Wombats auf Maria Island
Die Tasman Peninsula im Rücken, auf das tasmanische Festland geschwenkt, liegt die Ostküste vor unseren Rädern. Felsige Küstenabschnitte wechseln sich mit geschützten Buchten und weitläufigen Sandstränden ab. Eine beschauliche Gegend, wo sich beliebte Ferienziele entwickelt haben. Trotzdem ist den meisten Orten der Charakter verschlafener Fischerdörfer noch nicht abhanden gekommen. In dieser relativen Abgeschiedenheit gibt es nur vereinzelte kleine Läden, deshalb stocken wir nachmittags in der geschäftigen Kleinstadt Sorell, einem Vorort von Hobart, unsere Vorräte auf. Der Highway schlängelt sich durch einen bewaldeten, hügeligen Landstrich und nach einer Stunde in den Kurven nimmt unsere heutige Reiseetappe ein Ende…
Das unbelebte Triabunna ist der Ausgangspunkt für Maria Island. Die Insel liegt nur wenige Kilometer vor der Küste, der Campingplatz lediglich einen Katzensprung vom Hafen entfernt. Punkt neun legt die erste Fähre ab. Bereits überschatten Wolkenfetzen die vielversprechende Morgensonne, ein kühler Wind bläst über das Oberdeck. Die zwanzig Kilometer lange Maria Island ist zweigeteilt, nur eine sandige Landbrücke verbindet den deutlich grösseren Nordteil mit dem Südteil der Insel. Lange bevor europäische Entdecker in diese Weltregion vordrangen, besiedelten Aborigines das Eiland. Im frühen 19. Jahrhundert wurde Maria Island von Wal- und Robbenfängern besiedelt und ab 1825 von den Engländern als Gefängnisinsel genutzt.
Schwankend erreicht die Schnellfähre eine halbe Stunde später den kleinen Schiffsanleger im Inselnorden. Heutzutage sind keine Sträflinge mehr an Bord, sondern Touristen. Nach sieben Jahren Gefängnisalltag erkannte man dazumal, dass die Insel zu viele Fluchtmöglichkeiten bot und man schloss die Tore der Haftanstalt. Nach gescheiterter Industrialisierung wurde Maria Island im
Jahre 1972 schliesslich zum Nationalpark erklärt. Vorbei an unansehnlichen Zementtürmen schlendern wir durch die ehemalige Siedlung Darlington. Die bewegte Geschichte widerspiegelt sich in den verstreut in der Natur liegenden Industrieruinen und restaurierten Gefängnisbauten. Abseits von Hektik, aber auch von den Annehmlichkeiten der Zivilisation, finden sich weder Verpflegungsmöglichkeiten noch Strom, nur eine schlichte Unterkunft und Campingspots.
Heute ist die mehrheitlich unbesiedelte Maria Island ein friedliches Naturparadies, frei von motorisierten Fahrzeugen. Wander- und Fahrradwege überziehen die Landschaft, im Inselinnern erstreckt sich ein Höhenzug bis über 700 Meter. Zu Fuss steuern wir geradewegs die „Painted Cliffs“ zwei Kilometer südlich an der Westküste
an, die am Ende eines geschwungenen weissen Sandstrandes aufragen. Am besten ist das Naturwunder bei Ebbe zu erkunden, was sich heute schwierig gestaltet, da zur Mittagsstunde die Flut wütet. Dennoch lässt sich vormittags einen Augenschein nehmen, aber wir müssen achtsam sein, um auf den glitschigen, vom
Meer unterspülten Felsplatten nicht auszurutschen. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Erosion ständig an den Klippen aus Sandstein genagt, eisenhaltiges Wasser hat das seine dazu beigetragen. Die bemerkenswerten Muster der verwitterten Felswand erinnern etwas an Holzmaserungen. Die Farbpalette ist fabelhaft und reicht von weiss über sandfarben und von gelb bis rötlich. Ein gigantisches Gemälde, man könnte meinen, ein begabter Künstler war am Werk.
