Zurück im tierischen Südafrika
Langsam wühlt sich der Allradwagen durch losen Sand. Ein Gewirr aus Tiefsandstrecken liegt zu unseren Rädern, bevor wir über wellige Dünenzüge auf den Grenzübergang von Kosi Bay treffen, nur einen Katzensprung des Ferienortes Ponta do Ouro am Südende von Mosambik entfernt. Heute ziert eine Prise Blau den Himmel. Das Wetter zeigt sich nach trübseligen Tagen endlich wieder vielversprechend, was sich 1:1 auf unsere Laune abfärbt. Der Grenzposten ist klein und überschaubar, den mosambikanischen Ausreisestempel kriegen wir am Fenster einer mickrigen Hütte. Zurück ins Nachbarland – Südafrika zum zweiten!
Samstag. Im nahegelegenen Manguzi überrascht uns ein unglaubliches Gewusel. Die Ortschaft südlich der Grenze wartet mit mehreren Supermärkten und Tankstellen auf. Das afrikanische Geschehen wirkt eigentlich noch genauso wie in Mosambik, trotzdem fällt uns rasch die etwas lässigere Bekleidung auf – die Röcke der Frauen sind einiges kürzer und sitzen enger. Das quirlige Manguzi hinter uns gelassen, nehmen wir Vorliebe mit der Natur. Der nördlichste Teil des Staates KwaZulu-Natal – Maputaland oder Elephant Coast genannt – bettet sich zwischen Mosambik, Swaziland und die südafrikanische Küste am Indischen Ozean. Es ist ein ursprüngliches und dünn besiedeltes Gebiet, von dem ein Grossteil unter Naturschutz steht, zusammengefasst im iSimangaliso Wetland Park. Die urwüchsige Region mit Stränden, Dünen, Seen und Sümpfen war bis Mitte der 1960er-Jahre fast unzugänglich und wird erst jetzt allmählich für den Tourismus erschlossen.
Mehrheitlich über eine unbefestigte Piste rütteln wir nach Kosi Bay. Obschon es der Name
eigentlich sagt, ist es keine wirkliche Bucht, sondern eine Zusammensetzung aus vier Seen und dem Mündungsbecken mit einem schmalen Zugang zum Meer – Kosi Bay River Mouth. Die Seen mit unterschiedlichem Salzgehalt sind durch einen zwanzig Kilometer langen, bewachsenen Dünengürtel vom Meer getrennt. Vom der Küste weit zurückversetzten Campingplatz wandern
wir in einer guten Stunde hinunter zum besagten Mündungsbecken am Meer. Wie gut es tut, das stetige Autofahren aus den Beinen zu schütteln – Bewegung kommt auf dieser Reise ganz klar zu kurz. Unterwegs offenbaren sich Panoramablicke über den reizvollen Küstenstrich. Auf Meereshöhe angekommen, lassen wir uns den hellen Sand durch die Zehen rieseln und lauschen dem schneeweiss schäumenden Ozean.
Das erneute Fernbleiben der Sonne dämpft am nächsten Morgen unsere gestrige Euphorie, schon wieder müssen wir uns mit einem grauen Himmel abfinden. Die Farben sind im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen, der Wind nimmt im Verlaufe unserer Weiterreise sogar stürmische Ausmasse an. Südwärts über Schotter und Sand, hilft uns das Offline-Navigations-App bei der Orientierung, denn Wegweiser gibt es kaum. Nach einem Mittagshalt am Lake Sibaya, dem grössten Frischwasser-Reservoir des Landes, wo Krokodile und Nilpferde heimisch sind, peilen wir Mabibi an. Getrennt durch hohe, bewaldete Sanddünen gelangen wir letztendlich zum
einsam an der Küste gelegenen Campingplatz. Leicht erhöht über dem Ozean, verstecken sich grosszügige private Stellplätze umgeben von dichtem Busch.
