Uralte, heilige Königsstädte
Indisch angehauchte Klänge schallen in voller Lautstärke durch den Bauch des klapprigen Autobusses, über den Bildschirm flimmert eine Fernsehshow. Grellbunt ausstaffiert mit silbern blitzendem Dekor, an den spitzenbehängten Fenstern ziehen sattgrüne Reisfelder vorbei. Passieren wir ein Dorf, hält der kitschig anmutende „Disco-Bus“ an jeder Ecke, bis er aus allen Nähten zu platzen droht. In den altmodischen Bussen drängen sich nicht selten doppelt so viele Passagiere wie Sitzplätze vorhanden sind, eine Menschentraube hängt an den Eingängen. In einer guten Stunde endlich dreissig Kilometer getilgt, erlangen wir mit einem Dröhnen in den Ohren unser nächstes Ziel. Anuradhapura im Inselnorden – der Hauptstadt Colombo rund 200 Kilometer fern.
Am Busbahnhof schnappen wir uns ein Tuk Tuk, allerdings nicht ohne vorher um den Preis zu feilschen. Die sich aufdrängenden Dreiradfahrer verlangen häufig überrissene Touristentarife und auch nach hartnäckigem Herunterhandeln ist das Geschäft für sie noch äusserst lukrativ. Anuradhapura besteht aus zwei Stadtteilen: der Heiligen Stadt mit den archäologischen Stätten sowie der Neustadt, wo die Bewohner heutzutage leben und sich viele Unterkünfte angesiedelt haben. Unweit einer belebten Hauptstrasse überzeugt uns eine Bleibe mit Innenhof, die erstaunlich ruhig in einer Seitengasse schlummert. Das einfache Hotel hinterlässt einen verwaisten Eindruck, auch der aufgeschlossene Manager weiss nicht wieso. „Die letzten Jahre waren wir in der Hochsaison meistens restlos ausgebucht.“
Am nächsten Morgen schwingen wir uns auf den harten Sattel. Der gemietete Drahtesel rostet kläglich vor sich hin. Die Bremsen ziehen kaum, quietschen dafür umso mehr. Achtsam mischen wir uns unter den chaotischen Verkehr der wuseligen Neustadt und sind heilfroh, bald die friedsameren Strassen der Heiligen Stadt zu erreichen. Für das unabhängige Erkunden des weitläufigen Ruinenareals ist das Fahrrad ein ideales Transportmittel, auch wenn die schmalen Fahrbahnen nicht verkehrsfrei sind, wie unser Reisehandbuch behauptet. Das war einmal. Meine Erinnerungen an meine erste Sri Lanka-Reise vor zwölf Jahren mögen dies bestätigen…
In Anuradhapura sind über tausend geschichtsträchtige Jahre vereint. Als erste Königsresidenz Sri Lankas zog die religiöse Stadt früher Gelehrte aus der ganzen
buddhistischen Welt an. Heute sind es vor allem Touristen, die sich von den übrig gebliebenen Monumenten hinreissen lassen. Oder Pilgerströme, die buddhistische Heiligtümer anbeten. Insbesondere der Maha Bodhi, der heilige Bodhibaum, wird hoch verehrt, stellt er ein Symbol des srilankischen Buddhismus dar. Im Wandelgang um den alten Feigenbaum herrscht eine würdevolle Stimmung. Weiss gekleidete Gläubige beten kniend, Mönche in orangefarbenen Roben umrunden das knorrige Gewächs. Gebannt beobachten wir das andächtige Kommen und Gehen.
Auch der „Ruvanveli Seya“ zieht fromme Pilger magisch an. Der bedeutendste Stupa wurde von einem baufreudigen König rund hundert Jahre vor Christus errichtet – der Herrscher scheute keinerlei Kosten. Das weiss getünchte buddhistische Bauwerk wurde in den vergangenen Jahrzehnten ausgiebig restauriert und erreicht heute eine Höhe von über hundert Metern und einen fast ebenso grossen Durchmesser. Der prächtige Kuppelbau ruht auf einer massiven Plattform, die von 344 sich aneinander reihenden Elefanten „getragen“ wird.
