Unterwegs nach Lombok
Unsere Nasen kleben am kleinen Flugzeugfenster, in der Hoffnung, immerhin von oben einen Blick auf den Gunung Tambora erhaschen zu können. Doch über dem höchsten Gipfel von Sumbawa klebt leider ein Wolkendeckel, der Vulkan bleibt uns auch aus der Vogelperspektive verborgen. Wir sind traurig. Noch vor 24 Stunden hätten wir nicht im Geringsten geahnt, dass unsere geplante Vulkanbesteigung platzt und wir heute in einem Flieger zurück nach Bali sitzen. Alles war bereits eingefädelt, aber das Schicksal hat seine Fäden anders gesponnen…
Als wir uns gestern die Abfahrtszeit der Fähre von Labuan Bajo nach Sape auf Sumbawa rückbestätigen lassen wollten, finden wir ein verriegeltes Hafengebäude vor. Ein Einheimischer zeigt auf ein unscheinbares, an der Wand klebendes Papier. Die Notiz ist nur in Indonesisch abgefasst, doch wir ahnen Böses. Der Mann spricht kein Wort Englisch, deshalb fotografieren wir den Zettel und lassen uns die Worte in der Tauchbasis übersetzen. Unsere Befürchtungen bewahrheiten sich leider – morgen fährt keine Fähre! Der Betrieb der Fährgesellschaft ist sogar für die kommenden fünf Tage eingestellt – Grund dafür ist die Renovation des Hafens auf Sumbawa. Das darf nicht wahr sein! Als wir uns vor zwei Tagen wegen der Fährpassage erkundigten, hat dies keiner erwähnt – oder hat es noch keiner gewusst? Das ist Indonesien…
Die letzten Tage waren wir mit der Planung unserer Weiterreise beschäftigt. Nach langem Abwägen entschieden wir uns für die Besteigung des aktiven Vulkans Tambora, mit seiner stolzen Höhe von 2850 Metern, auf der von Flores westlich gelegenen Nachbarinsel. Die informative Website eines Europäers, der schon seit Jahren in Sumbawa lebt, hat uns angesprochen. Postwendend bekamen wir eine ausführliche Antwort auf unsere erste E-Mail und innert zwei Tagen war die gesamte Organisation rund um das 3-Tages-Trekking unter Dach und Fach. Für das bevorstehende Unterfangen hatten wir somit ein gutes Gefühl. Auch freuten wir uns riesig auf den Tambora, der – zumindest heute noch – abseits der Touristenströme liegt.
Spätnachmittags. Was machen wir jetzt? Noch können wir es kaum fassen, dass uns der Zufahrtsweg zu unserem nächsten Ziel abgeschnitten ist. Fliegen ist für uns keine Alternative, da es keine direkten Flüge gibt und wir auf dem Luftweg einen Umweg mit Umsteigen und Übernachten in Bali in Kauf nehmen müssten. Dies nur, um keine hundert Kilometer weiter westlich von Flores zu landen… Wie also weiter? Ist der morgige Ausfall der Fähre vielleicht ein Zeichen, das Vulkanabenteuer nicht in Angriff zu nehmen? Schon wieder stehen wir vor einer Entscheidung. Abwarten, bis die Fähre in fünf Tagen wieder verkehrt, vielleicht wieder verkehrt, scheint uns zu lange. Hinzu kommt, dass wir bereits seit acht Tagen in Labuan Bajo sind, in unserer wunderschönen Unterkunft nicht verlängern können, und es langsam auch knapp wird mit der uns noch verbleibenden Aufenthaltsdauer unseres Visums. Schlussendlich buchen wir schweren Herzens in letzter Minute einen Flug nach Bali, verabschieden uns damit endgültig von unseren vulkanischen Plänen. Auch zieht diese Entscheidung mit sich, dass wir nicht mit Fähre und Bus von Flores über Sumbawa nach Lombok pilgern, wie wir es vorgängig ausheckten.
