Schneegipfel und Gletscherspalten
„Und, sag schon, wie war es?“, sprudelt es erwartungsvoll aus mir heraus, denn aus dem schmunzelnden Gesicht des Passagiers ist wenig abzulesen. „Doch, der Rundflug war eindrücklich“, antwortet Roland behutsam, „aber beim Skifahren in den Bergen ist eigentlich fast ebenso viel zu sehen. Klar, das schneeweisse Alpenpanorama fesselte mich, aber leider kamen wir nicht so nah
an die vereiste Gletscherlandschaft mit den hohen Schneeriesen ran. Der Pilot zog keine spektakulären Schleifen, steuerte den Heli wohl mangels Zeit geradeaus den Höhepunkten entgegen…“ Der Mount Cook ist mit einer Höhe von 3724 Metern der höchste Berg Neuseelands – der Tasman Glacier mit einer Länge von 29 Kilometern der längste Gletscher landesweit.
Noch eine Stunde zuvor haben wir nicht im Geringsten ans Abheben gedacht. Fasziniert von einem türkisblauen Fluss, folgen wir dem klaren Gewässer und dringen etwas tiefer ins Whataroa Valley ein. Früher Nachmittag, der ausgeschilderte Picknickplatz kommt gerade zur richtigen Zeit. Doch Bänke und Tische suchen wir vergeblich, dafür fallen uns Helikopter ins Auge. Aha, hier werden Alpenrundflüge angeboten. Charmant verwickelt uns ein junger Pilot in ein Gespräch, erkundigt sich nach unserer Reise und hat ein paar nette Tipps für die eisige Region parat. „Oder wie wäre es mit einem Heli-Flug?“, kommt die Frage aller Fragen erstaunlich spät. Er steckt uns eine Broschüre mit den verschiedenen Optionen unter die Nase – die Preise lassen unser Lächeln einfrieren.
Stirnrunzelnd spazieren wir davon und sind uns einig, dass es sich um einen zu grossen Batzen handelt. Unverhofft kommt es anders. Später redet ein fülliger Herr auf uns ein, der bereits zwei Passagiere an der Angel hat. Er offeriert uns den dritten und letzten Sitz für einem Bruchteil des regulären Preises – mit umgerechnet gut 100 Franken ein wahres Schnäppchen.
Roland winkt erst ab, möchte mit mir zusammen abheben. Doch ich mag mich noch lebhaft an den himmelhochjauchzenden Rundflug meiner ersten Neuseelandreise vor 23 Jahren erinnern, und halte gerne an dieser bleibenden Erinnerung fest. „Geh du allein“, versuche ich Roland zu überzeugen. Schlussendlich packt er die günstige Gelegenheit und hebt mit zwei Asiaten für eine halbe Stunde in die Lüfte ab.
Einen Katzensprung weiter südwärts windet sich eine schmale Nebenstrasse zur Küste hinunter. In der ehemaligen Goldgräbersiedlung am Meer leben heute lediglich 30 Menschen. Das niedliche Dörfchen liegt inmitten einer Lagune auf einer Landzunge, begrenzt von der tosenden Tasman Sea, dichtem Regenwald und den schneebedeckten Alpen. Der graue Sandstrand ist mit rund geschliffenen Steinen und Treibholz übersät. Ein bissiger Wind weht uns
entgegen. Der kleine Campingplatz mit Selbstregistration und freier Platzwahl liegt leicht zurückversetzt – wie oft in Neuseeland wird hier an die Ehrlichkeit appelliert und man wirft das entsprechende Geld in eine sogenannte Honesty-Box. Im Verlaufe des Abends wird es immer voller, mehr und mehr Wohnmobile drängen sich in die schmalen Lücken und haufenweise Zelte werden aufgeschlagen – der Spot scheint beliebt zu sein.
Am nächsten Morgen verwöhnt uns die Sonne mit ihrer vollen Kraft und macht uns das Aufstehen angenehm, gewährt uns ein Morgenessen an der frischen Luft. Uns juckt es in den Füssen. Schleunig folgen wir dem ausgeschilderten Wanderweg, der durch den Wald auf einen Hügel ansteigt. Wir sind sprachlos. Der Ausblick über die
Lagune und die Neuseeländischen Alpen ist traumhaft. Die weiss gezuckerte Bergkette präsentiert sich in ihrer vollen Pracht. An klaren Tagen wie diesen stellen sich sogar der mächtige Mount Cook und sein etwas niedrigerer Nachbar, der Mount Tasman – 3498 Meter – unverhüllt zur Show. Tief beeindruckt geniessen wir hier oben einsamen Frieden, unser Herz hopst vor Freude.
