Schneeberge in Tehran
Die Hauptstadt, welche von verstopften Strassen und Luftverschmutzung geplagt ist, zählt rund 14 Millionen Einwohner. Die wuchernde Metropole erstreckt sich auf einer Höhe zwischen 1200 und 1800 Metern – von der Wüste im Süden bis ans Alborz-Gebirge im Norden. Im südlichen Teil wohnen die unteren Bevölkerungsschichten, nördlich davon, wo die Luft vergleichsweise besser und es im Sommer kühler ist, breiten sich die Viertel der Mittel- und Oberklasse aus. Den Reiz des alten Orients sucht man im heutigen Tehran vergebens, nur wenige historische Bauten haben die Modernisierung überlebt…
Auf die Minute pünktlich fährt unser Zug aus Yazd im Bahnhof von Tehran ein. Eine angenehme Fahrt durch eine wüstenhafte Landschaft liegt hinter uns. Die 630 Kilometer lange Strecke bewältigte der Zug in nur fünfeinhalb Stunden, mit Spitzengeschwindigkeiten von rasanten 150 Stundenkilometern… Das Taxi kämpft sich durch den dichten Abendverkehr an unsere Hoteladresse im Süden der Stadt. Hier finden sich einige Budget-Hotels, je weiter nördlich man gelangt, desto besser fällt der Standard der Unterkünfte aus. Umgeben von unzähligen Läden mit Autozubehör und Ersatzteilen, weit entfernt von Restaurants und Cafés, lassen wir uns hier für die nächsten vier Nächte nieder.
Der Bahnsteig der Metro ist dicht bevölkert – es ist kurz nach acht Uhr in der Früh. Die U-Bahn fährt ein, wir trauen unseren Augen kaum. Die Wagons sind bereits masslos überfüllt, wie sollen wir alle noch da reinpassen? Es wird gedrängt und geschupst, dann ein heftiger Stoss von hinten und schwups, drin sind wir. Eng aneinandergedrückt, wie in einer Sardinenbüchse, umfallen kann keiner. Ich bin die einzige Frau weit und breit, umringt von Männern und fühle mich fehl am Platz. Fast alle weiblichen Passagiere reisen in den separaten Frauen-Wagen am Anfang und am Ende des Zuges und nicht in den gemischten Abteilen. Es dauert aber nur einen Augenblick und freundlich wird mir – auch bei allen späteren Fahrten – ein Sitzplatz angeboten. Die Menschen hier sind unheimlich gütig…
Viele Berufspendler sind unterwegs, die wohl täglich eingepfercht zur Arbeit fahren müssen. Ein paar Stationen weiter, kaum gibt es kleine Lücken, quetschen sich sogar hartnäckig Verkäufer durch die Menschenmenge und preisen ihren Kram an – unglaublich. Die Fahrt mit der Metro ist sehr günstig. Die Rückfahrkarte kostet lediglich 30 Rappen, egal wieviele Stationen man zurücklegt. Da die gesamte Strecke unter dem Boden verläuft, können wir uns leider kein Bild von der riesigen Stadt machen. Nach einer halben Stunde erreichen wir Tajrish, die Endstation im Norden. Ohne es zu merken, bewältigt die Metro einen Höhenunterschied von 400 Metern. Wieder an der frischen Luft, nehmen wir leicht kühlere Temperaturen wahr. Erstmals lassen sich auch die Berge blicken, teilweise noch immer schneebedeckt…
Wir hetzen durch die Strassen, sind auf dem Weg zur Turkmenischen Botschaft. Immer wieder ein Blick aufs Navi – endlich sind wir da. Ein paar Männer stehen vor dem Gebäude und warten. “Wann öffnet die Botschaft?”, erkundigt sich Roland. “Um neun”, schmunzelt einer der Herren. Ein Blick auf die Uhr – es ist bereits halb zehn. Wird die Botschaft heute überhaupt öffnen? Wir haben ein schlechtes Gefühl, da heute ein turkmenischer Feiertag ist, aber ein Versuch ist es uns wert. Und dann, nach einer Weile öffnet ein kleiner Holzladen und ein Beamter streckt den Kopf heraus. Wir erhalten die gewünschten Antragsformulare für ein Transit-Visum, welches wir auf dem Konsulat in Mashhad, der Stadt nahe der Grenze, abholen möchten. Uff, geschafft für heute – nun hoffen wir fest, das Visum nächste Woche zu erhalten!
Wir schnappen uns ein Taxi und lassen uns an den Fuss der Berge chauffieren. Die Strassen sind verstopft, die eigentlich kurze Fahrt zieht sich in die Länge. Der ortskundige Fahrer wählt zwar geschickt Nebenstrassen, aber trotzdem stecken wir immer wieder im Verkehrschaos fest. Endlich das Ziel erreicht, geht es zu Fuss weiter. Darband ist ein Naherholungsgebiet für Tehranis. Der Weg zieht sich in einem Tal entlang hoch und ist gesäumt von zahlreichen Verkaufsständen und Teehäusern, deren traditionellen Sitzgestelle im rauschenden Bachbett oder auf Terrassen stehen. Das Ausflugsziel ist bliebt, insbesondere junge Leute schätzen die relative Freiheit der Berge. Etwas versteckt auf einem Mäuerchen sitzt ein Paar, die Frau ohne Kopftuch – wie hübsch sie ist. Ein eigentlich ganz normaler, aber hier sehr ungewohnter Anblick. Was uns eigentlich bewusst ist, wird uns nun klar vor Augen geführt – im Iran bekommen wir leider keine einzige Frau so richtig zu Gesicht…
Endlich nimmt diese gepflasterte Verpflegungsstrasse ein Ende und ein richtiger Wanderweg beginnt – yuppee, wir sind in den Bergen! Steil führt der Pfad bergan, bringt uns schnell ins Schwitzen. Es sind kaum Leute unterwegs, so wage auch ich es, das wärmende Kopftuch zu verbannen – ist das eine Wohltat. Je höher wir kommen, desto abgeschiedener offenbart sich die Bergwelt. Blicken wir zurück, bietet sich ein weiter Blick über die Dächer der sich unter uns ausbreitenden Millionenstadt. Zeit für eine Verschnaufpause – wir geniessen die grünen, gebirgigen Ausläufer des Alborz und die saubere Luft in vollen Zügen.
