Ternate – im Inselreich der Vulkane
Bandara Sultan Babulla. Benannt nach einem einstigen Herrscher, erinnert der in unseren Ohren wohlklingende Name des Flughafens Ternate an die bedeutende Vergangenheit des Inselreichs. Gähnend trotten wir über das überschaubare Rollfeld. Noch als wir beim Gepäckband auf unsere Habseligkeiten warten, quatscht uns bereits freundlich ein Taxifahrer an. Die Sicherheitsvorschriften des Sultan Babulla Airport werden offenbar locker gehandhabt und gewähren jedermann Zutritt…
Durch erfolgreichen Gewürzhandel erlebten Ternate und die Nachbarinsel Tidore im 16. Jahrhundert goldene Zeiten. Damals rissen sich die europäischen Kolonialmächte um diese muslimischen Sultanate der Nordmolukken. Die Portugiesen und Spanier, später auch die Niederländer – allesamt waren sie auf das Handelsmonopol der seltenen Gewürze aus. Im mittelalterlichen Europa waren Muskatnuss und Gewürznelken äusserst begehrt und wertvoll. Beides wurde unter anderem als Heilmittel für alle möglichen Beschwerden eingesetzt und wuchs zu jener Zeit ausschliesslich auf den Molukken, die heute zu Indonesien gehören. Willkommen auf den Gewürzinseln – damals heiss umkämpft, heute fast vergessen.
Frühmorgens kurz vor acht. Der junge Taxifahrer bringt uns zu seinem erstaunlich neuen, auf Hochglanz polierten Wagen. Müde sinken wir auf das bequeme Leder der Rückbank. Ternate, die grösste Stadt, liegt im Osten der gleichnamigen Insel. Ein Verkehrsknotenpunkt und das bürokratische Herz der Nordmolukken. Zahlreiche Motorroller wuseln durch die Strassen und prägen das quirlige Stadtbild. Nach einer halben Stunde sind wir in Gambesi im Inselsüden angelangt.
Unsere gelb gestrichene Unterkunft erhebt sich mitten aus dichtem Grün und schmiegt sich erhöht
über der Küste an die Hänge des Vulkans Gamalama. Ein perfekt geformter Vulkankegel, der die gesamte Insel bildet. Ternate besteht sozusagen aus dem obersten Bereich eines Feuerbergs, der vom Meeresboden insgesamt über 4000 Meter aufragt. Aus dem Ozean guckt jedoch nur dessen Spitze, mit einer Höhe von 1715 Metern.
Während wir für einen Moment an der unbesetzten Rezeption der Villa Ma’Rasai warten, schweift unser Blick durch die mit antiken Möbelstücken eingerichtete Lobby, stilvoll dekoriert mit Antiquitäten. Das Gästehaus
versprüht eine einzigartige Atmosphäre und wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Auch die behaglichen Zimmer sind geschmackvoll eingerichtet und in warmen Orange- und Gelbtönen gehalten. Fensterwände zu zwei Seiten vermitteln fast das Gefühl, in einem Baumhaus zu residieren. Eine Prise erschwinglicher Luxus.
Glückselig werfen wir uns vormittags auf das weiche Bett. Ungewollt tanken wir eine Portion Schlaf – es macht sich wohl die kurze Nacht bemerkbar. Am Nachmittag verlängern wir unsere Siesta am Swimming Pool, der sich zwischen Palmen und Nelkenbäumen versteckt. Den ersten Tag auf Ternate lassen wir seelenruhig angehen…
Mittlerweile steht die Abendsonne tief im Westen. Vom Balkon offenbart sich eine fantastische Aussicht auf den ebenfalls kegelförmigen Vulkanberg der Schwesterinsel Tidore, die aus dem samtblauen Meer ragt. Mit dem Einsetzen der Dämmerung rufen Muezzins eindringlich zum Gebet auf. Obschon der mehrstimmige Singsang kurz vor sieben in der Dunkelheit verstummt, schwillt die Geräuschkulisse stetig an. Nachts ist der Dschungel regelrecht in Aufruhr – Grillen zirpen in voller Lautstärke um die Wette.
