Ticino – mediterranes Flair und weisse Berggipfel
Es ist Spätherbst. In Locarno regnet es unaufhörlich. Wo die letzten Tage noch Panorama war, hängt heute ein milchig grauer Vorhang. Der Gebirgszug auf der anderen Seite des Lago Maggiore ist nicht auszumachen, ebenso wenig die Dörfer, die sich an die unteren Hänge schmiegen.Unsere Sicht reicht nur bis zur Terrasse, wo sich auf dem Boden inzwischen Pfützen gebildet haben. Auf die schillernden Wasseroberflächen klatschen fette Tropfen, es spritzt zu allen Seiten. In der Sonnenstube der Schweiz regnet es heute nur einmal…
Als wir vor zwei Tagen im Tessin ankamen, strahlte die Oktobersonne in voller Kraft von einem stahlblauen Himmel. Es fühlte sich fast wie Sommer an. „Wow, diese Aussicht“, jubelte ich, als uns die Vermieterin der Ferienwohnung in das helle, geschmackvoll eingerichtete Studio führte.
In Locarno-Monti residieren wir hoch über den Dächern der Innenstadt, mit sagenhaftem Ausblick auf See und Berge. Auf Anhieb fühlten wir uns wohl und es tat gut, die langen Kleider gegen kurze Hose und T-Shirt zu tauschen. Selig lagen wir in den Liegestühlen auf der grossen Terrasse und genehmigten uns später ein Bierchen, um auf unsere Ferien anzustossen. Als die Abendsonne hinter einem Bergkamm versank, wurde es umgehend kühl und wir verzogen uns in die gute Stube, die gleichzeitig Esszimmer, Küche und Schlafgemach ist. Klein, aber hübsch.
Ursprüngliches, abgelegenes Val Bavona
Gestern brachen wir zu einer ersten Wanderung auf, obschon das vorausgesagte Wetter nicht ganz unserem Geschmack entsprach. Als wir in Bignasco im Maggiatal ankamen, ballten sich bereits viele Wolken am Himmel. Hoffnungsvoll schnürten wir in der Morgenfrische die Wanderschuhe, um das zwölf Kilometer lange Val Bavona zu Fuss zu erkunden. Im entlegenen Seitental fielen die Sonnenstrahlen schliesslich noch rarer aus wie erwartet…
Kastanienlaub knistert unter unseren Sohlen, ein Gebirgsbach sprudelt, von gelb verfärbten
Baumwipfeln zwitschern Vögel. Auf steinigen Waldpfaden schustern wir stetig bergauf, immer tiefer hinein ins urtümliche Tal, das von hoch aufragenden Bergwänden dominiert wird. Leuchtend grünes Moos überzieht märchenhaft verstreut herumliegende Felsklötze. Die Bavonesi arrangierten sich hervorragend mit den stummen Zeugen vergangener Bergstürze und errichteten ihre Wohnhäuser oder Ställe auf, unter oder zwischen den unverrückbaren Brocken.
Das Bavonatal hat seinen ursprünglichen Charakter weitgehend bewahrt und vermag einen in die Vergangenheit zu versetzen. In kurzen Abständen tauchen zwölf beschauliche Weiler auf, die mit traditionellen Tessiner Steinbauten entzücken. Nahe aneinander gerückt, lehnen Ställe und Holzschöpfe gar oftmals an die Wohnhäuser. Manche der mit Granitplatten
gedeckten Steinhäuser sind über 400 Jahre alt. Die meisten wirken verlassen, doch manchem Kamin entweicht eine weisse Rauchfahne. Gerne würde ich mich in eine ofenwarme Stube verdrücken, denn die Sonne glänzt mit Abwesenheit und draussen bleibt es frisch. Unsere Verschnaufpausen und das spätere Picknick sind ungemütlich. Immerhin haben wir wohlweislich eine Thermoskanne heissen Tee eingepackt.
Im Winter bleibt das Val Bavona unbewohnt, da die Strasse wegen der Steilheit der Hänge und drohender Lawinen oftmals nicht geräumt werden kann. Bis 1950 war das Bergtal nur auf einem Maultierpfad erreichbar und die meisten Siedlungen haben bis heute keine Elektrizität.
