Von West nach Ost – quer durch die Inselmitte
Die afrikanische Mittagssonne brennt senkrecht vom Himmel. Das Thermometer im Mietauto zeigt fast dreissig Grad an, der Fahrtwind kühlt kaum. Es ist Oktober. Auf der Südhalbkugel geht der frühlingshafte Winter in den feuchtheissen Sommer über. Seit zwei Wochen entdecken wir nun Mauritius. Die bekannte Ferieninsel im Indischen Ozean bietet weit mehr als Strände und Honeymoon, und ein dicker Geldbeutel ist nicht zwingend notwendig. Unsere dritte Reiseetappe ist wiederum kurz: Von La Gaulette bis Flic en Flac sind es nur knapp dreissig Kilometer. Dennoch lohnt sich auf der Küstenstrasse der eine oder andere Halt…
Feine Schaumkronen tanzen über das Wasser, sachte wiegen Motorboote hin und her. Vom
naturbelassenen Strand in La Preneuse bietet sich ein reizvoller Blick auf die Le Morne Halbinsel im äussersten Südwesten, wo wir herkommen. Der gleichnamige Felsklotz ist fast so etwas wie das Wahrzeichen von Mauritius und schon von weit her zu erkennen. Es ist heiss, auch am Meer weht kaum eine Brise. Da ist ein kurzer Abstecher in den bewaldeten Black River Gorges Nationalpark genau das Richtige. In der Ortschaft Grande Riviére Noire
fliesst der Black River in den Ozean. Dort biegen wir landeinwärts ab und folgen dem Fluss für ein paar Kilometer, bis zum Parkeingang im nördlichen Teil des Naturschutzgebietes. Die zerklüftete Schlucht liegt am Fusse des höchsten Berges; vor ein paar Tagen standen wir oben auf dem Gipfel. Im lichten Wald ist es angenehm, beim Spazieren saugen wir den Naturfrieden tief in uns auf. Auch der Picknickplatz ist lauschig, doch die Idylle trügt: Während wir unsere Sandwichs spachteln, attackieren Mücken hemmungslos unsere Beine.
Wieder auf Achse, erreichen wir bald Tamarin: der beste Surfspot von Mauritius. Das die Insel umgebende Korallenriff weist hier eine Lücke auf, deshalb schwappt die Brandung bis ans Land. Die Ortschaft breitet sich am Fusse des gleichnamigen Berges aus. Der Wanderweg zum Gipfel zieht sich leider über Privatbesitz und der Zutritt für Unbefugte ist strengstens untersagt. Zähneknirschend sehen wir schliesslich von einem Aufstieg ab, da ein Verbotsschild am Start mit Busse und Verhaftung droht. Schade, denn die Aussicht von dort oben wäre bestimmt fantastisch. Die Landstrasse bahnt sich nun im Landesinneren durch riesige Felder und Zuckerrohrplantagen, weitere Berggipfel setzen Akzente. Majestätisch erhebt sich der Montagne du Rempart, das „mauritische Matterhorn“.
Am kilometerlangen Strand von Flic en Flac
Frühnachmittags schwenken wir wieder zur Westküste ab, wo wir in Flic en Flac kürzlich eine Unterkunft reserviert haben. Eine sympathische Bleibe zu finden, war nicht einfach: die verfügbaren Apartments nicht ansprechend und die Luxustempel direkt am Meer zu teuer. Schliesslich fand ich ein kleines Hotel im Zentrum, unweit des Strandes. Das Seastar Hotel entpuppt sich tatsächlich als gute
Wahl – ein Bijou mit maritimer Deko und Palmengarten, ganz nach unserem Geschmack. Der Rezeptionist empfängt uns mit einem Strahlen im Gesicht und serviert uns einen fruchtigen Welcome Drink. Anschliessend führt uns der aufgestellte Schwarzafrikaner in ein behagliches Zimmer mit grossem Balkon. Vom Dach des Hauses zeigt sich gar die Spitze des „Matterhorns“.
