Tash Rabat – umzingelt von Viertausendern
Mit unserem Fahrer holpern wir auf der rauen Piste zurück nach Kochkor. Dort haben wir uns mit einem französischen Paar verabredet, das wir gestern im Jurtencamp am Song-Köl kennengelernt haben. Für die etwas über 100 Kilometer lange Weiterfahrt nach Naryn teilen wir uns ein Taxi. In engen Kehren führt die Strasse über den 3000 Meter hohen Dolon-Pass, die Berge präsentieren sich grau verhangen.
Plötzlich hält unser stämmiger Fahrer an, öffnet die Motorhaube und giesst aus Plastikflaschen grosszügig Wasser in den Kühler. Nur kurze Zeit später stoppt er erneut am Strassenrand, sein Gesicht ist von mürrischen Zügen gezeichnet. Es regnet in Strömen. Aus dem rauschenden Fluss schöpft er Wasser, stillt erneut den immensen Durst des Kühlers. Seine alte Karre ist offensichtlich nicht gesund, das Prozedere wiederholt sich. Ob wir es wohl noch bis zu unserem Ziel schaffen?
Kaum eine Tankstelle am Stadteingang von Naryn erreicht, will der dreiste Herr uns loswerden – sein Geld hat er bereits im Vorfeld erhalten. Doch wir beharren hartnäckig darauf, ins Zentrum chauffiert zu werden, welches noch einige Kilometer entfernt liegt. Naryn stellt für uns lediglich ein Zwischenstopp dar und als erstes stürmen wir das Büro von CBT, um uns für die heutige Nacht ein Homestay sowie einen Fahrer für den nächsten Tag vermitteln zu lassen. Anstelle wie sonst familiäre Unterkünfte, werden in dieser Stadt möblierte Apartments in Wohnblocks vermittelt. Die Vermieterin stöckelt zügig voran, bringt uns zu einem verwahrlosten Sowjetblock und lotst uns durch das dunkle, schmutzige Treppenhaus hinauf in den obersten Stock. Immerhin ist die Wohnung in einem etwas besseren Zustand, doch der Betonboden ist uneben und die hölzernen Balkone schief, da setzen wir lieber keinen Fuss drauf.
Naryn liegt auf rund 2000 Metern und erstreckt sich auf einer Länge von 15 Kilometern in einem engen Tal, die malerisch aufragenden Berge lassen ein Anwachsen in die Breite nicht zu. Ein echtes Zentrum lässt sich in der russisch geprägten Kleinstadt schwer ausmachen. Das angeblich beste und teuerste Restaurant wartet mit einer englischen Speisekarte auf, das Lokal mutet jedoch nicht gemütlich an, sondern eher wie eine Mensa. Immerhin können wir einst wieder selbst bestimmen, was auf den Teller kommt – ein Gaumenschmaus. Anzufügen ist, dass unsere Ansprüche in Kirgistan auch gesunken sind…
Der Weg zurück in unsere altmodische Bleibe zieht sich hin, die Hauptstrasse säumen Plattenbauten und zahlreiche Tante-Emma-Läden. Von aussen ist weder ersichtlich, wie gross diese sind, noch was genau angeboten wird. Wir sind auf der Suche nach Bountys, eine ideale Zwischenverpflegung beim Wandern. Endlich fündig, kaufen wir das letzte Exemplar und realisieren erst kurz darauf, dass es seit einem Monat abgelaufen ist. In den weiteren Shops kontrollieren wir zuerst das Verfallsdatum und stellen fest, dass unser Kauf gar nicht so schlecht war. Denn wir finden nur noch Kokosnuss-Snacks datiert mit Sommer 2015. Die Verkäufer scheint dies jedoch nicht zu beunruhigen, sie legen die abgelaufenen Bountys schulterzuckend wieder auf die Ladentheke zurück. Wir haben uns schon oft gewundert, wie die unzähligen winzigen Shops überhaupt überleben können…
Neben einem glänzenden Auto erwartet uns der Fahrer bereits. Kurz hinter Naryn beginnt der Anstieg zu einem Pass auf knapp 2500 Metern. Oben angekommen, verläuft die Strasse in einer weiten Hochebene – die hügelige Gegend gleicht einer Mondlandschaft. In der Ferne leuchten die beinahe 5000 Meter hohen, verschneiten Gipfel des Tien Shan-Gebirges. Immer weiter Richtung Süden – bald würden wir den Torugart-Pass (3752 Meter), der die Grenze zu China bildet, erreichen. Doch wir biegen vorher ostwärts auf eine Schotterpiste ein, die uns nach knapp zwei Stunden Fahrt an unser Ziel führt.
Tash Rabat ist eine alte Karawanserei an der Seidenstrasse, die im 15. Jahrhundert erbaut worden ist. Eine Karawanserei ist eine steinerne Herberge, die den früheren Karawanen als Zufluchtsort bei Unwettern, Rastplatz und Informationsbörse diente. Reisende konnten dort mit ihren Tieren und Handelswaren sicher nächtigen und sich mit Lebensmitteln versorgen. Die Anlage schmiegt sich an einen ansteigenden Hügel, was ihr einen für ihre Grösse unscheinbaren Ausdruck verleiht – sie sieht viel kleiner aus, als sie in Wirklichkeit ist. Durch ein Eingangsportal führt ein hoher Korridor in einen zentralen Kuppelbau, dieser Hauptraum ist von etwa 30 Räumen umgeben – kaum zu glauben.
