Schwarzmarkt in Tashkent
Trockener Wüstenwind weht über den Bahnsteig, im Schatten ist es unerträglich heiss. Ich fühle mich wie ein schmelzender Schokoladenhase… Seit einer Stunde warten wir sehnlichst, der Zug trifft verspätet ein. Im Wagon herrscht Saunastimmung, die Klimaanlage funktioniert nur bei Fahrt. Endlich setzt sich der Zug in Bewegung – ade Samarkand. Die vorbeiziehende Gegend ist meist flach, ab und zu setzen sich felsige Erhebungen in Szene. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt in Richtung Nordosten rollen wir im überdimensionalen Bahnhof von Tashkent ein…
Mit einem Taxi gelangen wir innert Kürze zum vorgängig ausgesuchten Hotel. Wir lechzen bereits nach dem Schwimmbad, doch so schnell wie gedacht lässt es sich noch nicht ins kühle Nass stürzen. Wir haben spekuliert, den in US-Dollar angegebenen Zimmerpreis in usbekischen Som zum offiziellen Umrechnungskurs bezahlen zu können, wie es hier manchmal gehandhabt wird. Das würde für uns halber Preis bedeuten, da wir auf dem Schwarzmarkt jeweils doppelt soviel Som für den Dollar kriegen. Doch das Hotel macht unsere Rechnung nicht mit und kalkuliert mit dem Schwarzmarkt-Kurs – autsch, ist etwas teuer. So machen wir uns in den umliegenden Strassen auf die Suche nach einer günstigeren Bleibe, doch ein Hotel ist geschlossen, das andere eine üble Absteige und weitere Möglichkeiten in Gehdistanz gibt es nicht. Es ist bereits Abend und wir scheuen die Mühe, nochmals in ein Taxi zu steigen. So kehren wir schweissgebadet zum schicken, aber teuren Hotel zurück.
An der Rezeption nimmt man es mit der Bürokratie peinlich genau. Alle unsere früheren Hotelregistrationen werden unter die Lupe genommen. In jedem Hotel wird man registriert und erhält bei Abreise einen Zettel in den Pass geklebt, welcher den Aufenthalt bestätigt. Das ist eine gesetzliche Vorschrift und wir bei Ausreise angeblich kontrolliert – ein Relikt der Sowjetzeit. “Eine Nacht fehlt”, klagt die aufmerksame Dame stirnrunzelnd. “No problem”, winke ich ab, “wir haben in einem Jurtencamp geschlafen, da wurde keine Registration veranlasst”. Sie gibt sich zum Glück mit meiner Erklärung zufrieden… Wir steuern geradewegs zum Swimming Pool – was für eine erfrischende Wohltat. Nur das Ambiente mutet überhaupt nicht hochsommerlich an, die Tannenbäume und hölzernen Hirsche im Garten erinnern uns eher an Weihnachten…
Tashkent wirkt ruhig und entspannt, hat rein gar nichts von einer hektischen Millionenmetropole. Die Hauptstadt, welche knapp drei Millionen Einwohner zählt, liegt nahe an der Grenze zu Kasachstan. Vielspurige Strassen, grosse grüne Parks und Plattenbausiedlungen bestimmen zwar das Stadtbild, aber in gewissen Vierteln fühlt es sich beschaulich wie in einem Dorf an. 1966 wurden weite Teile der Stadt durch ein Erdbeben zerstört und danach in sowjetischer Stadtarchitektur wieder aufgebaut – von einer historischen Altstadt ist nur wenig übrig. Der Verkehr verläuft in erstaunlich geordneten Bahnen, kaum ein Hupen kommt uns zu Ohren. Doch ein orientalisches Flair ist hier nicht auszumachen…
Die Metro wurde 1977 eröffnet – bis vor wenigen Jahren war Usbekistan das einzige Land in Zentralasien mit einer U-Bahn. An jedem Treppenaufgang steht ein Polizist, inspiziert die Taschen der Fahrgäste. Eine weitere Kontrolle erfolgt in der Unterführung vor dem Betreten der Metro. Sogar unser Pass wird verlangt, auf ein gültiges Visum untersucht. Es ist Sonntagmorgen, auf dem Bahnsteig ist die Polizeipräsenz grösser wie die Anzahl der Fahrgäste. Auch überall sonst in der Stadt trifft man immer wieder auf Polizeibeamte… Die Stationen der U-Bahn versetzen einem zurück in die Sowjet-Ära, erinnern uns an die prunkvollen Vorbilder in Moskau und St. Petersburg. Das Fotografieren ist leider strengstens verboten – halten wir uns wohl besser daran. Im Notfall liesse sich das gesamte Metro-Areal zu einem Atombunker verriegeln und gilt somit als militärischer Sicherheitsbereich.
