Wolkenvorhang am Sary-Chelek
Ein abgeschiedenes Naturschutzgebiet liegt versteckt im Nordwesten Kirgistans, unweit der Grenze zu Usbekistan. Sieben Bergseen betten sich malerisch in die unberührte, bergige Landschaft ein. Das Herz des Naturreservates Sary-Chelek bildet der grösste, gleichnamige See mit sieben Kilometern Länge, der auf knapp 1900 Metern Höhe liegt. In Kirgistan spricht man vom schönsten See des Landes, welchen wir uns nicht entgehen lassen…
Ein klappriger Jeep schüttelt uns über die holprige Piste hinab ins Dorfzentrum von Arslanbob. Am Steuer sitzt ein rüstiger Alter, daneben sein Enkel, aus den Boxen dröhnt Techno-Musik. Für die 200 Kilometer lange Weiterreise zum Sary-Chelek leisten wir uns ein kostspieliges Taxi, da wir mit den öffentlichen Minibussen oder Sammeltaxis angeblich viermal umsteigen müssten – Anschluss nicht garantiert, Ankunftszeit irgendwann. Aus dem Seitental zurück auf der Hauptverkehrsachse verläuft die Fahrt nordwärts, trockene Hügelzüge ziehen an uns vorbei. Sobald wir nach einer Weile nach Westen abzweigen, ändert sich die Landschaft schlagartig – bizarre Felsformationen säumen die üppig grüne Gegend. Eine schwarze Wolkenwand türmt sich bedrohlich vor uns auf, starke Windböen fegen über die unbefestigte Strasse, wir kurven direkt in Teufel’s Küche. Heftig saust ein Gewitter über uns nieder, unser Fahrer mit grauer Haarpracht klammert sich konzentriert am Lenkrad fest. Opa ist keineswegs ortskundig, hält immer wieder an und fragt erneut nach dem Weg. Nur um zu erfahren, dass es noch immer auf derselben Piste weiter geht…
Nach rund fünf Stunden gelangen wir endlich ans Ziel – Opa ist bestimmt erleichtert. In Arkit, dem Ausgangsort für den Sary-Chelek, lädt er uns vor dem gewünschten Homestay ab. “Welcome, my name is Sabira”, begrüsst uns die ältere Frau überschwänglich und zeigt uns stolz ihr Reich. Das Gästezimmer ist spartanisch eingerichtet, nur drei Betten stehen im Raum, sonst nichts. Das Klohäuschen befindet sich im Garten am Ende eines matschigen Weges, bequeme Sitzgelegenheiten fehlen gänzlich. Roland schluckt einmal leer –
hat er es sich doch noch etwas komfortabler ausgemalt. Ich fühle mich auf Anhieb wohl in Sabiras herzlicher Gesellschaft, was mich diese bescheidenen Umstände etwas vergessen lässt. Unsere fürsorgliche Gastgeberin lebt mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und drei kleinen Enkeln im selben Haushalt. Die Familie führt ein einfaches Leben inmitten von gackernden Hühnern, im grossen Garten sind zahlreiche Kartoffelbeete angelegt. Für die Kinder scheint es das Paradies zu sein, sie vergnügen sich ohne richtiges Spielzeug, der einzigen Puppe fehlt der Kopf.
Die Regenfront ist weitergezogen. Wir erkunden Arkit, das kleine beschauliche Nest, auf 1200 Metern gelegen. Ein paar armselige Läden säumen die Schotterstrasse, die Öffnungszeiten sind äusserst unberechenbar. Wir warten vor verschlossener Türe, missbilligen die Abfallkartons mit vergammeltem Obst vor dem Eingang. Plötzlich taucht die Ladenbesitzerin auf, schliesst für uns auf. Mit dem Licht springt gleichzeitig auch die Kühltruhe an – stirnrunzelnd schauen wir einander an. Uns offenbart sich ein himmeltrauriger Anblick. Eine Unordnung regiert das spärliche Angebot, Gemüse welkt auf der Theke vor sich hin. Das Einkaufen ist kein Genuss, doch immerhin ist überhaupt Trinkwasser (keine Selbstverständlichkeit) und eine Tafel Schokolade (mit Ablaufdatum in der Zukunft) im Angebot. Es wird uns wieder einmal vor Augen geführt, wie verwöhnt wir sind.
