Zermatt – dem Matterhorn nah
Mein erstes Date mit dem Matterhorn ist aufregend. Der berühmte Berg, den ich bis anhin nur von Bildern kannte, strahlt in voller Pracht in einen wolkenlosen Himmel. Es ist Sonntag, kurz vor neun. Hingerissen stehen wir an diesem Julimorgen auf dem Rothorn in 3103 Metern Höhe. Der Rundumblick ist atemberaubend. In der Zermatter Gebirgswelt reihen sich beeindruckende Alpenriesen aneinander – 38 davon ragen über 4000 Meter auf. Heraus sticht der weltbekannte Toblerone-Zacken. Wahrhaftig ein einzigartiger Bergspitz.
Es ist beinahe windstill und die Sonne wärmt angenehm, trotz Temperaturen im einstelligen Bereich. Beflügelt spähen wir in alle Himmelsrichtungen, bevor wir uns auf den felsigen Boden setzen und ein Biberli naschen. Immer im Fokus: das Matterhorn und die verschneiten Gebirgszüge. Die Ruhe ist erstaunlich. Schon in der Luftseilbahn trafen wir auf nur eine Handvoll Besucher, trotz Wochenende und Schulferien. Ein positiver Nebeneffekt in Zeiten von Corona? Oder sind wir lediglich früher auf den Beinen als andere?
Während wir die friedvolle Stimmung in uns aufsaugen, versinke ich in meinen Gedanken. Die letzten Wochen waren aufwühlend, insbesondere aus beruflicher Sicht. Die ferne Reisewelt spielt noch immer verrückt, und seit Mitte März waren wir im Büro nur damit beschäftigt, die Arbeit der vorangegangenen Monate zu vernichten: annullieren und umbuchen. Ein Albtraum, auch Globetrotter muss demzufolge abspecken. Wen es trifft, ist noch ungewiss. Der globale Umgang mit dem Coronavirus hat auch unsere eigentlichen Reisepläne über den Haufen geschmissen. Im Frühling tauschten wir einen Monat Kapverden gegen einen Monat „bleiben Sie zuhause“. Die Streifzüge in der näheren Umgebung hatten einen gewissen Reiz, doch nun tut der spontane Tapetenwechsel gut.
Diese Ferienwoche im Wallis ist unsere erste Reise im aussergewöhnlichen 2020. Wie geht nun alles weiter? Bringt die Coronakrise auch Gutes mit sich? Immer wird uns erneut bewusst, dass
uns die Massnahmen einer solchen Pandemie übel zwischen die zweieinhalbjährige Reise hätten funken können. Und wir fühlen mit all den Langzeitreisenden, denen es jetzt so ergeht. Die Vorfreude auf unsere längst gebuchte Reise nach Bhutan im Spätherbst ist verhalten. Zwar gibt es Schlimmeres als verpatzte Reisepläne, doch können wir überhaupt jemals wieder unbeschwert exotische Länder entdecken? Mit unserem Lebensstil das Fernweh stillen?
Fünf Seen auf der Spur
Antworten finden wir hier oben keine, aber etwas Abstand und Kraft. Auch kulinarisch gestärkt, machen wir uns auf den Weg talwärts. Noch immer trübt kein Wölkchen das blaue Himmelszelt. Weil das alpine Gelände im Winter als Skigebiet dient, sind die Hänge an gewissen Stellen entsprechend verbaut. Aber die grandiose Aussicht auf die umliegenden Berggipfel lässt uns meistens darüber hinwegschauen. Beschwingt steuern wir die Fünf-Seen-Wanderung an. Mit dem ersten See sichten wir auch die ersten Menschenscharen, und mit der puren Idylle ist leider Schluss.
