warten? Womöglich ist dann der neue Stossdämpfer immer noch nicht da. Und Kamanjab ist kein Ort zum Verweilen, sondern lediglich ein Verkehrsknotenpunkt mit Benzin, Supermarkt und eben einer Autogarage. Wir ziehen weiter – die Reparatur soll nochmals ein paar Tage warten, darauf kommt es nun auch nicht mehr an.
Eine Autostunde weiter westwärts liegt uns eine fantastische Gegend zu Füssen. Das Hoada Camp ist wunderschön zwischen verwitterten Granitfelsen angelegt und wird von zwei jungen Schwarzafrikanern mit viel Charme geführt. Der eine der beiden fährt uns mit dem Fahrrad voraus und weist uns einen der voneinander
abgeschirmten Stellplätze zu. Zu jedem Platz gehört ein eigenes Open-Air-Badezimmer inmitten grosser Steinbrocken, die die Natur hergibt. „Auf dem Klo braucht ihr keine Zeitung wie in der Stadt, hier könnt ihr den Ausblick auf die schmucke Gegend geniessen“, schmunzelt der sympathische Kerl. Sogar ein kleines Schwimmbecken, Liegeplätze
und eine Bar wurden unauffällig in einen Felshügel integriert. Der perfekte Fleck für einen gemütlichen Sundowner – das Bier schmeckt in den weichen Sesseln mit Aussicht auf die rote untergehende Sonne vorzüglich. Mittlerweile ist die Glut perfekt. Das wilde Grillfleisch – Kudu und Oryx – ist ein zarter Gaumenschmaus. Zu später Stunde widmen wir uns noch eine Weile dem afrikanischen Sternenhimmel – keine Lichtquelle stört die funkelnde, nächtliche Idylle.
Zum zweiten Mal überqueren wir den 1540 Meter hohen Grootberg Pass, diesmal von der anderen Seite. Erneut können wir uns am reizenden Landstrich mit den rötlichen Bergen kaum sattsehen. Die Tafelberge des Damaralands sind schlichtweg einmalig. Immer weiter gegen Westen…
Die steinige Staubpiste führt nun stetig bergab, insgesamt sind 1000 Höhenmeter bis zur Küste zu bewältigen. In der bergigen, kargen Landschaft wachsen Flechten und Welwitschias, eine Art urweltlicher Pflanzen. „Was war das?“, frage ich mich. „Hörst du dieses Geräusch auch?“ Aber Roland verneint. Kurz darauf halte ich trotzdem an, ich ahne Böses. Und siehe da – soeben entweicht der letzte Luftstoss dem rechten Hinterreifen, der nun total platt ist. „Mist, nicht
schon wieder“, entfährt es Roland. Es ist derselbe Pneu wie beim letzten Mal…
Noch fehlen uns knapp 80 Kilometer bis zu unserem heutigen Ziel, der Skelettküste. Die Küste trägt ihren schaurigen Namen, da sie infolge widrigen Wind- und Strömungsverhältnissen unzähligen Schiffen, Menschen und Tieren zum Verhängnis wurde. Dies bezeugen etliche Schiffwracks entlang dieses
Küstenabschnittes. Der nördliche Teil wird im Skeleton Coast Nationalpark geschützt, der sich auf rund 500 Kilometer Länge bis an die Grenze zu Angola ausbreitet. Kurz vor dem Parkeingang fällt uns ein Schild „Tire Repair“ ins Auge. Im unscheinbaren Kiosk werden auch Reifenreparaturen angeboten, was uns gelegen
kommt. Der wortkarge junge Mann stopft das Loch mit einem Gummiwurm. Mittlerweile werkeln sie zu dritt und bereits drei Würmer stecken im selben Loch, aber dicht ist der Reifen noch immer nicht, wie der Test mit Wasser zeigt. „Es ist nicht nötig, die weiteren Löcher zu flicken“, winken die schwarzen Jungs ab, „die sind so klein und verschliessen sich auf der Fahrt von selbst mit Sand.“ Na ja, wir glauben eher, die Gummiwürmer sind ausgegangen! Wir bevorzugen es, mit dem Reserverad weiterzufahren, das uns sowieso den besseren Eindruck macht. Und für den Fall der Fälle verfügen wir noch über einen zweiten Ersatzreifen.