Nach einem Nickerchen machen wir uns am späten Nachmittag aus dem Haus. Flic en Flac trumpft mit einem sechs Kilometer langen Sandstrand auf, das Dorf hingegen ist nichts Besonderes. Es gibt jede Menge Hotels, Pensionen und Läden, der einstige Charme fiel angeblich dem Bauboom zum Opfer. Barfuss schweifen wir über den hellen Sand und kühlen die Füsse am plätschernden Wassersaum. Der öffentliche Strand ist von einem breiten Streifen Kasuarinen gesäumt, wo Mauritier an Wochenenden und in der Ferienzeit im Schatten ihre Zelte aufschlagen. Jetzt unter der Woche ist verhältnismässig wenig los, obschon sich einige Menschen am Strand vergnügen. Durch das vorgelagerte Korallenriff ist das Baden in der ruhigen Lagune gefahrlos möglich; viele Stellen sind mit Bojenketten markiert, was das Landschaftsbild etwas beeinträchtigt.
Hungrig halten wir nach einem gemütlichen Restaurant Ausschau, doch das Ergebnis ist ernüchternd: Direkt am Strand gibt es keinerlei Lokale, nur ein paar Essensstände. Ratsuchend werfen wir einen Blick ins Navi-App. Hier indische Küche, da Thai-Food – das Wasser läuft uns im Mund zusammen. Doch die leeren Mägen müssen sich weiter gedulden, denn die angepeilten Restaurants liegen im inzwischen weit entfernten Ortskern und sind obendrein alle geschlossen. Sind sie wohl der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen? Schliesslich finden wir ein offenes Lokal an der Strasse, das kreolische Speisen anbietet. Lokales Essen klingt auch verlockend, doch bis das leckere Curry-Gericht vor der Nase dampft, vergeht nochmals eine geraume Weile.
Anderntags fahren wir mit dem Auto ein paar Kilometer bis ans südliche Ende, an den Strand von
Wolmar, wo sich die grössten und exklusivsten Herbergen von Flic en Flac aneinander reihen. Parkplätze gibt es beim Public Beach, allerdings ist der Öffentlichkeit nur ein winziger Strandabschnitt gewidmet. Sogar mit Sonnenbrille blendet der feine weisse Sand, der mancherorts mit Korallenschrott durchsetzt ist. Es windet kaum, das Meer ist glatt. In Hotelnähe schmücken Palmen den Strand, am Public Beach müssen wir uns wie üblich mit Filaos
begnügen. Bei einem ausgedehnten Strandbummel kommt der kegelförmige Berg bei Tamarin immer näher, im Hintergrund stellt sich der Le Morne Felsen zur Schau. Im seichten Wasser spülen wir uns den Schweiss vom Leib und legen uns anschliessend zum Trocknen in den Sand. Abends steuern wir geradewegs die indische Fast-Food-Bude am Strand an, wo wir bei Sonnenuntergang für ein Kleingeld gefüllte Rotis schmausen. Kurz nach sechs sinkt der Feuerball am weiten Horizont ins Wasser, die Wolken am Abendhimmel verfärben entzückend.
Tamarin Falls – die sieben Kaskaden
Wir liebäugeln mit einem Ausflug zu den Tamarin Falls im Inselinneren. Die Morgensonne lacht, aber als wir eine Dreiviertelstunde später am Ziel ankommen, ballen sich plötzlich bedrohlich dunkle Wolken am Himmel. Die Wasserfälle liegen zwischen der Stadt Curepipe und dem Black River Gorges Nationalpark; vom Aussichtspunkt im kleinen
Dorf Henrietta sind sie erstmals auszumachen. Die Tamarin Falls ergiessen sich über sieben Stufen in die Tiefe, allerdings wirken die Kaskaden und Wasserbecken aus der Ferne unscheinbar und gehen im grünen Hügelland fast unter. Ein Pfad windet sich durch die dicht bewaldete Schlucht und macht es möglich, die Tamarin Falls aus nächster Nähe zu bestaunen. Die
vollständige Wanderung von A nach B dauert drei bis vier Stunden und da der Weg mancherorts schwierig zu finden ist, sei ein ortskundiger Führer empfohlen. Es hat die letzten Tage häufig geregnet und der Weg wird rutschig sein, somit haben wir nur die oberen Kaskaden im Visier. Da diese gut in einer Runde erwandert werden können, verzichten wir auf einen Guide, und ausserdem schlagen wir gerne unser eigenes langsames Entdecker-Tempo an.