Unten am Strand bläst es kräftig, salzige Gischt weht uns entgegen. Windböen peitschen uns den feinen Sand um die Beine, was sich anfühlt wie Nadelstiche. Der ungezähmte Ozean mutet wie ein wild sprudelndes Schaumbad an, grosse Wellen klatschen an den weissen Strand. Fernab der Zivilisation trumpft die endlose Küstenlandschaft mit vorgelagerten Korallenriffen und hohen Sanddünen auf, nahezu unberührt und menschenleer. Wir könnten ewig weitergehen, doch geben den Kampf gegen das Gebläse bald auf. Zumal plötzlich scheue Sonnenstrahlen durch die Wolken blinzeln, widmen wir uns stattdessen einem genüsslichen Sundowner auf unserem geschützten Plätzchen. Doch schon viel zu früh plumpst der wärmende Ball hinter das Buschwerk, was für eine sofortige Abkühlung sorgt. Später musiziert uns das Tosen des Meeres in einen tiefen Schlaf.
Über Nacht das wolkenverhangene Himmelsdach blau geblasen, schnabulieren wir frohgelaunt unser Frühstücksmüesli. Da es in den letzten Tagen häufig bewölkt war, nehmen wir den strahlenden Morgen als etwas ganz Besonderes wahr. Über weichen Tiefsand gleiten wir auf schmalen Pfaden dem Lake Sibaya entlang, bis wir auf der geteerten Hauptstrasse enden. Heute nächtigen wir in False Bay, an einem dritten Ort im iSimangaliso Wetland Park. Am Ufer des Lake St. Lucia treffen wir auf einen gähnende Leere des grossen Zeltplatzes – das Gelände
für 40 Camper haben wir für uns allein. Donnergrollen in der Ferne pirscht sich immer näher an. Soeben ein Grillfeuer entflammt, bangen wir um unseren Braai. Den letzten Bissen vom Steak verdrückt, zucken Blitze grell am rabenschwarzen Himmel. In wenigen Handgriffen alles im Fahrzeug verstaut, huschen wir ins Dachzelt. Regengüsse trommeln, Donner kracht, die Stimmung ist fast etwas unheimlich.
Zwar grandiose Seesicht vom Zelt, lässt sich am nächsten Morgen das Grau des Wassers kaum vom Grau des Himmels unterscheiden. Trotz dunklen Regenwolken schnüren wir auch heute nochmals die Wanderschuhe und machen uns zu einer weiteren ausgeschilderten Tour auf. Unter unseren Sohlen raschelt Gras, feine Äste knacken. Insekten summen, die Vogelwelt trällert. Der Gehörsinn befriedigt, sucht unser Seeorgan den Busch vergeblich nach Wildlife ab. Kleine Antilopen sind das höchste der Gefühle. Wie aus der Pistole geschossen sind sie jeweils weg, auf Nimmerwiedersehen im Dickicht verschwunden. Von Zebras oder Warzenschweinen fehlt jegliche Spur, da hat das Reisehandbuch eindeutig zu viel versprochen.
Nach einer kurzen Verschnaufpause an einem Seerosenteich erlangen wir nach knapp drei Stunden wieder unser Gefährt. Die Temperatur ist zwischenzeitlich merklich gesunken und um draussen zu sitzen, ist es zu ungemütlich. Wie bringen wir den restlichen Tag nur um? Wir sehnen ein Café herbei, aber natürlich keine afrikanische Bude mit schwacher Instantbrühe. Wie gerufen springt uns auf der Weiterfahrt nach Hluhluwe ein Schild ins Auge: „The best coffee in Zululand“. Erst skeptisch, entpuppt sich das anheimelnde Lokal als das Beste, was uns passieren konnte. Echten Cappuccino mit hausgemachtem Kuchen. Eine Gaumenfreude. Wir sind hin und weg und im Nu ist der verregnete Nachmittag vertrödelt. Auch danach ist auf unsere Spürnase nochmals Verlass. In der aufgesuchten Lodge gibt es private Stellplätze, dazugehörend ein eigener wind- und wettergeschützter Raum mit Küche und Dusche. Eine reine Wohltat bei feuchten 15 Grad…
Hluhluwe – sprich Schluschluwe – ist das Tor zum gleichnamigen Nationalpark. Gegründet
1885, zählt das Hluhluwe iMfolozi Game Reserve zu einem der ältesten Naturschutzgebiete Afrikas. Langsam lockert sich die morgendliche Wolkendecke auf und es folgt ein wunderbarer Tag, zumindest für eine Safari, geschützt hinter Autoblech. Denn bei rund zwanzig Grad wütet ein frostiger Sturmwind, der bestimmt geradewegs aus
der Antarktis heran weht. „Ist das grün hier“, staunen wir einstimmig, als wir die ersten Meter zurücklegen. Der letzte Besuch vor genau drei Jahren hat in unserer Erinnerung ein doch etwas anderes Bild hinterlassen, aber damals regnete es auch viel weniger. Weitläufige Savannen und tiefe Täler, umgeben von steilen Hügeln prägen das Tierreservat. Die Vegetation ist abwechslungsreich, besteht aus dichtem Gestrüpp sowie Akazien, Farnwäldern und Gras. Flüsse mit Sandbänken umschlängeln die einmalige Landschaft.