Station Chorsu! Beim Verlassen der Metro finden wir uns bereits inmitten des Chorsu Basars, einem lebhaften Markt mit einer Vielfalt an frischen Produkten. “Mister, mister – change money”, tönt es bereits von verschiedenen Seiten, Männer mit dicken schwarzen Plastiksäcken umschwirren uns. Gut so, denn in erster Linie sind wir zum Geld wechseln angereist… Doch an jeder Ecke steht ein Polizist, wir fühlen uns nicht ganz wohl in unserer Haut, sind immer noch unsicher, wie legal oder illegal das ganze Schwarzmarkt-Geschäft eigentlich ist. Doch eine offizielle Wechselstube ist uns noch nie aufgefallen…
“No problem, come mister”, zerrt uns einer etwas abseits. Erst wird uns immer ein schlechter Wechselkurs angeboten, welcher nach Widerrede meist schnell nach oben angepasst wird. Oft wollen die Schwarzhändler ihre lächerlichen 1000-Som-Scheine loswerden, welche keine 20 Rappen wert sind. Wir bestehen auf Noten zu 5000 Som – die grössten im Umlauf. Denn mit dem Zählen sind wir auch so schon gefordert, sind wir uns das Hantieren mit fetten Geldscheinbündeln nicht gewohnt. Die Usbeken sind sich diese mühsamen Finanzverhältnisse natürlich gewohnt und zählen ihre Noten blitzschnell, manchmal sogar blind.
Unser Nachzählen lohnt sich, auch wenn die Schwarzhändler genervt abwinken: “No problem, mister!” Schon in den ersten Bündeln fehlen Noten – wir wenden uns vom vorlauten Gauner und seinem Geldberg ab und finden bald einen Ehrlichen… Obwohl wir eisern auf grosse Som-Noten beharrten, schleppen wir einen riesigen Geldstapel heim. Willkommen unter den Millionären! Doch unsere zwei Millionen Som sind nur 300 Dollar wert. Das meiste Schwarzgeld können wir sowieso umgehend dem Hotel abliefern, welches die Noten durch die Zählmaschine rasseln lässt…
Khast Imon – eine der wenigen Sehenswürdigkeiten von Tashkent. Die riesige islamische Anlage wurde anhand früherer Pläne 2007 wieder komplett aufgebaut. Auf einem weitläufigen Platz beeindrucken eine Moschee, eine Medrese und ein Mausoleum. Der schlichte Ziegelbau des Gebetspalastes mit zwei türkisfarbenen Kuppeln und zwei hohen Minaretten bietet Raum für 2500 Gläubige. Die Medrese ist nicht mehr als solche in Betrieb – statt Koranschüler sind dort heute Souvenirverkäufer untergebracht.
In der Moschee sind zwar die fünf täglichen Zeiten der Pflichtgebete angeschlagen, doch die Minarette bleiben still, was uns schon seit langem irritiert. Warum ruft der Muezzin nicht zum Gebet auf? In Usbekistan ist der laute islamische Singsang verboten – angeblich eine Anweisung von Karimov, der seit der Unabhängigkeit der Sowjetunion im Jahre 1991 an der Macht ist. In Usbekistan soll niemand, auch nicht die Religion, über dem Alleinherrscher stehen…
Aber auch sonst fällt im Alltagsleben der Islam praktisch nicht auf. Kaum eine Frau ist verschleiert, Alkohol wird konsumiert, dies obwohl etwa 90 Prozent der Einwohner sunnitische Muslime sind. Vor einigen Tagen hat der Ramadan, der islamische Fastenmonat, begonnen. Streng gläubige Muslime fasten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, nachts dürfen sie endlos reinhauen. Wir stellen uns das ziemlich hart vor, allem voran in dieser Hitze ohne Flüssigkeit auszukommen. Und wohlgemerkt, der Tag beginnt momentan um fünf in der Früh und endet um acht Uhr abends. Wir befürchteten, Ladenlokale und Restaurants sind tagsüber verwaist. Doch bis jetzt nimmt das tägliche Leben seinen gewohnten Lauf, auch Einheimische essen und trinken während des Tages – wir sind erleichtert.
Erneut brettern wir durch den Untergrund, möchten die Grossstadt noch aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen. Mehrspurige breite Strassen umkreisen eine gigantische Parkanlage im Stadtzentrum. Der Mittelpunkt bildet die Reiterstatue des zentralasiatischen Eroberers Amir Timur (1336 – 1405), der in Usbekistan bis heute als Nationalheld verehrt wird. Der Platz wird von protzigen Gebäuden umgeben, allen voran der Betonklotz des Hotel Uzbekistan. Doch die gepflegte Oase ist ausgestorben – warum? Die Sonne brennt und Schatten ist rar. Früher wurde unter grossen alten Bäumen gemütlich Schach gespielt, bis Präsident Karimov sie alle fällen liess, damit die “Prachtsbauten” rundherum besser zur Geltung kommen…
In Tashkent haben sich moderne Restaurants mit internationaler Küche etabliert. Ansonsten dominieren usbekische Klassiker wie Schaschlik (Fleischspiesse), Reis- oder Nudeleintöpfe und gefüllte Teigtaschen die Speisekarte. Beim Gedanken an ein zartes Stück Fleisch läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Zum Abschluss unseres zweitägigen Aufenthaltes wird es Zeit, unsere Gelüste zu stillen und unsere Gaumen lecker zu verwöhnen. Wir werden nicht enttäuscht und greifen für einmal gerne etwas tiefer in die Tasche. Aber was solls, denn dieses bei weitem teuerste Essen in Usbekistan kostet für uns beide lediglich 23 Franken. Oft frisst ein Mahl nur wenige Franken aus unserem mit Schwarzgeld gefüllten Plastiksack…
Kommentare
Schwarzmarkt in Tashkent — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>