Der Stellisee auf rund 2500 Metern ist einer der prominenten Seen von Zermatt. Ist sein Wasser ruhig, spiegelt sich darin das Matterhorn. Aber schon der kleinste Windhauch lässt die Wasseroberfläche kräuseln, und um das Spiegelbild ist es geschehen – so wie jetzt. Jeder der fünf kleinen Bergseen ist anders: Form, Farbe und Charakter sind verschieden. Als nächstes stossen wir auf den Grindjisee inmitten von Alpblumen, geheimnisvoll versteckt in Lärchen.
Der dritte See, der malerische Grünsee, eignet sich bestens zum Pausieren und für einen Sprung ins kalte Nass, doch der Trubel ist uns zu gross. Also schleunig weiter, hinab zum kleinen Moosjisee, einem klassischen Speichersee auf rund 2100 Metern. Seine Farbe ist milchig, da er von Gletschern gespeist wird. Dann schustern wir gemächlich bergan, bis uns der letzte See zu Füssen liegt. Der Leisee auf knapp 2300 Metern wartet sogar mit einen Strand auf. Der Badesee ist auch mühelos mit der Bergbahn erreichbar und darum ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. Es herrscht Betrieb, wahrscheinlich aber noch längst nicht so viel wie in normalen Zeiten.
Uns zieht es noch ein paar Meter weiter ins Restaurant auf Sunnegga. Inzwischen später Nachmittag, jammern unsere Bäuche. Statt auch Wurst und Käse aus dem Kühlschrank einzupacken, haben wir morgens nur frische Brötchen gekauft, und das mittägliche Picknick fiel entsprechend bescheiden aus. Mit Heisshunger vertilgen wir nun auf der halbleeren Aussichtsterrasse ein leckeres Schnipo. Das Matterhorn guckt geradewegs auf unsere Teller und die Sonne lacht noch immer. Was wollen wir mehr?
Die Talfahrt mit der modernen Standseilbahn dauert keine fünf Minuten. Wie der Blitz rasen wir durch den Felsentunnel im Berginneren hinunter nach Zermatt. Die Gemeinde am Ende des Mattertals auf 1600 Metern ist bekanntlich autofrei. Das stimmt zwar nur bedingt, denn für gewerbliche Nutzung sind Elektrofahrzeuge zugelassen. Somit teilen sich Fussgänger die Strassen mit Elektrobussen und Transportautos.
Unsere Ferienoase ist nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt, aber ruhig gelegen und abseits der wuseligen Bahnhofstrasse mit allerlei Läden und Restaurants. Müde sinken wir in die bequemen Liegesessel auf dem Balkon der Ferienwohnung, wo uns letzte Sonnenstrahlen liebkosen. Verwöhnt mit Matterhornsicht und einem Bierchen, stossen wir auf den fantastischen Tag in den Walliser Bergen an.
Vom Riffelsee zum Gornergrat
Noch erreicht die Morgensonne das Tal nicht und beleuchtet lediglich die Spitze des Matterhorns. Der klare Himmel verspricht erneut einen prächtigen Tag. Mit der Gornergrat-Bahn tuckern wir durch Wald, hinauf bis zur Haltestelle Riffelalp, knapp unterhalb der Baumgrenze auf 2200 Metern. Neben uns steigen nur Vereinzelte aus, die meisten Fahrgäste lassen sich offenbar bequem ganz nach oben chauffieren.
Im Schatten ist es noch empfindlich kühl. Langsam wandern wir über blumige Wiesen bergan,
atmen die frische Morgenluft tief in unsere Lungen ein. Ein putziges Murmeltier huscht über den schmalen Weg. Die Nase hoch in die Luft gesteckt, lauscht es erstarrt in unsere Richtung, bevor es flink in einem Loch verschwindet. Wie friedlich es ist, noch haben wir keine Wanderseele angetroffen.