Auf einer Höhe zwischen 60 und 650 Metern durchziehen verschiedene Fahrschleifen – asphaltiert und unbefestigt – den Park, der mit einer Grösse von rund 1000 Quadratkilometern so gross ist wie der Kanton Thurgau. Bekannt ist das Hluhluwe Game Reserve vor allem der Nashörner wegen, die sich hier erfolgreich vermehren. Zur Zeit gibt es ungefähr 2000 Exemplare – um die 40 werden wir in unseren zwei Safari-Tagen insgesamt antreffen. Wegen der Weitsicht in der
hügeligen Gegend sichten wir die tonnenschweren Tiere oftmals auf Distanz und beobachten sie mit dem Fernglas. Doch nicht weniger häufig treffen wir unmittelbar an der Piste auf Nashörner und können sie in voller Grösse bestaunen. Meistens zu zweit unterwegs, mähen die walzenförmigen Kolosse unermüdlich Gras oder suhlen sich schwerfällig im Schlamm. Wir könnten ihnen stundenlang zuschauen…
Eine Strassensperre. Auf einer schmalen Piste überraschen uns Elefanten. Einer nach dem anderen stapft aus dem Gebüsch, trottet ein paar Schritte dem Strässchen entlang, direkt auf uns zu, um daraufhin auf die andere Seite ins Gestrüpp zu schwenken. Die grauen Dickhäuter sind in allen Grössen vertreten – von riesig und einschüchternd bis klein und süss. Der Elefantenfilm scheint kein Ende zu nehmen, mit etwas Abstand kommen immer nochmals welche. Plötzlich taucht ein mächtiger Bulle unmittelbar neben uns auf. Unser Herz schlägt schneller. Erschrocken lenkt Roland unser Fahrzeug behutsam einige Meter rückwärts, um dem Rüsseltier gebührend Platz einzuräumen. Ein eindrucksvolles Intermezzo.
Auch Zebras tummeln sich hin und wieder an der Strasse. Zu unserem Erstaunen zeigen
die ansonsten oft schreckhaften Gesellen überhaupt keine Scheu und präsentieren uns ihr Streifenkleid aus nächster Nähe. Nichts scheint sie zu beirren, ich könnte einem ganz Mutigen sogar einen Klaps auf den Arsch geben… Unsere Pirschfahrt geht weiter, es gibt noch ungeheuer viel zu entdecken. Abgesehen von der Tierwelt, ist die Szenerie eine Augenweide. Mittlerweile zieren fluffige Schäfchenwolken wie Wattebäusche neckisch den blauen Himmel.
„Ein Löwe!“, gluckst Roland aufgeregt. Während ich die Gegend auf meiner Seite unter die Lupe nehme, hat er mehr Katzenglück, oder den besseren Katzenblick. Unser Safari-Herz schlägt Purzelbäume. Lange haben wir auf genau diesen Moment gewartet – in Eigenregie den König der Tiere zu spotten. Die Löwendame lässt sich die warme Nachmittagssonne auf das goldene Fell scheinen, immer wieder fallen ihr die Augen zu. Ein paar Minuten können wir unser Löwenglück allein geniessen. Dann rumpelt ein anderes Auto heran und scheucht das anmutige Raubtier nach einer Weile mit ihrem Klatschen und Rufen auf. Unglaublich rücksichtslos dem Löwen, und auch uns gegenüber.