Mittags erreichen wir den Weiler Foroglio mit seinem imposanten Wasserfall. Wassermassen
stürzen donnernd senkrecht in die Tiefe, weisse Gischt steigt auf. Das schmucke Dörflein ist an den Hang gebaut, enge Gassen zwängen sich durch sorgfältig renovierte Steinhäuser. Nicht nur uralte Siedlungen und stachelige Kastanien prägen unseren Weg, auch Kapellen und Brücken, die das kristallklare Wasser der Bavona überspannen.
Route: Bignasco 443 m – Fontana 616 m – Mondada 566 m – Sabbione 647 m – Ritorto 650 m – Foroglio 684 m – Roseto – Faedo 755 m – Bolla 773 m – Sonlerto 808 m – San Carlo 938 m
Gegen Ende unserer Talwanderung öffnet der Himmel seine Schleusen. Wir sind froh, als wir endlich den Kirchturm von San Carlo erblicken. Unser Ziel markiert gleichzeitig das Ende der Strasse – von hier geht es nur noch zu Fuss oder mit der Seilbahn weiter. Immerhin müssen wir im Regen nicht lange auf das Postauto harren, das einen nachmittags lediglich um vier und fünf Uhr zurück nach Bignasco chauffiert.
Hoch über dem Lago Maggiore
Ausgeschlafen trete ich auf die Terrasse und lasse die malerische Morgenstimmung auf mich wirken. Der Regen ist Schnee von gestern. Unsere Aussicht ist zurück, die Bergspitzen sind tatsächlich weiss gezuckert. Sonnenstrahlen bahnen sich einen Weg durch Wolkenschwaden und beleuchten sanft den Bergkamm im Westen. Nach dem Frühstück hopsen wir in einen Bus, der uns nach Ascona bringt. Zusammen mit Locarno breitet sich das Nachbarstädtchen am Nordufer des Lago Maggiore aus, lediglich getrennt durch das Maggiadelta.
Ascona liegt auf 199 Meter über Meer und ist eine der tiefstgelegenen Ortschaften der Schweiz;
das Klima ist entsprechend mild. Das ehemalige Fischerdorf hat sich längst zu einem exklusiven Ferienort gemausert. Durch die Altstadtgassen schlendern wir durch den historischen Kern bis zur berühmten Seepromenade, die abermals zum Flanieren einlädt. Motorboote wiegen an ihren Ankerplätzen sachte im Wasser. Ein mediterranes Flair umgibt die bunt gestrichenen Häuser, die fast allesamt Restaurants oder Cafés mit Tischen im Freien beherbergen.
Auf unserem Plan steht jedoch kein Kaffeeplausch, sondern die Höhenwanderung nach Brissago: knapp zehn Kilometer entfernt, nahe der italienischen Grenze. Steil ansteigende Treppen führen an edlen Villen vorbei und lotsen uns rasch auf die Hügel oberhalb der Altstadt, mitten in die Natur. Inzwischen heizt die Sonne kräftig, zwingt uns im Nu aus der Jacke und weckt erneut Sommergefühle. Durch bewaldete Hänge führt der Höhenweg in einem leichten Auf und Ab der steilen Küste entlang. Immer wieder erhaschen wir Ausblicke auf die Gebirgszüge, deren frisch verschneite Gipfel sich markant vom Himmel abheben. Zahlreiche Sitzbänke machen Lust auf Pause.
Kurz vor Ronco präsentieren sich grossartige Tiefblicke auf den im Mittagslicht samtblau glänzenden Lago Maggiore. Das Dorf klebt richtiggehend am Hang und im Labyrinth der
Gassen sind wir bald verloren. Steil bergwärts durch Kastanienwald erreichen wir den mit 500 Metern höchsten Punkt der Wanderung. Von hier gehts nur noch bergab. In weiten Kehren einer kaum befahrenen Strasse entlang, bis wir spätnachmittags schliesslich Brissago erlangen. Auf Seehöhe hat sich der Sonnenball schon hinter die hohen Berge verabschiedet und die Luft ist kühl, während wir auf den Bus warten. Doch hinter uns liegt ein prächtiger Tag mit einer Riesenportion Sonnenschein.
