Von der karibischen Bergwelt an die Nordküste
Seit knapp zwei Wochen sind wir in der Dominikanischen Republik unterwegs und haben mit einem Mietauto die facettenreiche Südküste von Ost nach West entdeckt. Nun schwenken wir kurz vor Azua ins Hinterland ab. Das karibische Land ist für seine weissen Palmenstrände bekannt, bietet aber viel mehr: Mächtige Gebirgsketten, isolierte Bergdörfer und fruchtbare Ebenen prägen das grüne Landesinnere. In den Zentralkordilleren erhebt sich der Pico Duarte, der mit 3087 Metern höchste Gipfel der Karibik. So hoch wollen wir allerdings nicht hinaus. Doch es reizt uns, etwas Höhenluft zu schnuppern und diese eher unbekannte Seite der Dom Rep kennen zu lernen…
Von San José de Ocoa über die Carretera 41
Über eine kurvenreiche, gut ausgebaute Strasse erreichen wir nach einer halben Stunde San José de Ocoa. Es ist spätnachmittags. Notgedrungen legen wir hier einen Übernachtungsstopp ein, weil wir unser eigentliches Ziel Constanza heute nicht mehr erreichen. Wir beziehen ein Hotelzimmer am Ortsrand. Vom Balkon blicken wir auf den verstreuten Müll vor dem Haus und Hügelzüge in der Ferne. San José de Ocoa liegt auf 475 Höhenmetern. Der Ort ist nicht touristisch, aber überraschend nett; pastellfarbige Häuser säumen die Strassen. Sonntags scheint nicht viel los zu
sein, gelegentlich flitzt ein Motorrad vorbei. In den Colmados fliesst Bier, Sprachfetzen und Gelächter landen auf der Strasse. Unser Reisehandbuch empfiehlt die „Cocina de Mabel“, hier speise man wie bei Mutti. Inmitten vieler Grünpflanzen futtern wir auf der engen Veranda des herzigen Restaurants eine hausgemachte Lasagne. Der Teller ist noch halbvoll, als ich fast platze. Abends weht laute Musik durch das Städtchen, am nächsten Morgen sorgen krähende Hähne und das Brummen der Mopeds für einen konstanten Lärmpegel.
Unser erster Gedanke gilt dem Wetter. Der Himmel ist blau, und wir sind froh, keine bedrohlichen Regenwolken zu sichten. Noch immer ist unklar, welche Route nach Constanza wir wählen. Wir haben ein paar Einheimische nach dem Strassenzustand gefragt, und ausnahmslos wurde uns der Umweg über die Autopista ans Herz gelegt. Das ist mir auch Recht. Ich bin ein Angsthase. Aber Roland ist mutiger und letztendlich bestimmt er als Fahrer, wo es lang geht: über die berüchtigte
Carretera 41. Für die 80 Kilometer lange Strecke soll man mindestens fünf Stunden einplanen. Auch meint der Autor des Reiseführers, dass die Strasse nur etwas für Abenteuerlustige sei und redet einem ins Gewissen: „Fährst du gerne und gut Auto? In den Bergen? Durch dichte Wälder und tief hängende Wolken? Über rutschigen Untergrund? Bist du schwindelfrei? Und hast du einen Geländewagen?“
Die schmale Schotterpiste ist löchrig und stellenweise ausgewaschen. Winzige Dörfer liegen am Wegesrand, hin und wieder kreuzt uns ein Motorrad. Es geht bergauf und bergab, wir kommen
nur langsam voran; für die ersten zehn Kilometer benötigen wir eine halbe Stunde. Noch immer prangen nur wenige Wolken am Himmel, das Wetter verspricht weitere trockene Stunden, und es eröffnen sich prächtige Ausblicke auf die karibische Bergwelt. Dann gelangen wir zum Eingang des Parque Nacional Valle Nuevo. Der Nationalpark beherberge den grössten Kiefernwald der Karibik. Für den Besuch wird ein Eintrittsgeld fällig, ebenso für die Durchfahrt. Daraufhin öffnet der uniformierte Wärter die Schranke und winkt.