Zum Ausgangspunkt der Wanderung fehlen noch zwei Kilometer. Gerade als wir aus dem Auto
steigen wollen, öffnet der Himmel seine Schleusen, und wir bleiben niedergeschlagen sitzen. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk zum Glück vorbei, schleunig machen wir uns auf die Sohlen. Auch andere Touristen stürzen sich auf eigene Faust in das Wasserfall-Abenteuer, allerdings gehen wir den Rundweg „verkehrt“ an, das heisst, wir starten beim untersten Wasserfall. Der steile Abstieg über den aufgeweichten Waldboden ist stellenweise glitschig wie Eis, und wir versuchen uns an Bäumen am Wegesrand festzuhalten. Heil unten
angekommen, stehen wir mausbeinallein inmitten der Tamarin Falls, am Wasserbecken der vierten Stufe, umrahmt von üppigem Grün. Von oben herab rauscht Wasser in den natürlichen Pool, hinter uns spritzt die Gischt der nächsten Kaskade hoch in die Luft. Aufgekratzt setzen wir uns auf das felsige Plateau und lauschen den Naturgeräuschen. Inzwischen hat die Wolkendecke aufgerissen, und die Sonne wirft ihren Schein über das aufregende Landschaftsbild. Was für ein schönes Fleckchen Erde – wir können uns kaum losreissen.
Der schmale Pfad durch das Dickicht ist nur stellenweise gekennzeichnet. Oftmals fallen die Markierungen nicht ins Auge und wir suchen erfolglos. Einmal mehr leistet unsere Navi-App hervorragende Unterstützung, und wir verlaufen uns nicht. Steil bergan peilen wir Wasserfall um Wasserfall an, jedes Felsenplateau ist anders und hat seinen eigenen Reiz; überall machen wir eine ausgiebige Pause. Hin und wieder kommen uns Ausflügler entgegen, eine grosse Gruppe tummelt
sich am Fusse des obersten Wasserfalls. Um dem Trubel zu entfliehen, kraxeln wir am Beckenrand über grosse Steine ins Abseits – obendrein ist der Bildausschnitt von hier berauschend. Wassermassen donnern im freien Fall von einer überhängenden Felswand herab und muten wie ein schmaler Vorhang an. Als sich das Getümmel aufgelöst hat, wagt sich Roland in die Nähe der gigantischen
Dusche und lässt sich vom sprühenden Nass berieseln. Der ansteigende Weg zieht sich nun in den Felsvorsprung hinein und lotst uns hinter dem Wasserfall durch. Schnaubend stiefeln wir in engen Schleifen himmelwärts. Auf dem obersten Plateau lädt eine riesige Badelandschaft zu einer Erfrischung ein. Jetzt am späteren Nachmittag ist keine Menschenseele da. Unsere „verkehrte“ Runde erweist sich als Glückstreffer – der Tag war wunderbar.
Auf Achse – von West nach Ost
Nach drei Nächten verabschieden wir uns von Flic en Flac. Die heutige Reiseetappe quer durch die Inselmitte misst auf direktem Weg knapp sechzig Kilometer. Allerdings haben wir vor, den einen oder anderen Abstecher zu machen. Prächtiges Sommerwetter begleitet uns auf der Fahrt, spitze Berge zeichnen sich markant vom blauen Himmel ab. Im Hochland steuern wir den grössten Binnensee an – man nennt ihn Mare aux Vacoas. Das „Meer“ bettet sich auf rund 600 Höhenmetern in eine bewaldete Landschaft und wird als Trinkwasserreservoir genutzt. In einem märchenhaften Waldabschnitt schnuppern wir etwas
Höhenluft und spazieren über die verschlungenen Wege des Sophie Nature Walk. Unweit des Sees versteckt sich auch ein kleines Weingut. Die Takamaka Boutique Winery produziert besonderen Wein: ohne Trauben, dafür mit Litschis. Es ist erst vormittags, trotzdem degustieren wir uns durch die fünf verschiedenen Sorten. Die freundliche Dame hinter dem Tresen schenkt grosszügig ein, so dass Fahrer Roland seine Gläser nach ein, zwei Schlucken zu mir rüber schiebt. Fein ist er, der spezielle Wein – angetan kaufen wir zwei Flaschen.
