Tongariro – über erstarrte Lava
Im Herzen des Tongariro Nationalparks, südlich des Lake Taupo, ragen drei Vulkane steil aus einer öden Hochebene auf. Der mächtigste Berg des aktiven Trios stellt der breitschultrige, verschneite Ruapehu mit seiner stolzen Gipfelhöhe von 2797 Metern dar. Sein kleiner Bruder Tongariro misst 1967 Meter und der zwischen den
beiden eingekeilte, perfekt geformte Schichtkegel Ngauruhoe ist 2287 Meter hoch. Die vulkanische Landschaft des Nationalparks ist eine spektakuläre Mischung aus halbtrockenen Ebenen, erstarrten Lavaflüssen, dampfenden Erdspalten, klaren Gewässern, ursprünglichem Regenwald sowie Schnee und Eis in Hülle und Fülle.
Sechs Uhr, fünf Grad. Draussen ist es noch stockfinster. Es kostet Überwindung, uns in der frühmorgendlichen Kälte aus dem flauschigen Schlafsack und der Bettdecke zu schälen. Rasch schlüpfen wir in die ebenso kalten Kleider und wärmen unsere Hände an einer dampfenden Tasse Tee. Schlaftrunken schlingen wir ein paar Löffel Müesli hinunter, währenddessen draussen der neue Tag erwacht. Pünktlich holt uns der gebuchte Shuttle Bus beim Campingplatz ab. Die Fensterscheiben im alten Fahrzeug sind beschlagen, fast jeder Sitzplatz ist bereits besetzt.
Halb acht. Auf dem Parkplatz geht es hektisch zu und her. Unzählige Autos verursachen ein Chaos, Busse spucken Menschenmassen aus. Am Ausgangspunkt unserer geplanten Tageswanderung wimmelt es von Frühaufstehern. Alle mit demselben Ziel – „Tongariro Alpine Crossing“. Das Trekking mit einer Länge von 19.4 Kilometern erstreckt sich durch steiles Vulkangelände. Es ist eine der beliebtesten Wanderrouten der Nordinsel. Wir sind zwar davon ausgegangen, dass einerseits das Wochenende sowie die verheissungsvolle Wetterprognose zahlreiche Besucher anziehen. Doch dass ein derartiger Andrang herrscht, überrascht uns.
Der Himmel ist klar, von der Sonne fehlt aber noch jede Spur. Auf knapp 1200 Metern ist es bitterkalt. In mehrere Schichten gehüllt, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, marschieren wir los. Die ganze Masse wandert, wir mittendrin. Erst führt der Weg einem Fluss entlang, durch eine karge Landschaft sanft bergan. Das Rauschen des Wassers wird vom lauten Geplapper fast verschluckt. Nach einer
Stunde verläuft die Strecke steiler und bringt uns durch rissige schwarze Lavaströme schnell in höhere Gefilde. Ausser Atem erreichen wir den Sattel, der den Beginn des Hochlandes zwischen den beiden Vulkanen Tongariro und Ngauruhoe markiert. Während der Verschnaufpause streicheln uns zwar erste Sonnenstrahlen, doch der Wind pfeift noch immer eisig um unsere Ohren.
Der gut ausgeschilderte Wanderweg durchquert nun den Kraterboden des South Crater auf 1660 Metern. Die Gegend mutet wie eine Mondlandschaft an. Von Wandervögeln umringt schustern wir über Lavagestein, vorbei an goldfarbenen Grasbüscheln, den hohen wohlgeformten Vulkankegel stets im Blickfeld. Ich komme mir vor wie auf einer Klassenfahrt, inmitten einer riesigen Herde Schüler – es gibt kein
Entrinnen. Steil hinauf im Gänsemarsch erklimmen wir anschliessend den Rand des Red Crater, mit 1880 Metern den höchsten Punkt der Überquerung. Ein tiefes, zerfurchtes Loch tut sich vor uns auf. Die Farbpalette der steilen Kesselwände des noch aktiven Kraters reicht von Rot über Braun bis Grau und bildet einen entzückenden Kontrast zum stahlblauen Himmel.
Der steile Abstieg über feines loses Lavageröll beschert uns grandiose Ausblicke auf die Emerald Lakes. Einige ungeübte Wanderer, die den Abhang etwas unbeholfen herab rutschen, überholen wir spielend, während andere mit irrem Tempo an uns vorbei sprinten. Die drei Seen leuchten fabelhaft, in
Schattierungen zwischen Smaragdgrün und Zartblau. Diese intensiven Farben sind der reine Wahnsinn und versetzen uns in Staunen. Am plätschernden Ufer lassen wir uns nieder, verschlingen umringt von anderen Hungrigen unser Picknick. Immer wieder gleitet unser Blick auf die den Hang hinunter steigende Karawane, die kein Ende zu nehmen scheint…
Ab hier geht es entspannt bergab, nur noch einmal kurz hinauf zum Blue Lake. In der
Sonne schimmert sein Wasser türkis – eine Augenweide. Halb zwei. Der Blick auf die Uhr besagt, dass wir uns hier nochmals eine kurze Pause erlauben dürfen. Denn bereits um halb fünf verkehrt der letzte Shuttle Bus vom Endpunkt der Wanderung. Der organisierte Transport ist zwar überaus praktisch, doch die Zeit für unsere Bedürfnisse eher knapp bemessen… Wir suchen uns am kristallklaren See ein Plätzchen in der moosartigen Wiese und lassen die wundervolle Szenerie inmitten von Alpenblumen auf uns wirken.