Madone: Gipfelgenuss auf 2000 Metern
Die erste Seilbahn fährt erst um viertel nach neun. Angesichts einer Tageswanderung reichlich spät, da es um sieben hell und schon vor sechs Uhr dunkel wird. Innert Minuten verschlingt die Gondel fast tausend Höhenmeter und spuckt uns in Cardada aus. Von der luftigen Plattform bewundern wir das Panorama: vom tiefsten bis zum höchsten Punkt der Schweiz. Vom Lago Maggiore über das Centovalli und die Alpen bis zum schneeweissen Monte-Rosa-Massiv mit der Dufourspitze. Eine neue Perspektive, haben wir den höchsten Schweizer Berg im Wallis im vergangenen Sommer von einer anderen Seite angehimmelt.
Weiter gehts zu Fuss. Der Höhenrundweg schlängelt sich durch Alpgebiet und lichten Wald. Beherzt waten wir durch ein raschelndes Blättermeer. Eine herbstliche Farbenpracht von Gelb über Orange bis Rot. Bei den Sennhütten der Alpe de Bietri gönnen wir uns eine Pause, bevor wir in steilen Serpentinen durch baumlose Grasheiden bis zu einem Sattel ansteigen. Über Fels und Steinstufen fordern wir unsere Beinmuskeln weiter heraus, bis wir letztendlich über verschneite Stellen den Madone mit 2039 Meter bezwingen. Der Gipfel liegt am Nordende des Grates, der parallel zum Maggiatal und Verzascatal verläuft.
Die Rundumsicht ist atemberaubend. Während wir mit Appetit Brot und Käse vertilgen, blicken
wir über die weisse Alpenkette bis nach Italien. Die Herbstsonne wärmt, die Höhenluft kühlt. Schon zeigt die Uhr kurz nach zwei und wir müssen los, damit wir den letzten Sessellift von Cimetta zurück nach Cardada nicht verpassen. Zudem geben wir etwas Gas, denn die Zeitangaben auf den Wegweisern sind in unseren Augen sportlich, und wir fragen uns einmal mehr, ob die Tessiner so flink sind oder wir trödeln.
Route: Orselina 385 m – Cardada 1332 m (Seilbahn) – Alpe Cardada 1496 m – Alpe di Bietri 1499 m – Sattel 1657 m – Madone 2039 – Sattel 1657 m – Cima della Trosa 1869 m – Cimetta 1671 m – Cardada 1332 m (Sessellift) – Orselina 285 ( Seilbahn)
Den kurzen Abstecher zum Cima della Trosa wollen wir trotz Zeitdruck nicht verpassen, spähen vom Gipfelkreuz aber nur einmal rundherum. Gerade noch rechtzeitig treffen wir ausgelaugt bei der Bergstation Cimetta ein. Während die Sonne ihre letzten Strahlen schickt, lassen wir uns vom Sessellift bequem hinabtragen.
Göttliches „Dolce Vita“ in Locarno
Heute ist es uns nach einem ruhigen Tag. Von unserem Zuhause spazieren wir an Palmengewächsen vorbei ins Stadtzentrum hinab. Locarno ist die mediterrane Seele der Schweiz. Im warmen Klima gedeihen neben Palmen viele südländische Pflanzen wie Zitronen-, Bananen- und Olivenbäume, und verleihen der Stadt ihren besonderen Charme, ja gar eine Prise Exotik, zu der auch die italienische Sprache beiträgt. Leichtfüssig hüpfen wir von Stufe zu Stufe; auf Treppen sind die knapp 200 Höhenmeter überraschend schnell bewältigt.
Entspannt schlendern wir durch die Gassen der Altstadt, an schnuckeligen Läden und Kirchen vorüber. Am Rande des historischen Zentrums steht das aus dem 12. Jahrhundert stammende Castello Visconteo, eine Burg mit prunkvollen Palästen. Schliesslich landen wir auf der bekannten langgezogenen Piazza Grande mit ihren Bogengängen und dem Kopfsteinpflaster. Der Platz ist das pulsierende Herz der Stadt, mit vielen Lokalen und Geschäften. Es geht fast etwas zu lebhaft zu und her, findet ausgerechnet heute ein grosser Markt statt. Alles ist verstellt und die Stände verunstalten leider mancherorts die pastellfarbenen Häuserfassaden.