Ein Ruhetag ausserhalb des Ortes Hluhluwe tut uns gut. Im kleinen privaten Bonamanzi Game Reserve, wo wir schon vor der Safari übernachteten, nehmen wir die kurzen Wanderwege unter die Füsse, wo wir Zebras und Antilopen beobachten können. Ein nochmaliger Besuch im netten Café lassen wir uns trotz Sonnenschein nicht nehmen, denn eine grosse Tasse Kaffee ist auch im lauschigen Garten ein
Hochgenuss. Und obendrein ein wahres Schnäppchen für 30 Rand oder umgerechnet zwei Franken. Auch Fleisch ist in Südafrika für ein Kleingeld zu erstehen, kostet ein Kilogramm Rindssteak rund acht und ebenso viel Hähnchen nur etwa fünf Franken. Da liegt nach einem Bier bei Sonnenuntergang auch einem abendlichen Grillspass nichts im Wege.
Aller guten Dinge sind drei. Nach einem kurzen Morgenhalt in „unserem“ Café steuern wir nordwärts. Auf der Schnellstrasse N2 kommen wir rasant voran, keine Dörfer mit Bremsschwellen drosseln unsere Fahrt. Links abgezweigt, holpern wir auf grobem Schotter weiter. Die malerische Gegend wirkt verlassen, ab und zu tauchen ein paar Rundhütten auf, meistens jedoch grenzen private Wildreservate an die Fahrbahn. Nach guten zwei Stunden ist unser nächstes Ziel erreicht…
Der Schwarzafrikaner an der Schranke grinst über das ganze Gesicht. „My name ist Lucky“, stellt sich der junge Kerl mit Schirmmütze strahlend vor und steckt uns entschlossen seine Hand entgegen. Währenddessen wir ein paar Worte wechseln, leuchten seine Augen. „Enjoy“, wünscht Lucky kurz und bündig einen guten Aufenthalt im Ithala Game Reserve. Es sei ein Juwel unter den südafrikanischen Tierschutzgebieten. Die Grösse beträgt lediglich 300 Quadratkilometer, was in etwa dem Kanton Schaffhausen entspricht. Erdbewegung und Erosion brachten in Jahrmillionen eine zerklüftete Landschaft hervor. Hohe Granit- und Sandsteinklippen umrahmen dichten Busch und offene Savannen. Die Fahrwege schrauben sich bergan und bergab, zumal die Höhenlage zwischen 400 und 1400 Metern aufweist.
Bereits die ersten Pirschkilometer überwältigen, stossen wir auf verhältnismässig viele Tiere: Zebras, Gnus, Antilopen, Warzenschweine und ein Nashorn. Bunt durchmischt stehen sie auf einer grünen Weide, stellenweise mit gelben Blumen durchzogen. Gemäss Lucky leben auch 26 Leoparden im Reservat – einer wurde heute Morgen gesichtet. Entzückt machen wir uns im besagten Winkel auf die Suche, aber der schlaue Nachtjäger ist wohl längst über
alle Hügel und in seinem Versteck am dösen. Spätnachmittags, die Sonne steht schon tief am Horizont und taucht die liebliche Hügellandschaft und die schroffen Felskämme in ein sanftes Licht. Schon von weitem erspähen wir eine graue Herde. Neugierig greifen wir zum Fernglas. Sieben Nashörner und zwei Elefanten – der Spielplatz der gigantischen Grautiere.
Sonntagmorgen. Ein stahlblauer Himmel. Eine Herde Zebras bietet uns Unterhaltung pur.
Verspielt necken sie sich gegenseitig und liebkosen sich innig – ein Schauspiel der besonderen Art. Sie scheinen nicht genug davon zu kriegen, und wir auch nicht… Bei einer Truppe Giraffen geht es ähnlich lustig zu und her, schlingen sie ihre langen Hälse ineinander oder schlagen die Köpfe mit Wucht um sich. Wir schmunzeln und ich frage mich: „Streit oder Liebe?“
Vom Hauptcamp am Fusse der hohen Klippen starten Wanderwege, die auf eigene Faust erkundbar sind. Steil windet sich ein steiniger Pfad in schwindelerregende Höhe. Schweiss quillt aus allen Poren und rasch baden wir im eigenen Saft. Unverhofft liegt Elefantenkacke auf dem Weg. Uns
beschleicht ein mulmiges Gefühl. Wäre der Kot nicht völlig vertrocknet, würde ich wohl schleunig umkehren. Ausser Puste bei einem Aussichtspunkt angelangt, würdigen wir gebührend den phänomenalen Ausblick. Die vielfältigen Felsformationen schimmern rötlich in der kräftigen Nachmittagssonne.
