Tanami Track – mitten durchs Nirgendwo
Schweren Herzens verlassen wir Alice Springs, verschiedenen Beweggründen wegen. Eigentlich wollten wir noch einige Naturwunder in der Gegend abklappern, doch die nächtlichen Wintertemperaturen machen uns arg zu schaffen. Deshalb werfen wir unsere Pläne kurzerhand über Bord. Auch nimmt in den nächsten Tagen der „Desert Finke Race“ seinen Lauf – ein verrücktes Auto- und Motorradrennen quer durch die Wüste. Die Stadt platzt aus allen Nähten, die Umgebung bestimmt ebenso. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Noch rasch Einkaufen, Auftanken und die Gasflasche auffüllen, dann kehren wir dem Gewusel den Rücken. Fluchtartig düsen wir mittags aus der Stadt, langsam wärmeren Gefilden entgegen…
Rund 1050 Kilometer liegen vor uns, auf ein und derselben Strasse, mitten durchs Nirgendwo. Der Tanami Track führt von Alice Springs nach Halls Creek und ist eine raue Abkürzung zwischen dem Roten Zentrum und den Kimberley im Nordwesten. Die mehrheitlich unbefestigte Route verläuft isoliert und durchquert die immense Tanami-Wüste, die ihr seinen Namen gab und halb so gross wie Deutschland ist. In der Regenzeit des australischen Sommers ist die Tanami Road – sprich Tänämai – wegen Überflutungen oft geschlossen. Früher wurden auf diesem Track Rinder in die Region Kimberley getrieben, heutzutage wird die einstige Viehstrasse hauptsächlich von Lastwagen der Minengesellschaften benutzt, oder von Nomaden wie uns.
Sanft gleiten wir über Asphalt, dem Nordrand der westlichen MacDonnell Ranges entlang. Die erste Etappe ist geteert, doch häufig verläuft die Strasse lediglich einspurig. Verkehr fliesst spärlich, nur gelegentlich braust uns ein Gefährt entgegen. Beim Kreuzen müssen beide Fahrer behutsam mit einer Wagenhälfte auf den breiten Kiesstreifen neben dem Teer ausweichen – eine staubaufwirbelnde Angelegenheit. 250 Kilometer gefressen, steht die Sonne schon tief und kitzelt uns durch die Frontscheibe. Wir steuern den Rastplatz Yuelamu an und entfernen uns so weit wie eben möglich von der Fahrbahn. Mit dem herumliegenden Holz entzündet Roland ein Feuer und verkürzt uns mit ein paar behaglichen Abendstunden die lange kalte Winternacht.
Am nächsten Morgen zieren nur wenige Wolkenfetzen den Himmel, doch die Sonne scheint sie magisch anzuziehen. Dazu wütet ein frostiger Wind – eine ungünstige Kombination. Zum Glück sind noch ein paar Holzscheite vom Vorabend übrig. Händereibend tauen wir unsere Lebensgeister an den lodernden Flammen auf… Immer geradeaus, stets Richtung Nordosten. Nach insgesamt 300 Kilometern geht das Teerband in Schotter über. Die holprige Piste ist nun oft so breit wie eine vierspurige Strasse. Unser Landcruiser rumpelt, und uns schüttelt es durch. Dennoch finden wir Gefallen daran, es fühlt sich irgendwie abenteuerlicher an. Yuendumu, ein Aborigines-Dorf passiert, gibt es für die nächsten 600 Kilometer keine Möglichkeit mehr, Treibstoff zu tanken. Keine Sorge, mit unseren beiden grossen Dieseltanks schaffen wir den Tanami Track mühelos, ohne überhaupt Diesel nachzufüllen.