Gletscher kommen zum Vorschein. Mit jedem Höhenmeter ändert sich die Perspektive. Aber
immer im Blick: das majestätische Matterhorn. Freistehend in der umliegenden Gebirgswelt, wie ein dreieckiger Felszahn. Den Riffelsee auf knapp 2800 Metern erlangt, ist die Einsamkeit Geschichte. Familienclans spazieren talwärts und vergnügen sich am berühmten Bergsee. Alle möchten das perfekte Bild. Der Riffelsee ist ein weiterer Spiegel des Matterhorns und ein begehrtes Fotomotiv, insbesondere bei Asiaten hoch im Kurs. Doch diese sind heute an einer Hand abzuzählen – Corona sei Dank.
Tatsächlich bildet sich das Matterhorn für gewisse Momente fabelhaft im Wasser ab. Doch ständig kommt eine leichte Brise auf und verwischt das Spiegelbild erneut. Der kleinere namenlose Tümpel unterhalb des Riffelsees ist malerisch von Felsbrocken umrahmt. Es ist der in unseren Augen noch reizvollere Spot und zieht obendrein etwas weniger Schaulustige an.
Uns am Naturschauspiel sattgesehen, entfliehen wir dem Rummel. Weiter bergwärts, an der Abbruchkante oberhalb des Gornergletschers, halten wir Ausschau nach einem geeigneten Plätzchen für ein Picknick in Zweisamkeit. Der Ausblick ist eine Wucht. Vor uns türmt sich das mächtige Monte-Rosa-Massiv mit dem höchsten Schweizer Berg auf. Die Dufourspitze misst 4634 Meter und markiert die Grenze zu Italien. Gigantische Gletscherströme umarmen das Gebirgsmassiv. Ein urtümlicher Landstrich aus Fels, Schnee und Eis.
Verköstigt folgen wir dem Höhenweg. Der Punkt auf der anderen Talseite entpuppt sich beim Näherkommen als Monte-Rosa-Hütte, die einsam in der unwirtlichen Gegend wacht. Im Zickzack kraxeln wir jäh bergan. Der Aufstieg ist kräftezehrend, Schweiss perlt aus allen Poren. Kaum einer verirrt sich auf diesen gefühlt senkrechten Pfad. Schnaubend erklimmen wir schliesslich den angepeilten Bergrücken, den Gornergrat auf 3089 Metern. Stellenweise liegt Schnee. Bevor wir die Aussichtsterrasse stürmen, frönen wir abseits einer Pause. Roland kramt den Gipfelschnaps aus den Tiefen seines Rucksacks – einen Schluck Appenzeller haben wir uns nun verdient.
Das Panorama prägen 29 über 4000 Meter hohe Gipfel. Einer davon ist natürlich das Matterhorn, das 4478 Meter in den noch immer stahlblauen Himmel ragt. „S’Horu», so nennen die Einheimischen ihren Berg. Ein Anziehungspunkt für Alpinisten. Auch auf uns übt die Felspyramide eine Faszination aus, auch ohne Gipfelambitionen.
Jetzt am späten Nachmittag hält sich die Besucherzahl in Grenzen. Die Sonnenterrasse ist erstaunlicherweise nur spärlich besetzt. Das Kulmhotel Gornergrat ist das höchstgelegene Gasthaus der Schweizer Alpen. Auch findet sich hier oben das höchstgelegene Shopping-Paradies – die Läden sind aber bereits geschlossen. Uns ist sowieso eher nach einem Kafi Schnaps wie nach Souvenirs. „Den gibt es nur im bedienten Teil des Restaurants, und dieser ist geschlossen“, enttäuscht uns die junge Kassierin.
Nachdem wir stattdessen eine Heisse Schokolade geschlürft und die Bergwelt ausgiebig genossen haben, hopsen wir in den Zug. Die Gornergrat-Bahn war die erste voll elektrifizierte Zahnradbahn der Schweiz, fertiggestellt im Jahre 1898. In einer Dreiviertelstunde überwindet sie auf einer Strecke von knapp zehn Kilometern knapp 1500 Höhenmeter, führt durch Galerien und Tunnels
und über Brücken. Die Abendsonne heizt durchs Zugfenster. Ich tue mich schwer mit einer Maske über Mund und Nase. Ausgerechnet jetzt wurde zur Eindämmung des Coronavirus im öffentlichen Verkehr das Tragen von Gesichtsmasken verordnet.