Der Zeltplatz liegt am westlichen Rande des Parks. Kurz vor dessen Erreichen überrascht uns ein mächtiger Elefantenbulle unmittelbar am Wegesrand. Kriegen wir heute Abend noch Besuch? Da der idyllische Campingbereich am Fluss nicht umzäunt ist, sind wir heute besonders wachsam. Ständig schweift unser Blick durchs umliegende Gebüsch, dabei
hätte am Vorabend genauso ein Wildtier aufkreuzen können. Gestern waren wir noch in Gesellschaft von anderen Campern, heute jedoch sind wir mutterseelenallein. Sind wir das wirklich? Ein paar harmlose Impalas schauen vorbei, ansonsten sehen und hören wir nichts, zumindest bis ein lautes Froschkonzert durch die Dunkelheit schallt.
Am nächsten Morgen, kaum das Camp verlassen, liegt auf der Piste ein umgeknickter Baum. Da hat wohl jemand gewütet – ein Elefant lässt grüssen. Die allerletzte Safari-Stunde hat geschlagen, doch die Viecher scheinen noch zu schlafen. Schon um halb neun sind wir beim Ausgang. „Bye bye!“, winkt uns Lucky und öffnet uns grinsend die Schranke. Wir nehmen eine grosse Reiseetappe unter die Räder – 380 Kilometer südwestwärts, eine eher monotone Fahrt. Von kühleren Höhen führt eine kurvige Landstrasse in tiefere Gefilde, Schlaglöcher sind allgegenwärtig. Unspektakuläre Städte mit uns unbekannten Namen wie Vryeid oder Dundee kommen uns in die Quere – das Thermometer ist zwischenzeitlich zwanzig Grad in die Höhe geschnellt. Am Horizont erheben sich die majestätischen Drakensberge und allmählich gewinnen wir wieder an Höhe. Pechschwarze Gewitterwolken verbreiten eine gespenstische Stimmung.
Nach sechs Stunden Fahrt gelangen wir in den Golden Gate Highlands Nationalpark, nordwestlich der Drakensberge, an der Grenze zu Lesotho auf stolzen 1900 Metern gelegen. Links und rechts der Strasse türmen sich imposante Bergmassive aus Sandstein auf. An den bewachsenen Hängen grasen Zebras. Vermag die tief stehende Nachmittagssonne durch die dunklen Wolkenfetzen blinzeln, wirft sie einen goldenen Schimmer über die rotgelben
Felsskulpturen – der Name „Goldenes Tor“ scheint nicht weit hergeholt. Der Campingplatz breitet sich im Herzen des Naturschutzgebietes am Flussufer mit Blick auf die hoch aufragenden Felstürme auf, liegt aber leider gleichzeitig auch unmittelbar an der Durchgangsstrasse. Bis in die tiefe Nacht brummt Verkehr. Zwar nicht ständig, doch wegen den Bremsschwellen sind die Fahrzeuge gezwungen, mehrmals abzubremsen. Bremsen quietschen, Lastwagen scheppern.