Innerhalb weniger Kilometer fällt das Gelände von über 3000 Metern fast auf Meereshöhe ab. Weisse Eiszungen bahnen sich ihren Weg vom Gebirge bis zum Regenwald an der Küste. Gletscher und Urwald – nirgendwo sonst in diesen Breitengraden kommen Eismassen so nah ans Meer… Das Gebiet ist durch die ungeheuren Niederschläge der Westküste geprägt, die mit durchschnittlich sechs Metern im Jahr ausserordentlich hoch
ausfallen. Gemeinsam mit dem extremen Neigungswinkel der Berghänge sind sie für einige am schnellsten wachsenden Gletscher der Welt verantwortlich – sie „fliessen“ zwei bis sieben Meter täglich. Trotzdem kann diese Geschwindigkeit dem Schmelzprozess nicht die Stirn bieten, und die beiden grossen Gletscher – Franz Josef und Fox – haben sich im Verlaufe der Jahrzehnte über mehrere Kilometer zurückgebildet.
Das Geschehen rund um die bekannten Eiszungen konzentriert sich auf zwei gleichnamige Dörfer, die fast gänzlich vom Tourismus leben. Franz Josef, von einem deutschen Naturforscher nach dem damaligen österreichischen Kaiser benannt, erinnert uns an einen Skiort in den heimatlichen Bergen. Ausserhalb des Dorfes führt ein Weg in einer Dreiviertelstunde so nahe an den Gletscher wie momentan möglich – die
Wanderzeit fällt stetig etwas länger aus. Vom Aussichtspunkt auf rund 300 Metern Höhe erblicken wir nur einen winzigen Teil des insgesamt zehn Kilometer langen Eisblocks, sein Schneefeld liegt zwischen 1900 und 2500 Metern hoch. Tiefe Gletscherspalten tun sich vor uns auf, das Eis schimmert in der Sonne bläulich. Die Eiszunge ist zwar nicht zum Greifen nahe und liegt noch 750 Meter von uns entfernt – die Kulisse aber dennoch imposant.
Vor Tausenden von Jahren reichte der Franz Josef Glacier noch bis zum Meer, heute ist er 19 Kilometer von der Küste entfernt. Fotografien zeigen, wie breit und mächtig der Gletscher vor 150 Jahren noch war. Heute führt der Pfad quer durch Kiesbetten, die von vergangenen Gletscherrückzügen herrühren. Über uns schwirren Helikopter. Konnte man früher noch zu Fuss auf den Gletscher steigen, ist heute ein geführter Gang über das Eis nur noch mittels Anflug möglich. Und bei diesem sagenhaften Wetter lärmen die Rotoren verständlicherweise auf Hochtouren.
Die beiden Gletscherorte liegen nur 25 Kilometer, aber unzählige Kurven auseinander. Nachmittags, gesättigt mit Eindrücken, lassen wir uns müde auf einem Campingplatz nieder. Wir verschieben die weiteren Naturspektakel auf morgen. Die sternenklare Nacht verspricht bestimmt erneut einen sonnigen Tag… Weit gefehlt. Am nächsten Morgen schwebt eine dicke Wolkendecke über uns, die gewünschte Bergsicht ist aussichtslos. Enttäuscht beschliessen wir, den eigentlich lang ersehnten Ruhetag einzukassieren. Denn langsam zerrt das tolle Wetter, das wir natürlich äusserst schätzen, an unseren Kräften. Stets geht es flott vorwärts, nebst dem Reisen sind wir ständig am Studieren der Reiseführer oder am Haushalten. Etwas Ruhe und die Verarbeitung unserer Erlebnisse im Blog kommen viel zu kurz. Für einmal etwas abschalten, tut uns gut.