Im Skeleton Coast Park geht es über kiesbedeckte Dünen weiter, die flache Landschaft erhält Akzente durch kleine Hügel. Der Reiz liegt wie überall in Namibia vorallem in der Leere und Weite. In der Ferne erblicken wir das tiefblaue Meer – die Küste ist nicht mehr weit. Auf hellem Sand meistern wir die letzten Kilometer entlang sanft
geschwungenen Sanddünen. Dann ist Torra Bay erreicht. Der Ort ist nicht etwa ein Dorf oder eine kleine Siedlung, sondern lediglich ein Campingplatz, welcher unmittelbar am atlantischen Ozean liegt. Der Campingbetrieb läuft nur zwei Monate im Jahr – Dezember und Januar – während den namibischen
Sommerschulferien. Oha, etwas ansehnlicher haben wir uns das Ganze nun doch vorgestellt. Der Platz wirkt heruntergekommen und wird vorwiegend von Fischern belagert, die ganze Zeltlager aufgebaut haben. Wir passen nicht ins Bild, sind fast die einzigen Touristen ohne Angelruten. Einheimische und Südafrikaner pilgern regelrecht an die Küste, um reiche Fänge aus dem fischgesegneten Wasser zu ziehen.
Lautlos gleiten wir ein Stück weiter nordwärts über den weichen Sand. Plötzlich taucht mitten in der Trockenheit eine grüne Oase auf, Schilf umgibt einen Weiher, wo ein paar Enten schwimmen. Eine grosse Herde stattlicher Oryx-Antilopen zieht vorbei – die Wüste lebt. Der auf den ersten Blick öde Sandkasten entpuppt sich als abwechslungsreicher
Streifen. Grosse abgeschliffene Steine leuchten in verschiedenen hellen Farbtönen – eine Augenweide. Es wird Zeit, zu den Anglern auf den Campingplatz zurückzukehren. Mit Blick auf das Meer lassen wir den kühlen, windigen Abend schnell ausklingen und verziehen uns ins Dachzelt. Das Rauschen des Meeres trägt uns bald in einen tiefen Schlaf…
Am nächsten Morgen begrüsst uns eine graue Nebeldecke – alles ist feucht und klamm. Eine morgendliche Novemberstimmung im ansonsten sonnigen Namibia ist hier an der Küste keine Seltenheit, sondern die Normalität. Der Küstennebel ist ein Phänomen, das in erster Linie dem
antarktischen Benguela-Strom zu verdanken ist. Dadurch ist das Klima am Meer merklich kühler als im Landesinneren. Über die sandige Piste ziehen wir Richtung Süden, vorbei an Dünenketten und bewachsenen Sandhügeln. Die Farbpalette ändert stets – von blendend weiss über graubraun bis schwarz. Fettes Wellblech lässt stellenweise nur noch ein mühsames Vorankommen zu – unsere Fahrzeuge holpern keuchend über den losen Sand.
Nach 100 Kilometern ist der Parkausgang erreicht. Nach Vorzeigen der Quittungen für Parkeintritt und Camping lässt uns der Wächter weiterziehen. Noch immer hängt die Wolkendecke über uns fest, vereinzelt bringen Sonnenstrahlen etwas Kontrast in die farblose Gegend. Die sandige Piste weicht nun einem harten, salzhaltigen Pistenbelag und wir kommen zügig voran. Der Verkehr beschränkt sich vorwiegend auf einige Angler, die ihre meterlangen Angelruten senkrecht nach oben stehend vorne an den Autos befestigen. Eine Kieswüste und schier endloser Strand zieht an unseren Autoscheiben vorbei.
Nach weiteren 100 Kilometern peilen wir Cape Cross an. Der erste Europäer, ein portugiesischer Seefahrer, betrat im Jahre 1486 die namibische Küste und errichtete hier ein Kreuz. Heute ist die felsige Küste ein Schutzgebiet für Zwergpelzrobben. Man riecht und hört die Tiere, bevor man sie sieht. Über einen Holzplankenweg gelangen wir zum Felsstreifen, wo die Robbenkolonie lebt. Ein beissender Geruch hängt in der Luft – wir schmieren uns Tigerbalsam unter die Nase, um dem Duft etwas entgegenzuwirken, was halbwegs hilft. Abertausende Robben belagern den Strand oder stürzen sich in die Fluten des vorgelagerten Ozeans, veranstalten ein Mordsgezetter. Die Mehrheit der Tiere ist blutjung. Die Pelze der Kleinen glänzen schwarz, grosse dunkle
Kulleraugen blicken uns treuherzig entgegen. Verspielt balgen die putzigen Kerle miteinander, purzeln übereinander. Die meisten Jungtiere werden Anfangs Dezember geboren. Bereits kurz darauf verlässt die Robbenmutter ihr Junges, um auf Nahrungssuche ins Meer hinaus zu schwimmen. Die massigen Tiere fressen täglich etwa acht Prozent ihres eigenen Körpergewichts, was bei einem
300 Kilogramm schweren Bullen ein beträchtliches Mahl ausmacht. Die Mutter und das Kleine finden einander durch gegenseitiges Rufen wieder. Kein Wunder, grunzt und quietscht es laut von allen Seiten. Im Sand dösend, liebevoll schmusend, vergnügt herumtollend oder in Kämpfe verwickelt – die Robben bieten uns ein gelungenes Schauspiel, das wir trotz bestialischem Gestank geniessen.
