Wildblumenpracht der Westküste
Orangefarbener Sand am Strassenrand, trockenes Gestrüpp bis zum Horizont, und noch viel weiter. Zum typisch australischen Buschland gesellen sich im Laufe unserer stundenlangen Fahrt windschiefe Bäume, gelbe Wildblumen setzen sich schmuck in Szene. Auf der Hauptverkehrsader rund 200 Kilometer südwärts gefegt, schwenken wir am späten Nachmittag Richtung Küste ab. Auf einem Rastplatz an der kaum befahrenen Strasse nisten wir uns für die kommende Nacht ein. Noch sind wir allein, doch ehe wir uns versehen, kommt ein Auto angekrochen und kuschelt sich hautnah an uns heran. „Muss das sein?“ Genervt werfen wir einander vielsagende Blicke zu. Platz ist zum Verschwenden da, doch dem jungen Paar gefällt es offensichtlich genau neben uns. Weder ein Winken noch eine Begrüssung, das können keine Australier sein. Doch welche Sprache die unfreundlichen Ausländer sprechen, halten wir geheim…
Im Windschatten des Campers wärmen letzte Strahlen unsere Freiluftküche. Kaum ist der Sonnenschein verschwunden, stürzt das Thermometer feindlich in die Tiefe. Als wir trotz Jacke frösteln, ist noch nicht einmal die Dunkelheit hereingebrochen – kein Wunder bei zehn Grad. Auf der südlichen Erdkugel die Jahreszeiten vertauscht, befinden wir uns am Anfang des australischen Frühlings. Je weiter wir in den Süden vordringen, desto herzloser die Temperaturen. Deshalb war nie geplant, hier unten viel Zeit zu verbringen. Bis zu unserer Fahrzeugabgabe in Perth verbleibt nur noch eine knappe Woche. Rasch kramen wir die flauschigen Schichten hervor, die wir seit den winterlichen Tagen im Roten Zentrum glücklicherweise nicht mehr benötigten. In Merinowolle gehüllt mit der Mütze tief über den Ohren, verdrücken wir uns früher als sonst in die Federn des Schlafsacks.
Nicht etwa unsere Nähe suchenden, aber distanzierten Nachbarn, halten uns vom Schlaf ab, sondern eine Maus, die raschelt und knabbert. Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Nagetier an unseren Köstlichkeiten vergreift. Eine aufgerissene, halbleere Tüte Bananenchips beweist später die mäuslichen Übeltaten. Der Morgen zeigt uns seine kalte Schulter und eine frische Biese verpufft die Wärme der Sonne. Auch nach zwei Tassen glühend heissem Tee, sind die Finger noch klamm und unsere Betriebstemperatur will sich noch nicht einstellen. Als wir endlich loskommen, ist der Vormittag schon weit fortgeschritten. Immerhin ist unser Ziel nur noch einen Steinwurf entfernt.
Eine wilde Blumenpracht säumt die Zufahrtsstrasse zum Kalbarri Nationalpark. Soeben geparkt, bleiben wir schon wieder hängen. Unser Landcruiser „Troopy“ ist der Star, deshalb winken uns Australier aufgekratzt heran, sie liebäugeln mit einem Auto wie diesem. Ausgelassen plaudern wir mit dem liebenswürdigen Paar. Redselig und jung geblieben, passen sie auch wegen ihres kleinen Campervans nicht ins Bild der klassischen „Grey Nomads“. Wie zahlreiche andere Pensionäre haben auch sie den Sommer im hohen tropischen Norden verbracht und sind nun auf dem langen Heimweg nach Melbourne.
Der Kalbarri Nationalpark, so gross wie der Kanton St. Gallen, umfasst im Landesinneren hügeliges Buschland und an der Küstenlinie bizarr geformte Sandsteinklippen. Der Murchison River schlängelt sich durch tiefe Schluchten, hat sich in Jahrmillionen seinen Weg zum Ozean durch das Gestein gefressen. Von verschiedenen Aussichtspunkten bewundern wir die zerklüftete Schlucht, bevor wir mittags aufgetaut zu einer Wanderung aufbrechen. Bis zum Nature’s Window, einem wie ein Fensterrahmen verwitterter Felsen, heftet sich eine Touristenmeute dicht an unsere Fersen. Nur wenige Schritte weiter, haben wir sie alle abgeschüttelt und können die faszinierende Natur in Seelenruhe geniessen.