Inmitten der höchstgelegenen Stadt Curepipe zeugt ein runder Hügel von der vulkanischen
Vergangenheit der Insel. Der Vulkankrater Trou aux Cerfs ist inzwischen völlig überwachsen, und ein Blick in den Schlund nicht einfach zu erhaschen. Der Krater ist knapp hundert Meter tief und ein sumpfiger See bedeckt seinen Boden. Etwas enttäuscht gucken wir durch eine Lücke im Dickicht ins besagte Loch: Der Anblick ist unspektakulär, weder die
Grösse noch die vulkanische Urgewalt ist auszumachen. Am Kraterrand verläuft ein Weg, mancherorts durch eine parkähnliche Anlage, die gerne für Picknicks und private Feste genutzt wird. An gewissen Stellen eröffnet sich Aussicht auf die mauritische Bergwelt und das blaue Meer. Bei guter Sicht könne man sogar die etwa 200 Kilometer entfernte Nachbarinsel La Réunion erspähen.
Belle Mare an der Ostküste
Das Strassengewirr von Curepipe hinter uns gelassen, gondeln wir der Ostküste entgegen, vorbei an kräftig grünen Zuckerrohrplantagen. Anstelle der ursprünglichen Regenwälder mit endemischer Vegetation prägen heute meist ausgedehnte Zuckerrohrfelder die nutzbaren Flächen. Ständig unterbrechen Ortschaften das weite Grün und zwingen uns, das Tempo zu drosseln. Autofahren braucht starke Nerven, der Fahrstil der Insulaner ist häufig haarsträubend, so als ob sie nicht an ihrem Leben hängen würden. Gewagte Überholmanöver sind an der Tagesordnung, und es mutet an, als hätten überholende Fahrzeuge gar Vortritt. Die einen rasen, die anderen kriechen oder fahren mitten in der Strasse. Es ist stets mit auf der Fahrbahn geparkten Autos zu rechnen, zu meinem Entsetzen sogar unmittelbar nach einer Kurve oder in einem Kreisel. Zudem verkehren viele öffentliche Busse, die an jeder Ecke halten und den Verkehr ausbremsen. So gut wie jeder Ort ist mit dem Bus erreichbar – auf der Insel gibt es angeblich 250 verschiedene Buslinien. Allerdings sei Geduld gefragt, nicht nur beim Warten, sondern auch auf der Strecke.
Stetig bergab gerät nun der Indische Ozean in Sicht. Da die Oktobersonne noch immer gutmütig scheint, machen wir einen letzten Abstecher zum Strand von Belle Mare. Wir parken am Public Beach, der an Wochenenden jeweils gut besucht ist von Mauritiern. Auch heute picknicken
Einheimische gruppenweise im Schatten des Filao-Waldes, wir suchen uns ein Plätzchen ganz vorne am Meer. Während wir unseren Hunger mit Sandwiches stillen, leckt das türkisfarbene Wasser am weissen Sand. Ein Genuss, Exotik pur. Der Verdauungsspaziergang führt uns unter Palmen an exklusiven Hotels vorüber. Windsurfer gleiten in gemässigtem Tempo über die klare Lagune; mehr Wind gibt es an der Ostküste in den Wintermonaten. Auch auf der Weiterfahrt südwärts erhaschen wir immer wieder Blicke aufs blaue Meer, bevor wir nachmittags am Ziel ankommen.