Die Innenstadt verlassen wir auf dem Pilgerweg, der auf die berühmte Wallfahrtskirche Madonna del Sasso in Orselina zusteuert. Jäh windet sich der von Bildstöcken gesäumte Weg im Zickzack bergan und zaubert uns Schweissperlen ins Gesicht. Oberhalb Locarno in Orselina thront das gelbe Mauerwerk erhaben auf einem hohen Felsen und ist von weit her zu sichten. Der heilige
Bau ist einer der bedeutendsten im Tessin, seit Jahrhunderten pilgern Gläubige zum kühn gelegenen Gotteshaus mit angeschlossenem Kapuzinerkloster. An diesem Oktobertag hält sich der Besucheransturm zu unserer Freude in Grenzen. Auf dem weiten Vorplatz der Kirche halten wir einen Moment inne und geniessen den göttlichen Ausblick, bevor wir hinter die imposante Fassade gucken.
Von Orselina ist es nur noch einen Katzensprung zurück zu unserem Studio in Locarno-Monti. Unter der Mittagssonne schnabulieren wir einen Happen aus der eigenen Küche. Meistens schwingen wir den Kochlöffel selber, sind wir abends zu müde, um nochmals auszugehen, und sind wir mittags nicht auf Wanderschaft, möchten wir unsere grandiose Terrasse auskosten. Auf dem Liegestuhl verstreicht der Nachmittag im Nu. Schon verliert die Sonne wieder an Kraft und es ist Zeit für einen leckeren Sundowner. Die Tage neigen sich viel zu früh zur Neige…
Vom Monte Tamaro zum Monte Lema
Der Wecker klingelt im Morgengrauen, um halb acht schlurfen wir aus dem Haus. Zahlreiche Haarnadelkurven und eine knappe Stunde später parken wir das Auto überpünktlich in Rivera, südlich des Monte Ceneri. Wir sind die ersten, noch stehen wir vor verschlossener Tür. Keine Minute zu früh um halb neun nimmt die Gondelbahn Fahrt auf. Auf der Alpe Foppa auf
1530 Metern zieht es uns erstmals zum einmaligen Bau von Mario Botta: eine extravagante Kapelle mit Aussichtsplattform. Der berühmte Tessiner Star-Architekt hat auf der ganzen Welt architektonische Spuren hinterlassen.
Anschliessend nehmen wir die fünfstündige Höhenwanderung über den Monte Tamaro bis zum Monte Lema unter die Sohlen. Von der Alpe Foppa zieht sich ein stellenweise vereister Kiesweg in weiten Schleifen einen schattigen Berghang hoch. Auf der Krete angelangt, umschmeicheln uns wohlige Sonnenstrahlen und in unserem Blickfeld breitet sich der Luganersee aus. Nach einem stärkenden Znüni erklimmen wir
den Motto Rotondo, den Nachbargipfel des Monte Tamaro. Die 360-Grad-Sicht auf über 1900 Metern scheint ohne Ende, die Weite ist unbeschreiblich. Ich fühle mich wie in einer Manege, fast rundherum erheben sich Berge: vor der Nase der Monte Tamaro, in der Ferne die schneebedeckten Alpen. Gleichzeitig sind von hier oben die Tessiner Städte Lugano, Bellinzona, Locarno und Ascona auszumachen.
Auf einen etwas ausgesetzten Abstieg folgt der Aufstieg zum Monte Tamaro, dessen spitze Pyramide auch von unserer Terrasse aus zu sehen ist. Inzwischen betrübt uns eine Völkerwanderung und auf dem Gipfel auf 1961 Metern wimmelt es von Berggängern. Der Monte Tamaro gilt als beliebtester Aussichtsberg des Tessins, doch ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen haben wir an einem Werktag in der Nebensaison nicht erwartet. Flink machen wir uns vom Berg – der Rundumblick vom Nebengipfel war ohnehin ein bisschen aufregender.