Der ausgeschilderte Wanderpfad leitet der steilen Abbruchkante der gebogenen Kluft entlang und offenbart uns makellose Ausblicke auf den Fluss in der Tiefe, aber auch in die
wilde Weite. Die uralte Felslandschaft zieht uns in ihren Bann, das Muster im Gestein mutet häufig wie Wellen an. Einmal mehr ist die Farbpalette eine Wucht, reicht von Ockergelb bis Grau und Rot in verschiedensten Tönen. Noch immer pustet ein garstiger Wind, aber kaum in die Tiefen der Schlucht hinabgestiegen, ummantelt uns eine brütende Hitze. Der Nachmittag schon fortgeschritten und erst einen Drittel der Rundwanderung bewältigt, beschliessen wir nicht weiter durch den tiefen Sand zu stapfen und kehren auf demselben Weg in luftiger Höhe zurück.
Die Sonne bereits im Sinkflug begriffen, quartieren wir uns auf einem nahegelegenen Buschcamp einer über 150 Jahre alten Farm ein. Die nostalgische Anlage liegt beschaulich und nimmt nur einen winzigen Bruchteil des Farmguts ein, dessen Fläche jener des Kantons Luzern entspricht. Auf dem riesengrossen Gelände toben sich 5000 Ziegen aus, sowie eine kleine Herde Rinder und Schafe. Schleunig genehmigen wir uns eine heisse Dusche, bevor man sich bei den empfindlich kühlen Abendtemperaturen überhaupt nicht mehr entblössen möchte…
An der Mündung des Murchison River liegt malerisch Kalbarri, ein kleiner Küstenort mit Ferienatmosphäre. Mit umfassender touristischer Infrastruktur und während den australischen Schulferien völlig überlaufen. Die Campingplätze ins Dorf gepfercht, lebt man beinahe auf der Strasse. Beengend die Wohnverhältnisse, fahren wir schleunig weiter. Ortsauswärts gegen Süden, reihen sich entlang der felsigen Küste sensationelle Aussichtspunkte aneinander. Der Indische Ozean tobt, unser Blick schweift über die blaue Weite. Von rostrot bis grau oder beige fallen Steilklippen spektakulär in Untiefen, treffen im weissen Sand auf die Fluten des schäumenden Meeres.
Verschiedene Wanderwege überziehen den zum Kalbarri Nationalpark zugehörenden Küstenabschnitt, gelegentlich spriessen zarte Wildblumen aus den Ritzen der schroffen Felsen. Im Sonnenlicht glitzert der raue Sandstein, wirkt wie von Edelsteinen durchsetzt, und beeindruckt mit von Wind und Gischt geschaffenen Formationen, die unterspült manchmal an Pilze erinnern. Ein kurzer Abstieg durch eine enge Schlucht bringt uns in die niedliche Sandbucht von Pot Alley. Währenddessen wir unser Picknick futtern, vollführen Delphine weit draussen im offenen Meer elegante Luftsprünge. Und unsere Herzen hüpfen im Takt…
Allmählich gehen die abschüssigen Felsklippen in samtweiche Sanddünen über. Da sich der Tag bereits wieder dem Ende zuneigt, lassen wir uns wenige Kilometer weiter in der Lucky Bay nieder. Inmitten von hellen Sandhügeln versteckt sich der grosszügig angelegte, einfache Campingplatz, erstaunlicherweise ist er fast ausgestorben. Niemand in Sichtweite, lautes Meeresrauschen in Hörweite. Im feinen Sand am breiten Strand sitzend, zelebrieren wir einen Sundowner, lauschen der tosenden Brandung und beobachten, wie die Brecher weit in die Lüfte spritzen. Die Sonne im Meer vertrunken, fühlt sich der Wirbelwind urplötzlich unangenehm an. Tagsüber noch laue zwanzig Grad plus, gehören gemütliche Abende im Freien leider der Vergangenheit an.
Wieder auf Achse. Ziemlich abrupt geht die Sandwüste in einen grünen Landstrich über, was uns beinahe etwas langweilig dünkt – die Exotik hat sich klammheimlich zurückgezogen. Doch dann gerät die Hutt Lagoon in unser Blickfeld und besticht mit einer überirdischen Farbe. Der grosse See schimmert in einem satten Rosarot – können wir unseren Augen trauen? Der sogenannte Pink Lake hält, was er verspricht. Der für ein Gewässer unwirkliche Farbton rührt von einer bestimmten Algenart her. Eine Lagune in Pink, umrahmt von Grasgrün, in der Ferne das Weiss der Sanddünen, das mit dem Blau des Ozeans verschmilzt. Ein Landschaftsbild, wie ein kunterbunt gepinseltes Gemälde…
Die Schleife entlang der Westküste mündet in den Highway No. 1, wir brausen weiter in den Süden. Spontan stechen wir auf einen ausgeschilderte Panoramaroute ab, die durch das Landesinnere führt und keinen beträchtlichen Umweg bedeutet. Eine andere Welt, die spriesst und blüht. Sanft geschwungene Hügelzüge und Kulturland begleiten unsere Spazierfahrt. Leuchtend gelbe Rapsfelder wechseln sich mit saftig grünen Wiesen ab, Schafe grasen vergnügt auf der Weide. Farbenprächtige Blumenteppiche wecken Frühlingsgefühle, und die Lust auf eine naturnahe Mittagsrast.