Ausgeschlafen machen wir erste Gehversuche in der näheren Umgebung. Bereits um zehn wärmt der Sonnenball mit voller Kraft. Rasch baden wir wortwörtlich im eigenen Saft, zumal die Strasse
steil bergan führt. Doch die Ausblicke auf die beiden vorgelagerten Eilande Tidore und Maitara entschädigen gebührend. Keine Menschenseele ist zu Fuss unterwegs, gelegentlich braust ein Motorrad oder ein Auto vorbei. Staunenden Blicken folgen häufig frohes Winken oder ein verschmitztes Lachen. Die dschungelgrüne Gegend und kleinen Dörfer sind beschaulich. Schliesslich erreichen wir den Danau Ngade, einen kleinen See, an dessen Ufer wir uns im Schatten eine Verschnaufpause gönnen.
Warum ausgerechnet Ternate? Gäbe es beim Flug von Labuha nach Manado keine Zwischenlandung in Ternate, wären wir nicht hier. Doch unter diesem Umstand keimte der Gedanke, nebst dem vorausgegangenen Aufenthalt im isolierten Tauchresort auf Sali Kecil noch etwas vom wahren Leben auf den Nordmolukken mitzubekommen. Bis vor kurzem war diese indonesische Provinz ein für uns weisser Fleck auf der Landkarte. Zwar weilten wir im 2016 im südlichen Teil der Molukken, doch dazwischen liegen beträchtliche Distanzen. Zugegeben, wir wissen weder viel über die Region noch steht viel im Reisehandbuch. Gerade auch deshalb sind unsere Erwartungen bescheiden und wir lassen es auf uns zukommen.
Am nächsten Tag testen wir die öffentlichen Verkehrsmittel. Erstmals schustern wir einen Kilometer bis zur Hauptstrasse hinunter und warten dort auf ein Bemo. Die knallblauen Minibusse patrouillieren zu Hauf. Die Modelle sind kompakt und es lässt sich darin nur knapp aufrecht sitzen. An den Küstenhängen verteilen sich Dörfer und Siedlungen, die an der Ostküste zur Grossstadt Kota Ternate verschmelzen. Am zentralen Terminal ist Endstation.
Alle Sinne geschärft, schlendern wir von Neugier erfüllt über den angrenzenden Markt, wo Obst und Gemüse, aber auch Allerlei feilgeboten wird. Blutrote Chillis und pinke Drachenfrüchte sind eine wahre Augenweide. Wohlriechende Duftnoten von Currys und Gewürzen mischen sich mit dem Mief von Abwasser oder Müll.
„Hello Mister!“, manchmal gefolgt von „how are you?“ oder „what‘s your name?“, tönt es von allen
Seiten. Während uns gewisse Menschen aufgeregt zurufen oder gestikulieren, grüssen andere verhalten oder schmunzeln verlegen über den seltenen Anblick von uns Weissen. Manche bitten inständig um ein Foto. Die einen wollen uns mit aufs Bild und kennen keine Berührungsängste. Andere knipsen gar selber ein Selfie mit ihren Handykameras. Wir amüsieren
uns köstlich und empfinden es als Bereicherung, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, auch wenn wir uns verbal kaum verständigen können. Nur die Minderheit spricht ein paar Brocken Englisch, und wir kennen leider nur vereinzelte Worte Indonesisch. An einem der vielen Marktstände gönnen wir unseren trockenen Kehlen den Saft einer frischen Kokosnuss. Derweil posieren wir ständig für weitere Fotos, und fühlen uns dabei fast wie Stars.
Kota Ternate gewinnt keinen Schönheitspreis und bietet im touristischen Sinne eher wenig.
