Wüstenzauber im Wadi Rum
Die Übernahme des Mietwagens findet morgens um zehn Uhr im Strandhotel von Aqaba statt – zumindest auf dem Papier. Pünktlich wie eine Schweizeruhr stehen wir bereit, doch keiner ist da. Der Wachmann am Tor telefoniert umgehend mit dem Autovermieter. Zuerst bleibt sein Anruf unbeantwortet, dann geht endlich einer ran. «He’s on the way», schmunzelt der hilfsbereite Jordanier daraufhin nickend. Wir rätseln, ob tatsächlich schon jemand
auf dem Weg oder eben erst aufgestanden ist. Eine weitere halbe Stunde verstreicht, dann ist es soweit; die Fahrzeugübergabe geht dafür umso rascher. Mittags brechen wir auf, lagern unser Tauchgepäck im wohlbekannten Stadthotel in Aqaba ein und heben am Bankomaten genügend Bargeld ab. Los gehts. Für die kommenden dreieinhalb Wochen sind wir nun auf Achse: Roland steuert, ich navigiere, der Motor schnurrt wie eine zufriedene Katze. Vom Roten Meer kurven wir entlang schroffer Berge nordwärts…
Um halb fünf begrüsst uns Salem am vereinbarten Treffpunkt im Wadi Rum Village, dem Tor zur
gleichnamigen Wüste. Der dreissigjährige Beduine strahlt, er ist uns auf Anhieb sympathisch. Salem führt das familiäre Unternehmen «Real Bedouin Experience», sein kleines Camp liegt elf Kilometer südwärts. Im offenen Geländewagen holpern wir im milden Licht der Abendsonne durch den riesigen Sandkasten. Das Naturreservat Wadi Rum – sprich Wadi Ramm – breitet sich auf rund 1000 Höhenmetern aus. Im gebuchten Beduinencamp
angekommen, führt uns Salem zu einem der zehn Zelte aus schwarzem Ziegenhaar. Die Innenwände sind rot ausgekleidet, in der Mitte steht ein Doppelbett mit dicken Decken, das beinahe den ganzen Raum einnimmt. «Welcome», sagt er mit leuchtenden Augen und lädt uns zu einer Tasse Tee ins Speisezelt ein. Dort bietet sich durch Panoramafenster
ein sensationeller Blick auf die zauberhafte Wüstenlandschaft. Aus dem Sand ragen bizarre Erhebungen aus Granit und Sandstein, die in Millionen von Jahren durch Erosion geschaffen wurden. Salem spricht gut Englisch, wir plaudern. Kurz vor Sonnenuntergang kraxeln wir auf ein erhöht gelegenes Plateau neben dem Camp. Aus der Nähe muten die abgeschliffenen Felsen wie fantasievolle Kunstwerke an. Während die Sonne kurz vor sechs am Horizont verschwindet, saugen wir hingerissen die friedvolle Stimmung in uns auf.
Das Abendessen dampft, es kommt aus dem Erdofen. «Zarb» nennt sich das traditionell in der
Erde gegarte Gericht, das aus verschiedenen Gemüsen und Fleischstücken besteht. Dazu werden Salat und dünnes Fladenbrot gereicht, ebenso Hummus, das orientalische Kichererbsenpüree. Neben einer Britin sind wir die einzigen Gäste. Zusammen mit Saleh, dem älteren Bruder von Salem, hocken wir später ums lodernde Feuer. Es knistert, Flammen züngeln in den klaren Sternenhimmel. Saleh serviert uns süssen Tee in
kleinen Gläsern sowie klebriges Gebäck. Die herzlichen Brüder stammen aus einer grossen Beduinenfamilie und haben noch ein Dutzend weitere Geschwister, erfahren wir von Saleh, der auch etwas Englisch spricht. Heutzutage ziehen nur noch wenige Beduinen durch die Wüste, viele leben fast ausschliesslich vom Tourismus und die Kinder gehen im Dorf zur Schule. Die Gastfreundschaft hat aber noch immer einen hohen Stellenwert, was sogar wir als zahlende Gäste spüren. Stets vergewissern sich die beiden, ob alles passt und es uns an nichts mangelt.
Anderntags düsen wir durch die morgendliche Wüstenidylle, einer der jüngeren Brüder manövriert den Jeep geschickt durch den Tiefsand. Noch ist es kühl, in der vergangenen Oktobernacht ist das Thermometer gegen zehn Grad abgesunken – im Winter herrschen hier nachts sogar Minustemperaturen. Der Fahrtwind zerrt an meinen Haaren, ich fröstle trotz Daunenjacke. Allmählich geht das rote Sandmeer in eine eher weisse Wüstenszenerie über, und erste Sonnenstrahlen kitzeln angenehm unsere Gesichter. Unser heutiges Ziel ist der Jabal Um ad-Dami,
Jordaniens höchster Berg, der 40 Kilometer südlich vom Dorf Wadi Rum nahe der Grenze zu Saudi-Arabien liegt. Nach einer Fahrstunde beginnt der Aufstieg, steil bergan über einen Felsrücken. Salem eilt voraus wie eine Gämse, wir schnauben in unserem Tempo hinterher. Die Wüstensonne brennt, die Luft ist staubtrocken. Meine Zunge klebt am Gaumen, alle paar Schritte könnte ich einen
Schluck Wasser trinken. Über Geröll und Trümmer erreichen wir nach eineinhalb Stunden den Gipfel, wo auf 1845 Metern über Meer erhaben eine grosse Flagge weht. Während wir die atemberaubende Rundumsicht bestaunen, entfacht Salem ein kleines Feuer und brüht uns zur Stärkung ein Kännchen frischen Tee. Nach einer geraumen Weile sind wir nur noch zu dritt hier oben, und es ist endlich still geworden. Wüstenzauber pur.
Am Fusse des Berges kocht der jüngere Bruder unterdessen das Mittagessen. Mit vollen Bäuchen ruhen wir uns danach eine Weile im kühlen Schatten aus. Wieder auf Fahrt durch weichen Sand, quert eine Kamelherde unseren Weg. Die lustigen Wüstentiere trampeln geradewegs auf uns zu und beschnuppern uns neugierig. Es scheint, als wollen sie gleich zu uns ins Fahrzeug steigen. Bevor der wundervolle Tag im Camp ausklingt, peilen wir noch faszinierende Felsformationen an. Am nächsten Vormittag sind wir zusammen mit Saleh unterwegs. Auf dem Rückweg
zum Wadi Rum Village kutschiert uns der gütige Mann zu populären Felsenbrücken, Schluchten und Sanddünen, wo es mancherorts von Geländefahrzeugen und Touristen wimmelt. Saleh ist sehr bemüht. Während wir die Sehenswürdigkeiten erkunden, hütet er Auto und Gepäck. Kehren wir zurück, empfängt er uns stets mit denselben Worten: «Welcome back. War es
gut?» Am frühen Nachmittag sind wir im Dorf zurück. Dort erwartet uns bereits Salem. Wie immer umspielt ein Lächeln sein Gesicht, und er hat ein traditionell gemustertes Beduinentuch um den Kopf geschlungen. Wir verabschieden uns, Bargeld wechselt die Besitzer. Es ist rührend, die gastfreundlichen Brüder bedanken sich und wünschen uns von Herzen das Beste. «Hoffentlich hat es euch gefallen.» Oh ja, und wie.
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