Wetterkoller auf Rarotonga
Unruhig schweben wir durch eine graue Wolkensuppe, heute gewährt uns das runde Flugzeugfenster keinen Meerblick. In einem Dreiecksflug die kleinen Inseln Aitutaki und Atiu erlangt, schwirren wir durch die Lüfte ins 200 Kilometer entfernte Rarotonga zurück. Einer der kürzeren Inlandflüge, liegen die fünfzehn Cook Islands weit voneinander entfernt, bis nahezu 1500 Kilometer. Ein vierstündiger Inselflug auf abgeschiedene Inselchen im spärlich besiedelten Norden erfolgt nur sporadisch und ist äusserst kostspielig – hin und zurück für umgerechnet bis zu 3000 Franken, könnte man in anderen Winkeln der Welt viel weiter jetten.
Eine knappe Stunde in himmlischen Gefilden verbracht, seilen wir uns zur Mittagsstunde langsam am Wolkenvorhang ab. Die fabelhafte Bergwelt der Hauptinsel lässt unsere Herzen höher schlagen, auch wenn an den spitzen Gipfeln hartnäckige Nebelfetzen kleben. Zu jenem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass wir uns an deren verhangenen Anblick gewöhnen müssen und blicken freudvoll unserer letzten Woche in den Cookinseln entgegen. Rarotonga zum zweiten…
Ein hellgrünes Taxi wartet. Unmissverständlich hält der Fahrer ein Schild mit unserem Namen in seinen Händen. Zwar haben wir den Abholservice nicht gebucht, sondern in der Unterkunft lediglich den Preis angefragt. Dreissig Franken für einen Katzensprung – diesen Batzen gedachten wir zu sparen. Stattdessen wollten wir in den öffentlichen Inselbus hüpfen, denn Zeit haben wir – im Gegensatz zu Geld – zum Verschwenden. Aber wo das Auto jetzt nun mal dasteht, wollen wir kein Aufsehen erregen und ergeben uns kurzentschlossen dem bequemen Schicksal. Zwei Wochen in purer Inselidylle verbracht, fallen nun Lastwagen und Supermärkte besonders auf. Doch Einkaufszentren und Fast-Food-Ketten gibt es nicht, auch Lichtsignale und Verkehrsstaus sind unbekannt – Rarotonga ist äusserst beschaulich.
Dieses Mal nächtigen wir nicht mehr auf der Sonnenuntergangsseite, sondern in Muri, im Osten der Insel. In einer ruhigen Seitengasse am Ende des Dorfes, lädt uns der schwergewichtige Taxifahrer mit Sack und Pack ab. Unsere Unterkunft liegt inmitten eines gepflegten, üppigen Gartens und bettet sich lieblich an einen Hang im Grünen. Wir bewohnen eines der vier anheimelnden Studios mit Kochecke, der
grosse Balkon protzt mit Weitsicht bis zum Pazifik. Noch nicht eingenistet, klopft es an der Tür. Das Vermieterpaar heisst uns warmherzig willkommen, wir plaudern eine Weile. Steve und seine gesprächige Frau lebten jahrelang in Australien, bevor sie sich aufs Alter in Phoebes Heimat niederliessen – wie so manche mit cookschen Wurzeln. Hinter dem Haus purzeln gelegentlich Kokosnüsse von den Palmen. Enthusiastisch zeigen uns die beiden, wie man deren zähe, faserige Schale entfernt, die runde Nuss fachgerecht knackt und ihr weisses Fleisch verarbeitet. Ihre Herzlichkeit rührt uns.