Wehmut schwebt in der Luft. Noch einmal recken wir unsere Hälse, doch aus dem Flugzeugsitz blicken wir noch immer auf graue Wolkenfetzen, anstelle in den mächtigen Krater des Tamboras. Unsere Gedanken kreisen, noch können wir uns mit der Situation, innert Kürze ungeplant wieder in Bali zu stehen, nicht anfreunden. Der Tambora sorgt in unseren Köpfen noch immer für Aufsehen – wie er es vor vielen Jahren für die ganze Welt tat. Damals, als er der Welt den Sommer stahl und in Europa für eine Hungersnot sorgte! 1815 brach der Tambora aus – es war die grösste Eruption seit Jahrtausenden und 70’000 Menschenleben wurden umgehend ausgelöscht. Die Asche regnete über fast ganz Indonesien und das ausgeworfene Material bewirkte globale Klimaveränderungen, die Europa und Nordamerika ein Jahr ohne Sommer einbrachten. Durch Missernten und erhöhte Sterblichkeit der Nutztiere litt die nördliche Hemisphäre grossen Hunger. Unglaublich, zu welchen Taten ein brodelnder Vulkan fähig ist. Nur schon seine Geschichte beeindruckt uns unheimlich…
Je weiter westlich der Flieger uns trägt, desto mieser das Wetter. Der Pilot zieht eine grosszügige Schlaufe über den Ozean, hält weiten Abstand von Gewitter geplagten Inseln. Verspätet stehen wir im nassen Denpasar, versuchen zu einem halbwegs vernünftigen Preis ein Taxi ins nahegelegene Kuta zu ergattern. Die meisten Touristen werden hier bei Ankunft von der Taxi-Mafia gnadenlos über den Tisch gezogen, zahlen ahnungslos ein Vielfaches des angemessenen Tarifs. Bereits Indonesien kundig, feilschen wir hart, bevor wir einsteigen… Eigentlich wollten wir nie nach Kuta, und nun sind wir trotzdem da. Warum? Es liegt nahe beim Flughafen, ist ein guter Ausgangspunkt für die Weiterreise und wir nutzen die gute Infrastruktur des Südens, um ein paar Erledigungen zu tätigen… Das ehemalige Fischerdorf an einem früher menschenleeren Strand hat sich in ein quirliges, kommerzielles Touristenzentrum verwandelt. Zuerst kamen die Hippies und später schossen ab den 90er-Jahren Unterkünfte wie Pilze aus dem Boden. Das Touristen-Ghetto ist wie erwartet nicht unser Ding. Doch mitten im Geschehen finden wir ein friedliches Hotel mit grossem Garten und Schwimmbad – eine Oase. Abgeschnitten vom Lärmpegel des vorbeibrausenden Verkehrs und dem mit partyhungrigen Urlaubern tobenden Nachtleben.
Sogar durch die engen, mit geschäftstüchtigen Händlern vollgestopften Gassen, jagen Motorroller in übersetztem Tempo, manchmal haarscharf an uns vorbei. Vor vielen Jahren waren die Touristenmeilen wohl vorwiegend Fussgängern vorbehalten, doch heute macht das Schlendern überhaupt keinen Spass und zerrt an unseren Nerven. Die Strassen gleichen einander wie ein Ei dem anderen, touristische Institutionen reihen sich dicht an dicht, jeder verkauft sowieso
fast dasselbe. Wir sind in einer anderen Welt gelandet… Die indonesische Grussformel “Hello Mister” wird hier ersetzt durch ein aufdringliches “Hello Taxi?” oder “Hello Massage?” Seitens der Urlauber dringt fast nur Englisch in unsere Ohren – viele Australier verbringen ihre Ferien hier. Wir setzen uns eine Weile an den breiten, grobkörnigen Strand und beobachten die Surferszene. Trotz Nebensaison tummeln
sich viele Menschen mit Brett in den Wellen sowie am kilometerlangen hellen Sandstrand, von Bäumen gesäumt. In Reih und Glied verkaufen Dutzende Einheimische Getränke aus Kühlboxen, bieten Plastikstühle im Schatten an. Bald machen wir uns auf und davon, flüchten nach einem feinen Chai Latte und einem Stück Torte aus einem klimatisierten Lokal der zahlreich vertretenen Restaurant-Ketten in unsere ruhige, grüne Oase zurück.