Mittagshalt bei Mount Doreen Ruins, schon über 500 Kilometer von Alice Springs entfernt. Nebst einer niedlichen Häuserruine zeugen nur noch verrostete Fahrzeuge und Teile von Arbeitsgeräten von der einstigen Cattle Station. Riesige Zahnräder liegen in der Gegend verstreut, sowie Federkerne von Autositzen. „Wie wäre es, damit unser hartes Bett etwas aufzupeppen?“, witzelt Roland und deutet
auf die robusten Stahllocken vor seinen Füssen. Neugierig stolpern wir über das Gelände der ehemaligen Rinderfarm, entdecken immer wieder neue, alte Dinge. Wir wähnen uns in einem Freilichtmuseum, doch wäre alles schön hergerichtet und beschriftet, würde es uns nur halbwegs interessieren. Eine Wellblechtüre knarzt im Wind, mutet fast etwas unheimlich an. Oder sind wir etwa nicht alleine hier?
Weiter der Sonne entgegen. Das Landschaftsbild wirkt wie eine verblasste Fotografie. Der Blick in den Rückspiegel beglückt uns mit kräftigeren Farben. Zahllose kleine Termitenhügel lugen aus der Ebene und bestechen den ansonsten oft eintönigen Landstrich. Der Verkehr wird immer weniger. Doch hin und wieder rattert ein elend langer Roadtrain einschüchternd
an uns vorbei. Die Ungetüme mit drei oder vier Anhängern hüllen uns in eine dicke Staubwolke. Für einen Augenblick verlieren wir fast jegliche Sicht und fühlen uns nachher rundum verstaubt. Glücklicherweise dringt nicht allzu viel des feinen roten Sandes in unser Fahrzeug ein, trotzdem sind unsere Finger schmutzig, ob wir nun die Türfallen oder die Schnürsenkel berühren.
Ehe wir uns versehen, neigt sich der Tag wieder dem Ende entgegen. Wir huschen von der Piste, verstecken uns unweit einer markanten Granitfelsformation, die der Goldmine „The Granites“ den Namen gab. Eine zweite Goldmine mit Abraumhalde, die „Tanami“, liegt weiter westwärts. Das Gold, das in dieser Gegend um 1900 entdeckt wurde, wird noch heute mit hohem Aufwand abgebaut… In der glühenden Abendsonne genehmigen wir
uns einen Apéro und fühlen uns rundum wohl. In solch milden Verhältnissen bereitet das Kochen in unserer Outdoor-Küche Freude, auch das Essen wird heute nicht kalt, bevor es verschlungen ist… Doch schon am Morgen darauf ist die Idylle des Vorabends leider vorbei. Windstösse wirbeln uns Sand ins Gesicht, panieren den Frühstückstisch rot. Schleunig machen wir uns aus dem Staub…
Die weiche Sandstrasse führt stetig leicht bergab, hat uns vom Ausgangspunkt auf 600 Höhenmeter mittlerweile auf 400 hinunter gebracht. Das erste Mal schenkt uns der Streckenverlauf alle paar Kilometer eine abwechslungsreiche Kurve. Der kräftige Wind zerzaust die Büsche am Strassenrand, die gelegentlich mit gelben oder roten Blüten geschmückt sind. Wir folgen einem schmalen Weg, der sich in wenigen Metern auf eine Erhebung schlängelt. Der Maulwurfhügel bietet uns eine 360-Grad-Sicht über die unendliche Weite und den stachligen Teppich aus Spinifex-
Gras. Die australische Wüste hat zwar jede Menge roten Sand, ist aber weithin mit kargem Busch und gelbgrünen Gräsern bewachsen – eine „grüne Wüste“, die nicht in das Sahara-Klischee passt. Zwei Drittel Zentralaustraliens ist mit Spinifex bedeckt. Das Wüstengras wächst in den trockensten Regionen und spriesst aus der schlechtesten Erde. Seine Wurzeln sind dutzende Meter lang, um tief unter der Erboberfläche Wasser schlürfen zu können.
