Sandstrände am Malawisee
Malawi ist ein Binnenland, verfügt jedoch über einen riesigen See, welcher 570 Kilometer lang und durchschnittlich 50 Kilometer breit ist. Es ist der drittgrösste See Afrikas, welcher rund 20 Prozent des Landes einnimmt. Bekannt für seine artenreiche Fischwelt liegt das Gewässer rund 500 Meter über Meereshöhe. Der Malawisee – unser nächstes Ziel.
Der Wecker reisst uns aus dem Schlaf. Die Reise von Zomba an den Malawisee möchten wir frühmorgens in Angriff nehmen, um nicht erst wieder bei Dunkelheit anzukommen. Über eine halbe Stunde büssen wir schon im Hotel beim Warten auf ein Taxi ein. Endlich am Busbahnhof, sehnen wir die Abfahrt herbei, denn um unser Sitzleder ist es auf den harten Bänken schnell geschehen. Aber die Minibusse fahren nach keinem Fahrplan, sondern legen los, sobald sie voll sind. Voll heisst nicht, dass jeder Platz einmal belegt ist, sondern es wird reingequetscht, was das Zeug hält. Eine Sitzreihe ist für drei Passagiere schon knapp, aber mit Stopfen passen auch vier oder mehr rein. Es bleiben kaum ein paar Zentimeter, um sich zu bewegen. Immer wieder halten wir an – Leute steigen aus und ein. Wir passieren etliche Kontrollpunkte der Polizei, was jedoch kontrolliert wird, bleibt uns ein Rätsel. Später erfahren wir, dass wegen Überladen des Vehikels jeweils ein Schmiergeld fliesst…
Nach drei Stunden Fahrt in Richtung Norden erreichen wir Mangochi. Uns wurde versichert, hier nicht umsteigen zu müssen, aber unser Gefährt hat es sich wohl anders überlegt und fährt nicht mehr weiter. Wir werden vom Busjungen auf einen anderen Minibus verfrachtet und müssen mit den hintersten, engsten Plätzen Vorlieb nehmen – unsere Knie reichen fast bis zum Kinn. Glück im Unglück. So realisiert Roland immerhin – als Einziger! – dass während der Fahrt Gepäckstücke, darunter sein Rucksack, auf die Fahrbahn plumpsen. Der Kofferraum ist natürlich auch überfüllt, der Deckel schliesst nicht mehr richtig und wurde nur behelfsmässig mit einem Seil festgebunden.
Wir sind erleichtert, nach einer weiteren Fahrstunde in Monkey Bay anzukommen und unsere Beine ausstrecken zu können. Und jetzt, wie weiter? Unser Ziel, Cape Maclear, liegt noch knapp 20 Kilometer entfernt. Dahin fahren keine Busse, nur ab und zu ein Truck – jetzt aber nicht. Ausgehungert trinken wir erst in aller Ruhe eine Cola und schauen, was passiert. Bald sind wir in ein Gespräch mit dem Getränkeverkäufer verwickelt, welcher uns ein Taxi organisieren kann. Auf der Ladefläche eines Pick-ups holpern wir entlang einer hügeligen Felslandschaft unserem Ziel entgegen.
Unsere Lodge der Wahl ist ausgebucht. So viele Weisse – ein ungewohntes Bild. Die meisten sind keine Reisenden wie wir, sondern junge Volontäre, die das Wochenende in Cape Maclear verbringen. Sie engagieren sich für eines der vielen Sozialprojekte – Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es gibt jedoch zahlreiche Unterkünfte, die alle unmittelbar am See liegen und so finden wir bald eine andere sympathische Bleibe. Am Sandstrand laden ein paar Liegestühle zum Verweilen ein. Der Blick fällt auf die vorgelagerten Inseln und den blau schimmernden See. Sanft schlagen die Wellen am Ufer auf. Wir lauschen dem beruhigen Plätschern und saugen die friedliche Stimmung in uns auf. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl hier – es geht uns gut.
Die Nacht ist drückend heiss, im Zimmer herrschen über 30 Grad. Wir schlafen schlecht, kommen morgens kaum aus den Federn. Aber egal, der Himmel ist sowieso grau vergangen, lautes Donnergrollen ertönt. Schon bald macht sich jedoch die Sonne breit und einem Schnorchelausflug scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Kaum sitzen wir im Boot, ziehen wieder Wolken auf – kaum schwimmen wir im Wasser, prasselt Regen auf uns herab. Das Nass von unten ist wärmer wie das Nass von oben. Der See ist glasklar, viele kleine bunte Fische tummeln sich vor unseren Tauchmasken – ein grosses Aquarium.
Währenddessen wir die felsige Unterwasserwelt betrachten, kocht unser Guide auf der Insel ein Mittagessen über dem Feuer. Der frische Fisch und das knusprige Hühnchen munden uns ausgezeichnet. Wir unterhalten uns bestens mit Lisa und Bryan aus Kanada, die seit ein paar Jahren in Afrika leben. Die beiden arbeiten unermüdlich in Hilfsprojekten in Zambia und Malawi, wo sie den Sinn ihres zukünftigen Lebens sehen. Es ist spannend, was sie uns über die Menschen und deren Lebensweise vermitteln können, erfahren wir doch einiges über die uns so fremde afrikanische Kultur.