Bei Geraldton löst sich die ländliche Idylle in Luft auf und seit langem umgibt uns einst wieder städtisches Flair. Der Hauptort des mittleren Westens stellt mit rund 40’000 Einwohner die grösste Stadt zwischen Perth und Darwin dar. Viel Verkehr rollt, daran müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Erleichtert biegen wir von der Hauptverkehrsachse auf den Indian Ocean Drive ab. Die küstennah verlaufende Nebenstrasse schleust uns ruhig an kleinen Fischer- und Feriensiedlungen vorbei, hohe Sanddünen und langgezogene weisse Sandstrände bestimmen hier die Szenerie. Wir haben die sagenhafte Wildnis zurück, die wir bei Cliff Head unmittelbar am Meer geniessen. Natürlich voneinander abgetrennte Stellplätze schaffen etwas Privatsphäre. Mit Klo und Mülleimern ausgestattet, ist es der beste kostenlose Campingplatz auf unserer ganzen Reise. Darauf stemmen wir ein Gläschen Wein und stossen bei Sonnenuntergang beherzt zusammen an.
Am nächsten Morgen zeigt uns der Himmel ein bedecktes Gesicht, den ganzen Tag weichen die Wolken kaum von unserer Seite. Zwei Reisestunden ziehen in den Sand – zur Rechten der kräuselnde Ozean, zur Linken ein farbenfrohes Blütenmeer. Mittlerweile nur noch 250 Kilometer von Perth entfernt, finden wir im Landesinneren ein kleines Bijou, den Lesueur Nationalpark. Nach einem französischen Naturhistoriker benannt und bekannt für seine artenreiche Vegetation. Viele der über 900 verschiedenen Pflanzen sind sehr selten oder endemisch – ein wahrhaftig botanisches Paradies.
Der zwanzig Kilometer lange Rundfahrweg erschiesst nur eine kleine Ecke des Nationalparks. Unverhofft räkelt sich am Rande der Schotterpiste eine wurstartige Kreatur. Eine Tannenzapfenechse – wir sind aus dem Häuschen. Das im Westen und Süden Australiens recht häufig vorkommende Reptil, lebt in trockenem Buschland und sonnt sich gerne auf Strassen, wo ihnen ihr träges Fluchtverhalten leicht zum Verhängnis wird. Mit ihrem rauen, braungrauen Schuppenkleid gleicht die bis zu vierzig Zentimeter lange Echse tatsächlich einem Tannenzapfen. Auf ihrem gedrungenen Körper sitzt ein verhältnismässig grosser, breiter Kopf, der dem dicken, stumpfen Schwanz ähnelt. Dieser dient zum einen als Fettspeicher, soll aber auch ihre Feinde verwirren. Anstelle auf den kurzen Beinen abzuhauen, droht der tagesaktive Einzelgänger manchmal mit weit aufgerissenen Maul und prahlt mit seiner blauen Zunge. Ein plumpes, doch auf seine Art süsses Lebewesen.
Auf kurzen Wanderpfaden lässt sich das Naturschutzgebiet nicht nur aus dem Fahrzeugfenster, sondern auch auf den Sohlen erkunden. In den späten Wintermonaten und im Frühling kommen Blumenliebhaber auf ihre Kosten. Der Busch blüht zwar nicht flächendeckend, die Pracht liegt im Detail. Die Wanderschuhe zügig geschnürt, kommt Roland kaum mehr vom Fleck. Nur noch Augen für die unzähligen Blümchen, hält er die bunten Sprösslinge liebevoll fotografisch fest. Durch die Blume beklage ich mich über sein Schneckentempo. Im Nachhinein muss ich zu meiner Schande jedoch zugeben, dass ich nur die Hälfte der wuchernden Wildblumen wahrgenommen habe. Die Farbenvielfalt der Blüten schier unerschöpflich, verkneife ich mir, sie näher zu beschreiben. Blumen sagen bestimmt mehr als Worte…
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