Das glasklare Wasser der seichten Bucht lädt zum Baden ein, doch wir lehnen dankend ab – liegen die Wassertemperaturen angeblich irgendwo zwischen 12 bis 18 Grad. Nebst einsamen Stränden trumpft das hügelige Inselreich mit felsigen Bergspitzen und dichten Urwäldern auf. Durch ein Waldstück wandeln wir zwischen hohen weissstämmigen Eukalypten und wuchernden Farnen. Die in der Regel saftigen Gewächse zeigen sich mehrheitlich braun statt grün, der Inselboden wirkt völlig ausgetrocknet. Der Anstieg über dürres, weites Grasland ist steil, die Fernsicht von den Steilklippen milchig, mit Wolkenschlieren verschmiert.
In der Fossil Bay an der Nordküste sind Felswände und riesige Steinblöcke mit Jahrmillionen alten Fossilien übersät. Die „Fossil Cliffs“. Abertausende versteinerte
Muscheln und Meeresschnecken, wie mit Lehm zusammengekittet. Nur noch hin und wieder beglückt uns ein Sonnenstrahl. Donner grollt, bedrohlich hängen pechschwarze Wolken über dem Festland. Heute haben wir unsere Regenjacken wohl nicht vergebens eingepackt. Nichts desto trotz machen wir uns noch einmal zu den „Painted Cliffs“ auf. Die Nachmittagssonne taucht das Felskunstwerk jeweils in feurige Farben. Die heutige Chance auf dieses Spektakel ist zwar verschwindend klein, aber oftmals ändert sich das Wetter im Handumdrehen…
Der Reichtum an frei lebenden australischen Tieren ist gross – Kängurus, Wallabys, Pademelons und Wombats bevölkern Maria Island. Das gesamte Gras der Insel ist von diesen nachtaktiven Beuteltieren fast vollständig abgefressen. Dank der nachmittäglichen Düsterheit sind die Rasenmäher heute frühzeitig am Werk. Als wir den allerersten Wombat spotten, sind wir aus dem Häuschen. Zugegeben,
jemand hat uns darauf aufmerksam gemacht – der grasende „Stein“ in der Weite wäre uns bestimmt nicht ins Auge gefallen. Seelenruhig zupft seine Schnauze gierig an den kurzen Gräsern. Unsere Anwesenheit beirrt den stämmig gebauten Pflanzenfresser nicht. Die Gliedmassen sind kurz, und Augen sowie Ohren fallen am grossen Kopf nicht sonderlich ins Gewicht. Ein überdimensionales Meerschweinchen, in der Grösse eines kleinen Hundes – herzerweichend wie ein Knuddelbär.
Wombats zählen zu den grössten grabenden Säugetieren. Mit ihren scharfen Krallen
buddeln sie Wohnhöhlen bis zu drei Meter tief in die Erde, manchmal ausgeweitet zu langen, komplexen Tunnelsystemen. Tagsüber ruhen sie in ihrem Bau, den sie erst in der Dämmerung verlassen, um auf Nahrungssuche zu gehen. „Schau, da vorne ist noch einer!“, jubelt Roland. Als wir uns langsam anpirschen, rennt der scheue Kerl davon. Dafür kreuzt eine Mama mit ihrem Jungtier gemächlich unseren Weg. Dessen Fellkleid ist nicht braun, sondern grau, und für einmal ist das Ausgewachsene ebenso hinreissend wie das Kleine.
Fast vergessen wir, dass wir eigentlich unterwegs zu den „Painted Cliffs“ sind. Erste Regentropfen fallen. Die malerische Felswand erreicht, zieren zwar schon wieder blaue Luken das Himmelsdach, doch an der falschen Stelle. Wir geben uns geschlagen, wollen wir die letzte Fähre nicht verpassen. Auf dem Rückweg zum Hafen wimmelt es mittlerweile richtiggehend von Wombats. Bei zehn höre ich auf zu zählen – geschätzt sichten wir dreimal so viele. Auch Kängurus mischen die Szene auf, futtern hungrig Gras. Schreckhafter wie die plumpen Wombats, beäugen sie uns erst misstrauisch, um dann munter davon zu hüpfen.
Als wir gegen Abend mit der Fähre wieder in Triabunna anlegen, giesst es in Strömen und eine Düsterheit nimmt uns ein. Anstelle noch ein Stück weiterzufahren wie ursprünglich geplant, kehren wir müde auf denselben Campingplatz zurück. Mit insgesamt dreizehn Wanderkilometern auf dem Buckel und tierischen Glücksmomenten im Herzen…
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