Samstagmorgen. Im Hauptort im Norden findet der wöchentliche Markt statt. An der Strasse halten wir den öffentlichen Bus an. Im Verlaufe der Fahrt zwängen sich immer mehr Passagiere in die Linie „Uhrzeigersinn“. Das Vehikel zwischenzeitlich proppenvoll, lässt der Busfahrer weitere potentielle Fahrgäste stehen. Der Samstagsmarkt ist in vollem Gange, als uns der Bus in Avarua ausspuckt. Eine Fülle an frischem Brot und Gebäck, Fisch und Seafood. Exotische Fruchtsäfte, lokaler Kaffee sowie hausgemachte
polynesische Spezialitäten. Auch Gemüse und tropische Früchte werden feilgeboten, doch die Auswahl ist nicht sehr umfangreich. Im farbenfrohen Geschehen findet man auch Klamotten und gemusterte Sarongs, Kunsthandwerk und Ukulelen. Die Preise sind fix, wenn auch nicht immer angeschlagen. Handeln ist auf den Cookinseln weder üblich noch erwünscht. Bezahlt wird mit dem an den Neuseeland-Dollar gekoppelten Cook Islands Dollar. Abgesehen von den dreieckigen Münzen, gehen in Tat und Wahrheit jedoch nur neuseeländische Scheine durch unsere Finger.
Essstände erweitern den lebhaften Markt. Ein Geruch von gebratenen Fleischspiesschen wabert durch die Luft, vermischt sich mit dem Zuckerduft hauchdünner Pfannkuchen. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen. Wir tun uns schwer mit der Entscheidung, tja, schlussendlich kombinieren wir würzig und süss. Touristen wie Insulaner bummeln durch die Marktstände und schlemmen sich durch das kulinarische Angebot. Viele der einheimischen Frauen tragen auf ihren
Köpfen bunte Blumenkränze zur Schau. Auf einer Bühne tanzen Kinder, begleitet von einer traditionellen Trommelgruppe. Schon bald sind die ersten Standbetreiber ausverkauft und packen zusammen, am Mittag ist zu unserem Erstaunen sowieso Schluss. Nach einem zusätzlichen Einkauf im Supermarkt, eilen wir unter einer dunklen Wolkendecke zum Cook’s Corner, dem Busterminal. Nichts weiter als eine Holzbank auf dem Gehsteig, vor einer Kneipe. Immerhin geschützt vor dem nächsten Regenguss.
Der Sonntag, ein Familientag. Und bei der frommen Bevölkerung auch für die Kirche da – Gotteshäuser gibt es fast an jeder Ecke. Bei uns ist es ein stinknormaler Arbeitstag. Wolken, Regen und Wind, kein einziger Sonnenstrahl. Wie gestern und vorgestern. Zum Glück hält uns der überdachte Balkon schön trocken. Wir erweitern unseren Blog um eine weitere Reisegeschichte – der luftige Arbeitsplatz ist wunderbar. Beschwingt klimpere ich auf den Tasten, lasse meine Augen zwischen den neugeborenen Zeilen über das graublaue Meer in der Ferne schweifen. Fette Wolkenschwaden weichen den ganzen Tag nicht von der Stelle, hängen tief am Sonntagshimmel.
Das Wetter spielt verrückt, was uns langsam aufs Gemüt drückt. Mittags spazieren wir nach Muri. Hier sind die meisten Unterkünfte der Insel angesiedelt – mehrheitlich klein und fein, grosse Hotelkomplexe gibt es in den Cooks keine. An der Hauptstrasse verteilen sich Minimärkte, Fahrzeugverleiher, Tourenanbieter und Restaurants. Auch spüren wir ein nettes Café mit Gartenterrasse auf, am Tresen zwinkern uns verführerische Häppchen zu. Kurzentschlossen ertränken wir unseren Wetterkoller in einer Tasse dampfendem Cappuccino und schnabulieren dazu einen feuchten Brownie. Für den Moment versöhnt, werfen wir endlich einen ersten Blick auf die viel gerühmte Muri Lagoon. „Die türkisfarbene Lagune mit ihren vorgelagerten Inselchen lässt alle Südseeträume wahr werden“, schwärmt unser Reisehandbuch. Doch der graue Himmel färbt auf das Meer ab, dem Wasser fehlt jeglicher Glanz. Der versprochene Südseetraum bleibt – zumindest heute – unerfüllt.
