Tropennächte im Top End
Weite 500 Kilometer liegen vor unseren Rädern. Von Kununurra in Richtung Nordosten – bald ist die Staatengrenze erreicht. Ein zweites Mal rollen wir von Western Australia ins Northern Territory und rücken die Uhrenzeiger eineinhalb Stunden vor. Uns ist es recht, dunkelt es dafür wieder etwas später ein. Stundenlang gleiten wir über Asphalt. Oft rauscht eine monotone Gräserlandschaft mit Büschen am Autofenster vorbei, hin und wieder mischen Gebirgszüge die grüngelbe Gegend auf. Zu unserer Verblüffung beträgt die Höchstgeschwindigkeit häufig rasante 130 Stundenkilometer, obwohl der Highway eine geschwungene Landstrasse, und keine geradlinige mehrspurige Autobahn darstellt. Ein Augenzwinkern später betet ein Schild: „Please arrive alive“…
Den ganzen Tag auf Achse, legen wir rund 350 Kilometer zurück – unser Tagesrekord in Australien. Wir pflegen einen gemütlichen Fahrstil und „kriechen“ mit 80 über den glatten Teer – verschwenden Zeit, sparen Benzin. Trotzdem überholt uns nur wenig Verkehr, wohl einfach, weil es fast keinen gibt. Verhältnismässig sind viele Touristen mit Wohnwagen im Schlepptau unterwegs. Auch bei unserem Mittagsimbiss auf einem Rastplatz sind wir in Gesellschaft von grossen Caravans. „Die grauen Nomaden haben in den letzten Jahren enorm
zugenommen“, sprudelt es aus dem pensionierten Herr aus Sydney, mit dem wir rasch in ein nettes Geplänkel verwickelt sind. Auch er tourt mit seiner Ehefrau, und dem Wohnwagen, durch seine sagenhaft weite Heimat. Am späten Nachmittag peilen wir einen kleinen Campingplatz an. Hier sind sie alle wieder versammelt – wie in einer Sardinendose drängt sich Auto an Wohnwagen und umgekehrt. Das ist nichts für uns. Flink machen wir eine Kehrtwende und tauchen einige Fahrminuten später nahe des Highways in die Einsamkeit unter.
Die Strecke bis nach Katherine unterbrechen nur zwei kleine Siedlungen mit Tankstellen. Und zwei etwas unbekanntere Nationalparks, doch die sparen wir uns für den Rückweg auf. Erst möchten wir das sogenannte Top End, den Nordzipfel Australiens, noch möglichst vor dem grossen Rummel der Schulferien erfahren, die uns einmal mehr in die Quere kommen… Mittags ist unser Ziel erreicht. In diesem Teil der Welt gilt Katherine mit knapp 10’000 Einwohnern als grosse Stadt und dient hauptsächlich als Versorgungsbasis für die kleinen Orte und grossen Rinderfarmen der Umgebung. Katherine selber bietet keine Sehenswürdigkeiten, ist jedoch wegen der gleichnamigen Schlucht weit herum bekannt.
30 Kilometer ostwärts im Nitmiluk Nationalpark liegt die besagte Katherine Gorge. In Millionen von Jahren hat der gleichnamige Fluss auf seinem Weg in den Ozean ein spektakuläres Schluchtensystem mit 13 Abschnitten in den Sandgestein gefräst. Im Besucherzentrum erwarten uns gleich zwei Überraschungen. Wider Erwarten ist der Zeltplatz im Nationalpark nicht ausgebucht, wir sind erleichtert. Denn der Übernachtungsspot ist gleichzeitig auch Ausgangspunkt für Wanderungen und Flusserkundungen. Enttäuschung zeichnet sich jedoch auf unseren Gesichtern ab, als uns die
feingliedrige dunkelhäutige Dame der Rezeption offenbart, der Fluss sei wegen Krokodilen noch „geschlossen“. Jedes Jahr in der tropischen Regenzeit dringen Salzwasserkrokodile weit ins Landesinnere und auch in die Katherine Gorge vor. Anfangs Trockenzeit schaffen die Parkwächter die gefährlichen Artgenossen wieder ins Meer zurück. Da es dieses Jahr aussergewöhnlich viel und lange geregnet hat, steht das OK für einen krokodilfreien Fluss noch immer aus. Unsere Paddelpläne fallen somit leider ins Wasser. Die Schlucht mit dem Kanu zu befahren ist populär und für uns hätte es eine gelungene Abwechslung dargestellt.
