Vom trockenen Südwesten ins Hochland
„Ich habe eine gute Nachricht“, schmunzelt Patrick abends beim Welcome Meeting des zweiten Teils unserer Gruppenreise. „Der Abflug nach Toliara ist morgen um halb sechs in der Früh.“ Wir seufzen und bezweifeln, dass es sich dabei tatsächlich um eine gute Nachricht handelt.
„Um drei Uhr treffen wir uns in der Hotellobby“, ergänzt der sympathische Reiseleiter, mit dem wir nun seit zehn Tagen in Madagaskar unterwegs sind. Der ursprünglich für den Nachmittag angesagte und nun kurzfristig verschobene Inlandflug schenkt uns mehr Zeit am Strand statt in der Hauptstadt. Das ist es, was der Madagasse als positiv bewertet, allerdings schrumpft die bevorstehende Nacht um die Hälfte. Den ersten Schrecken überwunden, denken wir, er mag Recht haben…

Die Südwestküste – ein wüstenhafter Landstrich
Der Wecker schrillt um halb drei Uhr nachts und schon bald brausen wir durch die ausgestorbenen Strassen von Antananarivo zum Flughafen der Millionenstadt. Von Patrick einmal abgesehen, sind uns alle Gesichter noch ziemlich fremd, sind wir die einzigen beiden, die den ersten sowie den zweiten Teil der geführten Tour gebucht haben. Doch erneut sind wir insgesamt zehn Teilnehmer – eine international gemischte Truppe, im Alter von 25 bis 70 Jahren. Unerwartet pünktlich hebt der kleine Flieger in den wolkigen Morgenhimmel ab, und zwei Stunden später landen wir in Toliara an der südlichen Westküste, wo uns schwülwarme Novemberluft umarmt. Es ist erst halb acht Uhr. Mamsu, der neue Fahrer, erwartet uns schon. In einem Minibus düsen wir der trockenen Küste entlang nordwärts, vorbei an Sanddünen und den Fischerorten Ifaty und Mangily, die für ihre Strände bekannt sind. Nun ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Weiler Madiorano, wo unser Strandhotel am Golf von Mosambik liegt. Die Bungalows bieten Meerblick – was für ein Luxus. Schon der Vormittag fühlt sich ungeheuer heiss an, so dass wir uns gleich im lauwarmen Pool erfrischen.

Heute und morgen ist kein fixes Programm angesagt; wir haben sozusagen frei, und die angebotenen Ausflüge sind optional. Nachmittags schliessen wir uns einem geführten Spaziergang durch den skurrilen Baobab-Wald in der Nähe an. Die Sonne brennt kräftig vom Himmel, und wir sind dankbar für jeden Flecken Schatten. Der lokale Guide des Schutzgebietes verblüfft uns mit dem Alter des ältesten Baobabs, das auf rund 8000 Jahre geschätzt wird. Der Umfang des dicksten Riesenbaumes misst etwa dreizehn Meter. Zu sechst schaffen wir es, den fetten Riesen zu umarmen. Die widerstandsfähigen Affenbrotbäume speichern in ihren faserigen Stämmen einen Wasservorrat und können gut mit der trockenen Hitze umgehen. Die grossen Exemplare können bis zu hunderttausend Liter Wasser horten und bis zu drei Jahren ohne Regen überleben. Beeindruckende Dimensionen. Weil es in dieser Region so trocken ist, haben weitere Pflanzen ähnlich aufgeplustert aussehende Stämme gebildet, als Wasserspeicher für Dürreperioden.