Frühmorgens krächzen die Hähne um die Wette, Sonnenstrahlen kitzeln uns aus den Federn. Frohen Mutes brechen wir auf zum „Cross Island Walk“, einer Wanderung, die Rarotonga spektakulär von Nord nach Süd quert. Aus dem Busfenster bewundern wir das gezackte Gebirge im saftig grünen Inselinneren, das uns etwas an La Réunion im Indischen Ozean erinnert. Der Himmel vielversprechend blau, machen bereits erste Wolken auf sich aufmerksam. Binnen einer halben Stunde drehen wir eine halbe Runde, bis wir am Startpunkt in Avarua ankommen. Die einzige Busroute führt in 32 Kilometern rund um die Insel. Der Fahrer
kennt seinen Asphalt und jedes Schlagloch, gondelt er ständig im selben Kreis, mindestens achtmal pro Schicht… Die ersten Schritte, die letzten Sonnenstrahlen. Das Wetter kann unglaublich rasch ändern, die einst harmlosen Schäfchenwolken sind urplötzlich fett und dunkelgrau. Die Berggipfel, die die Landschaft aus jeder Perspektive dominieren, sind wie weggezaubert. Erste Regentropfen sind schon zu riechen…
Zunächst durch Obstplantagen mit Papayabäumen, nimmt uns bald ein tropischer Dschungel mit Schlingpflanzen und Farngewächsen gefangen. Baumriesen ragen empor, es nieselt von einem dichten Blätterdach. Der steile Wanderpfad zwingt uns über Wurzelwerk und glitschige Steine. Im feuchtheissen Bergregenwald um Atem ringend, baden wir im Nu im eigenen Saft. Das Wirrwarr
an Wurzeln gibt uns glücklicherweise immer wieder nötigen Halt. Festkrallend ziehen wir uns hoch, wie an einem Klettergerüst. Den Gebirgsgrat erklommen, verschnaufen wir auf rund 400 Metern Höhe, am Fusse der prominenten Felsnadel „The Needle“. Von hier liessen sich grandiose Ausblicke auf die Küste würdigen, wäre uns der Wettergott wohlgesinnt. Doch der Horizont ist kaum auszumachen, alles um uns ein grauer Eintopf.
Im Stehen verdrücken wir geschwind ein Sandwich, derweil sich die Sonne zaghaft durchzusetzen versucht. Doch unsere neu geschöpfte Hoffnung wird innert Minuten zunichte gemacht, der Himmel weint schon wieder. Auch uns stehen die Tränen zuvorderst, frustriert schustern wir weiter. Der lehmige Weg ist nass, der jähe Abstieg artet in eine Rutschpartie aus. Bäumchen oder Wurzeln sind rar. Krampfhaft versuchen wir uns an der blossen Erde festzuhalten und schaffen uns auf allen Vieren behutsam voran. Vor Schlangen brauchen wir uns nicht zu fürchten, die gibt es auf Rarotonga nämlich
nicht, nur eine Menge freilaufender Hühner. Unser Blick heftet sich ständig auf den schmierigen Boden. Kein Schritt kann unüberlegt erfolgen, möchten wir nicht in den Dreck knallen. Das Schlimmste nun überstanden, führt der herausfordernde Pfad im Zickzack, immer wieder durch den rauschenden Bach, über aalglatte Steine. Nach fünf Stunden im Dschungelgrün, haben wir die sieben Wanderkilometer endlich geschafft. Ausgelaugt enden wir nachmittags an der Südküste und harren der Dinge, bis der Bus uns aufgabelt.