Wieder auf Fahrt, folgt umgehend ein besorgniserregender Abschnitt. Tiefe Furchen entzweien die enge Piste. Ich bin angespannt. Roland bestimmt auch. Keiner spricht. In meinem Kopf dreht ein Gedankenkarussell. Was ist, wenn wir hier steckenbleiben? Mein Smartphone zeigt keinen Empfang mehr an, niemand ist auf Achse. Unser SUV ist zwar gut gefedert und soweit geländegängig, hat aber keinen Vierradantrieb. Wenn das nur gut geht, vorsorglich schicke ich ein Stossgebet zum Himmel. Wir kommen nur noch im Schneckentempo voran. Ich bin dankbar für jede gemeisterte Rinne, die quer über den Fahrweg verläuft. Und stolz auf Roland, der die Nerven behält. Nach wenigen Kurven, aber einer gefühlten Ewigkeit, verbessert sich die Piste zum Glück markant.
Nebelschwaden durchziehen den märchenhaften Wald. Wir fahren durch eine kühle und feuchte Berglandschaft, von den Einheimischen La Nevera genannt, was Kühlschrank bedeutet. Das
Thermometer ist tatsächlich auf 13 Grad abgesunken, vorher war es wohlig warm. Wahrscheinlich haben wir inzwischen den höchsten Punkt erreicht: 2300 Meter. Nach einer weiten Hochebene geht es leicht bergab. Die Piste bleibt breit und fast schon geschmeidig, zu Spitzenzeiten schaffen wir sogar vierzig Stundenkilometer. Dann kommt uns erstmals ein Auto entgegen, und bald ist die Zivilisation nicht mehr fern…
Knoblauchduft in Constanza
Bevor wir Constanza ansteuern, peilen wir ausserhalb der Stadt einen Wasserfall an. Die Zufahrtsstrasse wird mit jedem Meter steiler und ruppiger. Kurzerhand lassen wir das Auto am
Wegesrand stehen. Ehe wir uns versehen, sind zwei Einheimische mit ihren Motorrädern zur Stelle und wollen uns aufladen. Doch wir bevorzugen es, die letzten zwei Kilometer zu Fuss zu gehen und wimmeln die beiden freundlich ab. Die Beine zu vertreten tut gut, zudem verschwindet die Piste bald im angenehm schattigen Wald. Der Salto de Aguas Blancos ist mit einer Höhe von 83 Metern der zweithöchste Wasserfall der Insel und stürzt sich über zwei Stufen fast senkrecht in die Tiefe. Ein Fussweg führt zu verschiedenen Aussichtspunkten, wo wir verschnaufen und staunen können. Wir haben das Naturwunder fast für uns alleine.
Knoblauchduft liegt in der Luft. Constanza liegt in einem fruchtbaren Hochtal auf rund 1200 Metern und ist bekannt für seinen Knoblauch. Riesige Felder ziehen sich die Hänge empor. Die
Region hat die höchsten Niederschläge der ganzen Insel und ein Grossteil der Bergbewohner lebt von der Landwirtschaft. Neben Knoblauch gedeihen hier Kartoffeln, Karotten, Kohl, Gurken, Erdbeeren und Kaffee. Die Stadt ist von hohen, mit Nadelwäldern überzogenen Bergen umrahmt. Es sei der einzige Ort der Karibik mit alpiner und andiner Vegetation. Die frische Luft lockt Dominikaner an, die auf der Flucht vor der Hitze sind, ausländische Touristen sieht man hingegen selten. Das Thermometer zeigt angenehme 25 Grad an.
Die praktische Navi-App lotst uns mitten durchs lebhafte Zentrum an den Ortsrand, wo wir im La Fuente House nach einem Zimmer fragen. Eine junge Frau empfängt uns herzlich. Ein frohes
Lachen überzieht ihr hübsches Gesicht, ihre braunen Augen leuchten. Wir haben Glück. Die kleine Unterkunft ist nicht ausgebucht und eine Welt für sich: eine richtige Villa Kunterbunt. Dinge aller Art zieren den Innenhof sowie sämtliche Wände, auch die Zimmer sind aussergewöhnlich dekoriert. Es ist frühabends und noch sonnig, wir machen uns zu Fuss ins Stadtzentrum auf. Verkehr brummt, Motorräder zischen dröhnend vorbei. Constanza versprüht wenig Charme, und noch weniger, als es urplötzlich zu regnen anfängt. Rasch kühlt es ab und wir flüchten in eine Restaurantstube.