Im Verlaufe des heutigen Tages gelangen wir nach über 700 Kilometer Fahrt vom Northern Territory zurück nach Western Australia, fast ohne es zu merken. Kein Schild begrüsst uns im neuen Bundesstaat. Es ändert sich für uns sowieso nichts, ausser dass wir unsere Uhren wieder 90 Minuten zurückstellen müssen und sich die Sonne bereits um
fünf Uhr verabschiedet. Auf der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz kontaktieren wir stets unsere Offline-Apps, die meist mit wertvollen Hinweisen aufwarten. Manchmal sind es zwar nur öde Rastplätze an der Fahrbahn, doch wir schaffen es immer wieder, an einem reizvollen Fleck zu landen, etwas weg von Staub und
„Lärm“. Wir verschwinden, kurven ausser Sichtweite und finden uns inmitten von Eukalyptusbäumen und Termitenbauten wieder. Am Horizont erheben sich sogar lieblich geschwungene Hügelzüge aus dem ansonsten flachen Land. Die Sonne versunken, taucht aus dem düsteren Nichts der Vollmond auf, klettert höher und höher, erleuchtet unser lauschiges Plätzchen schlussendlich von oben, wie eine helle Stube.
Heulende Windböen zerren energisch an den Zeltwänden unseres Schlafgemachs, reissen uns unbarmherzig aus dem Schlummer. Noch ist es stockdunkel. „Nicht schon wieder dieser fiese Wind“, seufze ich im Halbschlaf leise vor mich hin. Zwischenzeitlich zwar weiter nördlich in etwas wärmere Breitengrade gelangt, vermiest uns die stürmische Biese trotzdem den sonnigen Morgen. Lustlos verspeisen wir unser Frühstück im Bauch des Fahrzeugs, draussen würde es uns alles vom Tisch fegen. Solche Momente fühlen sich an wie in einem Überlebenscamp, weit entfernt von Spass. Wir haben die feindlichen Launen der Natur satt, leiden unter Wüstenkoller. Gerne hätten wir hier heute einen gemütlichen Ruhetag eingeschaltet, denn an Zeit mangelt es uns nicht. Doch einmal mehr ergreifen wir die Flucht…
Hinter dem Lenkrad, weiter gegen den Wind. Schon nach knapp 40 Kilometern locken uns
fabelhafte Felsen von der Tanami Road weg. Ein ausgewaschener Fahrweg mit tiefen Furchen lotst uns zu den Selby Hills. Die rostroten Felsformationen animieren uns zum Klettern. Die Weitsicht von oben ist grandios, die Wüste froschgrün. Saftige junge Grasbüschel leuchten, erinnern uns an stachlige Seeigel. Einige rundgeschliffene Felsbrocken liegen
verstreut, wie von einem Riesen ausgeleerte Murmeln. Das australische Outback erinnert uns wieder einmal an Namibia im südlichen Afrika… Spontan beschliessen wir, vor dieser hinreissenden Kulisse zu nächtigen. Bis es soweit ist, tanken wir im Windschutz des Fahrzeugs nachmittägliche Wärme. Wie in den vergangenen Nächten bleiben wir auch heute mutterseelenallein und haben den Spot für uns. Freiheitsgefühle werden geweckt und – vom Wetter einmal abgesehen – sind wir masslos glücklich.
Mancherorts begrüsst uns grobes Wellblech, vielfach ist die Schotterpiste aber gut gehobelt. Doch auf den Strassenzustand ist kein Verlass, dieser kann sich je nach Wetterverhältnissen schlagartig ändern. Unser Tanami-Abenteuer neigt sich bald dem Ende entgegen – 900 Kilometer erfahren, fehlen noch rund 150. Die einzige eigentliche Sehenswürdigkeit der ungeheuren Wüstenroute liegt aber noch vor uns, der „Wolfe Creek Meteorite Crater“ im gleichnamigen Nationalpark. Unsere Neugier ist geweckt. Wir schwenken rechts ab, rütteln über die schlechte, rotsandige Zufahrtspiste – der Abstecher von zwanzig Kilometern erscheint uns doppelt so lang.
