Schluchtenwunder Karijini
In Windeseile ist unser Tisch mit rotem Staub gezuckert, kräftige Böen stossen beinahe unsere Kaffeetasse um. Für die kommenden zwei Nächte haben wir uns auf dem grosszügig angelegten Campingplatz im Osten des Karijini Nationalparks häuslich eingerichtet. Im Herzen der Pilbara, auf einer Höhe von knapp 700 Metern gelegen, stellen wir uns auf eine winterlich kühle Nacht ein. Während in der wüstenhaften Tropenregion das Thermometer in der Regenzeit bis über 40 Grad klettert, sind die trockenen Wintermonate zwar durchaus erträglicher, dafür herrschen nachts manchmal nur noch wenige Plusgrade. Der heutige Temperatursturz hält sich glücklicherweise in Grenzen, doch der frühe Morgen grüsst bedeckt. Es dauert aber nicht lange, bis die Biese sämtliche Wolken energisch zur Seite wischt…
Die Wanderschuhe geschnürt, marschieren wir unmittelbar vom Campingplatz los – praktischerweise können wir unser rollendes Daheim heute ruhen lassen. Steil fallen die Felswände der Dales Gorge ab, über Stufen steigen wir flink in die Tiefe. Die entzückenden Fortescue Falls ergiessen sich über eine wie mit Bauklötzen errichtete
Treppenlandschaft. Die Fälle werden von einer Quelle gespeist und lassen daher das ganze Jahr hindurch Wasser über die malerischen Terrassen plätschern. Dahinter verläuft ein schattiger Weg zum Fern Pool. Vom Baumfarnen und Papierrindenbäumen umgeben, liegt das Badebecken idyllisch. Ein Schwarm weisser Papageie durchbricht zwitschernd die morgendliche Stille.
Stromabwärts führt ein Weg dem Fluss entlang durch die rotbraune Schlucht, deren verwitterte Felsformationen sich hin und wieder auf der glatten Wasseroberfläche spiegeln. Noch sind wenige Leute auf Wanderschaft und es ist ungemein friedlich. Am Ende der Dales Gorge erwartet uns der eisige Circular Pool, doch trotz strahlender Sonne lässt uns das runde Nass kalt. Den Schluchtenrand wieder erklommen, spazieren wir der Abbruchkante entlang, wo sich imposante Tiefblicke offenbaren. Über einen blühenden Wildblumenteppich in allerlei Farben, beschliessen wir nachmittags befriedigt die fantastische Rundwanderung.
Steinalt und geologisch interessant, liegt die Pilbara mit der bis über 1200 Meter hohen Hamersley Range im Nordwesten von Western Australia. Von den Ureinwohnern erhielt der 300 Kilometer lange Gebirgszug einst den Namen Karijini – ein Teil dessen umfasst heute der gleichnamige Nationalpark. Über Jahrmillionen haben Flüsse imposante Einschnitte in das Felsmassiv geschliffen.
Bis zu 150 Meter tief, durchziehen sie das mit Wüstengras und Eukalyptusbäumen bewachsene Plateau der Range. Jede Schlucht ist einzigartig und hat im Laufe der Zeit ihren eigenen Charakter herausgebildet. Das Gestein zählt zu den ältesten der Welt und das darin enthaltene Eisen verleiht dem Fels seine rote Farbe. Der riesige Karijini Nationalpark ist etwa so gross wie der Kanton Bern – touristisch zugänglich ist jedoch nur die nördliche Hälfte…
Ein neuer Tag, drei neue Felsspalten. Auf einer ruppigen Waschbrettpiste scheppern wir der Kalamina Gorge entgegen. Die breite Schlucht ist niedrig und leicht zugänglich, der Abstieg nur wie in den Keller. Über grosse Felsplatten und erodierte Naturstufen flanieren wir wie auf Gehsteigen an reizenden Wasserstellen vorbei, bis wir schlussendlich am trüben Rock Arch Pool enden. Der Felsbogen markiert das Ende des Wegs, wir gönnen uns eine wohlverdiente Verschnaufpause.
Wieder auf Schotterfahrt, klafft mittags die Joffre Gorge unter uns auf. Aus der Höhe einen Überblick gewonnen, wagen wir uns in den Abgrund. Über mächtige Felsbrocken kraxeln wir steil hinunter und schaffen uns händeklammernd der aufragenden Schluchtenwand entlang, bis wir am Fusse der eindrücklichen Joffre Falls stehen. In das immer im Schatten liegende Wasserbecken, gurgelt jetzt in der Trockenzeit zwar nur noch ein spärliches Rinnsal.