Am nächsten Morgen begrüsst uns wieder Sonnenschein, Wolken schmiegen sich über die Bergkuppen. Auf dem Balkon schlürfen wir in der Morgenfrische einen Kaffee, der uns in einer Thermoskanne vor die Zimmertüre gestellt wurde. Frühstück wird hier keines serviert. Später kaufen wir im Supermarkt Joghurt und Haferflocken und setzen uns in den Stadtpark. Als ich der liebenswürdigen Gastgeberin nachher beim Auschecken den Zimmerschlüssel abgebe, wünscht sie mir alles Gute. „Vaya con Dios“, flötet die Dominikanerin gütig – geh mit Gott.
Die Wasserfälle von Jarabacoa
Die heutige Reiseetappe ist mit fünfzig Kilometern die bis anhin kürzeste, allerdings sind wir länger unterwegs als gedacht. Oft beträgt die Geschwindigkeitslimite nur dreissig Kilometer pro Stunde, und die kurvige Landstrasse ist verschwenderisch mit entsprechenden Verkehrstafeln bestückt, was uns erstaunt. Andernorts wissen wir jeweils kaum, wie schnell man überhaupt fahren darf. Der bergige Landstrich ist wolkenverhangen, hin und wieder fallen ein paar
Regentropfen. Bauern bieten am Strassenrand ihre Ernte feil. Kurzentschlossen halten wir an und kaufen ein Körbchen voll glänzend roter Erdbeeren und ein Dutzend Passionsfrüchte. Kurz vor Jarabacoa biegen wir zu einem ausgeschilderten Wasserfall ab. Ein schmaler Pfad lotst uns steil in die Tiefe. Nach einer guten Viertelstunde ist der Salto de Jimenoa 1 schon erreicht. Wasser stürzt sich in einem breiten Strahl in ein braungrünes Becken hinab, Gischt benetzt unsere aufgewärmte Haut. Zufrieden setzen wir uns in die malerische Felslandschaft und mampfen die frischen Erdbeeren.
Jarabacoa liegt auf 530 Höhenmetern. Das Städtchen bettet sich in die umliegenden Berge und hat sich dem aktiven Tourismus verschrieben: Wandern, Reiten, Mountainbiken und Rafting zieht Touristen an, seien es Ausländer oder Dominikaner. Für die Einheimischen sind die gemässigten Temperaturen exotisch, für uns vertraut. Nachmittags steuern wir das Hotel Gran Jimenoa ausserhalb des Zentrums an, das idyllisch am Fluss liegt. Wir entscheiden uns für eines der Zimmer in der Nähe des rauschenden Wassers und relaxen auf dem Balkon. Anderntags liebäugeln wir
mit einer Bergbesteigung des El Mogote. Die knapp 1000 Höhenmeter zu bewältigen, sei anspruchsvoll und der himmelwärts strebende Pfad meist rutschig, was uns am Vorhaben zweifeln lässt. Zudem ist Roland seinen hartnäckigen Husten noch nicht los, und wir klappern stattdessen zwei weitere Wasserfälle der Umgebung ab. Abends freuen wir uns auf einen Gaumenschmaus auf der Restaurantterrasse, und bei einem feinen Mojito mit idyllischem Flussblick neigt sich der Tag zu Ende.
Von der karibischen Bergwelt schlängelt sich das Teerband durch eine grüne Landschaft, bis wir im Tiefland die Autopista erreichen. Im Verkehrsstrom brausen wir auf der vierspurigen Strasse nordwärts, durchqueren Santiago, die zweitgrösste und wichtigste Stadt im Landesinneren. Die Grossstadt endlich im Rückspiegel, ziehen Reisfelder am Autofenster vorbei, und nach zweieinhalb Stunden kommen wir in Esperanza an. Viel Verkehr fliesst durch den unspektakulären Ort, brummende Mofas wuseln wie Ameisen durch die Strassen. Hätten wir keine Verabredung, wären wir nicht hier. Wir besuchen den Schweizer Roli, der bis zur Pension in der gleichen Firma wie Roland arbeitete. Vor eineinhalb Jahren ist er ausgewandert, zusammen mit seinem erwachsenen Sohn und seiner Frau, deren Wurzeln
hier in der Dominikanischen Republik liegen. Sie sind die einzigen Ausländer im Ort, besitzen ein schönes Haus und geniessen den ewigen Sommer. Zusammen besuchen wir ein Restaurant im Nachbarort, da es in Esperanza kein ansprechendes Lokal gäbe. Der Austausch und Einblick in ihr karibisches Leben ist für uns spannend, und für sie ist der erste Schweizerbesuch eine willkommene Abwechslung.