Anderntags kränkelt Roland. Erneut plagt ihn Durchfall und er verspürt keinen Appetit. Ich hingegen fühle mich wohl und mache mich mit ein paar anderen morgens zu einer Bootstour auf. In einem Einbaum mit einseitigem Ausleger geht es ohne Motor aufs blaue Meer hinaus. Einer der Fischer platziert sich vorne am Bug, der andere hinten am Heck. Wind weht durch mein Haar, und der Indische Ozean schlägt Wellen. Die Muskeln der drahtigen Männer sind angespannt, das Rudern ein Kraftakt. Mit schnellen Paddelzügen steuern die beiden die Piroge diagonal über die Wellenberge. Schliesslich das der Küste vorgelagerte Riff erreicht, holen uns die jungen Männer mit Taucherbrille farbenprächtige Seesterne aus der Tiefe, um sie jedoch nach dem Bewundern wieder in die Freiheit zu entlassen. Dann setzen sie das im Wind flatternde Segel entsprechend, was eine Herausforderung ist, gleichzeitig hält das am Heck ins Wasser gestellte Paddel das Boot auf Kurs. Mit prall gefülltem Segel gleitet das Auslegerboot flink ans sandige Ufer zurück. Dort verstreicht mein Nachmittag in einer Schattenliege. Während ich dem Meeresrauschen lausche und gelegentlich im seichten Salzwasser bade, liegt Roland noch immer dösend im Bett.
Nach zwei erholsamen Tagen reisen wir ab. Bevor es landeinwärts geht, besuchen wir in der Nähe der Hafenstadt Toliara das Arboretum, einen Botanischen Garten, von einem Schweizer Botaniker gegründet. Hier und allgemein in dieser Gegend gedeiht eine Vielzahl an kuriosen Pflanzen, 90 Prozent davon sind endemisch. Der wüstenhafte Lebensraum entlang dem Küstengebiet nennt sich Dornwald; der Name kommt von den Dornen und Stacheln vieler Pflanzen. Es ist das trockenste Gebiet Madagaskars mit einer ungewöhnlich langen Trockenperiode und wenig Regen. Jetzt ist alles dürr und wirkt wie abgestorben. „Wenn im Januar der erste Regen fällt, verwandelt sich die Halbwüste in wenigen Tagen in ein blühendes Paradies“, erklärt der lokale Führer. Es ist erst morgens um zehn und der Rundweg eben, doch Schweiss rinnt mir in Bächen den Rücken hinab, und die feuchte Hitze fühlt sich wie in einer Sauna an. Durch die Verdunstungen des nahen Indischen Ozeans herrscht hier im Südwesten eine für das trockene Klima ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit von bis zu 80 Prozent.




Auf der Weiterfahrt in Richtung Osten geht das Schwitzen weiter. Der Kleinbus scheint über eine Bodenheizung zu verfügen, und durch die offenen Fenster bläst der Fahrtwind wie ein Haarfön. Kakteen prägen den dürren Landstrich. In der flimmernden Mittagshitze gehen hier und dort Menschen zu Fuss oder pedalen auf Fahrrädern der Strasse entlang. Verkehr gibt es wenig, sowieso kaum Autos, wenn, dann kreuzen uns voll beladene öffentliche Minibusse oder röhrende Lastwagen. Der Strassenzustand ist miserabel, der Asphalt erinnert an einen durchlöcherten Emmentaler Käse. „Eine madagassische Massage“, scherzt Patrick augenzwinkernd. Dann wagt es jemand aus unserer Gruppe zu fragen, ob es im Bus eine Klimaanlage gibt. Mir kommt es fast so vor, als drehe Mamsu etwas widerwillig am entsprechenden Knopf, denn wie wenn er es geahnt hätte, verursacht das überforderte Kühlgerät schon kurz daraufhin eine Panne. Mamsus Assistent kriecht unter das streikende Vehikel und schraubt, wir warten. Immerhin kann der Schaden nach einer Weile behoben werden, der Bus fährt wieder – allerdings ein für allemal ohne Klimaanlage.

Zu Fuss durch den Isalo Nationalpark
Auch am nächsten Tag lacht die Sonne wieder von einem wolkenlosen Himmel. Der kleine Ort Ranohira liegt zu Füssen des weithin sichtbaren Isalo-Gebirges, das sich majestätisch aus den umliegenden Grasebenen erhebt. Der gleichnamige Nationalpark schützt einen Teil des Gebirges, welches durch bizarre Sandsteinformationen besticht. Das Naturschutzgebiet liegt zwar auf rund 900 Metern über Meereshöhe, trotzdem ist es morgens im Nu heiss. Immerhin weht ein gutmütiger Wind, was den afrikanischen Sommer erträglicher macht. Die Trekkingschuhe geschnürt, steigen wir erst durch eine bewaldete Anhöhe bergan. Auf dem Plateau oben angekommen, verschnaufen wir und lauschen den Erläuterungen unseres lokalen Führers. Wie in allen madagassischen Naturreservaten muss zum Wandern auch hier ein lokaler Guide engagiert werden, der von der Nationalparkbehörde vermittelt wird. Weiter durch die weitläufige Felslandschaft und die Grasebenen des Schutzgebietes, halten wir immer wieder inne, und der Madagasse klärt uns über die Pflanzenwelt am Wegesrand auf. Die Erosion und kleine Flüsse haben im Laufe der Jahrtausende tiefe Schluchten in den Sandstein gegraben. Mit ihrer üppigen Vegetation und den plätschernden Wasserfällen wirken sie wie Oasen. Zur Abkühlung erwartet uns ein lauschiger natürlicher Badepool, versteckt hinter Schraubenpalmen.