Alles flach, immer geradeaus. Nach einer letzten Fahrstunde verbleiben wir für einen nächtlichen Zwischenstopp in Henties Bay. Im kleinen Ferienort und Anglerparadies herrscht nur an Wochenenden und in den Sommerferien Betrieb, heute wirkt es ausgestorben. Wolkenfetzen kleben am Himmel, Nieselregen setzt ein, Temperaturen lediglich um 18 Grad – das Camperleben wird ungemütlich.
Zwei Tage haben wir das „Nichts“ der Skelettküste erfahren, kaum eine Menschenseele unterwegs getroffen. Ein Abenteuer der einsamen Art, dass seinen eigenen Reiz hat und wir nicht missen möchten. Die letzten 70 Kilometer bis Swakopmund schaffen wir dank Asphalt im Nu. Ein Stück Deutschland am Rande der Wüste. Eine grosse Anzahl von Häusern und Gebäuden sind im Jugendstil erbaut, der während der Kolonialzeit beliebt war. Noch hüllt ein grauer Nebel die Dächer ein, aber oft lichtet
sich die Wolkendecke bis mittags, was auch heute zu unserer Freude der Fall ist. Gemütliche kleine Cafés säumen die Gassen, es herrscht eine deutsche Atmosphäre. Hier geht es beschaulich zu und her, ausser während den Sommerferien zu Weihnachten ist es völlig überlaufen. Dann findet sich kaum ein freies Zimmer, noch einen verfügbaren Campingstellplatz. Das kleine Städtchen am Meer wird innig geliebt wegen des frischen Klimas.
Uns ist grundsätzlich weder nach Stadt, noch nach deutscher Luft zumute, aber nach einigen Wochen draussen in der Natur, gibt es eine Menge zu erledigen: Wäsche waschen, Pneu flicken, Lebensmittel aufstocken, Nationalpark-Permit einholen und alle Läden mit Fotoausrüstung abklappern. Roland ist leider mit seiner neuen Spiegelreflex-Kamera, die er in Windhoek erstanden hat, nicht wirklich happy. Die Farben kommen auf den Bildern nicht schön zur Geltung, oder zumindest nicht so, wie es ihm gefällt und er es von seinem alten, defekten Fotoapparat gewohnt ist. Aber es scheint aussichtslos, ein passendes Objektiv für die alte Kamera zu ergattern…
Hallo ihr zwei Weltenbummler
bin am heutigen verregneten Sonntag gerne mit euch mitgereist und habe die tollen Bilder und spannenden Texte gelesen. Hoffe euch geht es gut, mit möglichst wenigen Plattfüssen. Ist immer toll wenn man mit zwei Autos reisen kann, das gibt einem mehr Sicherheit. Ich wünsche euch eine tolle Weiterfahrt und freue mich auf die nächsten Berichte und Fotos. Ich bin wohl kein Profi, aber die Bilder sind doch super – weiss gar nicht, was die neue Kamera nicht macht…
Alles Liebe und bis bald.
Hallo Heidi
Vielen Dank – schön von dir zu lesen. Hoffentlich geht es dir gut. Ja, das stimmt, man fühlt sich in abgelegenen Gebieten schon sicherer mit zwei Fahrzeugen. Zwischenzeitlich hatten wir wieder einen Platten, ein langer Nagel war schuld. Vorgestern hatten wir den Camper in Kasane abgegeben und sind nun autolos, was sich komisch anfühlt nach so langer Zeit. Wegen den Fotos… Auf dem Blog siehst du eben nur die besten der besten. Die Schärfe und Farbtöne der Bilder sind leider oft unbefriedigend.
Nun wünschen wir dir auch eine gute Zeit, hoffentlich ohne gruusiges Winterwetter.
Liebe Grüsse
Christine & Roland