Der sonnige Morgen verspricht ein prächtiger Tag. Vom Frühstückstisch im Garten blicken wir auf die vor uns liegende Bergwelt, hinter der sich der Sary-Chelek verbirgt. Vom Dorf führt eine staubige Piste die verbleibenden 15 Kilometer hoch zum See, der einzige befahrbare Weg ans Ufer. Zu Fuss machen wir uns auf den Weg, der zuerst weit ins Tal hinein führt, bevor er sich in die Höhe windet. Es ist Sonntag, ab und zu überholen uns Autos mit kirgisischen Ausflüglern. Nimmt uns jemand mit? Wir lassen es darauf ankommen, denn das
Wandern macht uns grundsätzlich Spass und auch die Ausblicke auf die Bergwelt sind grandios. Doch die Strecke zieht sich in die Länge und bereits bilden sich erste Wolken. Nach über zwei Stunden hält das erste Fahrzeug mitleidig an, ermuntert uns, einzusteigen. Im kleinen Bus herrscht eine ausgelassene Stimmung, laute Musik dröhnt. Die Zwanzigjährigen sind auf Matura-Abschlussreise, interessiert stellen sie uns eine Frage nach der anderen…
Nach zahlreichen engen Kurven erreichen wir den Sary-Chelek. Kaum ausgestiegen, bietet uns einer der Jungs grosszügig Kumys aus einer unappetitlich aussehenden PET-Flasche an. Dankend lehnen wir ab. “Das müsst ihr einfach probieren!”, versucht er uns mehrmals zu überzeugen. Uns ist auch bewusst, wie unanständig es ist, das Angebot auszuschlagen, doch wir können nicht anders. Die vergorene Stutenmilch, die etwas Alkohol enthält, schmeckt säuerlich und bringt unsere, nicht an Kumys gewöhnten Magen, ins Rebellieren. Doch der hartnäckige Kerl lässt nicht locker und streckt uns je einen Becher hin. Tapfer ringen wir uns zu einem kleinen Schluck durch, doch mehr geht nicht. Der bei den Kirgisen so beliebte Milchdrink ist für uns der reinste Alptraum, lässt uns Erschaudern – nebst dem sauren Geschmack meine ich, einen ganzen Stall auszulecken…
Der grünblaue See liegt uns zu Füssen, eingerahmt von bis ans Ufer reichenden, steilen Bergfelsen – ein sagenhaftes Bild. Leider hängen Wolkenschwaden bereits tief, die Sonne kann sich nur noch knapp durchsetzen. Die hält einige der aufgeschlossenen Maturanden aber nicht davon ab, sich kopfüber ins kalte Nass zu stürzen… Neben der Idylle am See gewinnen wir einen Einblick in das Freizeitverhalten der Kirgisen, welche sich fast ausnahmslos in unmittelbarer Nähe des Sees niederlassen und sich für den Rest des Tages an den mitgebrachten Speisen und am Wodka erfreuen. Kein Mensch würde auf den Gedanken kommen, ein paar Meter zu Fuss zu gehen… Wir hingegen würden gerne zu Fuss einen Aussichtspunkt erklimmen, finden jedoch den vorgeschlagenen Weg des Reisehandbuchs nicht. Wegweiser oder Markierungen fehlen gänzlich, Auskunft kann uns niemand erteilen. So folgen wir einem Pfad, der uns zu einem der
weiteren, kleineren See bringt. Der Wolkenvorhang zieht zu und ohne Sonnenschein wirkt das blaue Gewässer völlig glanzlos. Erste Tropfen fallen und wir machen uns etwas enttäuscht auf den Heimweg. Nach zwei Stunden holt uns “unser” Bus ein, die schallende Musik dringt uns schon von weitem zu Ohren. Alle sind in Partystimmung, singen und tanzen. Wie selbstverständlich nehmen sie uns wieder mit, ersparen uns immerhin noch etwa eine Stunde Fussmarsch.