Aus der Ebene erheben sich die 30 Meter hohen Ränder des weltweit zweitgrössten Meteoritenkraters, dessen Alter auf 300’000 Jahre geschätzt wird. Ein gewaltiges Einschlagloch wurde gebildet, als damals ein angeblich 50‘000 Tonnen schwerer Meteorit mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Sekunde auf die Erde stürzte. Ein kurzer Aufstieg gewährt uns einen unverblümten Blick über den grün überwucherten Kraterboden, der über 50 Meter unter uns liegt. Sein Durchmesser von fast einem Kilometer ist imposant, aber schwierig auszumachen… Gleich nebenan lassen wir uns auf dem einfachen Campingplatz des Nationalparks nieder. Nach der langen Einsamkeit ist es ein eigenartiges Gefühl, unmittelbar neben anderen Leuten zu hausen. Aber den Nachmittag verbringe ich sowieso schlotternd in unseren vier Wänden in der Horizontalen. Die Nase läuft, der Schädel brummt, das Fieberthermometer steigt. Die nächtliche Eiseskälte der vergangenen Tage hat wohl ihre Spuren hinterlassen, das luftige Winterwetter an den Kräften gezerrt. Immerhin stecke ich Roland nicht mit meinem „Wüstenfieber“ an…
Sechster und letzter Tag auf dem Tanami Track, etwas Wehmut schwingt mit. Oft ist der Horizont zwar erschreckend leer, doch die weite Leere faszinierend und befreiend. Stundenlang auf Achse, bleibt viel Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Plötzlich stehen Rinder mitten auf der Strasse, holen mich in die Gegenwart, auf die Piste zurück. Mittags ist Asphalt in Sicht. Halls Creek am Great Northern Highway ist nicht mehr weit. Vom kleinen Ort am Rande der Great Sandy Desert schwärmt unser Reisehandbuch nicht, im Gegenteil. Hier werde sichtbar, dass eine gesellschaftliche Integration der Ureinwohner bisher nicht überall erfolgreich war. Doch nicht nur hier lungern etwas verwahrlost wirkende Aborigines herum, dasselbe Bild boten uns auch schon andere Dörfer und Städte. Verwunderlich ist es nicht, wurden sie von den Weissen ihres ursprünglichen Lebens beraubt und haben ihren Platz im heutigen Australien wohl noch nicht richtig gefunden.
Auf der Gartenterrasse eines netten Cafés nippen wir genüsslich an einem Cappuccino und spüren nichts von einer angeblich brisanten Atmosphäre. Von einem längeren Aufenthalt wird abgeraten, doch es ist sowieso nicht unser Wunsch, auf dem örtlichen Campingplatz zu übernachten. Noch im 1000-Seelen-Dorf
biegen wir auf die unbefestigte Duncan Road ab, eine weitere lange Wüstenpiste, die wir aber nicht beabsichtigen, in voller Länge unter die Räder zu nehmen. Schon bald ragt eine Mauer auf. Die China Wall zieht sich über mehrere Kilometer lang durch die Landschaft. Ihr heller Quarz wurde von der Erosion freigelegt und die mauerartige Gesteinsformation sieht wahrlich aus wie erbaut.
In der Nähe beenden wir den heutigen Tag, schlafen erneut unter dem himmlischen Sternenzelt. Mittlerweile sind die Temperaturen wohlig warm und der kühle Wüstenwind einer angenehmen Brise gewichen. Im Nu hat die strahlende Nachmittagssonne das Wasser unserer Solardusche leicht erhitzt. Mit Wonne spülen wir uns den hartnäckigen Tanami-Staub der vergangenen Tage vom Leib und aus den Haaren. Vom trockenen Wüstenwind und der tiefen Luftfeuchtigkeit fühlt sich unsere Haut spröde an – wir schuppen uns wie Fische. Von oben bis unten sauber und eingecremt, fühlen wir uns wie generalüberholt. Wie gut das alles tut. Und unter freiem Himmel fühlt es sich noch viel besser an…
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