Punta Rucia – paradiesische Cayo Arena
Spätnachmittags verabschieden wir uns und peilen Punta Rucia im Nordwesten des Landes an. Die Fahrt dauert nochmals eineinhalb Stunden, das letzte Stück holpern wir über eine raue Piste bis zur Küste. Es ist schon sechs Uhr, wohlweislich haben wir ein Zimmer vorgebucht. Das Hotel Sandbay liegt am Strand, unser Balkon bietet aber eher Parkplatzsicht statt die versprochene Meersicht. Gustavo begrüsste uns an der Rezeption brummig, taut nun aber allmählich auf. Über seinen runden Bauch spannt sich ein rotes T-Shirt, das sich kontrastreich von seiner dunklen Haut abhebt. Wir fragen ihn nach einem frühen Boot zur vorgelagerten Insel Cayo Arena. Doch auch ein privates Motorboot lässt sich erst morgens ab acht Uhr chartern. „Ist acht Uhr wirklich acht Uhr?“, frage ich nach. „Ja klar, Tiempo Americano, nicht Tiempo Dominicano“, bestätigt Gustavo schmunzelnd.
Punta Rucia ist klein und gemütlich, am Strand liegen bunte Boote. Eine Sandstrasse führt durch das Dorf, gesäumt von ein paar einfachen Restaurants und Unterkünften für Individualreisende. Die meiste Zeit döst der Küstenort in der Hitze, und das Meer plätschert friedlich vor sich hin. Nur vormittags wird es manchmal unruhig, dann, wenn Touristengruppen
in Bussen anreisen, um die paradiesische Cayo Arena zu stürmen. Das ist der Grund, weshalb wir morgen früh los wollen, oder zumindest pünktlich um acht Uhr. Doch am nächsten Tag um acht geht noch gar nichts. Geduldig warten wir erstmals ab, wollen wir nicht als die überpünktlichen Schweizer gelten. Aber als nach einer Weile nichts läuft, ausser der
Zeit, rufen wir nach Gustavo. Erst dann bewegen sich die zuständigen Männer und machen eines der Boote fahrbereit. Der grosse, schlanke Kapitän jagt die Nussschale über das blaue Meer, und eine Viertelstunde später gerät die Insel in Sicht. Cayo Arena bedeutet Sandinsel. Sand ist jedoch wenig zu sichten, ist das winzige, flache Eiland fast vollständig von schattenspendenden Unterständen aus Palmblättern eingenommen, zumindest jetzt bei Flut.
Wie befürchtet sind wir nicht die ersten. Aber immerhin ist unser Boot erst das zweite, das heute Morgen anlegt. Durch das seichte Wasser waten wir zum blendend weissen Sand. Das fünfzehn
Kilometer vor der Küste liegende Inselchen sitzt auf einem Korallenriff und wir montieren Flossen, Taucherbrille und Schnorchel, um einen Blick in die Unterwasserwelt zu werfen. Ein paar bunte Fische setzen farbliche Akzente, aber viel ist dort unten nicht los. Nachher setzen wir uns in den weichen Sand, lauwarme Wellen umspielen angenehm meine Beine. Ein wunderbarer Wind sorgt dafür,
dass es einem nicht zu heiss wird. Trotzdem zwingen wir uns nach einer Weile in den Schatten, damit uns die starke Tropensonne nicht verbrennt. Touristenboote kommen und gehen. Als es gegen Mittag dann richtig voll wird, fällt uns der Abschied vom paradiesischen Flecken nicht allzu schwer. Unser junger Kapitän tobt sich aus und jagt das kleine Schiff mit Vollgas über den Ozean. Insbesondere durch die engen Kanäle von Mangroven steuert er das kleine Schiff viel zu schnell, so dass ich nur noch das Ende des Höllenritts herbeisehne.