Der nächste Tag startet trüb uns nass, also kein Grund zur Eile. Sabira ist Gastgeberin mit Leib und Seele, stets besorgt um unser Wohl und zu einem Schwatz bereit. “Fünf Jahre habe ich an der Universität Englisch gelernt, doch das ist schon lange her”, beantwortet sie meine Nachfrage betreffend ihren guten Kenntnissen. “Ich bin die einzige im Dorf, die Englisch spricht”, fügt sie stolz an und ihre goldenen Vorderzähne blitzen in ihrem Mund. “Früher bot nur ich ein Gästezimmer an und alle Touristen wurden mir zugewiesen. Doch heute ist das anders, viele machen mir das Geschäft streitig, auch ohne Englisch-Kenntnisse!” Wir schätzen es jedenfalls, uns mit unseren Gastgebern verständigen zu können, auch macht es vieles einfacher… Die Sonne blinzelt nun verführerisch hinter Wolkenfetzen hervor und lockt uns in die Wanderschuhe. Doch das Wetter ist unberechenbar und schon bald kehren wir begossen wieder zurück.
Heute geht der Ramadan zu Ende. Das muslimische Fastenbrechen wird im familiären Rahmen gefeiert, so auch bei Sabira. Doch wenn wir sie richtig verstanden haben, faste sie selber nicht. Das sei schwierig und sie habe auch früher nie richtig gefastet – kaum jemand faste mehr heute. Zur Feier des Tages kocht sie zum Nachtessen Plov, das uns bereits bestens bekannte Nationalgericht. Abends und in der Nacht regnet es unaufhörlich, auch am nächsten Morgen ist keine Wetterbesserung in Sicht. Ich fühle mich schlecht, ein gereizter Darm zwingt mich mehrmals in die Regenjacke und hinaus aufs Klo im Garten. Roland verspürt hingegen keine Plov-Nachwirkungen, er fühlt sich munter. Für den fettigen Reiseintopf werde oft Baumwollöl verwendet, dass unserem Verdauungstrakt nicht sehr bekömmlich sei…
Eine Stunde zu spät kreuzt unser Fahrer auf, den Sabira uns für die lange Fahrt nach Bishkek organisiert hat. Er beeindruckt uns nicht mit seiner Pünktlichkeit, sondern mit seinem grossen, neuen Auto. Bis wir jedoch startklar sind, müssen noch vier weitere Passagiere abgeholt und mehrere Milchkanister und Pakete geladen werden, was sich unendlich in die Länge zieht. Magenkrämpfe plagen mich, ich fühle mich mies. Endlich geht es los in Richtung Nordosten. Der junge Fahrer schiesst rasant in halsbrecherische Kurven, mir ist leicht übel und ich muss mich konzentrieren, mich nicht zu übergeben, so wie der kleine Junge vor uns. Durch eine tiefe Schlucht entlang hoher schroffer Berge, vorbei an türkisblauen Stauseen und über einen Pass von 3200 Metern gelangen wir auf eine weitläufige Hochebene. Pferde weiden, Jurten liegen verstreut in der grünen Gegend, überall wird der begehrte Kumys zum Kauf angeboten. Enge Haarnadelkurven führen steil bergab. Der Fahrer pflegt mittlerweile einen gemässigten Fahrstil, hat bei einer Radarkontrolle eine Busse kassiert. Nach zwölf Stunden Unterwegssein treffen wir abends endlich in Bishkek ein. Während Roland die landschaftlich spektakuläre Strecke geniessen konnte, sehne ich mich nach dem von Bauchkrämpfen gezeichneten Höllenritt nur noch nach einem Bett…
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