Wildhunde im South Luangwa Nationalpark
“Good Morning”, weckt uns Boston. Es ist fünf Uhr in der Früh, draussen ist es noch stockdunkel. “Und wie war deine Nacht”, fragen wir den Nachtwächter neugierig. Das Grunzen der Hippos hat uns bereits vor der Tagwache aus dem Schlaf gerissen – aber wer hat dem Camp sonst noch einen nächtlichen Besuch abgestattet? “This night I had a visit of a female lion”, meint Boston sichtlich erfreut. Die Lodge ist, wie alle anderen Unterkünfte in Mfuwe, nicht eingezäunt. Somit wird das Camp in der Dunkelheit oft von Flusspferden, Elefanten oder auch anderen wilden Tieren heimgesucht – eine Löwendame bleibt jedoch eher die Ausnahme.
Das Dorf Mfuwe ist das Tor zum South Luangwa Nationalpark, der für sein Tierreichtum und seine Artenvielfalt bekannt ist. Mit seiner beachtlichen Grösse von 9000 Quatratkilometern ist er das zweitgrösste von insgesamt zwanzig Wildschutzgebieten Zambias. Da wir nicht mehr motorisiert sind, nehmen wir an den geführten Pirschfahrten der Lodge teil. Zweimal täglich, morgens um sechs und nachmittags um halb vier, brechen wir zu einer jeweils vierstündigen Safari im offenen Jeep auf.
Kaum den Park erreicht, sichten wir den ersten Elefanten. Sein Rüssel fasziniert. Geschickt zupft er grünes Gras, rollt es in Büscheln in sein langes Werkzeug ein und stopft es gierig in sein Maul. Mit ihrem äusserst beweglichen Rüssel können Elefanten Dinge bewältigen, wozu Menschen ihre Hände benötigen. Immer wieder begegnen wir den grauen Dickhäutern, die hier offensichtlich zahlreich vertreten sind. Zwei Bullen stossen sich die Köpfe ein, haken ihre langen weissen Stosszähne ineinander. “Sie spielen nur”, beruhigt uns Vic, unser Safari-Führer, grinsend.
Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, geprägt von hohen Bäumen, dichten Büschen, aber auch offenen Grasebenen und Flussläufen. Alles ist prächtig grün, wunderschön. Der
Regen der vergangenen Monate hat eine saftige, märchenhaft mit Efeu überwachsene Gegend hervorgezaubert. Überall gibt es Wassertümpel, gewisse Pisten sind schlammig. Wie viele Tiere werden wir jetzt während der Regenzeit sehen? Und wie schaut es hier wohl während Trockenzeit aus?
Vic, stets ein Lachen im Gesicht, verfügt über ein breites Wissen und weiss auf alles eine Antwort: “In der trockenen Jahreszeit erkennt man die Gegend kaum wieder, die Bäume sind kahl, alles ist braun. Das Wildlife lässt sich besser spotten und deshalb bekommt man viel mehr Tiere zu Augen”. Das können wir uns gut vorstellen, denn jetzt steht das Gras an gewissen Stellen so hoch, dass es sogar Elefanten zur Hälfte verschluckt. “Büffel und Gnus werden wir kaum antreffen. Sie ziehen in den gebirgigen Norden, da sie mit dem sumpfigen Gelände hier nicht gut klarkommen”, erklärt uns der sympathische Guide. Schon bald stossen wir jedoch auf eine riesige Büffel-Herde, die durchs hohe Gras zieht.
Giraffen und Zebras haben wir zwar in den letzten Monaten zu Hauf gesehen, dessen Anblick erfreut uns jedoch stets aufs Neue. Die Thornicroft-Giraffe ist endemisch und nur hier im Luangwa-Tal beheimatet. Diese Unterart ist etwas kleiner und erhält im Alter von 20 Jahren ein dunkleres Fell, eine helle Färbung von Kopf und Ohren sowie weisse “Socken”. Auch die Zebras hier sind speziell, Crawshay Zebras genannt. Ihr Halsbereich ist viel feiner gestreift und die schwarzweissen Streifen reichen bis unter den Bauch und hinab zu den Hufen.