Beschwingt schustern wir über dürre Alpwiesen und alpine Landstriche bergauf und bergab. Stets offenbaren sich neue Blickwinkel. Italienische Bergdörfer verteilen sich in den tiefer liegenden Hängen. Hinter bräunlichen Gebirgszügen macht das unverkennbare Monte-Rosa-Massiv auf sich aufmerksam und sogar die Matternhornspitze winkt uns zu. Als wir uns nach der verdienten Mittagspause wieder aufraffen, rauben Wolkenschlieren der Sonne fast gänzlich die Kraft.
Ziegenherden machen mit ihrem Glockengebimmel auf sich aufmerksam, Hochlandrinder mit ihrem zotteligen Aussehen. Die ulkigen Viecher mit den langen, gebogenen Hörnern lassen sich von den vielen Wandervögeln nicht stören. Unbeirrt mähen sie das hohe Gras oder halten ein Nickerchen. Die langen Haare fallen den urtümlich dreinschauenden Wiederkäuern oftmals weit über die Augen und entlocken uns ein Schmunzeln.
Am späten Nachmittag regieren dicke Wolken. Seufzend zwingen wir uns zum finalen Aufstieg und sind erleichtert, als wir schliesslich unser Wanderziel erlangen. Der Monte Lema ist die letzte bedeutende Erhebung der Voralpenkette und liegt auf 1624 Metern, an der Grenze zu Italien. Fröstelnd zücken wir die Thermoskanne und klammern uns im Windschatten an einen Becher Tee, bevor uns die letzte Seilbahn kurz vor fünf nach Miglieglia ins Tal gondelt. Derweil sich die Dämmerung herabsenkt, kutschiert uns ein Shuttlebus zurück zum Ausgangspunkt nach Rivera.
Bergfrieden am Lago di Mognola
Morgennebel wabert über den schattigen Boden. Auch heute sind wir wieder früh auf Achse, ins Valle Maggia dringt noch kein Sonnenstrahl. In Bignasco verzweigt sich das Tal: Das uns schon bekannte Val Bavona gräbt sich tief in den Nordwesten und das Val Lavizzara, wie sich das langgezogene Maggiatal ab Bignasco nennt, zieht eine Furche Richtung Nordosten. Eine Kurve jagt die nächste, die Fahrbahn wird immer schmaler. Dort wo man meint, dass es nicht mehr weiter geht, überrascht eine steil ansteigende Passage mit haarsträubenden Haarnadelkurven. Wenn uns nur kein Postauto in die Quere kommt…
Fusio, der letzte Ort, klebt auf über tausend Höhenmetern an einem Hang. Ein typisches
Tessiner Dörflein, die Kirche wacht in der Mitte. Kurz nach acht stecken wir in den Wanderschuhen und folgen dem Wegweiser zum Lago di Mognolo. Vor lauter Laub sieht man den steilen Pfad allerdings kaum; gut dass es rot-weisse Markierungen gibt. Die Berge auf der gegenüberliegenden Talseite ziehen unsere Blicke magisch an. Die weiss verschneiten Gipfel leuchten im warmen Licht der noch tief stehenden Sonne und verströmen einen besonderen Reiz, der uns eine Extraportion Energie verleiht.
Über Bergwiesen und einen mit Lärchennadeln übersäten Waldboden schnauben wir weiter bergwärts. Bäche rauschen, gelegentlich trällert ein Vogel. Ausser uns ist kein Mensch unterwegs und die harmonische Geräuschkulisse tut unserer Seele gut. Trotz der Kälte des Morgens verschwitzt, erreichen wir die Alphütten auf dem Hochplateau Corte di Mognola. Weil uns noch
immer Schatten umhüllt, nehmen wir unverzüglich die letzte Etappe in Angriff, um nicht auszukühlen. Stetig jäh bergan, Schneeflecken erzählen von den vergangenen Niederschlägen.