Die weiteren Tage verbringen wir mit ausgedehnten Strandspaziergängen. Lodges wechseln sich mit einfachen Häusern der lokalen Bevölkerung ab. Wir schlendern dem grobkörnigen, teilweise etwas schmutzigen Sandstrand entlang. Am Wasser nimmt das Leben der Einheimischen seinen Lauf – es ist Waschküche, Abwaschbecken, Badezimmer und Fischtheke zugleich.
In grossen runden Plastikbecken wird Wäsche und Geschirr gründlich gereinigt, während daneben die Kinder planschen. Grosszügig seifen sich die Frauen nach getaner Arbeit selber ein, schrubben sich gründlich und kehren mit der sauberen Ware auf dem Kopf wieder heim. Die Welt der Männer ist die Fischerei – Boote, Einbäume sowie grosse Netze liegen am Strand. Auf langen Bastmatten sind kleine, silbrig glänzende Fische zum Trocknen ausgelegt – man riecht es schon von weitem…
“Hello, hello!”, ruft man uns winkend zu. Dazu gesellt sich oft ein freundliches “How are you?” oder “Muzungu”, die Bezeichnung für eine weisse Person. Ein halbes Dutzend Kinder springt uns übermütig entgegen, fasst sofort unsere Hände. Die süssen Kleinen hängen mir am Rockzipfel, kleben ebenso an Roland. Immer wieder hebt eines der neugierigen Kinder mein T-Shirt an, fährt mir sanft über den Bauch. Sie staunen über die weisse Haut, berühren auch ohne Hemmungen meine Brüste. Als “Grossfamilie” spazieren wir weiter.
Unermüdlich plappern die Kinder auf uns ein – wir verstehen natürlich kein Wort. Was denken sie wohl über uns? Nach einer Weile wagen wir es, ein paar Fotos zu knipsen. Wir stellen fest, dass es die Kinder, im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sich nur ungern ablichten lassen, mögen. Lauthals prusten sie los, wenn sie sich im Display der Kamera wiedererkennen. Eine wahre Freude – für sie, wie für uns.
Zurück im nahegelegenen Monkey Bay quartieren wir uns für zwei Nächte in einem Backpackers ein. Der kleine Ort liegt auch am Malawisee, die Unterkunft etwas ausserhalb in einer grossen Bucht. “Welcome”, begrüsst uns Sam, der Manager, mit einem freundlichen Händeschütteln. Er zeigt uns verschiedene Zimmer und die entsprechende Preisliste. Unsere Wahl fällt auf ein Chalet, das direkt über dem breiten Sandstrand thront, von wo
sich ein wunderbarer Blick auf den See bietet. Am Horizont ist kein Land in Sicht, das Gewässer mutet wie ein Ozean an. Ohne nach einem Rabatt zu fragen, gewährt uns Sam eine Nebensaisonreduktion von 50 Prozent auf den ohnehin schon fairen Preis – wir verstehen die Welt nicht mehr. Der kleine, muskulöse Afrikaner mit den Rastalocken ist sehr herzlich, aber kein guter Geschäftsmann. So kommen wir für einmal günstig weg…
Ein langer Fussmarsch führt uns an einfachen Hütten und beissenden Fischdüften vorbei ins Dorf. Geldnachschub ist nötig, aber es gibt kein Strom und so funktioniert auch der Bankomat nicht. Wir entscheiden uns fürs Warten – wer weiss was morgen ist? Nach einer guten Stunde ist es dann soweit und wir füllen in acht Etappen eine Tüte mit 320 Geldscheinen – die grösste Note, 1000 Kwacha, ist nur ein guter Dollar wert. Uns entlockt die Situation von neuem ein Schmunzeln. Doch nun sind wir gewappnet für die nächsten Tage, denn Geldautomaten gibt es weder an jeder Ecke, noch ist das Funktionieren gewährleistet. Nach unserem Auftritt geht nämlich auch nichts mehr, ein weiterer Bezug scheiterte. Der Automat hat sich mit dem Notenzählen verhaspelt und spuckt nun statt Geld nur noch eine Fehlermeldung aus…
Die nächste Mission ist der Ticketkauf für unsere Weiterreise mit der Fähre auf dem Malawisee, welche sich als unerwartet einfach entpuppt. Keine Schlepper, kein Gedränge, niemand quatscht auf uns ein – alles ist ruhig und entspannt. Im Handumdrehen ist die Reservation für eine Kabine getätigt sowie der Fahrschein erstanden. Etwas Proviant einkaufen gestaltet sich schon als schwierigeres Unterfangen. Der einzige Supermarkt im Ort existiert nicht mehr, die kleinen Shops verkaufen nicht viel mehr als Biskuits und Chips. Wir lechzen nach saftigen Früchten, finden aber nur Bananen. Auf die Nachfrage, wo wir welche kaufen können, ernten wir nur ein Kopfschütteln – gebe es nicht. Die Jahreszeit oder auch die schlechte Regenzeit wird schuld daran sein… Umso mehr leuchten unsere Augen, als uns Sam mit dem Nachtessen eine Schale mit frischen Ananas und Papayas serviert. Welch ein Genuss – wo er die Früchtchen wohl her hat?
Ein ganz toller und interessanter Bericht. Dazu illustriert mit wunderbaren Fotos. Erinnerungen als muzungu in Afrika auch für mich.
Gruss Gallus
Herzlichen Dank für deinen Kommentar, Gallus!
Liebe Grüsse von Christine & Roland