Um die Heiligenstätte zu betreten, müssen wir unsere Schuhe gegen ein Entgelt am Eingang zurücklassen und die Mütze abnehmen. Die Tropensonne knallt auf das ungeschützte Haupt, von unten wärmt der steinerne Boden wie eine Herdplatte. Immerhin ist das Überstreifen von Socken gestattet, trotzdem husche ich von Schatten zu Schatten, der in den Mittagsstunden jedoch spärlich ausfällt. Die gläubigen Pilgerscharen umrunden den glorreichen Stupa bedächtig im Uhrzeigersinn, hocken im Schneidersitz am Boden und murmeln Gebete oder legen Opfergaben nieder.
Tief beeindruckt pedalen wir weiter durch die verwirrende Anzahl von Fundamentresten. Die Ruinenfelder zeugen von ehemaligen Klosterkomplexen, wo zur Blütezeit Anuradhapuras mehrere tausend Mönche lebten. In der archäologischen Anlage verteilen sind noch weitere Stupas, doch nicht alle strahlen schneeweiss. Der massige halbrunde Baukörper der „Jetavana Dagoba“ aus braunen Ziegelsteinen ist der landesweit grösste Stupa und wurde unter Aufsicht der Unesco sorgfältig restauriert. Den Chroniken zufolge soll der älteste Stupa im 3. Jahrhundert vor Christus erbaut worden sein. Der Untergang der Königsstadt folgte im 11. Jahrhundert bedeutete auch für das Kloster das Aus – nach über einem Jahrtausend des Bestehens.
In aller Ruhe lassen wir die uralten Überbleibsel der Heiligen Stadt auf uns wirken und thronen bis zur Abenddämmerung im Sattel. Die Bewegung tut gut, auch wenn unser wertes Hinterteil jammert. Am darauffolgenden Tag setzen wir unser Kulturprogramm fort, allerdings mit dem Bus. Mihintale, ein Dutzend Kilometer von Anuradhapura entfernt, gilt als Wiege des srilankischen Buddhismus. Deshalb sind die auf einem Bergzug errichten Tempelanlagen von grösster religiöser Bedeutung, stellten sie einst eine Hochburg des klösterlichen Lebens dar.
Beschwingt erklimmen wir morgens die unzähligen Stufen, die mehrheitlich entlang schattenspendenden Bäumen empor leiten. Oben beim Hauptkomplex angekommen, pocht unser Herz trotzdem im Galopp. Gezwungen uns den Sandalen zu entledigen, leiden unsere zarten Füsse auf dem aufgeheizten, mit Kies gespickten Sand. Von einem Felsen überblicken wir die grüne weite Ebene sowie die
buddhistischen Schmuckstücke. Gegenüber auf einer Anhöhe wacht eine Buddha-Statue über blütenweissen Stupas und einem Klostergebäude. Die heilige Stätte von Mihintale steht gleichzeitig unter Naturschutz, trotzdem sticht herumliegender Abfall ins Auge. Entsetzliche Müllladungen wurden hinter Buddhas Rücken gekippt. Bereits lächelnd im Nirvana angekommen, scheint er sich nicht daran zu stören…
Wieder unten am Fusse des Berges angelangt, quatscht uns ein Sri Lanker an. Er bietet sich weder als Führer an, noch will er uns ein Taxi aufschwatzen und auch überhaupt nichts verkaufen. Der sympathische Mann, der englischen Sprache mächtig, zeigt sich durchwegs ehrlich an uns Ausländern interessiert. „Wie lange bleibt ihr in Sri Lanka?“, eine Frage, die uns immer wieder
gestellt wird. Sieben Wochen, unsere Antwort – sein Hirn verfängt sich im Rechnen. „Einen Monat und eine Woche!“, mutmasst er zögernd, realisiert dann aber doch, dass das nicht stimmt. „Oh, a long time“, gibt er sich letztendlich geschlagen. Schon öfters gerieten Menschen bezüglich unserer Reisedauer ins Stutzen. Einige vermögen die Zeitspanne offenbar nicht einzuschätzen, verfügen sie wahrscheinlich über kein ausgeprägtes Zeitgefühl.
Muss das sein? Eine von Rolands Trekkingsandale macht schlapp, ein Riemen ist ausgerissen. In neuer Morgenfrische klappern wir an unserem „Ruhetag“ die laute, mit Abgasen geschwängerte Geschäftsstrasse ab. Immerhin warten einige Schuhläden auf Kundschaft, alle mit Billigware aus China bestückt. Oder mit noch billigerem Kram aus heimischer Produktion – zwar günstig, aber häufig kaum den Preis wert. Die Latschen manchmal schon vom „Anschauen“ kaputt, sprengen Rolands breite Sohlen bei Anprobe schier die schmalen Modelle, gemacht für schlanke Asiatenfüsse. Auf einer langen Auslandreise sind gewisse notwendige Neuanschaffungen wahrhaftig ein Gräuel – je nach Land gestaltet sich die Suche etwas einfacher oder schwieriger.