In den umliegenden Bäumen ist der Teufel los. Fledermäuse machen Radau, kreischen durch die Lüfte oder baumeln kopfüber im Geäst. Tausende von Tieren hängen wie schwarze Früchte hoch oben in den Ästen. Manche Bäume tragen mehr Fledermäuse wie Blätter. Unglaublich faszinierend, doch noch mehr Gefallen finden wir an den pelzigen Gesellen. Auf dem Campingplatz grasen in aller Seelenruhe ein paar Känguruhs. Aus dem Beutel eines Weibchens lugt Nachwuchs. Die Mama und ihr Junges mähen zusammen über die magere Wiese. Unverhofft versteckt sich der Winzling vollständig in seinem Reich, schenkt uns aber kurz darauf wieder einen zuckersüssen Blick – eine tierische Freude.
Im Morgengrauen schwingen wir uns aus dem Bett, um möglichst früh aufzubrechen. Trotzdem brutzeln wir bald in der gleissenden Sonne. Der erst breite Pfad geht bald in ein schmales Weglein über, wo uns Gestrüpp und hohes Gras an den Beinen kratzen. Durch losen Sand stapfend oder steil bergan über Gesteinsbrocken
balancierend, die Landschaft mit Savannen-Charakter gestaltet sich eher eintönig und schier schattenlos. Zwar wähnen wir uns meistens in Wald, aber die Palmen und Bäume bilden ein nur schütteres Dach. Die Eukalyptusbäume sind keine guten Schattenspender, da sie ihre feinen ledrigen Blätter der intensiven Sonneneinstrahlung wegen nicht direkt dem Sonnenlicht ausrichten, sondern eher gegen den Boden hängen lassen.
Unsere Rundwanderung von zwölf langatmigen Kilometern birgt drei Höhepunkte, im wahrsten Sinne des Wortes. Von hoch oben blicken wir vom Schluchtenrand auf die weite, verwinkelte Katherine Gorge. Senkrecht fallen hohen Felswände ins ruhige Wasser. Der momentan träge permanente Wasserlauf verwandelt sich in der Regenzeit zu einer reissenden Sturzflut, die richtiggehend durch die engeren Felspassagen der eindrucksvollen Schlucht peitscht… Nach fünf ermüdenden Stunden endlich wieder daheim, hechten wir verschwitzt ins erfrischende Schwimmbad. Sogar abends um neun Uhr zeigt das Thermometer noch milde 25 Grad an. Auf die Tropennacht folgt ein lauer Morgen, eine Wohltat. Seit einer Woche geniessen wir das Aufstehen, können im nördlichen Australien endlich ohne Frieren in den neuen Tag starten….
Zurück nach Katherine. Auf dem Stuart Highway gondeln wir 40 Kilometer nordwärts und biegen zu den Edith Falls, erneut in den Nitmiluk Nationalpark ab. Eine kurze Rundwanderung vorbei an Aussichtspunkten bringt uns an den Wasserfällen und einer natürlichen, malerisch in die Felsen eingebetteten Poollandschaft vorbei. Mittlerweile glüht die Sonne unbarmherzig vom Himmel. Am Ausgangspunkt zurück
aalen wir uns im kalten Nass der grossen Lagune. Langsam schwindet die rote Farbe aus unseren überhitzten Köpfen. Der Campingplatz der Edith Falls ist zu unserem Leid ausgebucht, deshalb sind wir gezwungen, nachmittags wieder abzureisen. Ausserhalb des Nationalparks nächtigen wir abseits der Strasse, etwas versteckt hinter einem buschigen Hügel. Niemand in Sichtweite, das Brummen von Lastwagen in Hörweite…
Einmal kurz auf das Gaspedal gedrückt, finden wir uns bereits wieder auf dem Stuart Highway. Die Hauptverkehrsachse zieht sich beinahe schnurgerade von Süden nach Norden über den gesamten Kontinent. Ferienverkehr rauscht, in gewissen Staaten sind die Schulferien angebrochen. Gemischte Gefühle begleiten uns auf dem Weg in den vermutlich überlaufenen Litchfield Nationalpark. Unser Plan, durch das ruhige Hintertor einzufallen, ertrinkt im zu durchquerenden Fluss. „Closed“, enttäuscht uns auf halbem Weg ein Schild. Wegen zu hohem Wasserstand ist der „Reynolds River Track“ noch gesperrt. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, wie nun auf Umwegen über Batchelor die Hauptzufahrt des beliebten Nationalparks anzupeilen. Ständig begleiten uns öde trockene Breitengrade. Die nördliche Hälfte des Northern Territory ist mit langweiligem Savannenwald bedeckt. Der Bundesstaat beansprucht einen Sechstel der australischen Landmasse. Zwar fast viermal so gross wie Deutschland, aber nur von 240’000 Menschen bewohnt, wobei über die Hälfte in Darwin residiert, der Grossstadt an der Nordspitze.