Fast ein Abstecher in den Himmel
Am nächsten Tag klettern wir noch früher aus den Federn. Morgens um sechs begrüsst uns ein makellos blauer Himmel. Inmitten von Bergsteigern und Skifahrern gondeln wir kurz nach sieben dem Klein Matterhorn entgegen. Zweimal steigen wir um und überwinden entspannt mehr als 2000 Höhenmeter, dann erreichen wir die Endstation: Matterhorn Glacier Paradise. Die höchstgelegene Bergbahnstation Europas ist das Tor zum höchstgelegenen Skigebiet der Alpen.
Da oben gibt es nur eine Jahreszeit: Winter. Beinahe alle Skinationalmannschaften der Welt trainieren hier auf dem Theodulgletscher; Schnee liegt immer. Zuerst vertreten wir uns die Beine und nehmen einen Augenschein des sommerlichen Pistenvergnügens. Danach düsen wir mit dem Aufzug durch den Fels, bis hinauf zum Gipfel des Klein Matterhorns, das erhaben auf 3883 Metern thront.
Ein Abstecher in himmlische Sphären. Die Luft ist dünn, die Sonne kraftvoll. Dass viele Touristen länger schlafen wie wir, haben wir inzwischen bemerkt. Doch dass wir die allerersten auf der Aussichtsplattform sind, erstaunt uns dann trotzdem. Am weiss glänzenden Breithorn nebenan ist mehr los. Frühaufsteher stapfen aneinander geseilt mit Steigeisen bergauf. Für die hochalpine Tour auf den vergletscherten Bergkamm wird ein Bergführer empfohlen, um heil auf dem über 4000 Meter hohen Gipfel anzukommen.
Voller Ehrfurcht bestaunen wir die blendende Welt aus ewigem Eis und Schnee. An der Grenze zu Italien überblicken wir ein kaum überschaubares Meer an schneebedeckten Bergen und Gletscherströme. 38 Viertausender recken rundherum in den Himmel. In Sichtweite der Mont Blanc, der mit 4810 Metern höchste Berg der Alpen. Fast zum Greifen nah ist das Matterhorn, mit einem neuen Gesicht. Nur von hier oben sieht man so viel von seiner Südwand.
Vom Gipfel hinunter, ab ins Eis, fünfzehn Meter unter der Gletscheroberfläche. Für den Besuch des Gletscher-Palastes stülpen wir uns eine zusätzliche Kleiderschicht über. Inmitten gewaltiger Eismassen fühlt es sich frostig wie in einer überdimensionalen Gefriertruhe an. Eisskulpturen funkeln uns entgegen, präzise von Hand geschaffen bis ins kleinste Detail. Im Nu sind meine Füsse eiskalt. Wenn das kein Grund für einen wärmenden Cappuccino im Bergrestaurant ist…
Spätvormittags werfen wir nochmals einen Blick von der inzwischen bevölkerten Aussichtsterrasse, bevor wir mit der Gondelbahn hinunter zur Station Trockener Steg auf knapp 3000 Meter schweben. Oberhalb des nahegelegenen Sees ist die Kulisse wie gemacht für eine Mittagsrast. Uns gegenüber das Matterhorn, das sich markant vom tiefblauen Himmel abhebt, und sich hin und wieder schemenhaft im Wasser abzeichnet.