Die Wolkendecke über uns verdunkelt sich, bald begrüsst uns ein kräftiger Regenguss. Unter dem Dach des Safari-Jeeps sind wir etwas geschützt. Auch die Tiere scheinen sich vor dem Nass von oben zu verkriechen, plötzlich sind wir allein auf weiter Flur. Die
Flusspferde, sowieso schon nass, scheint es nicht weiter zu stören. Der Teich ist komplett mit grünen schwimmenden Wasserpflanzen überdeckt. Abwechslungsweise heben die Hippos ihre bulligen Köpfe aus dem Wasser, um kurz darauf wieder in die Gemüsesuppe einzutauchen.
Zum Glück ändert das Wetter meist schnell, schon bald beglücken uns wieder erste Sonnenstrahlen. Im sanften Abendlicht beschert uns der wolkige Himmel eine wundervolle Stimmung. Zeit für einen Sundowner. An
einem von Vic für sicher befundenen Platz – auf der anderen Flussseite döst ein Krokodil – dürfen wir uns die Beine vertreten. John, der süsse junge Führer in Ausbildung, wirft ein buntes Tuch über das Tischchen und breitet gekühlte Getränke und Snacks vor uns aus. Prost – auf einen gelungenen ersten Safari-Tag.
Unsere kleine, feine Lodge liegt in einem gepflegten Garten direkt am Luangwa-Fluss, der die Grenze zum Nationalpark bildet. Vom Balkon unseres schmucken zweistöckigen Bungalows sowie auch beim Baden im Pool können wir direkt aufs Wasser blicken. Im Fluss wohnen grunzende Hippos, in den Bäumen turnen Affen. Im stilvollen Restaurant laden verschiedene Sitzmöglichkeiten zum Verweilen ein, der Koch zaubert leckere Gerichte auf den Teller. Nach dem Nachtessen begleitet uns Boston zum Bungalow, leuchtet mit seiner grellen Lampe den Garten aus, nicht dass wir ungewollt einem wilden Tier auf die Füsse treten. Nun ja, leider war gar nie eines da… Vier Nächte und drei Safari-Tage gönnen wir uns in diesem Bijou, das zwar trotz grosszügigem Tiefsaison-Rabatt über unserem Budget liegt. Aber wir leisten es uns vom Honorar unserer kürzlich publizierten Palau-Reportage im Globetrotter-Magazin…
Nach einer kurzen Nacht reisst uns Boston erneut um fünf aus dem Schlaf. Aber es lohnt sich, keine Frage. Wir tauchen wieder ein in den Dschungel der wilden Tiere… Riesige Herden Impalas streifen den Flussläufen entlang, zeigen keine Scheu, grasen ruhig weiter. Auch andere, uns noch weitgehend unbekannte Antilopenarten sind im Park beheimatet. Der Wasserbock bevorzugt, wie es sein Name vermuten lässt, Flusslandschaften. Auf seinem graubraunen zottigen Fell prangt ein grosser weisser Ring am Hinterteil. Auch der Buschbock ist meist in der Nähe von Wasser anzutreffen. Das rotbraune, mit zahlreichen weissen Punkten und Streifen übersäte Tier ist in der Regel im
Alleingang unterwegs. Die eher seltene goldbraune Puku-Antilope trägt ein langweilige Fellkleid ohne jegliche Markierungen.
Auch im Verlaufe des Morgens gibt es jeweils eine kurze Verschnaufspause, wo uns der hagere, etwas schüchterne John mit seinem charmanten Lächeln heisse Getränke mit süssem Gebäck auftischt. Gemütlich schlürfen wir mit Blick auf den Fluss eine dampfende Tasse Tee und geniessen, umgeben von Antilopen, die hinreissende Szenerie.