Eine Reihe von gekennzeichneten Wanderwegen unterschiedlicher Länge durchzieht den Nationalpark. Auf ein leichtes Auf und Ab folgt ein steiler Abstieg hinab in den Lemurenwald. Wir hoffen, dass sich die in Madagaskar endemischen Lemuren blicken lassen. Schon bald entdeckt unser Führer eine Gruppe Kattas. Leider ziehen die Ringelschwanz-Lemuren viel zu flink weiter, ihre langen, schwarz-weiss gestreiften Schwänze in die Luft gereckt. Hoch oben in einem Baumwipfel vergnügen sich Larvensifakas, weisse Lemuren mit schwarzen Gesichtern und schwarzem Fell am Kopf. Auch ein Jungtier ist mit von der Partie, übermütig turnt das Kleine durchs Geäst. Was für ein tierisches Glück – wir können uns kaum sattsehen. Von hier führt ein Weg einem Bach entlang durch eine idyllische Schlucht, wo wir am Ende mit weiteren erfrischenden Badebecken belohnt werden.




Die gesamte Wanderung zieht sich über zwölf Kilometer, für unseren momentanen Gesundheitszustand eine stolze Länge sowie Herausforderung. Rolands Knie schmerzt, sein kürzlich verstauchter Fuss auch, und mir tun nach wie vor die Achillessehnen weh. Abkürzungen wären möglich, aber wir geben nicht auf; die Natur ist zu wunderbar, und nach dem langen Busfahren gestern tut die Bewegung trotzdem gut. Abends sagt Patrick zu Roland: „I was really impressed how you did with your shortly twisted ankle.“









Morgens um sechs Uhr ist es noch angenehm frisch. Tagwache ist auf unserer Reise meistens beizeiten. Allerdings ist das halb so schlimm, dämmert es bereits um fünf Uhr. In den Büschen des Hotelgartens entdeckt Roland ein Chamäleon, trotz seiner hervorragenden Tarnung. Das Reptil schiebt sich in einem Busch gemächlich einem Ast entlang. Die spezielle Gangart der Chamäleons fasziniert uns stets aufs Neue. In der Regel bewegen sie sich sehr langsam und ahmen mit ihrem Gang die Bewegung der schwankenden Äste nach. Im Gewirr von Pflanzen können sich die Reptilien gut vor Feinden verstecken, ausserdem verändern sie je nach Licht, Temperatur oder Stimmung ihre Hautfarbe. Die Tarnkünstler zeichnen sich durch grosse runde Augen aus, die unabhängig voneinander bewegt werden können. Eine lange Zunge dient zum Erbeuten von Insekten. Blitzschnell schleudert ein zweites Chamäleon seine verblüffend lange Zunge in die Weite, die mitsamt Beute wie ein Gummiband zurück schnellt. Wir könnten die sonderbaren Geschöpfe noch lange beobachten, doch der Motor unseres Buses schnurrt schon, und wir müssen uns losreissen. Ein langer Fahrtag steht an.
Niedliche Kattas – im Anja Park bei Ambalavao
Ein flaches Plateau breitet sich bis zum Horizont aus, auf den Weiden grasen Zebu-Rinder. Das Teerband ist für einmal geschmeidig, eine Wohltat, die Szenerie dafür monoton. Als wir die Kleinstadt Ihosy hinter uns lassen, erheben sich erste Berge aus der am Busfenster vorbeiziehenden Landschaft. Fahrräder kommen uns entgegen, schwer beladen mit riesigen Säcken oder Holzbündeln, fast ebenso grosse Lasten transportieren die Madagassen geschickt auf ihren Köpfen. Der frische Morgenwind geht allmählich in warme Sommerluft über. Kleine Dörfer sprenkeln die Gegend, vor strohgedeckten Häusern brennen Kochfeuer. Fruchtstände säumen die Strasse, Mangos türmen sich zu Haufen auf. Die Mangosaison dauert von Oktober bis November, erläutert Patrick – was für ein kulinarisches Glück.


Inzwischen sind wir im zentralen Hochland angekommen, wo wir den Anja Park besuchen. Das Dorf Ambalavao schützt ein kleines Waldgebiet zwischen Granitfelsen, wo Lemuren hausen. So profitieren die Dorfbewohner direkt vom Tourismus und gleichzeitig werden die dort lebenden Tiere geschützt. Die grösste Bedrohung für die Lemuren ist der Mensch. Seit Generationen werden Wälder gerodet, um Platz für Viehweiden oder Ackerbau zu schaffen, Holz für den Häuserbau zu verwenden oder Holzkohle herzustellen. Einst war fast das ganze Land mit Wald bedeckt, heute ist leider ein Grossteil abgeholzt, und der Lebensraum der Tiere bedrohlich geschrumpft. Zudem werden Lemuren illegal gejagt und verspeist. Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, und die Bevölkerung übernutzt die natürlichen Ressourcen, um zu überleben. Die Menschen zerstören nicht nur die Natur, sondern schliesslich auch ihre eigene Lebensgrundlage.