Wiederum ist genau das der Reiz. Denn wir treffen kaum andere Reisende, was auf unserem heutzutage vollen Planeten als Luxus bezeichnet werden kann. Demzufolge ist die Bevölkerung auch noch ehrlich an einem interessiert. Keiner will uns etwas andrehen oder übers Ohr hauen. Spricht uns jemand an, lediglich aus Freude oder um etwas Englisch zu praktizieren.
Mittlerweile Mittagszeit, plärren Muezzins aus allen Himmelsrichtungen. Ein dichtes Netz an Moscheen ist dafür besorgt, dass die Insulaner ihrer Religion in ausreichendem Masse nachgehen können. Ein Grossteil der Frauen verbirgt ihre Haarpracht unter einem Kopftuch. Während wir im Fort Oranje auf der alten Festungsmauer spazieren, haben wir gleich
eine Handvoll Gotteshäuser im Blick – unglaublich. Die Festung wurde im 17. Jahrhundert von den Holländern erbaut – es war die grösste Verteidigungsanlage auf Ternate. Der teilweise überwachsene Ruinenkomplex wirkt etwas vernachlässigt und birgt verrostete Kanonen sowie streunende Ziegen.
Auch der Sultanspalast hat seine Glanzzeiten wohl hinter sich. Noch immer besitzt Ternate den Status als Sultanat und die königliche Familie nimmt eine bedeutende repräsentative Rolle ein. Auch der riesigen Moschee am Wasser fehlt der Glanz und die seewärts gelegenen Minarette wurden vom Meer zurückerobert, alles was blieb, sind die zerfallenen Fundamente. Dennoch zählt sie zu den eindrucksvollsten Moscheen in Indonesien und ihre riesige Kuppel sei ein architektonisches Meisterwerk.
Heute steht ein Ausflug nach Tidore auf unserem stets spontan gehaltenen Plan. Im grossen Hafen wanken zahlreiche Fähren und bunte Holzschiffe – angeschrieben ist jedoch nichts. Als wir etwas ratlos aus der Wäsche schauen, schüttelt unverhofft ein Uniformierter Rolands Hand und zeigt uns nach einem kurzen Wortwechsel hilfsbereit, wo wir lang müssen. Im engen Bauch des kleinen Schnellboots fühlt es sich wie in einer Sauna an. Ein Glück sind schon genügend Passagiere beisammen und es sollte demnächst losgehen.
Eine Viertelstunde nach Abfahrt legen wir schon am Steg von Tidore an. Gleich preisen Fahrer ihre Dienste an, was wir schon fast als aufdringlich empfinden, obschon sie es mit einer gewissen Zurückhaltung tun und es kein Vergleich zu anderen Ecken Asiens darstellt. Als wir äussern, dass wir das öffentliche Bemo nutzen möchten, weisen uns die Männer widerstandslos den Weg. Eine Unverdorbenheit sondergleichen.
Die Insel Tidore wird vom 1730 Meter hohen Vulkan Keimatubu beherrscht, jenem kegelförmigen Berg, den wir stets von unserem Balkon aus bewundern. Frühmorgens meistens unverhüllt, verbirgt sich die Spitze später oftmals hinter Wolkenfetzen, die sich im Verlaufe des Tages meistens wieder auflösen.
Dem städtischen Trubel entkommen, rollen wir entlang der verkehrsarmen Küstenstrasse, gesäumt
von farbenfrohen Holzhäusern und Blumengärten. Auch der grösste Ort Soasio auf der anderen Inselseite wirkt verschlafen. Steile Stufen führen zum Fort Taluha in luftiger Höhe. Ein älterer Herr kassiert ein Kleingeld und führt Buch. Neugierig blättere ich ein paar Seiten zurück, stosse jedoch nur vereinzelt auf ausländischen Besuch.
Die gut erhaltene Festung mit gepflegten Gärten, umschlungen von Bananenbäumen und Palmen, stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert und ist ein Erbe der Spanier. An strategisch hervorragender Lage errichtet, bieten sich vom Fort berauschende Fernblicke auf den weiten Ozean und die grösste Molukken-Insel Halmahera, die östlich von Tidore und Ternate liegt.