Als sich am nächsten Mittag der bedeckte Himmel lichtet, beeilen wir uns für ein Foto von der türkisblauen Muri Lagoon. Stets ungewiss wie lange das Wetterglück anhält, wollen wir DEN Moment nicht verpassen. Das satte Türkis des glasklaren Wassers wirkt wie einem Märchen entsprungen, der feine Sand leuchtet blütenweiss. Die breite Lagune schliesst
vier Motus ein, kleine und unbewohnte Eilande. Auf der gegenüberliegenden Palmeninsel ankern Ausflugsboote, Sonnenhungrige fläzen sich am Strand, andere vergnügen sich beim Kitesurfen. Familien mit Kindern sind in der Überzahl – die neuseeländischen Schulferien lassen grüssen. Schlendern wir weiter, lassen wir die Menschenansammlung schnell hinter uns…
Schief ragen hohe Kokospalmen über den Strand. Gelegentlich wird der Sandstreifen malerisch von schwarzen Felsen unterbrochen. Was für ein Bild – eine Postkartenidylle. Sogar die Bergspitzen sind gänzlich wolkenbefreit, es wurde auch Zeit, weilen wir schon seit sechs Tagen auf der Pazifikinsel. Der Sonnenschein bleibt uns treu, wir geniessen jede Minute, als wäre es die letzte. Eine salzige
Meeresbrise streift durch unser Haar, wir lauschen den haushohen Wellen, die hinter der hellblauen Lagune an die Riffkante krachen. Hier im Inselsüden erstrecken sich angeblich die reizvollsten Strände, was wir nicht zu bezweifeln wagen. Gutgelaunt flanieren wir bis nach Titikaveka, und besinnen uns spätnachmittags des langen Rückwegs. Bereits lümmeln wieder schwarze Wolken am Horizont – Petrus droht mit einem nächsten Streich.
Nach zwei Tagen hat sich die bessere Wetterphase klammheimlich verabschiedet. Dabei liebäugelten wir mit einer nochmaligen Inselwanderung, doch es ist uns kein Sonnenstrahl mehr vergönnt. Auch Tauchen fällt buchstäblich ins Wasser, doch nicht nur des unbeständigen Wetters wegen. Die Wassertemperatur beträgt lediglich 24 Grad, daran ist nichts auszusetzen, könnten wir uns angemessen kleiden. Leider werden aber nur dünne oder sogar kurze Neoprenanzüge vermietet. Somit stecken wir die Köpfe anstelle in die Unterwasserwelt, in unsere Lektüre, vertiefen uns in den Reiseführer und bereiten uns auf den nächsten Südseestaat vor. Unter Sprühregen schleichen wir uns in unser Stammcafé – wenn es in Muri schon keine Sonne gibt, wenigsten einladende Kaffeestuben.
Unser letzter Tag auf Rarotonga ist angebrochen. Triefend nass, kühl der Wind – die Cookinseln wollen uns vielleicht die Abreise erleichtern. Eingehüllt sitzen wir auf dem Balkon, nicht einmal unser Lieblingscafé vermag uns heute auf die Strasse locken. Die letzte Woche war durch Wetterkapriolen getrübt, keine Frage. Dennoch lieben wir den entspannten Inselpuls und die natürliche Schönheit der Cooks, wo wir wunderbare Momente, und gelegentlich auch sonnenverwöhnte Tage erlebten. Die Wetterprognosen sind stets anzuzweifeln, klingen sie noch so verheissungsvoll. Die offensichtlich nicht planbare Witterung wechselt häufig im Handumdrehen. Verlass ist dafür auf üppiges Palmengrün und ein Lächeln der herzlichen Inselbewohner…
Hallo Ihr zwei Weltenbummler
Wow! Das sind ja geniale Bilder. Man könnte meinen bei den schönen Sonnenbildern, dass ihr nur allerbestes Wetter hattet. Aber beim genau lesen, habt ihr ja alles andere als Wetterglück. Drück euch die Daumen, dass der strahlende Sonnenschein zurückkommt und bleibt.
Liebe Grüsse und danke für’s teilen eurer Erlebnisse.
Reni
Hallo liebe Swiss Nomads
Stimmt, die Bilder trügen und erwecken den Anschein, als hätten wir fast ständig Sonnenschein gehabt. Aber bei grauem Wetter fotografiert man nun mal kaum, das ergeht euch bestimmt genauso! :-) Auf den Yasawas in Fidschi beglückt uns nun oft strahlendes Wetter und tropische Wärme…
Herzliche Grüsse an euch zwei – aus der Südsee!
Christine & Roland