Neben Eintrittsgeldern verdienen die Dorfbewohner im Anja Park am Verkauf von Getränken und Essen. Mit Blick auf die malerische Felslandschaft stillen wir unseren Heisshunger. Die Köchin trägt verschiedene Platten und Schalen mit leckeren Speisen auf und alle dürfen nach Belieben zugreifen. Zum Nachtisch gibt es reife Mangos und Bananen. Danach begleiten uns gleich mehrere Männer in den Wald, um für uns Lemuren aufzuspüren. Schon bald läuft uns ein erster Katta im wahrsten Sinne des Wortes über den Weg, sein schwarz-weiss geringelter Schwanz wie eine Flagge senkrecht nach oben gerichtet. Kattas sind die wohl bekanntesten Lemuren und gelten als Maskottchen Madagaskars. Sie verbringen viel Zeit am Boden, was ungewöhnlich ist, denn andere Arten verlassen die Bäume nur selten. Neugierig schnuppert der Katta erst in unsere Richtung, um kurz darauf in einen Baum zu springen, wo ein zweiter auf einem Ast hockt. Sein flauschig anmutender Schwanz baumelt herab – er ist fast doppelt so lang wie sein Körper. Sein Fell ist graubraun, das Gesicht weiss, die orangefarbenen Kulleraugen dick schwarz umrandet. Wie niedlich sie dreinschauen, zum Verlieben.



Ein Rascheln von oben. Tiefer im Wald hält sich eine grössere Gruppe Kattas im Geäst auf. Die geselligen Tiere leben in Grossfamilien, stets angeführt von einem Weibchen, was bei Lemuren allgemein üblich ist. Munter schwingen sich so manche durch die hohen Bäume, während andere selig einen Mittagsschlaf halten. Die putzigen Kattas bewegen sich geschickt mit Händen und Füssen fort, der lange, buschige Schwanz hilft ihnen, ihr Gleichgewicht zu halten. Rolands Kamera läuft auf Hochtouren, und ich gucke gelegentlich durch das Fernglas, um den süssen Geschöpfen näher zu sein. Entzückt beobachten alle das Geschehen, bis sich so langsam Genickstarre bemerkbar macht und wir weitergehen.
Am Waldrand bewegen sich die Büsche wie von Geisterhand, doch es sind wiederum Kattas, die leicht versteckt ihre hungrigen Bäuche füllen. Flink hangeln sie sich durch das grüne Blätterwerk, balgen verspielt miteinander und naschen unersättlich Früchte. Kattas sind zwar Allesfresser, aber Früchte schmecken ihnen weitaus am Besten. Auf der Wiese sichten wir einen weiteren Ringelschwanzlemur. Als wir uns vorsichtig näher heranpirschen, sind wir verblüfft, denn es sind zwei: Eine Mutter trägt ihr Jungtier huckepack. Das Kleine klammert sich auf dem Rücken seiner Mama fest und verschmilzt fast mit ihrem Pelz. Einmal mehr ist unsere Ausdauer noch lange nicht erschöpft, doch unsere Zeit abgelaufen, und wir müssen uns vom tierreichen Anja Park verabschieden.

In den Reisfeldern bei Fianarantsoa
Die Weiterfahrt zieht sich in die Länge. Das schmale Asphaltband ist an den Rändern ausgefranst, der Belag der Fernstrasse kaputt. Viele Lastwagen sind auf Achse und das Kreuzen oder Überholen ein mühsamer Akt. Das hügelige Hochland ist dichter besiedelt als der dürre Süden, an den Berghängen verteilen sich kleine Dörfer. Die Strohhütten sind verschwunden, man sieht nun solide gebaute mehrstöckige Lehmhäuser. Als wir endlich in Fianarantsoa ankommen, dunkelt es bereits ein. Die Stadt liegt auf einer Höhe von 1100 Metern, die Häuser schmiegen sich an die Hänge der Hügel. Patrick ist in der Nähe von Fianarantsoa aufgewachsen und hier lebt er auch heute noch, zusammen mit seiner Frau und drei kleinen Kindern. Er freut sich auf ein Wiedersehen mit seiner Familie und wir uns auf das Abendessen im Hotel.