Nach zwei Tagen ziehen wir gerne weiter. Für die Reise auf die östlich von Bali gelegene Nachbarinsel Lombok kaufen wir der Einfachheit halber ein Kombiticket “Bus-Fähre-Bus”. Der Shuttle-Bus legt schon um sechs Uhr los – im Morgengrauen sind Kutas Gassen noch angenehm verschlafen. Zwei Stunden später setzt uns der Fahrer beim Agenten in Padangbai an der Ostküste ab. “Ihr werdet zur Fähre begleitet, sobald diese eingetroffen ist”, klärt ein Angestellter uns Touristen nach einer Dreiviertelstunde warten auf. Nur wenige Minuten später holt uns ein Kerl ab, weist uns beim Hafen mit ausgestrecktem Arm in eine Richtung und lässt uns alleine weiterziehen. Die Fähre ist schon proppenvoll, wir sind erstaunt und bahnen uns einen Weg durch die eng geparkten Fahrzeuge. “Wo wollt ihr hin?”, fragt uns ein Mann mit hochgezogenen Augenbrauen. Es stellt sich heraus, dass wir auf einer Autofähre nach Nusa Penida gelandet sind – also nichts wie weg hier. Doch eine andere Fähre ist weit und breit keine auszumachen. Endlich am richtigen Steg, werden unsere Tickets der Agentur nicht akzeptiert. Mittlerweile verärgert über den schlechten Rundumservice unserer Pauschalreise, sucht Roland den faulen Kerl auf, der uns zur Fähre hätte bringen sollen. Genervt trabt dieser an, und plötzlich gibt es kein Problem mehr mit unseren vermeintlich ungültigen Fahrkarten. Von der richtigen Fähre fehlt jedoch noch immer jede Spur – eine weitere Stunde verstreicht mit mühseligem Warten.
Halb elf. Endlich tuckert der riesige Kahn, mit zahlreichen Lastwagen im Bauch, aber nur wenigen Passagieren auf Deck, aus dem Hafen. Bereits innert Kürze schmerzt unser Hinterteil. Die Holzbänke sind äusserst unbequem, die Abstände zwischen den Latten genauso breit wie die Latten selbst. Kaum ein Lüftchen weht. Somit verhält sich das Meer seelenruhig, die alte Fähre gerät kaum ins Wanken, was meinem Magen mehr als lieb ist. Doch deshalb ist es auch drückend heiss, wir fühlen uns wie
in einer schwimmenden Sauna. Nur können wir uns in den Fluten nicht abkühlen… Die Fahrt ansonsten ist beschaulich, nimmt aber für die rund 70 Kilometer fast sechs Stunden in Anspruch. Eigentlich angekommen, dauert es im Hafen von Lembar noch eine gefühlte Ewigkeit, bis ein Anlegesteg verfügbar ist. Mit einem Shuttle-Bus endet unsere Reise eine weitere Stunde später in Senggigi, wenige Kilometer nördlich der Hauptstadt Mataram.
In der ausgesuchten Unterkunft nehmen wir ein Zimmer in Augenschein. Ich registriere uns an der Rezeption und werde gebeten, gleich zu bezahlen, was in Indonesien ansonsten nicht üblich ist. “Schau mal das Bettzeug an”, fordert mich Roland naserümpfend auf. Ach du liebe Scheisse! Rot verblasste, kleine Blutflecken weisen ziemlich sicher auf das Vorhandensein von Bettwanzen hin – ob sie in unserem Zimmer hausen oder nicht, lässt sich erst in der Nacht feststellen. Ausgelaugt von der langen Anreise stillen wir erstmals unseren Hunger. Obwohl wir uns eher selten in Bewertungsportalen aufhalten, rufen wir nun unser Hotel auf – Bettwanzen sind in den Berichten allgegenwärtig, die Bewertung insgesamt miserabel. Wir wollen da nicht nächtigen! Bald finden wir ein sympathisches kleines Gasthaus und ziehen um. Die Rucksäcke schon geschultert stehen wir im verseuchten Hotel – welches in unserem Reiseführer übrigens als erste Wahl gilt! – an der Rezeption und erklären dem jungen Herr, warum wir ausziehen. Von Bettwanzen will er zwar noch nie gehört haben, doch wir trauen unseren Augen kaum. Ohne mit der Wimper zu zucken, greift er in seine Kasse und streckt uns unaufgefordert das bezahlte Geld wieder zu. Wir sind sprachlos…
Senggigi liegt an der Westküste am Meer. Früher ein Fischerdorf mit einem strahlend weissen Sandstrand, hat sich der Ort in den 90er-Jahren zur grössten und beliebtesten Touristenenklave Lomboks entwickelt. Davon zeugen heute viele in die Jahre gekommene Unterkünfte und Restaurants – Senggigis beste Jahre sind wohl vorbei. Unzählige Reiseagenturen werben um Kundschaft, im Internet haben wir eine ausgemacht, die einen Service für Visaverlängerungen anbietet. Der dürre Halil erklärt uns freundlich, wie lange es dauert und wie alles genau abläuft. Sollen wir ihm unsere Pässe anvertrauen? Machen wir schlussendlich und hoffen, nächste Woche die versprochene Aufenthaltsverlängerung von 30 Tagen in den Händen zu halten…
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