Daraufhin nehmen wir den „Matterhorn Glacier Trail“ unter die Sohlen, der uns über Fels und Geröll bis hinunter zum Schwarzsee lotst. Bächlein gurgeln, Schnee glitzert. Die karge Schotterlandschaft wartet mit kleinen Seen auf, und zieht uns völlig in ihren Bann. Aufgekratzt strolchen wir dem vor unseren Nasen liegenden, alles dominierenden Blickfang entgegen. Die schroffe Ostwand des freistehenden Matterhorns bildet ein perfektes Dreieck. Roland ist im Fotografenelement. Immer wieder weichen wir vom ausgeschilderten Wanderpfad ab, um zu entdecken, was sich hinter Hügelkuppen verbirgt. Weitere Tümpel entzücken, die Szenerie ist berauschend. Überwältigt hocken wir auf einen Stein und halten inne.
Brummende Rotoren wecken unsere Aufmerksamkeit. Ein Helikopter schwirrt am himmelstürmenden Nordostgrat um die Hörnlihütte, dem Ausgangspunkt für eine Matterhornbesteigung auf 3260 Metern. Vorgängig haben wir mit einem Abstecher zur besagten Hütte geliebäugelt, doch inzwischen ist sonnenklar, dass uns die Zeit für die benötigten vier Wanderstunden heute leider fehlt.
Sich am Matterhorn sattsehen? Unmöglich. Wehmütig reissen wir uns von diesem magischen Flecken los und steigen weiter talwärts. Den Weg müssen wir mit nur wenigen teilen, doch in der Senke am Schwarzsee auf rund 2500 Metern angekommen, scharen sich Menschen. Kein Wunder, denn der See ist nur ein Steinwurf von einer Gondelbahnstation entfernt. Am Ufer steht eine Kapelle, wo angeblich so mancher Bergsteiger nach einer geglückten Matterhornbesteigung seinen Dank zeigt. Auch wir waren hoch hinaus und sind dankbar, auch wenn wir das Wahrzeichen der Schweiz nicht bezwungen, sondern nur anhimmelt haben.
Alpenidylle auf Höhbalmen
Erneut ist Bilderbuchwetter angesagt. Wie immer kaufen wir fürs mittägliche Picknick ein paar knusprige Brötchen in der winzigen Bäckerei ums Eck, wo Arbeiter im schnuckeligen Ladenlokal an ihrem Morgenkaffee nippen. Noch gehören die Strassen den Einheimischen, die auf dem Weg zur Arbeit sind, Touristen sind kurz nach sieben jeweils kaum unterwegs.
Voller Tatendrang schlagen wir den ausgeschilderten Weg zur Trifthütte ein. Auf der rechten Talseite führen keinerlei Bergbahnen in höhere Gefilde, alleinige Muskelkraft ist gefragt. Serpentinen ziehen sich durch die steile Triftschlucht, rasch pocht unser Wanderherz schneller. Vögel zwitschern, der Bach rauscht. Die mit Blumen gesprenkelten Wiesen leuchten saftig grün. Auf einmal zeigt sich eine Gletscherzunge und am Horizont zeichnen sich weiss gezuckerte Berge ab. Das malerische Seitental weckt Erinnerungen an unsere Trekkingtour im Annapurna in Nepal.
Nach zwei Stunden kommen wir im Talkessel der Triftalp auf über 2300 Metern an. Am plätschernden Bachlauf gönnen wir uns eine lauschige Znünipause und bewundern die inzwischen näher gerückten Bergriesen. Daraufhin nehmen wir den weiteren Anstieg auf Höhbalmen in Angriff. Den jäh ansteigenden Pfad müssen wir nur mit vereinzelten Wandervögeln teilen, und auch sonst sind wir manchmal allein auf weiter Flur. Ein Geheimtipp? Vermutlich eher für viele zu anstrengend.