Die Knox Gorge, die letzte und bezauberndste der heutigen Kluften, liegt nur einen Katzensprung entfernt. Über loses Gestein stiefeln wir vorsichtig in die schier bodenlose Tiefe. Ein markierter Weg schleust uns über aalglatt geschliffene Felsterrassen an Feigenbäumen vorbei. Von der sich stets verengenden Schlucht bleibt letztendlich nur noch ein schmaler Einriss übrig, der das Weitergehen abrupt verwehrt. Ehrfurchtsvoll gleitet unser Blick den grauroten Steilwänden empor, die uns Winzlinge umarmen. Keine weitere Menschenseele weilt hier unten, wir würdigen das rote Schluchtenwunder in einsamem Frieden.
Der Campingplatz im westlichen Teil des Karijini wird nicht vom Nationalpark verwaltet, sondern ist in privaten Händen und einem Touristenresort angegliedert. Wir wohnen inmitten blühender Wildblumen, weissstämmigen Eukalyptusbäumen und riesigen Termitenhügeln. Neckische Wattebäusche kleben am Himmel und sorgen für eine wuchtige Abendstimmung. Nur die Infrastruktur lässt für den stolzen Preis zu wünschen übrig – schnulzige Live-Musik hingegen beschallt uns umsonst.
Mit den ersten Sonnenstrahlen hüpfen wir aus den Federn, gespannt auf die unweit entfernte Hancock Gorge. Nach einem fast senkrechten Abstieg, teils über Leitersprossen, folgen wir beschwingt dem noch schattig kühlen Schluchtenverlauf. Manchmal scheint es nicht mehr weiterzugehen, erst als wir hautnah vor dem vermeinten Hindernis stehen, ist wieder ein Durchkommen auszumachen.
Hoch über dem Wasser auf rutschigen Felskanten balancierend, gilt es ein paar knifflige Stellen zu überwinden. Plötzlich inmitten rötlicher Felswände gefangen, wähnen wir uns wie in einem Amphitheater. Die Schlucht zieht sich zusammen, uns erwartet der ungewöhnliche „Spider Walk“. Vor uns glänzen Felsen in verschiedensten Farbnuancen, unter uns lauert Wasser. Mit sämtlichen „Beinen“ bewegen wir uns wie eine
Spinne fort – stemmen mit den Armen kraftvoll, falls unsere Schuhe auf den glitschigen Steinen abrutschen. Geschafft, unser Herz macht einen Freudensprung. Vor unseren Augen ein fabelhafter Pool, nun geht es keinen Schritt mehr weiter, zu gefährlich und abgesperrt.
Erst auf dem Rückweg kommen uns die ersten Leute entgegen. Das Kreuzen ist schwierig, gut dass wir die allerersten waren. Wieder hinaus aus den grandiosen Untiefen der Hancock Gorge, macht sich beim himmelhochjauchzenden Aufstieg etwas Muskelkater bemerkbar. Mittlerweile sind unsere Beine offenbar vielmehr an den Autositz, wie an einen Wanderweg gewohnt. Von der nahen Aussichtsplattform schweift
unser Blick über ein spektakuläres Schluchtenlabyrinth und bis in 100 Meter Tiefe. Unter uns vereinen sich vier schmale Felseinschnitte – kaum glaubhaft, was die jahrelange Erosion hier geschaffen hat.
Der Abstieg in die Weano Gorge ist nur kurz, bald stehen wir vor einem Wasserloch, wo es nur noch barfuss mit Kneippen weitergeht. Nach wenigen Metern die Felskluft sagenhaft
schmal, tappen wir durch einen Wasserlauf bis hinunter zum Handrail Pool. Wie es der Name sagt, können wir uns an einem Metallgeländer festklammern, um das letzte Stück des Abstiegs problemlos zu meistern. Um das kreisrunde, von hohen Felswänden eingefasste Wasserbecken, machen wir einen Bogen, nur Wagemutige stürzen sich ins eiskalte Loch. Auch ohne Badespass überzieht bereits eine Gänsehaut meine ausgekühlten Beine – kein wärmender Sonnenstrahl vermag über die hohe Weano Gorge zu blinzeln.
Der Karijini Nationalpark birgt nicht nur tiefe dunkle Schluchten, sondern auch die höchsten Berge von Westaustralien. Ein kurzer Abstecher gewährt uns einen Augenschein auf den wohlgeformten Mount Bruce, der mit 1235 Meter zweithöchste Gipfel. Die nachmittägliche Hitze zu gross und unsere Kräfte schon verschwendet, sehen wir von der anstrengenden Besteigung ab. Diese Entscheidung blitzschnell gefällt, sind wir hingegen wegen einer weiteren Felsschlucht ziemlich unschlüssig. Schon zahlreiche Spalten und Abgründe erkundet, fragen wir uns, ob sich der Umweg lohnt. Doch was sind in Australien schon 70 lächerliche Kilometer?