Safari-Feeling in Deux Frères
In Deux Frères, am idyllischen Flusslauf des Grande Rivière Sud-Est, übernachten wir für einmal „afrikanisch“. Das Otentic Eco Camp wartet mit einem Dutzend Safari-Zelten auf, was für Mauritius einzigartig und für uns eine willkommene Abwechslung ist. Julien empfängt uns herzlich. Der sympathische Besitzer erklärt uns, wie alles abläuft und funktioniert, an der Selbstbedienungsbar im
Aufenthaltsbereich dürfen sich Gäste gar eigenhändig einen Drink mixen. Anschliessend führt uns Julien in eines der Zelte auf Stelzen. Das schlichte Schlafgemach ist geräumig, das rustikale Bad halb offen, die Terrasse inmitten von Palmen. Weil sich die Anlage zwischen dem Fluss und der Durchgangsstrasse ausbreitet, erinnert uns Motorenlärm, dass wir uns eben in der Zivilisation
und nicht abseits im wilden Afrika befinden. Trotzdem sind wir rundum glücklich. Bevor wir aber das Zelt-Ambiente geniessen, schnappen wir uns eines der bereit stehenden Kajaks und paddeln flussaufwärts. Die schräg stehende Nachmittagssonne wirft ihre letzten Strahlen stimmungsvoll über die Szenerie. Mit etwas Muskelkraft kommen wir bald beim nahegelegenen Wasserfall an. Zurück sind wir noch schneller – Strömung sei Dank.
Das Lagerfeuer lodert, eine Gästeschar verteilt sich rund herum. Während die Flammen wild in
den dunklen Abendhimmel züngeln, besänftigen wir unsere knurrenden Bäuche vorerst mit einem Bier. Das Nachtessen wird erst um acht aufgetischt, ein traditionelles Fleischgericht schmort über dem Feuer. Zudem zaubert das Küchenteam weitere kreolische Leckerbissen, die später liebevoll angerichtet am Buffet stehen; als Tischtuch dient ein grosses Bananenblatt. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Alles wird jeweils frisch zubereitet.
Gemüse und Kräuter kommen aus dem eigenen Garten. Sowieso legt man hier viel Wert auf Nachhaltigkeit: Strom wird von Solarzellen erzeugt und das Camp wurde ausschliesslich aus Recycling- und wiederverwertbaren Materialien erstellt. Bei Kerzenschein geniessen wir Romantik und Kulinarik – unsere Geschmacksnerven feiern ein Fest. Alle Tische sind besetzt, die besondere Unterkunft ist ausgebucht. Ein feines Mango-Sorbet, in einer halben Kokosnussschale serviert, bildet das süsse Tüpfchen auf dem i. Pappsatt fallen wir danach zufrieden ins Bett.
Verregnete Île aux Cerfs
„Fährt ihr heute zur Île aux Cerfs?“, fragt uns Julien beim Frühstück schmunzelnd. Die tägliche Bootsfahrt zur vorgelagerten Insel ist kostenlos und wollen wir nicht missen, auch wenn der Morgen in einem bewölkten Kleid daherkommt. Julien blickt kritisch nach Westen und mutmasst: „In einer halben Stunde regnet es.“ Wir aber sind zuversichtlich und hoffen, er liegt falsch, so wie es der Wetterbericht oft tut. Schliesslich sind wir die einzigen Gäste, die nach dem Morgenessen ins kleine Motorschiff klettern. Die ersten Tropfen sind schon vom Himmel
geplumpst, der Bootsführer steckt in seiner Regenjacke. Waren wir zu optimistisch? Knatternd fegt das Boot über den Fluss aufs offene Meer hinaus. Nur wenige Meter vom Festland entfernt, kämpft sich die Sonne durch Wolkenlücken, und wir schöpfen erneut Hoffnung. Nach einer halben Stunde erreichen wir die Île aux Cerfs, die den Namen „Hirschinsel“ eigentlich nicht mehr verdient. Statt Hirsche bevölkern heutzutage Badenixen, Wassersportler und Golfer das kleine Eiland; insbesondere an Wochenenden sei der Besucherandrang gross.