Spätnachmittags am Hafen zurück, herrscht reges Treiben. Auf das Dach eines grossen Holzbootes wird ein Motorroller nach dem anderen geschoben und festgezurrt, während die Passagiere im Inneren verschwinden. Als der Kahn voll beladen ist, winkt uns der Bootsbegleiter herbei und wir dürfen mit einem Plätzchen auf dem Dach Vorlieb nehmen. Eine salzige Meeresbrise im Gesicht, schippern wir gemächlich dem Vulkankegel von Ternate entgegen. Im Hafengelände planscht vergnügt eine Horde Kinder. „Photo, photo!“, glucksen sie übermütig.
Wie immer ist der neue Tag längst erwacht, als wir losziehen. Am Busbahnhof in der Stadt angekommen, heisst es diesmal umsteigen. Wir haben keinen blassen Schimmer, wo das richtige
Bemo losfährt. Dutzende blaue Minibusse stehen schweigend da, keinerlei Ziel auf die Stirn tätowiert. Nach Herumfragen werden wir ruckzuck in ein Gefährt mit wartenden Frauen und prallvollen Einkaufstaschen gesteckt – ein gutes Zeichen. Binnen Minuten drückt der Schweiss aus allen Poren. Abermals heisst es zusammenrücken, weil noch mehr Passagiere hineingestopft werden. Erst als gefühlt jeder Platz doppelt besetzt ist, geht es endlich los. Eine Wohltat, denn schon der kleinste Fahrtwind verschafft Erleichterung.
Entlang der Ostküste gondeln wir nordwärts. Allmählich verschwinden die Motorroller beinahe von der Bildfläche. Die Umgebung ist nur noch spärlich besiedelt, dafür recken Kokospalmen in den Himmel. Bis wir im Nordwesten anlangen sind wir verhältnismässig lange unterwegs, obwohl die Grösse der Insel mit rund 100 Quadratkilometern ziemlich bescheiden ist.
Die letzten paar Meter geht es zu Fuss weiter. Eine Stichstrasse führt steil bergan zum Danau
Tolire Besar, einem grossen runden Kratersee. Das Wasser glänzt in einem satten Olivgrün. Dahinter ragt der mächtige Vulkanriese Gamalama auf, der eine weisse Wolkenmütze trägt. Beeindruckt stehen wir am Kraterrand. Einen offensichtlichen Weg hinunter zum See gibt es nicht, doch wegen Krokodilen sei von einem Bad ohnehin abgeraten. Als wir schon eine geraume Weile schlaff im Schatten rasten, verziehen sich die Wolkenschwaden unverhofft und geben die Bergspitze frei.
Der Magen knurrt. Das kunterbunte Restaurant mit den Plastikstühlen und dem
zusammengewürfelten Inventar kommt uns wie gerufen. Wir sind die einzigen Gäste. Von oben bietet sich ein hinreissender Ausblick auf Palmenhaine sowie das tiefblaue Meer. Hungrig vertilgen wir eine frisch zubereitete Portion Pisang Goreng – gebackene Kochbananen – mit scharfer roter Sauce. Lecker. Zufrieden schlendern wir wieder zur Küste hinab und weiter bis zu einem schwarzen Strand, der unter unseren Füssen zu glühen scheint. In unserem Blickfeld räkelt sich der Vulkankegel von Pulau Hiri, einer kleinen Nachbarinsel.
Eigentlich könnten wir noch ewig im feinen Sand im Palmenschatten dösen, doch in Anbetracht des geringen Verkehrsaufkommens machen wir uns nachmittags wohlweislich auf den Heimweg. Umringt von ein paar aufgeweckten Mädchen, halten wir an der ansonsten verwaisten Strasse Ausschau nach einem Bemo. Lange tut sich nichts, doch nach einer Dreiviertelstunde erlöst uns das Quietschen von Bremsen. Ein Lieferwagen zeigt Erbarmen. Flink quetschen wir uns in die Führerkabine, wo wir nun zu viert aneinander kleben. Trotz beengenden Verhältnissen wie in einer Sardinendose, sind wir dem aufgestellten Fahrer sehr dankbar. Wegen der Sprachbarriere bleibt es leider bei vereinzelten Silben.