Unseren Entscheid bereuen wir keine Sekunde. Die Hamersley Gorge in der nordwestlichen Ecke des Nationalparks ist unverwechselbar und schlichtweg der Hammer.
Vom Aussichtspunkt am oberen Rande kommen wir aus dem Staunen kaum mehr heraus, die Felswand uns gegenüber trumpft wie ein Kunstwerk auf. Durch die Kräfte der Natur wurde das Gestein vor Urzeiten zusammengedrückt und gefaltet, wellenartige Strukturen in Stein gemeisselt. Im warmen Licht der Nachmittagssonne schimmern die schichtweisen Ablagerungen in sämtlichen Farbschattierungen – von weiss bis rot und braun bis grau. Tief beeindruckt klettern wir hinab zum grossen Wasserpool, um den sich liebevoll Felsriesen schmiegen. Überwältigt setzen wir uns eine Weile, um die berauschende Kulisse auch aus dieser Perspektive zu bewundern.
Unweit der Hamersley Gorge wartet ein Übernachtungsplatz auf, zwar ohne jeglichen Einrichtungen, dafür mit umso mehr Weitblick in die Natur. Wunderbar inmitten zartgrünem Spinifex-Gras gelegen, zieht am Horizont die Hamersley Range ihren gebirgigen Streifen. Mit froher Aussicht auf die roten Felskämme genehmigen wir uns ein kühles Bier, knabbern pikante Chips, und fragen uns ernsthaft, warum wir an diesem stimmungsvollen Ort wohl allein sind. Dagegen einzuwenden haben wir nichts, im Gegenteil. Doch der Platz ist nicht etwa ein Geheimtipp, sondern ganz offiziell im hilfreichen WikiCamp-App vermerkt. Zu später Stunde, als wir bereits an unsere Ruhe glaubten, tauchen aus der Dunkelheit unverhofft doch noch zwei Fahrzeuge voll Plappermäuler auf…
Eisenbahngleise kreuzen die Schotterpiste, sinkende Barrieren unterbrechen unsere staubige Fahrt. Ein Hornen durchschneidet die Luft, das Timing könnte perfekter nicht sein. Der Zug bereits im Vollrausch, als Roland mit der Kamera bewaffnet aus dem Auto stürmt. Ein ratterndes Spektakel. Mit über 200 Wagons und bis zu vier Lokomotiven sind die firmeneigenen Güterzüge der umliegenden Minen bis über zwei Kilometer lang. Tonnenschwer mit Eisenerz beladen, rollen sie nordwärts zur Küste an die noch meilenweit entfernten Verladehäfen.
„Top Town of WA“, begrüsst uns ein Schild am Ortseingang. Tom Price, 747 Meter über dem Meeresspiegel, ist der höchstgelegene Ort in Western Australia. Das überschaubare Städtchen beherbergt nur wenige tausend Einwohner und wurde in den 1960er-Jahren von Bergbauunternehmen gegründet. Einmal unserer Vehikel geparkt, findet sich alles Nötige in Gehdistanz an der Hauptstrasse.
Nur ein ausgedientes Minenfahrzeug macht im Abseits auf sich aufmerksam. Wie Zwerge wirken wir neben dem Monster, dessen Reifen bereits einen Durchmesser von drei Metern aufweisen. Die Höhe sechs, die Breite sieben und die Länge zwölf Meter, beeindrucken die restlichen Körpermasse nicht weniger. Das Leergewicht bringt bereits 100 Tonnen auf die Waage, der immense Tank fasst unglaubliche 3000 Liter.
Hoch hinaus auf den Mount Nameless – was für ein Name. Die steinige Zufahrtspiste ist nur in einem Allradfahrzeug zu meistern. Steil bergan krabbeln wir im untersetzten Geländegang. Den Gipfel im Schneckentempo erlangt, thronen wir auf 1128 Metern. Das 360-Grad-Panorama gibt nebst dem Ausblick auf die gebirgige Umgebung auch einen Einblick in die gewaltige offene Eisenerzmine. Der grösste Arbeitgeber der
Kleinstadt ist die weltweit tätige Bergbaugesellschaft Rio Tinto, welche in der Pilbara noch etliche weitere Minen betreibt. Die Region ist mit verschiedenen Mineralien reich gesegnet – die starke Nachfrage nach Rohstoffen ist verantwortlich für den Wohlstand von Tom Price sowie Westaustralien. Auch uns geht es gut, wir können nicht klagen, bescheren uns die höheren Gefilde sogar eine Tropenacht wider Erwarten…
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