Was liegt da vorne auf der Schotterpiste? Ein Rudel Wildhunde macht eine Verschnaufspause am Strassenrand. Ein seltenes Bild, denn die vom Aussterben bedrohten Hunde mit den grossen runden Ohren sind nur in einer kleinen Anzahl vertreten. Sie fühlen sich durch uns gestört und suchen leider schon bald das Weite. Nachmittags spüren wir das Rudel an einem anderen Ort erneut auf – siebzehn Hunde zähle ich. Nach einer Weile herrscht Aufbruchstimmung, sie ziehen weiter und wir verlieren sie bald aus den Augen. Wow, wir sind überwältigt. Wissen noch nicht, dass demnächst ein Highlight das nächste jagt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Oben im Geäst hängt leblos ein Impala – das Leoparden-Futter lächelt uns steif entgegen. Aber wo ist der Täter? Ein paar Bäume weiter schläft er auf einem Ast, lässt alle Viere mitsamt Schwanz schlaff herunterbaumeln. Unsere Herzen machen Luftsprünge, wir freuen uns am sensationellen Anblick der wohlgemusterten Raubkatze. Nach einer Weile dreht sie endlich ihren Kopf, würdigt uns mit einem eingehenden Blick, um kurz darauf wieder weiter zu schlummern. “Wir kehren später zurück. Sobald die Nacht einbricht, stürzt sich der Leopard auf seinen Fang”, verspricht uns Vic.
Impalas und Zebras sprinten aufgebracht durcheinander. Was ist nur los? Die Wildhunde! Sie stieben aus verschiedenen Richtungen, jagen die flinken Antilopen, hetzen sie durch die Weiten der Savanne – ist das ein Spektakel. Beim Jagen im Rudel treiben sie ihre Beute mit einem Tempo von bis zu 50 Stundenkilometern bis zur Erschöpfung voran, um diese dann zu reissen. 70 Prozent ihrer Jagdversuche sind erfolgreich – mehr als bei jedem anderen Raubtier.
Dann ein Schrei, der Todesschrei eines Impalas. Schnell lenkt Vic den Jeep in besagte Richtung. Die Wildhunde bellen, blicken traurig zum Fluss. Ihre gejagte Beute schwimmt tot im Wasser, klemmt im Maul eines Krokodils. Der fiese Geselle ist den Hunden zuvor gekommen,
hat ihnen das in den Fluss getriebene Impala vor der Nase weggeschnappt. Sofort ist auch eine Tüpfelhyäne zur Stelle, hat den Tod schon von weitem gerochen. Die braun getupften Tiere fressen alles, von Aas über Insekten bis zum Grosswild. Das Krokodil hingegen scheint keinen Hunger zu verspüren, aber Gelegenheit macht Diebe…
“Hier am Flussufer ist der richtige Ort für unseren Sundowner”, bestimmt Vic mit einem Schmunzeln. Die Sonne ist zwar mittlerweile schon versunken, am Himmel flammt aber noch ein roter Streifen auf. Wir stossen an, im Hintergrund grunzen Flusspferde um die Wette. Die Ereignisse überstürzten sich, wir sind sprachlos. Die Dämmerung bricht rasch ein – schleunigst zurück zum Leopard. Genüsslich schlemmt dieser hoch oben im Baum sein Abendmahl, dem Bauch vom Impala fehlt bereits ein beträchtliches Stück Fleisch. Was für ein spektakulärer Abend – wir können unser Glück kaum fassen!