Am darauffolgenden Tag klappern wir den Nordosten ab. Vom Pantai Sulamadaha, einer schwarzsandigen Bucht, zieht sich ein für Motorräder genügend breites Betonband oberhalb der
Küste entlang. Der Ozean schimmert verführerisch in verschiedenen Blaunuancen und vor unseren Augen liegt erneut die kleine Vulkaninsel Hiri. Das Strässchen endet an einem winzigen weissen Sandstrand, eingerahmt von Felsen. Ernüchterung macht sich breit. Alles ist verbaut, Betonmauern und verlassene Imbissbuden beherrschen das Bild. Vielleicht ein Wochenendziel der Einheimischen? Nur ein einziges Restaurant scheint in „Betrieb“ zu sein. Die Wirtin schläft, noch wittert sie das Geschäft nicht…
Wie lange warten wir wohl heute auf ein Sammeltaxi? Der Strassenzug in Sulamadaha wirkt ausgestorben. Gerade als uns nach einer Weile ein Mann mit guten Englischkenntnissen anspricht, rauscht ein blauer Minibus ums Eck. Gerne hätten wir den Wortwechsel noch verlängert, doch wir steigen ein, ist es höchst ungewiss, wann der nächste kommt. Bemos halten praktischerweise überall und wir lassen uns ein paar Kilometer später wieder aussetzen.
Der erstarrte Lavastrom Batu Angus ist sogar als Sehenswürdigkeit beschildert. Beim mächtigen Eingangstor wird ein Eintrittsgeld fällig – für uns beide bezahlen wir umgerechnet 35 Rappen. Eine Gruppe junger Männer schwafelt vergnügt im Häuschen, einer von ihnen tritt lächelnd an die Luke. Der junge Kerl fragt, woher wir kommen. „German or French part?“, verblüfft er uns mit seinem Nachhaken. Nebst Englisch spricht er ein paar Vokabeln Deutsch – dank einer vergangenen deutschen Liebe. Seine Freunde kichern.
Gemächlich spazieren wir zwischen grossen Lavabrocken, die sich willkürlich im weitläufigen Gelände bis zur Küste hin verteilen. Beim genauen Hinschauen entpuppt sich die dunkle Landschaft als ein Mix verschiedener Grau- und Brauntöne. Ein Ausbruch des Gamalama hinterliess diese Verwüstung vor angeblich rund 300 Jahren – gänzlich zur Ruhe gekommen ist der Inselvulkan bis heute nicht. Das raue Gestein ist an manchen Stellen glatt geschliffen, zwischendrin spriesst in Form von Bäumen, Büschen und Blumen neues Leben.
Auf der Aussichtsplattform können wir uns einen Gesamteindruck verschaffen. Im Hintergrund bilden das marineblaue Meer und die saftig grünen Palmen einen malerischen Kontrast zum Lavagrau. Nach unserem Geschmack ist die Anlage etwas zu verbaut. Nebst Rastplätzen mit Schattendächern winden sich betonierte Wege durch die Lava-Landschaft, passabel für Motorisierte. Offensichtlich mögen die Leute kaum einen Meter zu Fuss gehen…
„Wie wars?“, interessiert sich der schlanke Angestellte mit gewelltem Haar. „Bitte erzählt eurer Familie und Freunden davon und bittet sie, auch zu kommen.“ Sein spitzbübisches Lachen ist herzerweichend und wir nicken pflichtbewusst, obschon wir insgeheim wissen, dass kaum jemand die lange Reise in die indonesische Abgeschiedenheit auf sich nehmen wird. Wir verstehen natürlich, dass er sich ein grösseres ausländisches Publikum herbeisehnt, doch uns gefällts, dass die Nordmolukken so sympathisch untouristisch sind. Der aufgeweckte Kassier begleitet uns noch an die Strasse, sichtlich bemüht um unsere Weiterreise. Eine berührende Begegnung.