Am Tag darauf lockert der Wolkendeckel nur zaghaft auf. Das berühmte Postkartenmotiv Neuseelands, die sich im Lake Matheson spiegelnden Schneeberge, bleibt uns deshalb leider verwehrt. Immerhin glänzt im glasklaren Wasser noch eine niedrige Bergkette kopfüber. Der See entstand durch das Schmelzen eines Eisbergs, den der Fox-Gletscher vor langer langer Zeit bei einem Rückzug hinterliess.
Der einstündige Spaziergang rund um den kleinen See entpuppt sich als gemütlich, trotz vieler Schaulustiger… Bei einem nahen Aussichtspunkt sind wir erstaunlicherweise fast allein – ein Geheimtipp? Auf der Holzbank warten wir geduldig, bis die Wolken schrumpfen und uns einen herrlichen Fernblick auf hohe Schneegipfel und tiefe Gletscherspalten gönnen.
Ein Trampelpfad bringt uns über eine Reihe von Erdrutschen verursachte Geröllhaufen und Rinnsale, bevor es steil bergan dem Fox Glacier näher geht. Vergangene Gletscherbewegungen lassen sich gut entlang der Talwand erkennen, dort wo das Eis die gesamte Vegetation zerstört hat. Überall weisen Schilder an, auf dem Weg nicht innezuhalten, drohen
vor herabdonnernden Felsstürzen… Geschafft. Die vereiste Zunge liegt vor uns, mehr graubraun wie weiss, sie ist von einem schmutzigen Schuttmantel überzogen. Dafür sind wir näher am Geschehen dran wie beim eisigen Kollegen Franz Josef – aus nur 450 Metern Entfernung verblüffen die zerfurchten Spalten und zackigen Eisblöcke noch mehr.
Südlich der Gletscher wird die Westküste immer einsamer. Unverkennbar, dass es oft in Strömen giesst – flauschiges Moos und gelbe Blumen schiessen üppig aus dem Boden. Der Highway verläuft grösstenteils durch waldige Serpentinen im Landesinneren, bis er am Knights Point wieder das wild schäumende Meer erreicht. Der Ausblick ins Blaue wirkt wie eine berauschende Weitwinkelaufnahme… Zwei Stunden auf Achse. Spätnachmittags das Ende der Westküste erreicht, nächtigen wir in Haast, einem weiteren kleinen Nest.
Morgengrauen. Im letzten Moment zeigt uns die Westküste noch ihr nasses Gesicht. Die Strecke landeinwärts folgt dem klaren Haast River, über den Fluss hinaus sehen wir kaum, die Berge sind regenverhangen. Plötzlich liegen Gesteinsbrocken kreuz und quer im Flussbett. Die gigantischen Klötze verschiedener Grautöne sind kunstvoll gezeichnet, Rostrot und Weiss durchzogen. Einige kurze ausgeschilderte Pfade zweigen unterwegs von der Fahrbahn zu Wasserfällen und Nebenflüssen ab. Die
Thunder Creek Falls stürzen sich aus 28 Meter Höhe hinreissend in die Tiefe. Weiter bahnt sich die Strasse in grosszügigen Kehren ihren Weg über den Haast Pass. Der niedrigste Pass über die Neuseeländischen Alpen trennt die raue, regenreiche Westküste vom milden Hochland. Erst später realisieren wir, dass die Passhöhe von 563 Metern nun hinter uns liegt. „Fast jede andere Strecke in Neuseeland hat mehr Kurven“, bringt es Roland spottend auf den Punkt.
Trotz Nieselregen raffen wir uns noch einmal zu einem kurzen Spaziergang auf. Immerhin werden wir grosszügig entschädigt. Die Blue Pools halten, was ihr Name verspricht. Aus einer engen Schlucht sprudelt ein leuchtender Bach in fabelhaftem Türkisgrün. Tief blicken wir ins kristallklare Becken, bis auf den steinigen
Grund. Nur verdammt viele Sandfliegen trüben die Szenerie, kreisen uns richtiggehend ein. Die gefürchteten, kleinen schwarzen Draculas sind hier besonders angriffslustig und scheinen jede freie Hautstelle zu riechen. Es sind die Weibchen, die andocken und bis zu zwei Minuten gierig unser Blut lecken. Alles wäre ja nur halb so schlimm, würden deren juckenden Bisse nicht tagelang hartnäckig grüssen…
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