Nachmittags schlendern wir dem sichelförmigen Dorfstrand entlang. Es ist brütend heiss und wir legen uns in den Schatten eines Baumes. Später spazieren wir weiter, bis zur Playa Ensenada zwei Kilometer östlich des Ortes. Das Wasser der Bucht leuchtet in einem satten Blau, laute Musik schallt uns entgegen. Der Strand ist zugepflastert mit schlichten Fischrestaurants, deren Tische und Plastikstühle kaum ein Sandkorn frei lassen. Hier fühlen sich die geselligen Dominikaner wohl, besonders an Wochenenden füllt sich der Strand
mit Familientrubel. Für unsere knurrenden Bäuche bevorzugen wir das beschauliche Punta Rucia und schlemmen in einem Lokal am Strand eine Pizza, die nach echtem Italien schmeckt. Ein süffiger Cuba Libre leistet uns bei Sonnenuntergang nette Gesellschaft. Die Sonne versinkt zwar nicht im Meer, sondern hinter einem Hügelzug. Leider plagen uns wie schon andernorts Sandflies. Die Stiche jucken jeweils enorm und das für mehrere Tage. Als Trostpflaster bestellen wir uns nochmals einen Drink und fallen später angeheitert ins Bett.
In der schmucken Altstadt von Puerto Plata
Unsere Reise geht entlang der Nordküste weiter, in Richtung Osten. Nur wenige Kilometer von Punta Rucia entfernt, liegt der Parque Nacional Estero Hondo. Im winzigen Nationalpark sei es am wahrscheinlichsten, Manatis zu sehen. Die seltenen Seekühe, die in der von Mangroven gesäumten Lagune grasen, kann man mit etwas Glück von einer Aussichtsplattform entdecken. Wir haben kein Glück. Ich bin enttäuscht, immerhin
entschädigt das Landschaftsbild: Die Blautöne des Wassers sind ein Traum. Die Fahrt landeinwärts im grünen Hügelland wird unterbrochen von Ortschaften mit hohen Bremsschwellen und ländlichem Dorfleben. Nach zwei Stunden wird es allmählich städtischer, wir kommen in Puerta Plata an. Touristisch gesehen ist Puerto Plata nach Punta Cana die zweitwichtigste Region des Landes; die Hauptattraktion sind die umliegenden Strände. Uns aber zieht es nicht in eines der zahlreichen All-Inclusive-Hotels, sondern ins quirlige Stadtzentrum. Wir steigen in einem günstigen Hotel ab, das unser Reisehandbuch empfiehlt, und sind überrascht, dass hier die Zimmer auch stundenweise vermietet werden…
Hinter der Stadt ragt der Pico Isabel de Torres auf. Noch scheint die Sonne, aber erste Wolken umschwirren den 800 Meter hohen Hausberg. Flink machen wir uns auf, steigen in die Seilbahn und gondeln langsam über das dichte, grüne Blätterdach hinweg. Oben thront eine riesige Christus Statue. Menschen wieseln umher, Fotos mit dem Heiligtum sind scheinbar beliebt. Wir
hingegen sind von der Aussicht angetan, der Blick auf die Küstenlinie ist sensationell. Der tiefblaue Atlantik geht am Horizont in das Himmelblau über. Ein Spazierpfad leitet dem Grat entlang, verschiedene Wege durchziehen den märchenhaften Botanischen Garten. Bei einem Aussichtspunkt machen wir eine Verschnaufpause und blicken auf das Bergland im Süden.
Gegen Abend schlendern wir der Altstadt entgegen. Das historische Zentrum mit farbenfrohen
Häusern im viktorianischen Stil wirkt herausgeputzt. Lange wurde es nicht gepflegt und vernachlässigt, aber in den vergangenen Jahren wurde einiges an Geld investiert, und im nahegelegenen Hafen legen wieder Kreuzfahrtschiffe an. Die Strassen sind im Schachbrettmuster angelegt. Die farbig gestrichenen Häuser mit Veranden und
Dachgauben stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der Parque Central ist voller Leben. Familien lassen hier den Tag ausklingen, Tauben flattern umher. Kinder spielen Fangen, Jugendliche Domino. Es wird geschwatzt, fotografiert und Eis gegessen. Auf einer Sitzbank beobachten wir gebannt das Geschehen. An der oberen Seite des Platzes steht eine Kirche aus dem Jahre 1934, ein Art-Deco-Bau. Das Gotteshaus ist nicht unbedingt ein Hingucker, reizvoller sind die Häuser rundherum.
Am nächsten Morgen entleeren sich die düsteren Regenwolken plötzlich sintflutartig, aber schon um neun Uhr ist das Wetter wieder trocken. Ausgeschlafen machen wir uns zu einem Sonntagsfrühstück auf. Das herzige Café am zentralen Platz gibt es schon fast ewig und wird von einem Österreicher betrieben. Wie das duftet. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen und wir verwöhnen uns mit köstlichen Backwaren und einem Cappuccino.