Der Sand leuchtet schneeweiss, das Wasser türkisgrün, der schwarze Himmel spricht eine
andere Sprache. Wir bewundern den traumhaften Fleck – die Stimmung ist eine Wucht. Von der Bootsfahrt unterkühlt, saugen wir die wärmenden Sonnenstrahlen genussvoll in uns auf. Es ist Freitag, und nur wenige Leute sind da. Wir lassen Restaurant, Souvenirshop und Liegestühle links liegen und schlendern dem Strand entlang. Das
Schönwetterfenster ist bereits Geschichte, unsere Hoffnung allerdings noch nicht gestorben. Doch ein türkisfarbenes Meer können wir uns jetzt nur noch ausmalen. Viel zu rasch entleeren die dunklen Wolken ihre kostbare Fracht. Allmählich schwellen die ersten Schauer zu einem kräftigen Regenguss an. Im bewaldeten Uferstreifen stellen wir uns unter, bis das Gröbste vorbei ist, und blicken inzwischen bekümmert aus der Regenjacke.
Mittags wieder an Bord, schüttet es erneut. Wasser klatscht uns ins Gesicht. Bäche rinnen vom Bootsdach, im Nu hocken wir in einer Lache. Die ganze Umgebung ist in ein trauriges Grau gehüllt, die Bergwelt der Montagnes Bambous an der Ostküste längst nicht mehr auszumachen. Geschickt manövriert uns der Bootsführer durch das Unwetter – schlimmer kann es kaum kommen. Klatschnass, erklimmen wir die Stufen hinauf zum Camp, wo sprudelnde Bäche den Hang herabstürzen. Beim Restaurant zeigt sich ein Bild der Verwüstung: Der
Aufenthaltsbereich ist überschwemmt und das Wasser im Swimming Pool braun. Besserung ist nicht in Sicht. Fröstelnd rubbeln wir uns im Zelt trocken und stülpen frische Kleider über. Zwar hält das Dach des Safarizeltes dicht, doch alles fühlt sich klamm an. Auch der restliche Tag bleibt ungemütlich und fällt buchstäblich ins Wasser. Am schönsten ist es jetzt im Bett.
Ab in den Norden…
Als die Tropensonne im Verlaufe des nächsten Vormittags allmählich durch das Wolkendach drückt, ist es im Handumdrehen schwülheiss. Dankend sagen wir Lebewohl und brechen auf Richtung Norden, wo das nächste Dach über dem Kopf auf uns wartet. Der Ostküste entlang erfordert der unberechenbare Verkehr einmal mehr volle Konzentration. Der Osten zeige noch ein recht ursprüngliches Mauritius mit unberührten Stränden,
meint unser Reisehandbuch, wurde in den letzten Jahren jedoch vermehrt touristisch erschlossen. Trou d‘Eau Douce, früher ein beschaulicher Fischerort, ist heute ein wuseliger Dreh- und Angelpunkt für die beliebte Île aux Cerfs. Weiter nördlich bei Poste de Flacq peilen wir über einen schmalen Damm einen Hindutempel an, der auf einem Inselchen liegt. Das klingt reizvoll, ist es aber nicht: Beton rund um den „schwimmenden“ Tempel, ebenso achtlos weggeschmissener Abfall – die Götter verzeihen es vielleicht.
In Poste Lafayette parken wir im weitläufigen Filao-Wald beim öffentlichen Strand und vertreten
uns die Beine. Vereinzelte Häuser säumen die lange Bucht, die Mittagssonne brennt steil herab. Hier hat der Tourismus kaum Spuren hinterlassen: An Toplage residieren keine Feriengäste, sondern Einheimische. Kinder spielen am seichten Wasser und beachten uns nicht. Das Aufregende ist allerdings nicht der sichelförmige Strand, sondern die schwarze
Mondlandschaft an dessen Ende. Hingerissen balancieren wir über schroffes Lavagestein, geradewegs dem wütenden Ozean entgegen. Mit voller Wucht prallen hohen Wogen wütend an die rabenschwarzen Felsen, Wassermassen spritzen in die salzige Luft. Weiss schäumend überschlagen sich die riesigen Wellen und rollen krachend an Land. Ein gewaltiges Naturschauspiel – wir können uns kaum sattsehen.
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