Plötzlich schiebt sich die unverkennbare Gipfelpyramide in unser Blickfeld. Über die terrassenartige Alpfläche von Höhbalmen stiefeln wir dem Matterhorn entgegen. Mit im Bild die
wohlbekannten Gipfelnachbarn: Klein Matterhorn, Breithorn, Monte Rosa und Rothorn. 2741 Höhenmeter markieren den höchsten Punkt der luftigen Höhenwanderung. Inzwischen stehen wir der massigen Matterhorn-Nordwand gegenüber. Von hier schlängelt sich der Pfad zum breiten Zmuttgletscher hinab. Der Marsch zurück nach Zermatt zieht sich zäh in die Länge. In der drückenden Nachmittagshitze trotten wir auf dem schmalen, steinigen Weg, den wir mit waghalsigen Mountainbikern teilen müssen.
Inmitten grüner Alpwiesen liegt der Weiler Zmutt seit über 500 Jahren auf einer kleinen Anhöhe auf knapp 2000 Metern Höhe. Von oben herab wirken die eng beieinander liegenden Dächer wie eine Kolonie dicht aneinander geschmiegte Pinguine, die sich vor der unberechenbaren Natur schützen. Ausgelaugt bummeln wir zwischen den dunklen Holzhäusern hindurch, die von Geschichte und Tradition zeugen. Früher wurde Zmutt als Sommersiedlung genutzt, heute dienen die alten Stadel als urige Bergbeizen.
Mit zwanzig Wanderkilometer in den Beinen und einem Auf und Ab von je über 1000
Höhenmeter, erreichen wir abends Zermatt. Unsere Beine sind schwer und wir sind müde. Aber glücklich. Die Strapazen haben sich mehr als gelohnt. Wir lieben eine beinahe unberührte Alpenidylle fernab von Stimmengewirr und Geklapper von Wanderstöcken. Was gibt es bei einer Bergwanderung Schöneres, als eine gutmütige Stille? Nur so ist die wildromantische Natur intensiv wahrzunehmen und ihren sanften Geräuschen zu lauschen.
Schwindelerregende Tiefblicke
Für heute sieht die Wetterprognose ab Mittag Regen vor. Deshalb rattern wir schon um halb sieben das Mattertal hinunter. Eine Viertelstunde später hüpfen wir in Randa aus dem Zug. Das Bergdorf liegt verschlafen auf einer Höhe von 1400 Metern und ist der Ausgangspunkt für die längste Hängebrücke der Welt. Vom oberen Ortsende windet sich der Weg steil durch schattigen Wald hinauf. Nach zwei Wanderstunden und ein paar Verschnaufpausen erlangen wir das angepeilte technische Wunderwerk.
Die „Charles Kuonen Hängebrücke“ oberhalb von Randa ist fast 500 Meter lang und überspannt einen jäh abfallenden Berghang mit hoher Steinschlaggefahr. Anfangs etwas angespannt, schreite ich vorsichtig über die Trittgitter, durch die der Talboden zu sehen ist. Am höchsten Punkt wanken wir 85 Meter oberhalb des Bodens; die Tiefblicke sind schwindelerregend. Dank fetter Stahlseile sind aber nur leichte Schwingungen wahrzunehmen, zumal wir uns fast alleine auf dem imposanten Rekordbau befinden. In der Steinwüste balancieren Gämsen, die mit dem losen Geröll spielend klar kommen.
Das andere Ende der stabilen Brücke erlangt, vermag die Sonne noch nicht über die Berge zu
blinzeln. Oder sind die aufziehenden Wolken schuld? Jedenfalls ist es im Schatten empfindlich kühl. Wir wärmen uns an einem Becher heissen Tee aus der Thermosflasche, bevor wir weiter aufsteigen. Von der Europahütte auf knapp 2300 Metern um den nächsten Bergrücken gewandelt, lädt ein sonniges Plätzchen zum Verweilen ein. Der Ausblick aufs 4500 Meter hohe Weisshorn ist sagenhaft.