Der Spiessrutenlauf zahlt sich aus. Im srilankischen Batta finden wir etwas halbwegs Passendes. Trotz denselben Schuhgrössen, unterscheidet sich das linke vom rechten Exemplar, der Schnitt ist nicht ganz identisch. Doch sofern die Sandalen unsere verbleibende Reisezeit überstehen, haben sie erfüllt… Einkaufsmüde ins Hotel heimgekehrt, setzen wir uns an einen der netten Tische im lauschigen Garten. Spätnachmittags umkreisen uns erneut Mückenschwärme, wie jeden Tag. Aggressiv fallen die fetten Biester über uns her, piksen uns mit Vorliebe durch die Klamotten und plagen uns bis aufs Blut. So lange, bis wir uns geschlagen geben und ins Haus flüchten, obwohl es draussen ansonsten herrlich ist. Bis anhin blieben wir noch an keinem einzigen Ort in Sri Lanka von leidigen Stechmücken verschont…
Zehn vor zehn. Geschwind verstaut der tüchtige Busjunge unsere Rucksäcke im kleinen Stauraum des noch fast leeren Fahrzeugs. „Abfahrt um zehn!“, verrät er uns ungefragt. Gleichgültig nehmen wir es zur Kenntnis, ohne wirklich an die genannte Uhrzeit zu glauben. Doch der Fahrplan mutet tatsächlich fix an, die meisten Fahrgäste erscheinen auf den letzten Drücker. Erstaunend pünktlich auf Achse, rasen wir während der dreistündigen Fahrt durch eine ländliche Szenerie. Mittags Polonnaruwa erlangt, schert sich im Nu ein Tuk Tuk-Fahrer gehörig um unser Wohl. Zurückversetzt von der staubigen Hauptstrasse, lassen wir uns in einem Homestay absetzen. Wir erbeuten das letzte der fünf Zimmer und die freundliche Familie nimmt uns wohlwollend auf. Abends bekocht die füllige Mama ihre Gästeschar und hält zwischendurch gerne ein angeregtes Schwätzchen.
Ein Naturidyll zwischen Ruinenmauern – so könnte man die zweite alte Königsstadt bezeichnen, die sich inmitten von Reisfeldern an einen See bettet. Auch die Dimensionen dieser uralten Schatztruhe sind immens und die Juwelen liegen teilweise weit auseinander. Deshalb leihen wir uns erneut ein Fahrrad und treten frühmorgens los. Der Eintrittspreis für ausländische Besucher ist happig und
kostet – genauso wie in Anuradhapura – umgerechnet 25 Franken pro Person und Tag. Der Kauf des Tickets entpuppt sich als höhere Wissenschaft und ist nicht wie vermutet beim Eingang möglich, sondern nur im versteckt liegenden Museum im Ortskern. Kein Schild weist den Weg. Nach dreimaligem Nachfragen schlussendlich fündig, kläfft ein Uniformierter und deutet uns misslaunig an, die Tretmühlen weiter hinten abzustellen, obwohl vor der Eingangstür Platz zum Verschwenden ist.
An der Eingangsschranke wird das Ticket abgestempelt. Bevor wir eines der uralten Relikte in Augenschein nehmen, strampeln wir durch das gesamte Areal, um das Feld von hinten
aufzurollen. Mit unserem antizyklischen Vorgehen versprechen wir uns, den allfälligen Touristenstrom möglichst zu umgehen. Trotz Einzäunung des gesamten archäologischen Geländes müssen wir die Eintrittskarten stets von neuem zücken, damit ein weiterer Kontrollfreak seinen Stempel aufdrücken kann. An jeder Ecke lauert Wachpersonal, spielt sich grossspurig auf und weist uns beim Fahrradparken mit bösem Blick erneut in die Schranken.