Starke Atlantikwinde in Cabarete
Mittags sind wir wieder auf Achse, der Küste entlang Richtung Osten. Meerblick gibt es keinen, dafür viel Verkehr. Vierzig Kilometer und eine Stunde später sind wir auf der Zielgeraden. Cabarete ist ein langgezogener Touristenort und ein Treffpunkt der internationalen Surferszene. Hier treffen sich Kitesurfer, Windsurfer und Wellenreiter, aber auch Individualreisende. An der stark befahrenen Durchgangsstrasse reihen sich Hotels, Restaurants, Läden, Banken und Surfshops aneinander. Das tägliche Leben spielt sich jedoch am vier Kilometer langen Strand ab, wo die Wellen beständig herein rollen. Ein Lüftchen weht hier immer und häufig ist der Ort der Surfbretter starker Atlantikwinde ausgesetzt.
Der breite Strand ist belebt, die Liegestühle gut besetzt. Im weichen Sand im Palmenschatten schlecken wir ein Eis, bevor wir der Wasserlinie entlang flanieren. Es weht ein strammer Wind, die Fahnen flattern horizontal, die Palmwedel ebenso. Wir beobachten die Kite-Surfer, deren Drachen wie bunte Bonbons über das Wasser fliegen. Das Velero Beach Resort liegt am östlichen Ende des Strandes. Dort haben wir vorab ein Zimmer gebucht. „Ein Schnäppchen“, zwinkert uns der aufgestellte Rezeptionist zu. Der Preis für das
schicke Strandhotel war tatsächlich verlockend. Unser Schlafgemach liegt im obersten Stock und der Meerblick vom Balkon ist berauschend. Hingerissen legen wir uns in einen Liegestuhl am Pool, und abends lassen wir uns das Essen im Restaurant schmecken. Bis zur letzten möglichen Minute nutzen wir anderntags den harmonischen Hotelgarten, bevor wir weiterreisen. Es ist erholsam und fühlt sich wie Ferien in den Ferien an. Wir könnten es hier noch länger aushalten, aber unsere Inselzeit ist leider nicht endlos und wir möchten noch genügend Zeit für die geplante Route haben.
Playa Grande – palmengesäumter Traumstrand
Die Playa Grande zähle zu den schönsten Stränden der Dominikanischen Republik, ja gar der Welt, behauptet unser Reiseführer. Ob das gerechtfertigt ist? Jedenfalls wollen wir da hin, denn wir lieben Strände, vor allem jene, die mit Palmen auftrumpfen. Erstmals steuern wir Rio San Juan an. Das Dorf erreichen wir nach vierzig Kilometern über eine wenig befahrene Küstenstrasse, an der hin und wieder eine Ortschaft liegt. Das Hotel Bahia
Blanca zwischen zwei kleinen Dorfstränden hat offensichtlich schon bessere Zeiten erlebt. Wir lassen uns ein Zimmer zeigen und sagen kurzentschlossen zu, obschon der Charme fehlt und es mit umgerechnet 45 Schweizerfranken verhältnismässig teuer ist. Aber da wir hier sowieso nur einmal nächtigen, ist uns beides egal.
Bis zur Playa Grande fehlen nur noch knapp zehn Kilometer. Die Nachmittagssonne strahlt, und
wir hüpfen sogleich wieder ins Auto. Man weiss ja nie, ob das Wetter am nächsten Tag noch glänzt. Ein paar Garküchen verstecken sich am schattigen Ende der Palmenbucht und servieren gegrillten Fisch an Plastiktischen. Sonnenhungrige braten im feinen Sand, Wasserratten planschen in den Wogen. Der helle Sandstreifen ist über zwei Kilometer lang und von dichter, wild wuchernder
Vegetation eingerahmt. Mancherorts recken Palmen in den Himmel. Das blaue Meer schwappt in hohen Wellen an den Strand und leckt weiss schäumend am Sand. Barfuss bummeln wir dem anderen Ende entgegen, bald schon sind wir mutterseelenalleine. Die inzwischen tief stehende Sonne wirft ihr warmes Licht über die naturbelassene Szenerie. Entspannt atmen wir die salzige Meeresluft ein, Glücksgefühle breiten sich in uns aus. Auch nach unserem Geschmack gewinnt die wildromantische Playa Grande einen Schönheitspreis…
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