Gewisse Landstriche sind abgebrannt, der Boden präsentiert sich leblos und rabenschwarz. Baumstämme sind durch Flammen angeschwärzt, Blätter braun und verdorrt – ein trostloses Bild. Gelegentlich steigt in der Ferne eine dunkle Rauchwolke in den blauen Himmel… Zu Beginn der Trockenzeit wird an gewissen Stellen das hohe, noch leicht feuchte Gras der Savanne absichtlich in Brand gesteckt, um später im Jahr unkontrollierte Buschbrände möglichst zu vermeiden. Denn in der Hitze entfacht sich spielend leicht ein Feuer und das trockene Gras brennt lichterloh. Schon vor Tausenden von Jahren fackelten die Aborigines die Umgebung ab, damit sie besser jagen konnten und wieder Neues spriesst. Zarte grüne Grasbüschel tupfen mancherorts die pechschwarzen Brandflecken – das Leben kehrt wahrhaftig zurück.
Nach über 200 Kilometern trudeln wir im Litchfield Nationalpark ein. Von den Erhöhungen eines Sandsteinplateaus, an dessen Ränder steile Felsklippen
abfallen, ergiessen sich Wasserfälle kristallklar in Wasserbecken, umsäumt von tropischem Regenwald. Charakteristisch für das Naturschutzgebiet sind auch die vielen Termitenbauten jeglicher Form und Grösse. Einzigartig sind die magnetischen Termitenhügel, deren Innentemperatur optimal geregelt ist. Die grossen Wohnbauten der Kompasstermiten sind alle in perfekter Nord-Süd-Ausrichtung angelegt, so dass sie die Morgensonne einfangen und es den Bewohnern deshalb möglich ist, die Mittagshitze gut zu ertragen. Die grauen Behausungen muten wie Grabsteine auf einem Friedhof an…
Mitte Nachmittag, der Campingplatz der Florence Falls ist noch nicht voll besetzt. Erleichtert richten wir uns in drückender Nachmittagshitze ein und lechzen nach einer Abkühlung bei den Wasserfällen. Platt spazieren wir dem glucksenden Bach entlang. In den Schluchten dominieren Reste von tropischem Regenwald,
ansonsten zeichnet sich der Park durch die typische Savannenlandschaft aus. Mancherorts steht das Wasser still, spiegelt reizvoll die üppige Vegetation. Das Felsenbecken am Fusse der Florence Falls schwappt über, eine Menschenmasse gibt sich ausgelassen einem Badespass hin. Herrlich erfrischt schnauben wir die 135 Stufen hoch zum Aussichtspunkt, um einen Blick von oben zu gewinnen.
Abends um neun taucht unvermittelt der Ranger auf, sein Gesicht können wir in der Düsterheit kaum ausmachen. „Die Strasse für die weitere Erkundung des Nationalparks ist leider bis morgen Abend gesperrt“, entschuldigt er sich und stösst uns vor den Kopf. „Es gab einen schweren Autounfall, zwei Personen verunglückten tödlich.“ Wir sind betroffen und gleichzeitig froh, nicht in das tragische Unterfangen verwickelt zu sein. Sowieso sind wir unendlich dankbar, dass uns auf der bald zweijährigen Reise durch die weite Welt noch nie etwas zugestossen ist.