Am Stadtrand von Kota Ternate statten wir dem schmucken Benteng Tolukko eine Stippvisite ab.
Klein und fein thront die alte portugiesische Festung leicht erhöht über rostigen Wellblechdächern und bettet sich in einen zauberhaften, tropischen Garten mit rot blühenden Blumen. Die dicken Mauern sind vollkommen aufgeheizt, auch die schräg stehende Nachmittagssonne wärmt noch tatkräftig. Trotzdem halten wir einen Moment inne und lauschen einmal mehr den allgegenwärtigen Klängen der Muezzins, die von überall her in unsere Ohren dringen.
Noch ein letztes Mal unterbrechen wir unsere Rückfahrt. Der moderne Supermarkt im Stadtzentrum stellt eine unwiderstehliche Verlockung und Abwechslung im Speiseplan dar. Eis am Stiel und ein gekühltes Joghurt landen im Einkaufskorb. Gemächlich schlendern wir frühabends den Marktständen und schliesslich der Promenade entlang, und beobachten den Menschenauflauf und das alltägliche Geschehen am und im Wasser.
Auf dem Heimweg im Minibus ziehen zwei pechschwarz „verkleidete“ Frauen meine Blicke magisch an. In bodenlange weite Gewänder gehüllt und vollständig verschleiert, sind nur ihre feingliedrigen Hände nackt, und aus einem schmalen Schlitz lugen braune Rehaugen. Ich fühle mich mit meiner Dreiviertelhose und dem Kurzarmshirt schon weitaus zu warm angezogen – wie mag es denn erst diesen jungen Muslimas ergehen? Ich bin aufgewühlt. Kein erlösender Lufthauch streichelt ihre bestimmt schmorenden Körper.
Am letzten Tag lassen wir in unserer Wohlfühloase die Seele baumeln und machen uns erst am späteren Nachmittag aus dem Haus. Noch immer plagt uns eine schwüle Hitze. Beim Bergaufgehen perlt Schweiss aus jeder erdenklichen Pore und rinnt in feinen Bächlein über das Gesicht. Klatschnass erreichen wir nach einer halben Stunde die angepeilte Stelle. Es verschlägt uns schier die Sprache.
Das Bild ist perfekt inszeniert. Im Vordergrund leuchtet der See Ngade blaugrün. Dahinter ragen die vorgelagerten Inseln Tidore und Maitara aus dem Ozean, neckische Wolken umgarnen deren Vulkanspitzen. Von einer hölzernen Plattform geniessen wir das reizvolle Panorama. Fast allein. Auf einer Terrasse nebenan fotografiert sich ein einheimisches Liebespaar unermüdlich in unzähligen Posen. Unser Spot liegt im Schatten und es gibt sogar ein paar Hocker – was will man mehr? Na ja, ein kühles Bier vielleicht. Doch das bleibt im streng muslimischen Ternate ein Wunschgedanke – Bier wird hier nicht verkauft. Egal, die stimmungsvollen Momente sind auch ohne Sundowner ein Genuss.
Mit dem Nachtessen folgt ein kulinarischer Genuss. Ein ganzer Fisch mit Kopf und Kragen liegt auf
unserem Tisch, zubereitet nach lokaler Art, verfeinert mit Muskatnuss, Nelken und weiteren Gewürzen. Die Gerichte aus dem hoteleigenen Restaurant, wo wir wegen tiefer Gästezahl oft alleine speisen, munden jeweils köstlich. Zum Frühstück hingegen erwarten uns stets bleicher Toast und Eier, doch der hausgemachte Avocado-Tomaten-Salat sowie die frisch gepressten Fruchtsäfte werten das Gaumenerlebnis ungemein auf.