Als die Wolken sich immer bedrohlicher am Himmel ballen, rüsten wir uns für den Abstieg. Der steile Zickzackweg führt entlang eines sprudelnden Bergbachs in eine schier bodenlose Tiefe. Ein rutschiger Pfad aus Geröll – wir sind froh um die Wanderstöcke. Später lotst uns der schmale Weg von der nunmehr unbegehbaren Schlucht in den Wald hinein. Mit schlotternden Knien sind wir am frühen Nachmittag in Randa zurück. Erste Tropfen fallen, Windstösse fegen durch das Bahnhofareal. Glück gehabt. Erst im Zug entleeren die Wolken ihre wertvolle Fracht. Eine Fahrt ins Graue…
Dem Charme des Hinterdorfs erlegen
Am Abreisetag hängen dicke Nebelschwaden von den Bergen. Ein tristes Bild. Kein Matterhorngipfel der uns begrüsst. Beim Frühstück fängt es sogar zu regnen an. Doch kaum ist alles zusammengepackt und der Schlüssel gedreht, verlocken erste Sonnenstrahlen zu einem Abschiedsbummel. Jetzt am Vormittag zeigt sich die Fussgängerzone lebendig. Wie voll war es jeweils vor Ausbruch des Coronavirus? Wir haben keinen Vergleich, vermuten aber, dass sich zuvor noch viel mehr Besucher tummelten, insbesondere asiatischer Herkunft. Jetzt schweifen hauptsächlich Europäer durch Zermatt – geschätzt gleichermassen Schweizer wie Ausländer.
Uns zieht es nicht in einen der schicken Läden oder Souvenirshops, sondern ins Hinterdorf. Der ursprüngliche Dorfkern ist beschaulich und man fühlt sich ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Die typischen Walliser Bauten aus dunklem Lärchenholz sind ein wahrer Hingucker und bis zu 500 Jahre alt. Antike Stadel, Scheunen und Wohnhäuser säumen die Hinterdorfstrasse, eine schmale Gasse. Roland zückt seine Kamera und versucht den Charme des Viertels bildlich einzufangen.
Geschmückt mit roten Blumen, sind die uralten Häuschen fotogen. So manches wird heutzutage als exklusive Ferienresidenz vermietet. Früher dienten die Stadel dem Lagern von Heu, Korn oder Trockenfleisch. Um das Hab und Gut vor Mäusen zu schützen, sind die Speicher auf Holzstelzen erbaut und mit grossen Steinplatten versehen. Die Ställe wurden im Winter für Kühe, Schweine und Schafe genutzt.
Petrus ist launisch, der Sonnenschein verblasst. Leider öffnet das vielversprechende Matterhorn-Museum jeweils erst nachmittags um drei. Gerne wären wir noch in die vergangenen Jahrhunderte der Bergwelt eingetaucht. Das unterirdische Museum zeigt unter anderem die triumphale und leidvolle Geschichte der Erstbesteigung des sagenumwobenen Matterhorns im Jahre 1865. Als erneut Regen fällt, verziehen wir uns stattdessen in ein gemütliches Kaffee und schmausen eine Cremeschnitte, bevor wir die lange Heimreise antreten.
Eine wunderbare Woche nimmt ein Ende. Mit dem Wetter hatten wir riesiges Glück – die heimatliche Schweiz hat sich von ihrer Sonnenseite gezeigt. Nur heute hält sich das Wahrzeichen von Zermatt hartnäckig verschleiert. Ein allerletzter Blick auf das Matterhorn bleibt uns somit verwehrt…
Ein schöner, kompakter und informativer Blog. Angenehm bei all dem Überladenen, was man sonst so findet. Und über das Matterhorn zu lesen ist immer gut. Inspirierend jedenfalls: Eine Ferienwohnung in Zermatt mieten oder eine andere Unterkunft in Zermatt buchen und dann Matterhorn und Umgebung erkunden.
Besten Dank für das Kompliment. Wir haben Zermatt sehr genossen und das Matterhorn bleibt einzigartig. Wir können die Gegend nur empfehlen!