Am nächsten Morgen ist draussen alles tropfnass – Küche, Tisch und Stühle. Nebst einer Tropenhitze regiert eine Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent. Gezwungenermassen verbringen wir hier noch eine weitere Nacht, was aber nicht weiter schlimm ist. Immerhin ein Ausflug zur Lost City ist möglich. Über einen schmalen 4×4-Track holpern wir in
einer halben Stunde spektakulären Sandsteinformationen entgegen. Ein Spazierweg schlängelt sich zwischen stark verwitterten Felskreationen hindurch, die ein wenig an Ruinen erinnern. Deshalb der Name Lost City. Obwohl, in der schwarz angekohlten Umgebung wäre Burnt City durchwegs passender…
Die Unfallstelle geräumt, die Strasse wieder offen, nehmen wir einen Tag später die Fahrt durch den restlichen Nationalpark auf. Von einer Plattform schweifen unsere Augenpaare über eine tiefe Schlucht, wo die Tolmer Falls fast ins Bodenlose fallen. Jetzt in der Trockenzeit ist die Wassermenge sehr bescheiden. Nur Gucken und Staunen ist möglich, der Zugang zum schattigen Wasserbecken für die Allgemeinheit leider gesperrt.
Mit Badetuch über die Schultern geworfen und Picknicktasche bewaffnet, marschieren Badewütige leichtbekleidet zum riesigen, von saftigem Regenwald umrahmten Naturpool. Die Wangi Falls sind sehr begehrt, vor allem auch bei Tagestouristen aus dem nur 120 Kilometer weit entfernten Darwin. Dementsprechend ist der Andrang gross. Eine weitere Wasserstelle im Litchfield Nationalpark, die als krokodilsicher gilt und grundsätzlich zum Schwimmen einlädt. Doch wir wähnen uns im Trubel eines Freibads und suchen bald das Weite.
In der Hoffnung auf etwas Frieden, machen wir uns zuversichtlich zu Wasserfällen auf, die nur mit einem Geländewagen zu erreichen sind. Vielerorts warnen Schilder vor einer allfälligen Begegnung mit Krokodilen, auch zu Beginn dieser Allradstrecke. Vom Baden oder dem Durchwaten gewisser Wasserläufe wird eindringlich abgeraten. Schon nach wenigen Metern quert ein breiter Fluss die sandige Piste. Behutsam lenkt Roland unser Vehikel
durch das klare, knietiefe Gewässer, während ich die Wasseroberfläche nach Krokodilaugen absuche – erfolglos. Termitenhügel hingegen lugen haufenweise aus dem Gras. Die riesigen, manchmal sehr spitzen Bauten sind nicht zu übersehen, überragen uns sowie das über zwei Meter hohe Fahrzeug bei weitem und spenden mehr Schatten, wie die umliegenden Bäume.
Auf dem Campingplatz angekommen, schlüpfen wir schnurstracks in die Badehosen. Ein idyllischer Weg leitet uns in eine enge Schlucht. Auf der
einen Seite plätschert ein Flüsschen durch tropisches Gewächs, auf der anderen bedeckt trockener Busch den Abhang – Regenwald trifft hautnah auf Baumsavanne. Knapp zwei Kilometer und zahllose Schweissperlen später, entzückt uns die hinreissende Kulisse der Tjaynera Falls. Hohe Felswände rahmen sich halbmondförmig um ein wunderbares Wasserbecken. Die Nachmittagssonne beleuchtet die verschiedenen Grau- und Rottöne des Gesteins hervorragend, im Kontrast dazu glänzt wild wucherndes Grün. Wir teilen den lauschigen Flecken mit nur wenigen Menschenseelen. Juchzend hüpfen wir in den kühlen Teich und schwimmen mit Wonne auf den herabstürzenden Wasserstrahl zu. Erquickend – wir haben unsere Litchfield-Perle gefunden!
Kommentare
Tropennächte im Top End — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>