Auf eine klare Nacht folgt eine Morgenfrische bei zehn Grad. Doch als die ersten Sonnenstrahlen über den Bergkamm lugen, wird es rasch wohlig warm. Die Uhr zehn
geschlagen, hat uns bereits eine brütende Hitze fest im Griff. Eine Handvoll Wanderwege führen vom Campingplatz schnurstracks in die gebirgige Wildnis. Uns des Wetterglücks bewusst, binden wir gutgelaunt die Wanderschuhe und nehmen eine vierstündige Rundwanderung in Angriff. Nicht selten sei das Gebiet wolkenverhangen und man könne die Bergwelt nur erahnen. Auf kühle, regenreiche Sommer folgen bitterkalte Winter mit Schnee. Schnelle Wetterumschläge sind an der Tagesordnung…
Steil stiefeln wir bergan, bald perlen Schweisstropfen. Ständig wechselt der Blickwinkel, was uns stets neue Aussichten auf die malerische Gebirgskulisse beschert. Die atemberaubende Wanderung ist anstrengend. Kein Baum, kein Schatten. Schliesslich den Wodehouse Peak mit einer
Höhe von 2438 erklommen, geht es nur noch steil abwärts. Die Dusche danach ist die reinste Wohltat. Erste Quellwolken zierten bereits am späten Vormittag den Himmel, jetzt gegen Abend formieren sich dunkle Wolken zu einer lückenlosen Wand. Doch glücklicherweise ist alles nur Bluff, wie gestern fallen auch heute kaum Regentropfen.
Am nächsten Morgen ist das Wetter wieder zu Höchstform aufgelaufen und wir schustern zwischen Felsspalten durch eine Schlucht, bevor wir weiterziehen. Das Ende des
Nationalparks erfahren, landen wir in Clarens, einem kleinen Touristenort am Fusse der Gebirgsketten. Zahlreiche Läden und Galerien säumen die belebten Strassenzüge. Wir setzen uns in den schattigen Garten eines herzigen Cafés, schlürfen einen köstlich duftenden Kaffee und verleihen uns einen Zuckerschub. Es ist der zweitletzte Tag in Afrika. Sozusagen befinden wir uns auf der Rückreise nach Johannesburg, das noch 300 Kilometer in nördlicher Ferne liegt. Die Gegend ist flach,
Verkehr rollt kaum und wir kommen zügig voran. Das Farmland ist ausgedörrt, Kühe und Schafe zupfen blassgelbes Gras. In der Region gibt es wenige Übernachtungsmöglichkeiten. Auf halber Strecke unterbrechen wir nahe Heilbron die Reiseetappe und campen auf einer Gästefarm. Die weissen Gastgeber heissen uns mit ein paar Lindorkugeln willkommen, ohne zu wissen, dass wir aus dem Land der süssen Kugeln kommen. Ihr Englisch ist holprig, sprechen sie eigentlich Afrikaans, die Begegnung ist jedoch sehr herzlich.
Der allerletzte Abend, inmitten blökenden Schafen und schnatternden Gänsen. Kurzärmlig geniessen wir die letzten Rotweintropfen unseres „Böxlis“, des praktischen südafrikanischen Tetrapacks. Der Abend ist lau, wir sind dankbar und zufrieden. Doch wir haben uns zu früh gefreut. Nur Momente später kommt Wind auf, wirbelt die trockene Erde auf und schleudert uns feinen Staub entgegen.
Flink retten wir uns hinters Auto, welches aber kaum Schutz gewährt. Bald können wir wieder aufatmen – Ruhe nach dem Sturm. „Oder die Ruhe vor dem Sturm“, mutmasst Roland. Wie Recht er hat – es kommt noch viel heftiger. Unser Dachzelt klappt zusammen, als wäre es aus Pappkarton. Roland beschwert die Leiter vorsichtshalber mit zwei vollen 5-Liter-Kanistern, bevor wir ernüchtert frühzeitig ins Schlafgemach hüpfen. Windböen rütteln kräftig an unseren vier Wänden – das Abschiednehmen vom afrikanischen Camperleben fällt uns nicht so schwer…
Lieber Roland und Christine
Es hat uns sehr viel Freude und Spass gemacht euren Blog zu lesen und in ferne Gefielde von Afrika zu schweifen. Da habt ihr ja eine traumhafte Gegend kennengelernt. Wunderschön!! Herzlichen Dank und liebe Grüsse- Gfreuts im 2019!
Liebe Marianne
Schön, dass ihr Freude und Spass an unserem Blog habt. – Afrika ist immer wieder eine Reise wert. Die tierischen Erlebnisse sind fantastisch, aber auch landschaftlich gibt es sehr schöne Fleckchen.
Euch auch alles Gute im 2019. Vielleicht zieht es euch auch noch in diese Gegend…
Liebe Grüsse
Roland & Christine