Zurück am Wegesrand setzen wir unsere Blinker und biegen wieder auf die wuselige Ameisenstrasse ein. Wir dachten, die wandernde Meute werde sich im Verlaufe des Tages verteilen, doch weit gefehlt – keinen Moment haben wir für uns allein… Es folgt die Umrundung des North Crater über die mit trockenem Gras bewachsenen Hänge. Bald eröffnet sich ein Fernblick auf den tiefblauen Lake Taupo im Norden. Auch aus Erdspalten aufsteigende Dampfschwaden prägen das Bild, manchmal raucht es wie aus einem Kamin. Bei einer Raststation bildet sich vor der Toilette eine endlos lange Schlange – wir trauen unseren Augen kaum. Das tun wir uns nicht an und ignorieren unseren Drang.
Erste Wolken ziehen auf, doch die Sonne kann sich noch immer erfolgreich durchsetzen. Trotzdem sind wir wegen der auffrischenden Bise noch immer in zwei Schichten gepackt. Der Abstieg zieht sich in die Länge, führt meist nur noch über Stufen und später durch schattigen Wald bergab. Geschafft, der Endpunkt auf 750 Metern ist nach gut acht Stunden erreicht. Ausgelaugt, aber überwältigt, lassen wir uns zum Base Camp, unserem Campingplatz am Rande des Nationalparks zurück chauffieren.
Eine warme Dusche erlöst uns von Schweiss und Staub. In der Abendsonne stossen wir auf den herrlichen Tag an. Ein geselliges, aber eindrucksvolles Unterfangen. Trotz stetiger Verfolgung zahlloser Wanderlustiger hat es sich durchwegs gelohnt… Ein weiteres Prosit erfolgt auf 500 Tage „in der Welt daheim“. Wir blicken wieder einmal zurück und sind dankbar, was wir in den vergangenen Monaten in der Ferne ohne Zwischenfälle erleben durften… Die Dämmerung bricht ein und im Nu beschleicht die Kälte unsere müden Glieder. Ein sternenklarer Himmel beschert uns erneut eine frostige Nacht.
Das winzige Whakapapa, die einzige Siedlung im Innern des Tongariro Nationalparks, schmiegt sich auf knapp 1200 Meter an die Flanke des Mount Ruapehu. Im Winter bilden die schneebedeckten Hänge ein Skigebiet, jetzt im Sommer ist der imposante Vulkan nur noch oben weiss gezuckert und es locken Wanderpfade. Der Ruapehu ist der höchste Berg der Nordinsel und einer der aktivsten Vulkane weltweit. Die Eruptionen im Jahre 1995 und 1996 waren Naturschauspiele vor verschneiter Kulisse und verliefen glimpflich, nicht so der Ausbruch 1953, welcher 150 Menschen das Leben kostete.
Neuer Tag, neues Wetterglück? Bei morgendlichem Sonnenschein führen wir unsere verkaterten Muskeln spazieren. Der Weg durch das buschige, aber offene Gelände gewährt uns grossartige Ausblicke auf die Vulkanlandschaft, bevor er in einem idyllischen Waldabschnitt verschwindet und sich an einem gurgelnden Bach entlang schlängelt. Der sechs Kilometer lange Rundweg bringt uns an den Taranaki Falls vorbei, die sich über die dunkle Abbruchkante eines alten Lavastroms stürzen – ein reizender Fleck. Inzwischen haben die Vulkane eine graue Mütze aufgesetzt. Innert Kürze zieht der ganze Himmel seinen Vorhang zu und etwas später fängt es sogar leicht zu nieseln an. Wir sind weder überrascht, noch enttäuscht – der Wetterfrosch prophezeite es genau so.
Es ist an der Zeit, dem vulkanischen Zentralplateau den Rücken zu kehren. Weiter in Richtung Süden, langsam geht die Landschaft in grüngelbes Weideland über. Die Route verläuft einmal mehr in zahllosen engen Kurven. Der Ausblick erinnert manchmal ans Appenzellerland, doch oft sind die Hügel spitzer zugeschnitten wie in der Heimat. In der einsamen Gegend tauchen weisse Punkte auf – Schafherden mähen die Wiesen. Nach rund 100 Kilometern ist es endlich da, das lang ersehnte Café am Strassenrand. Zaghaft drücken erste Sonnenstrahlen durch die graue Wolkenschicht. Wider Erwarten können wir die Leckereien sogar im lauschigen Garten spachteln.
In Windeseile liegt Whanganui an der Südwestküste vor uns. Der Fuss bleibt auf dem Gaspedal, bis uns nochmals 100 Kilometer weiter südlich das Ortsschild „Foxton“ begrüsst. Ein heftiger Wind bläst durch die breite Hauptstrasse, die von nostalgisch anmutenden Ladenfassaden gesäumt ist. Einen Katzensprung weiter, in Foxton Beach, fegen starke Böen über den Campingplatz. Nach einem Strandspaziergang ist uns nicht mehr zumute, wir verkriechen uns stattdessen in unsere gute Stube und widmen uns der Reiseplanung…
Nun schon fast an der Südspitze der Nordinsel angelangt, steht bald die Überfahrt auf die Südinsel bevor. Wir können es nicht mehr länger hinausschieben und eröffnen kurzerhand unser mobiles Reisebüro. Drei Tage im voraus sind schon viele Fähren ausgebucht… Eigentlich planen wir nicht gerne „weit voraus“, doch in der Hauptsaison ist es manchmal ein Muss. Natürlich sind wir stets mit dem Studieren des Reiseführers beschäftigt und machen uns Gedanken über mögliche Routen und Aktivitäten, aber was wieviel Zeit benötigt, ist jeweils schwierig abzuschätzen. Und das unberechenbare Wetter mischt sich auch noch ein. Morgens wissen wir selten, wie der Tag genau verläuft und wo letztendlich wir abends landen. Bestimmt nächtigen wir in unserem rollenden Daheim – doch vor welcher Kulisse?
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