Schon ist unser letzter Safari-Tag da – ein letztes Mal machen wir uns frühmorgens auf zur Pirsch. Endlich Löwenglück! Schon über vier Monate warten wir darauf, und nun endlich. Ein kleines Löwenrudel liegt gut getarnt, aber unmittelbar vor uns im Gebüsch. Fünf junge Löwenmännchen breiten sich faul im Schatten aus. Während die einen vor sich hin dösen, kuscheln zwei liebevoll miteinander, lecken sich gegenseitig mit ihren rosa Zungen. Wir könnten den verschmusten Raubkatzen noch stundenlang Gesellschaft leisten…
Erneut suchen wir die Stelle auf, wo wir gestern den fressenden Leoparden verlassen haben. Die angeknabberte Beute hängt noch immer in der Astgabel, von der Raubkatze fehlt aber jede Spur. “Der nachtaktive Leopard frisst nicht am helllichten Tag und versteckt sich bestimmt in der Nähe”, behauptet Vic und verspricht, am Abend nochmals vorbeizuschauen. Vorfreude herrscht.
Nochmals Wildhunde – das gibt es doch gar nicht. Es ist ein kleineres Rudel mit nur sechs der gefleckten Exemplare. Flink trotten sie der Strasse entlang, sind dann aber leider schnell verschwunden. Und wir verschwinden in die Kaffeepause. Kaum aus dem Vehikel geklettert, sausen Impalas in grossen Sprüngen an uns vorbei, hinterher flitzen die Wildhunde – wow, die Show geht weiter. In der Nähe grasen gestreifte Gesellen. Ein Zebra wagt sich immer näher, beäugt uns eingehend durch das Gestrüpp. Wir beobachten uns gegenseitig. Was denkt das neugierige Zebra wohl über die eigenartige Spezie Mensch?
Ein letztes Mal kreuzen die wilden Hunde unseren Weg. Sie scheinen das Trotten auf der Piste zu bevorzugen. Haben sie sich etwas an uns gewöhnt? Jedenfalls gönnen sie uns einen Anblick aus nächster Nähe, gewähren uns Zeit, sie eingehend zu studieren. Die unregelmässig schwarz, weiss, braun und gelblich gefleckten Tiere sind einzigartig, ihr gemustertes Fell wirkt wie von Künstlerhand gemalt. Keiner ist gleich wie der andere, die Flecken fallen bei jedem Hund anders aus. Das Fell der Welpen ist heller wie das der ausgewachsenen Raubhunde. Wir könnten ihr wundervolles Kleid noch ewig bestaunen.
Nach dem Sundowner bringt uns Vic zurück zum Busch der Löwen. Gerade noch rechtzeitig, soeben haben sich die Kerle auf den Weg gemacht. Leider ist es schon fast dunkel und es bleibt uns kaum Zeit, die trottenden Löwen zu begutachten, was uns etwas enttäuscht. Sie bereiten sich auf die Jagd vor, pirschen strategisch in grossen Abständen voneinander durchs Gras, bis wir sie in der Dunkelheit verlieren.
Auf zum Leoparden. Auch dieser schleicht sich vorsichtig durchs Gras. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dank Vic. Es dauert nicht lange und er hechtet auf seinen Baum, klettert geschickt den Stamm hinauf und macht sich hoch oben in Sicherheit an seinen Frass. Genüsslich verschlingt er die zweite Hälfte des Impalas, man hört die Knochen knacken. Ein kalter Schauder läuft mir den Rücken hinunter… Unten warten bereits ungeduldig zwei Hyänen, hoffen auf herabfallende Essensreste. Das fantastische Bild begeistert, lässt uns die Enttäuschung über die Löwen bald vergessen.
Endlich ausschlafen und ausgiebig frühstücken! Wir geniessen die letzten Stunden in der idyllischen gelegenen Lodge in vollen Zügen. Wir hätten nicht gedacht, während der Regenzeit so viele verschiedene Wildtiere in so grosser Zahl anzutreffen. Das mehrmalige Aufspüren derselben Raubtiere und das Beobachten ihres Verhaltens war für uns überaus spannend und der absolute Höhepunkt. Ein unvergessliches Erlebnis – der gesamte Aufenthalt wie Ferien…
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