Für uns stellt nicht die historische Karawanserei selber das Highlight dar, sondern ihre spektakuläre Lage auf knapp 3100 Metern inmitten einer hohen Berglandschaft. Wir nächtigen in einem der umliegenden Jurtencamps. Mit einem herzlichen Lachen begrüsst uns Elizat und überrascht uns mit ihrem guten Englisch – ihre Kinder spielen vergnügt auf der Wiese. Die zierliche Frau weist uns gastfreundlich eine ihrer Jurten zu. Das runde Filzzelt wirkt verlottert und bietet einen etwas traurigen Anblick. Erstmals sind im Inneren keine Teppiche verlegt, dafür stehen vier Betten im Gras.
Das heutige Wetter verspricht wenig Gutes, die Sonne kann sich nur knapp gegen die Wolkenwelt durchsetzen. Kaum zehn Minuten in die Höhe gestiefelt, fallen erste Tropfen. Doch wir wieseln weiter, denn wenn wir uns nicht bewegen, wird es uns bei 15 Grad – draussen sowie drinnen – schnell kalt. Den ganzen Nachmittag begleiten uns leichte Regenschauer, die Aussicht auf die uns umgebenden Berge ist getrübt – unsere Wanderfreude auch. Dennoch halten wir tapfer durch, bis uns heftige Niederschläge einholen und durchnässt zurück ins Jurtenlager hetzen lassen.
Entledigen wir uns der nassen Hose und Schuhe, trocknen diese im feuchten Ambiente niemals. So setzen wir uns fröstelnd in die Speisejurte an den warmen Ofen, in der Hoffnung, bald aufzuwärmen. Die Jurte macht einen vernachlässigten, schmuddeligen Eindruck, erweckt nicht gerade Appetit oder das Vertrauen in eine saubere Küche. Der riesige runde Topf auf dem Feuer fällt uns nicht auf, bis Omurbek, der Vater von Elizat, den
Deckel anhebt. Oh Graus – was schwimmt denn da alles in dieser kochenden Brühe? “Ein Schaf”, klärt uns Omurbek auf. In etliche Einzelteile zerlegt – Rippen, Darm, Ohren… wie eklig es duftet. Ist das unser Abendessen? Zum Glück nicht, es ist das Festessen einer Gruppe Kirgisen. Uns wird später ein typisch fades Mahl vorgesetzt, doch für heute sind wir dankbar, bis Elizat später noch stolz mit einem
Teller Plov auffährt. Bereits satt und mit Furcht vor einer erneuten üblen Magen-Darm-Geschichte, schaufeln wir den öligen Reismix auf die eine Seite des Tellers, damit es aussieht als ob…
Draussen ist es noch immer nass, es regnet unaufhörlich. Wir sind mittlerweile aufgewärmt und getrocknet. Omurbek ruft uns in unsere Jurte, doch obwohl er eingefeuert hat, ist es noch empfindlich kalt – kein Wunder, das Thermometer zeigt nur 14 Grad an. Es tropft vom Jurtendach, die Filzwände sind triefend nass, auch die Betten sind in Mitleidenschaft gezogen. Oh weh, diese Umstände widern uns regelrecht an, versprechen keine wohlige Nacht. Omurbek schmeisst noch weitere getrocknete Mistbrocken in den Ofen, bis es bald heiss wie in einer Sauna wird. Aufgeregt tanzt Elizat an und nimmt erstaunt die undichte Jurte und das feuchte Bettzeug unter die Lupe. Plötzlich steht die halbe Familie neugierig in unserem Schlafgemach – Privatsphäre ist hier oft ein Fremdwort. Bei offener Türe, in T-Shirt und Unterhose, sitzen wir ernüchtert auf dem Bett, warten bis sich die Affenhitze etwas verflüchtigt hat. Wir sind erleichtert, dass die Regengüsse in der Nacht versiegen und uns keine nassen Füsse im Schlafsack bescheren.
Wir haben es gehofft, doch nicht daran geglaubt – am nächsten Morgen grinst die Sonne vom
stahlblauen Himmel. Nach dem Frühstück wandern wir nochmals entlang derselben Route hoch auf einen Pass, oben angekommen fegen uns starke Windböen um die Ohren. Aber der Ausblick ist heute schlichtweg atemberaubend. Steil steigen wir über bunte Blumenwiesen noch weiter bergan, bis auf eine Höhe von rund 3600 Metern. Rundum sind wir von der grandiosen Gebirgswelt umzingelt, die weissen Berggipfel der Viertausender ragen majestätisch vor uns auf. Wir sind überwältigt und können den unverhofften Wettersegen kaum fassen…
Hallo ihr zwei
Immer wieder tauche ich ab und reise mit euch mit und beneide euch um all die Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen. Es ist toll eure schönen Fotos zu sehen, die spannende Berichte zu lesen, doch manchmal bin ich aber auch froh an der Wärme und unter Dach zu sein – bequemes Bett zu haben und feines Essen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass ab und zu der Reisekoller kommt und ihr Ferien braucht. Konnte ich vor meiner 2 jährigen Reise auch nie glauben… Bleibt gesund und weiterhin so viel Glück auf eurer abenteuerlichen Reise. Wann habt ihr das nächste Mal „Ferien“?
GLG Heidi
Liebe Heidi
Schön von dir zu hören – besten Dank für deinen Kommentar. Ja, Kirgistan ist bestimmt nicht das richtige Reiseziel für dich! So gut uns die Natur mit den Bergen und Seen bei schönem Wetter gefällt und wir das Wandern genossen haben – nun sind wir reif für einen Tapetenwechsel. Demnächst fliegen wir nach Bangkok und freuen uns auf unsere „Ferien“ – Insel, Strand, Tauchen und leckeres Thai-Essen.
Ich hoffe, ihr könnt nun einen warmen, sonnigen Sommer geniessen…
Herzliche Grüsse
Christine & Roland