Erleichtert atmen auf, als wir schliesslich vor der ersten Sehenswürdigkeit stehen. Bei „Gal Vihara“ lässt uns entspanntes Buddha-Lächeln allmählich unseren Unmut vergessen. Ausländische Besucher stehen noch kaum auf der Matte. Einheimische Gläubige opfern Blumen, werfen ehrfürchtige Blicke auf die in Fels gemeisselten Buddha-Riesen. Stehend, liegend oder im Sitzen meditierend – alle von meisterhaften Bildhauern geschaffen. Das hässliche, wuchtige Metalldach über den Erleuchteten vermag ihre gelockten Köpfen bestimmt vor der Witterung beschützen, beeinträchtigt jedoch unschön die selige Atmosphäre…
Über 200 Jahre schlug in Polonnaruwa das Herz des alten Königreichs. Nach dem
Untergang der Königsstadt im 12. Jahrhundert übernahm die Natur die Herrschaft, bis im Jahre 1820 ein britischer Leutnant im Dschungel über Ruinen stolperte. Bald darauf begann man mit deren Freilegung und läutete erste Restaurierungsmassnahmen ein. Ruinen von Palastanlagen, Klosterbauten, Tempeln, Hinduschreinen sowie Hunderte von historischen Strukturen und wunderschöne Verzierungen erinnern an die damalige Zeitepoche.
„Kiri Vihara“ bedeutet so viel wie „milchweisse Dagoba“, und der Begriff Dagoba wiederum ist das singhalesische Wort für Stupa. Als ältestes und wichtigstes Symbol des Buddhismus kann ein Stupa vieles sein, beispielsweise eine Grabstätte für einen Verstorbenen oder ein Reliquienschrein. Als der „Kiri Vihara“ vor rund hundert Jahren freigeschaufelt wurde, fand man seine weisse Aussenschicht aus einem Kalk-Muschel-Gemisch stellenweise in einwandfreiem Zustand vor. Der mit 24 Metern zweithöchste Stupa von Polonnaruwa besticht durch seine ausgewogenen Proportionen und gibt ein himmlisches Bild ab.
Als wir zum Parkplatz zurückkommen, stehen alle abgestellten Räder in Reih und Glied, hautnah beisammen, so dass wir kaum rankommen. Offensichtlich war der kleinkarierte Aufpasser am Werk. Wenn ausserhalb der Heiligen Stadt nur halb so viel Ordnung an den Tag gelegt würde. Dort parkt und kurvt jeder wo er gerade will, fast ohne jegliche Verkehrsregeln zu beachten. Alle diese Schikanen gelten sichtlich nur für ausländische Individualtouristen, die friedlich radelnd die grüne, archäologische Lunge der Provinzstadt erkunden. Eine gigantische Parkanlage, wo Affen vergnügt durch das Blätterwerk der Bäume turnen. In der Nebensaison und ohne sonntäglichen Besucheransturm bestimmt erholsam und beschaulich…
Busladungen von Pauschalurlaubern und einheimischem Volk werden ausgespuckt. Obwohl alle auf Erkundungstour, laufen die geräuschvollen Motoren der zahlreichen Vehikel zermürbend weiter – was wiederum toleriert wird. Doch den beim Reisen vielfach lästigen Sonntag lassen wir uns nicht völlig verderben. Nebst den
Hauptanziehungspunkten gibt es noch Tempelüberresten in abgeschiedenen Winkeln zu bestaunen, die nur von geringem Interesse sind und wir somit in Gemütsruhe verweilen können. Manchmal entdecken wir überraschenderweise sogar gut erhaltene, dekorative Motive, wie man sie an bröckelnden Ruinenmauern gar nicht vermuteten würde.
Die Sonne steht schon schräg am Horizont, als wir dem Ausgang entgegensteuern. Doch das vermeintliche Ausgangstor ist lediglich des Eingangs würdig. „Halt, da führt kein Weg raus!“, spielt der Wächter seine Macht aus, „der Ausgang befindet sich am nördlichen Ende.“ Allen Ernstes sollen wir das gesamte kilometerlange Areal durchqueren, und dann dieselbe Strecke auf der vielbefahrenen Hauptstrasse nochmals in umgekehrter Richtung abspulen, um zurück ins Ortszentrum zu gelangen. Kopfschüttelnd missachten wir das lachhafte Gesetz und treten angesäuert in die Pedalen. Anstelle eines Dankeschöns für unseren Besuch, gilt es noch einmal das Ticket hervorzukramen – ein letzter Stempel muss sein.
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