Der göttliche Weckruf reisst uns wie jeden Tag um 04:40 Uhr aus dem nächtlichen Schlummer. Der Singsang der Moscheen ist auch schlafend nicht zu überhören. Der Ausdruck „in aller Herrgottsfrühe“ macht plötzlich Sinn. Nicht alle Muezzins starten zum selben Zeitpunkt. Grundsätzlich eine melodische Angelegenheit, klingen gewisse Tonfolgen monoton wie Mantras und die Kanons verstimmt. Möchte man weiterschlafen, scheinen die Gebetsaufrufe eine gefühlte Ewigkeit anzudauern. Doch heute trete ich schlaftrunken auf den Balkon und horche ganz bewusst den durch die Dunkelheit hallenden Gesängen, die dann nach und nach verstummen. Zurück bleibt das Zwitschern der Vögel und Krähen der Hähne, in der Ferne ist ein Knattern von Motoren auszumachen.
Halb sechs. Im Morgengrauen schleichen wir uns am noch tief schlafenden Nachtwächter vorbei. Schliesslich verdattert vor noch verschlossenem Eingangstor stehend, klettern wir kurzerhand über die nicht allzu hohe Mauer. Die Strasse ist kaum beleuchtet, wir tappen fast im Dunkeln. Ein paar Hühner gackern am Wegesrand. Glücklicherweise gibt es keine bellenden Köter – in der Tat überhaupt keine Hunde auf der Insel. Wenn man einen zu sehen glaubt, ist es jeweils eine Ziege.
Noch umgibt uns frische Morgenluft und beschwingt steuern wir erneut den gestern besuchten Aussichtspunkt an. Wie befürchtet ist das Tor des Areals jedoch verriegelt. Ein fettes Schloss und ein hoher Zaun verhindert jegliches Eindringen. Erstaunlich, dass keiner wach ist – das Morgengebet scheint an allen spurlos vorbeigegangen zu sein. Inzwischen taghell, machen wir uns etwas enttäuscht auf den Rückweg. An einem Punkt, wo man immerhin die beiden pyramidenförmigen Vulkane und die aufgehende Sonne zu sehen vermag, geben wir uns dem morgendlichen Frieden hin. Kurz vor sieben zurück im Gästehaus, räumt der Aufpasser soeben sein Nachtlager. Langschläfer.
Eine wunderbare Woche ohne einen einzigen Regentropfen nimmt ein Ende. Wir bereuen unseren Entscheid bezüglich dem ausgedehnten Zwischenstopp auf Ternate keineswegs. Das langsame Entdecken und Eintauchen in den fremden Inselalltag hat für uns völlig gepasst. Gerne sind wir jedoch nach den exotischen Streifzügen in unser harmonisches Zuhause in der Höhe zurückgekehrt, um aufzutanken. Das Spüren des fremden Pulsschlags weit abseits ausgetretener Touristenpfade hat unser Herz erwärmt, nicht nur der heissen Temperaturen wegen.
Flott hebt der kleine Propellerflieger überpünktlich von der kurzen Startbahn ab und schwirrt rumorend durch die sonnendurchflutete Luft. Beflügelt ergattern wir letzte Blicke auf das liebgewonnene Inselreich der Vulkane, bevor nur noch der meerblaue Teppich unter uns funkelt…
Hallo ihr zwei Lieben,
Einfach wieder toll geschrieben. Ich bin beim Lesen für eine Weilchen mit euch in das Inselreich abgetaucht. Danke dafür.
Bis bald mal in der Schweiz…
Liebe Reni
Herzlichen Dank für dein Kompliment. Es freut uns, wenn wir dich für einen Moment in das wunderbare Inselreich entführen konnten…
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen in der – momentan grauen und kalten – Schweiz.
Ganz liebe Grüsse an euch beide nach Südamerika – hoffentlich geht es euch gut.
Christine & Roland