Geschafft. Hinter einer Wegbiegung versteckt sich unser Ziel: der Lago di Mognolo auf 2003 Metern. Hier oben trifft goldene Herbst- auf klirrende Winterstimmung, die uns beinahe erstarren lässt. Tief verschneite Bergwände umrahmen den See, der in einer nahezu baumlosen, von eiszeitlichen Gletschern gebildeten Mulde ruht: kristallklar und spiegelglatt, im eisigen Schatten. Ehrfurchtsvoll schauen wir zu den hohen Gipfeln, die eine stille Erhabenheit ausstrahlen.
Auf der anderen Seeseite kriecht inzwischen Sonnenlicht den Hang hinab. Beflügelt stürmen wir
den kraftvollen Strahlen entgegen – wie gut die Wärme tut. Während wir eine dampfende Tasse Tee schlürfen, gucken wir versonnen auf das Gewässer, das von oben wie ein Kratersee wirkt. Die bezaubernde Kulisse hat unser Herz längst erwärmt, der heisse Tee taut unsere Hände auf und das Picknick flösst uns neue Kraft ein. Noch ist keine Menschenseele da, nur wir und die Wunder der Natur. Bergfrieden pur.
Die Sonne klettert höher und höher und beleuchtet allmählich einen Teil des Gletschersees. Das Wasser blitzt und funkelt, wie Tausende von Diamanten. Aus keiner Perspektive gelingt es uns, die gesamte Kulisse auf ein Foto zu bringen, zu mächtig die Berge und wir zu nah dran am Schauplatz. Nach einer ausgiebigen Rast reissen wir uns los. Inzwischen sind eine Handvoll Wanderer eingetroffen. Bevor wir hinter einer Bergkuppe verschwinden, werfen wir sehnsuchtsvoll einen allerletzten Blick auf den Lago die Mognola, der uns völlig in seinen Bann gezogen hat.
Über der Baumgrenze verläuft der Weg meistens geradeaus. Die einsame Landschaft bringt uns erneut ins Staunen, ihr Kleid ist ein bunter Mix aus Herbstfarben und Wintermärchen. Der Pfad folgt nun einem renovierten Teilstück einer alten Wasserleitung und zwingt uns immer wieder, über das gurgelnde Nass zu springen.
Bevor es talwärts geht, werfen wir uns ins Gras und gönnen uns nochmals eine Pause. Mit
Ausblick auf den langgezogenen Stausee im Val Sambuco brutzeln wir unter einem blauen Himmelsdach, sogar kurzärmlig ist es heiss. Eine bleierne Müdigkeit lähmt uns und wir könnten ewig liegenbleiben, gäbe es keine Zeit, die den Tag zuverlässig in Nacht verwandelt. Noch schmuggelt sich beim Abstieg die Nachmittagssonne durch lichten, gelben Lärchenwald und malt verspielte Schatten auf den weichen Boden.
Route: Fusio 1266 m – Vacarisc di Fuori 1485 m – Corte di Mognola 1842 m – Lago di Mognola 2003 m – Corte della Sassina 2037 m – Alpe Cana 2079 m – Corte del Sasso 1977 m – Vacarisc di Fuori 1485 m – Fusio 1266 m
Als wir unten beim Parkplatz ankommen, liegt Fusio längst wieder verschlafen im Schatten. Kälte umarmt uns, schleunig fischen wir Langärmliges aus dem Rucksack. Auf der Rückfahrt halten wir im nächsten Bergdorf kurz an, steht in Mogno eine weitere eigentümliche Kirche von Mario Botta. Von aussen wirkt das grau-weiss gestreifte Gotteshaus klobig und befremdend, es passt nicht wirklich ins traditionelle Ortsbild. Von innen übt das schlichte Bauwerk mit dem ungewohnt vom Dach her einfallenden Licht eine gewisse Faszination auf uns aus. Zwar wähnen wir uns eher in einer Moschee, hinge da nicht Jesus am Kreuz.
Was für ein himmlischer Tag zum Abschluss unserer Ferienwoche im Tessin. Die Schweiz hat uns erneut mit einem wundervollen Flecken Heimat beglückt. Und obendrein mit einem exotischen Cocktail aus mediterranem Flair und schneebedeckten Alpengipfeln…
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