Den heutigen Tag verbringen wir zu Fuss im Süden der Stadt. Die Blechlawine nimmt kein Ende. Wie sollen wir es hier jemals über die Strasse schaffen? Für Fussgänger gibt es wenige Lichtsignale, Zebrastreifen werden kaum beachtet. Das Beste ist, die Strasse im “Schatten” eines Einheimischen zu überqueren. Aber wenn keiner da ist? Ein Motorradfahrer am Strassenrand zeigt Mitleid, fuchtelt wild mit seinen Armen, hält die rasenden Autos an. Dankbar huschen wir auf die andere Seite… Bald trauen wir uns mehr zu und spazieren mutig darauf los, so wie es die Leute hier handhaben. Der Verkehr rollt aber weiter, schlängelt sich rasend um uns herum. An die Fahrspuren hält sich sowieso keiner, jede Lücke wird genutzt, jeder Zentimeter ausgelotst – Chaos pur. Doch es scheint zu funktionieren, auch wenn wir den Fahrstil der Iraner als ziemlich wagemutig einschätzen.
Der lebendige Bazar ist architektonisch reizlos, aber einer der grössten des Mittleren Ostens. Früher bildete er das Stadtzentrum, heute gibt es im ausgedehnten Gewusel von Haupt- und Nebengassen alles zu erstehen, was das Herz begehrt. Es ist kein Touristenbazar, die Menschen kaufen hier für ihr tägliches Leben ein. Kaum einen Fuss hineingesetzt, sind wir verloren, lassen uns eine Weile treiben. Es ist laut und hektisch, Verkäufer schreien um die
Wette. Schlussendlich landen wir in der Khomeini-Moschee, die mitten im Bazar liegt. Es ist ein Kommen und Gehen, Gläubige absolvieren ihr Mittagsgebet. 99% aller Iraner sind Muslime. Es gibt drei tägliche Pflichtgebete – vor Sonnenaufgang, mittags und bei Sonnenuntergang. Iran ist das einzige Land der Welt, in dem der schiitische Islam zur Staatsreligion ernannt wurde – der offizielle Staatsname lautet: Islamische Republik Iran.
Gleich über die Strasse liegt der Golestan-Palast. Die riesige Palastanlage umfasst verschiedene historische Bauten, die um einen gepflegten Park liegen. Die Fassaden schmücken wunderschöne persische Blumen- und Mosaikmuster, in grossen Räumen prunken dekorative Reliefs und glitzern Spiegelkunstwerke. “Woher kommt ihr?”, spricht uns ein Herr in perfektem Deutsch an. Der Iraner lebt seit Jahren in Deutschland. Weil seine Nichte geheiratet hat, ist er nun zu Besuch in Persien, seiner alten Heimat. Er ist sehr offen, wir plaudern und später zeigt er uns sogar Fotos der Hochzeit. “Alle Frauen ohne Kopftuch?”, fragt Roland erstaunt. “Ja, ein Fest wie bei uns in Europa”, klärt der sympathische Mann uns lachend auf, “ohne Schleier und mit Alkohol”… Eindrücklich, gewisse Iraner scheinen ein Leben vor und ein anderes hinter der verschlossenen Haustüre zu führen – sie haben recht.
An unserem letzten Tag zieht es uns nochmals in die Berge im Norden. Nach einer zweistündigen Anreise – zu Fuss, Metro und Taxi – schweben wir mit der Gondelbahn von Velenjak auf rund 1900 Metern in die Höhe. Der Tochal ist der Hausberg von Tehran und 3964 Meter hoch. Es gibt verschiedene Seilbahnstrecken, die höchste Station liegt auf 3800 Metern. Oben liegt noch Schnee, die Berghänge sind sogar frisch gezuckert. Im Winter dient die Region als Skigebiet, aber auch heute – unten in der Stadt ist es 30 Grad heiss – sind ein paar Angefressene mit den Latten unterwegs. Wir erreichen die mittlere Bergstation auf knapp 3000 Metern, noch ist es etwas wolkenverhangen. Unter uns die Megastadt, über uns die Schneeberge.
Wir wandern bergan, die dünne Luft lässt uns schnell ausser Atem geraten. Es ist kalt, ein bissiger Wind weht – das erste Mal bin ich dankbar für das Kopftuch! Endlich zeigt sich die Sonne, die Wolken weichen, der Himmel strahlt tiefblau. Immer näher gelangen wir an die weissen Gipfel, mittlerweile liegt auch auf dem Wanderweg noch Schnee. Wir schaffen es bis rund 3500 Meter, dann ist der Weg zugeschneit und auch ist es Zeit umzukehren, damit wir die letzte Seilbahn ins Tal noch rechtzeitig erwischen. Ein wunderbarer Tag – nicht dass wir den Winter oder den Schnee vermisst hätten, aber ein Tag wie dieser mit Bewegung an der frischen Bergluft tut gut. Und die Schneeberge geben ein fantastisches Bild ab…
Kommentare
Schneeberge in Tehran — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>