Anderntags scheint die Sonne bald wieder wacker vom Himmel. Mit einer lokalen Führerin wandeln wir durch die engen Gassen der historischen Altstadt, die reizvoll auf der höchsten Hügelkuppe thront und nur so vor Kirchen strotzt. Von oben blicken wir über die hübschen traditionellen Dächer aus Backsteinziegeln, in den Talsohlen breiten sich inmitten der Grossstadt Reisfelder aus. Die humorvolle junge Frau führt uns auch durch den farbenfrohen Markt, wo Waren aller Art ihre Besitzer wechseln. Daraufhin wandern wir in der ländlichen Umgebung an kunstvoll angelegten Reisterrassen vorbei bergab und anschliessend mitten durch die grasgrünen Felder. Ebenso kommen wir an Weilern vorbei, wo sich die einfachen Bauernleute über unseren Besuch freuen. Patrick verteilt Fotos, die ihm frühere Gruppenteilnehmer zugeschickt haben. Die Freude der Menschen ist unbeschreiblich, als sie ein Bild von sich selbst erhalten und sich darauf erkennen. Sobald sie eine unserer Kameras erblicken, posieren sie schleunig und lächeln artig für weitere Fotos.





Unsere Exkursion endet in einem kleinen Dorf, wo uns das Mittagessen erwartet. Die lehmfarbenen Häuser sind dreistöckig gebaut und die Mauern sehr dick, damit es drinnen tagsüber schön kühl bleibt. Im ersten Stock weht der Wind angenehm durch die offenen Fenster – Glasscheiben fehlen, es gibt lediglich Fensterläden. Traditionell sitzen wir in einer Runde auf Strohmatten am Boden, in der Mitte trägt eine junge Frau die Speisen auf: Berge an Reis, verschiedene Gemüse und ein bisschen Fleisch. Gekocht wurde ein Stock höher im Dachgeschoss, wo das Feuer noch immer glüht, die Decke kohlenschwarz ist, und die stolze Köchin jetzt mit den weiblichen Familienmitgliedern und ihren Kindern zusammen in der Wärme am Boden hockt. Es gibt weder Strom noch fliessendes Wasser. Im Zimmer nebenan schläft nachts die ganze Familie; bis auf den am Boden ausgebreiteten dünnen Strohmatten ist der kahle Raum leer. Diese einfachen Verhältnisse verblüffen und beschämen uns fast etwas.




Gemäss Patrick verschlingt ein Madagasse durchschnittlich 600 Gramm Reis täglich, auf drei Mahlzeiten verteilt – eine Unmenge, kaum zu glauben. Unsere Gruppe verdrückt nicht annähernd die aufgetischte Menge Reis, mindestens zwei Drittel bleiben für die Gastgeber übrig. Während wir nach dem Essen noch einen Zitronengrastee schlürfen, erzählt Patrick einiges aus seiner Kindheit und Familie. Der schlanke Mittdreissiger ist in ärmlichen Verhältnissen zusammen mit einer älteren Schwester aufgewachsen. „Für uns Geschwister war es allerdings normal, dass wir arm waren, ärmer als andere.“ Heutzutage geht es der ganzen Familie gut und sie sind wohlhabender als damals. Nach einem abgebrochenen Jurastudium hat Patrick schliesslich Tourismus studiert, was seinem Vater zwar missfiel, ihm aber mehr zusagte. Nun arbeitet er schon seit etwa fünfzehn Jahren als Tourguide und macht seinen Job mit grosser Leidenschaft. Gebannt hängen wir an seinen Lippen, denn es ist spannend und auch berührend, was der herzliche Mann mit Brille und Dreitagebart alles von sich und seinen Liebsten preisgibt. Was für ein eindrücklicher Tag…


















































Spannend mit euch mitreisen zudürfen und wunderschöne Fotos – vielen lieben Dank
Herzlichen Dank für deine Worte, liebe Heidi.
Es freut uns, dass du gerne mit uns mitreist…
Was für ein Bericht. Schon bei den ersten Worten wusste ich, da kann ich nicht aufhören zu lesen. Spannend beschrieben und macht sowas von Lust gleich loszureisen. Vielen lieben Dank, dass ihr uns an euren Reisen teilnehmen lasst und für die Zeit, die ihr für’s Schreiben und Fotos bearbeiten aufwendet.
Liebe Grüsse und freuen uns schon sehr auf den nächsten Teil :-D
Ganz herzlichen Dank für deine liebe Nachricht, Reni.
Die Reise geht weiter – der nächste Bericht ist online. Wer weiss, vielleicht verschlägt es euch auch einmal auf die wunderbare Insel der Lemuren… :-)